Miley | Meine Krone in der Asche | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Miley Meine Krone in der Asche

Der Holocaust, die Kraft der Vergebung und der lange Weg zur persönlichen Heilung
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-03848-640-4
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Der Holocaust, die Kraft der Vergebung und der lange Weg zur persönlichen Heilung

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-03848-640-4
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Als Hannelore (Hanna) Zack am 24. Juli 1939 - als siebenjähriges Mädchen - Köln in einem Zug Richtung London verließ, wusste sie das noch nicht: Sie war Teil des legendären 'Kindertransports', dem kühnen Unterfangen, das 10.000 jüdische Kinder vor Hitlers Nazi-Regime rettete, indem es ihnen die sichere Fahrt nach England ermöglichte. In den folgenden Jahren sollte Hanna die schmerzhafte Wahrheit kennenlernen: Nachdem man sie ihrer Firma beraubt hatte, wurden ihre jüdischen Eltern deportiert und mussten sechs Monate lang im Ghetto Litzmannstadt unmenschliche Zustände ertragen. Am 3. Mai 1942 wurden sie bei einer brutalen Mord-Aktion in einem abgelegenen Waldgelände nahe Chelmno in Polen vergast. Hanna begann ihr Buch mit 75 Jahren zu schreiben und stellte es innerhalb von vier Jahren fertig. 'Meine Krone in der Asche' ist ein packender Kriminalroman, der von dem herzzerreißenden Prozess erzählt, das Schicksal der eigenen Familie zu entdecken. Es ist aber auch die ergreifende Geschichte eines Weges weg vom rachsüchtigen Hass - hin zu Vergebung und Befreiung von Bitterkeit.

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1.
Von Köln nach London


Nachdem wir uns stockend durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen manövriert haben, mache ich es mir dankbar auf meinem Platz neben George in der Lufthansa-Maschine bequem. Ich genieße die Atmosphäre, die die ebenso effizienten wie freundlichen deutschen Flugbegleiterinnen verbreiten. Schon seit Wochen habe ich mich auf diese kurze Reise von Köln nach London gefreut. Heute ist der 19. November 2008.

Plötzlich richte ich mich kerzengerade auf. Mir dämmert, dass ich diese Strecke vor fast siebzig Jahren schon einmal zurückgelegt habe, wenn auch unter völlig anderen Umständen. Damals war ich ein kleines Mädchen, das sich in den hintersten Winkel eines Eisenbahnwaggons drückte und verzweifelt versuchte, seine Panik zu zügeln. Szenen aus der Vergangenheit beginnen vor meinen Augen zu flackern wie die Bilder einer altmodischen Filmspule.

Der Abschied


Am Montagabend, dem 24. Juli 1939, brachten mich meine Eltern an den Kölner Hauptbahnhof, wo ich eine Reise antreten sollte. Da sie mich nicht begleiten konnten, bereiteten sie mich darauf vor und sagten, ich würde einen schönen Ausflug machen. Ich war ein verwöhntes Einzelkind; sie gaben sich alle Mühe, mir die Medizin zu versüßen. Ich weiß noch, wie ich auf dem Bahnsteig stand und zu der riesigen, hohen Decke aus Glas und Stahl emporschaute. Das gewaltige 4711-Schild, mit dem das berühmte «Kölnisch Wasser» beworben wurde, sprang mir in die Augen, als mein Blick wieder zu dem Gewühl um mich her zurückkehrte. Die Decke und das Schild sind immer noch da.

Meine Mutter und mein Vater halfen mir, die steilen Stufen des Waggons zu erklimmen. Als ich mich umdrehte, um ihnen zum Abschied zuzuwinken, sah ich, dass sie weinten. Plötzlich überkam mich eine schreckliche Vorahnung. Der Zug war voll besetzt mit Kindern jeden Alters. Die wenigen Erwachsenen waren Rotkreuz-Mitarbeiter. Viele der anderen Kinder ließen ihren Gefühlen freien Lauf, indem sie ausgelassen die Gänge auf und ab rannten und sich gegenseitig anfeuerten. Ich dagegen fühlte mich mutterseelenallein; ich kannte niemanden. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ein Erwachsener die Kinder ermahnte, sich zu beruhigen, und auf mich als Vorbild wies. In Wirklichkeit war ich nur damit beschäftigt, mich in mir selbst zu vergraben und dem Trauma zu begegnen, indem ich meine Gefühle unterdrückte. So entstand ein Muster, das mich in den kommenden Jahren prägen würde.

Und jetzt, so viele Jahre später, lege ich dieselbe Strecke zurück, um am Wiedersehenstreffen anlässlich des siebzigsten Jahrestages des Kindertransports in London teilzunehmen. Während jener ersten Reise hatte ich keine Ahnung gehabt, dass ich an einem gewaltigen Unternehmen Anteil hatte – der Rettung von zehntausend jüdischen Kindern aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen zwischen dem 2. Dezember 1938 und dem 1. September 1939. Großbritannien hatte Einreisevisa für Kinder im Alter von drei Monaten bis siebzehn Jahren zur Verfügung gestellt.8

Der Zug, der mich aus Deutschland herausbrachte, verließ den Kölner Hauptbahnhof fünf kurze Wochen, bevor Hitler in Polen einmarschierte und der Zweite Weltkrieg mit all seinen Schrecken losbrach. Ich hatte natürlich keine Ahnung von dem Ausmaß des Traumas und des Verlustes, der mir bevorstand. Meine Eltern würde ich nie wiedersehen. Ich würde mein Zuhause verlieren – meine Muttersprache, meine Kultur, meine Familie, meine Religion, mein Erbe und meine Staatsbürgerschaft. Meine Familie kannte niemanden in England. Sie hatten keine Ahnung, wo oder bei wem ich landen würde. Die Situation für Juden in Nazideutschland war lebensbedrohlich geworden, und das hatte sie zu der qualvollen Entscheidung gebracht, mich in diesen Zug zu setzen. Das schien das geringere Risiko zu sein. Ich war sieben Jahre alt.

Siebzig Jahre später breitet sich Dankbarkeit wie die hereinkommende Flut über die Erinnerungen, und ich lehne mich zurück. Heute bin ich nicht mehr allein. George, mein Mann und engster Freund, sitzt neben mir, und Gott ist spürbar gegenwärtig. Eigentlich war er auch am 24. Juli 1939 da. Damals jedoch war meine Wahrnehmung, dass ich verlassen worden war – hinausgestoßen ins Unbekannte.

Kein Opfer mehr


Das Wort «verlassen» erinnert mich an einen Tag im Februar 2008, als 35 von uns im Hotel Raitelberg versammelt waren, umringt von Wäldern hoch auf einem Hügel mit Blick hinab auf die kleine Stadt Wüstenrot im Südwesten Deutschlands. Wir waren eine ungewöhnliche Mischung – israelische Araber, israelische Juden, Deutsche, ein Amerikaner und ich, eine jüdisch-deutsche Engländerin, die in Amerika lebt. Was uns zusammengeführt hatte, war unser gemeinsamer Wunsch, Gott zu fragen, wie unsere Nationen geheilt werden können. Wir beteten und erzählten uns gegenseitig unsere Geschichten, und uns wurde bewusst, dass wir alle etwas gemeinsam hatten. Als Reaktion auf die historischen Gräueltaten, die gegen uns verübt worden waren, hatten unsere Völker eine Opferidentität angenommen.

Meine Gedanken wanderten zurück zu damals, als ich als Kind in der Ecke des Eisenbahnwaggons kauerte und sich das Geflecht meines Lebens auflöste, während ich dem beängstigenden Unbekannten entgegeneilte.

Ohne mich auf meinem Stuhl zu rühren, kehrte ich zurück in die Gegenwart und zu meinen Gefährten in dem behaglichen, ruhigen Hotelzimmer, wo wir uns von der Identität eines hilflosen Opfers verabschiedeten. Innerlich streckte ich mich und richtete mich kerzengerade auf. Ich «sah» meinen himmlischen Vater. Er war in jenem Zug bei mir gewesen, und jetzt, viele Jahre später, spürte ich seine tröstenden Arme um mich.

Ich will die Tiefen des Bösen, das mir, meiner Familie und meinem Volk angetan wurde, weder verleugnen noch herunterspielen. Warum Gott das zugelassen hat, begreife ich nicht völlig. Doch mir sind die Lichtstrahlen bewusst, die geheimnisvoll durch die alles einhüllende Wolke der Dunkelheit drangen, die das jüdische Volk umgaben und für die Zukunft Gerechtigkeit verhießen. Und obwohl ich mit sieben Jahren Waise wurde, weiß ich im Innersten, dass ich einen liebevollen Vater habe, der immer bei mir war – in jedem Augenblick.

Zurück am Bahnhof Liverpool Street


Das siebzigste Jubiläum des Kindertransports beginnt am Samstagabend, dem 22. November 2008, in London. Unter einem düsteren Winterhimmel steigen George und ich die Stufen vom Bahnsteig des Bahnhofs Liverpool Street hinauf zum Hope Square, wie er heute heißt. Die Zeremonie wird gleich beginnen. Meine Augen passen sich an die hellen Lichter an, und ich sehe die anderen «Kinder» mit ihren Familien bereits versammelt. Alle haben sich in ihre wärmste Kleidung gepackt und sitzen dicht beisammen auf Metallklappstühlen der Skulptur gegenüber, die auf dem Hope Square zum Gedenken an unsere Ankunft in England errichtet wurde. Der Bildhauer Frank Meisler wurde selbst als Kind mit dem Kindertransport aus Deutschland gerettet.

Eingehend betrachte ich nacheinander die ausdrucksvollen Gesichter der fünf bronzenen Kinderfiguren. Ich sehe Verwirrung, Angst und gespannte Erwartung. Als mein Blick auf ihre Koffer fällt, erinnere ich mich an meinen. Die Koffer stehen für alles, was von der greifbaren Liebe unserer Eltern noch übrig ist. Es berührt mich, wie abrupt die stählernen Eisenbahnschienen auf dem Sockel der Skulptur enden. Für mich ist es ein Bild des Werkzeugs unserer plötzlichen Trennung von allem, was uns vertraut war und woran unser Herz hing. Wie viele verschiedene Empfindungen werden in diesen wenigen flüchtigen Momenten in mir ausgelöst. Ich spüre die bittere Kälte und nehme dankbar den Sitzplatz an, den mir ein Herr zuvorkommend anbietet. Seine Frau flüstert mir zu: «Er zeigt gerne, dass er körperlich noch fit ist.» Ja, wir sind alle älter geworden.

Die Gedenkfeier beginnt. Wir sitzen als geschlossene Gruppe dicht beisammen, jeder mit seiner eigenen Geschichte beschäftigt. Wir erinnern uns an unsere Eltern, an die Ängste und Schmerzen, die sie erlitten haben müssen, als sie uns fortschickten. Wir trauern um die anderthalb Millionen jüdischen Kinder, die nicht bei uns sein können, weil ihr Leben ausgelöscht wurde. Und wir sehen unser eigenes Leid und unseren Verlust vor uns, wenn wir hier am Bahnhof Liverpool Street zusammenkommen, dem Ort, der uns in unserer gemeinsamen Geschichte verbindet.

Die Zeremonie verbindet einen Gottesdienst mit einem eindringlichen Aufruf, sich zu erinnern – so etwas darf nie wieder geschehen! Wir drücken unsere Dankbarkeit gegenüber Großbritannien aus, das uns herzlich aufnahm, als die meisten Türen sich für jüdische Flüchtlinge schlossen. Die Symbole und Worte geben der Versammlung, mit der wir diesen Jahrestag begehen, Sinn und Ziel. Vielleicht ist es das letzte Mal, dass wir alle zusammenkommen.

Auf der Insel der Stille mitten auf dem Hope Square erklingen die hebräischen Worte des 121. Psalms. Der Lärm des um uns her brausenden Stadtlebens ist vergessen, als wir die alten, lebendigen Worte hören: «Der Herr wird dich behüten vor allem Unheil, er wird dein Leben behüten. Der Herr wird deinen Ausgang und deinen Eingang behüten von nun an bis in Ewigkeit.» Dies ist gewiss die Wirklichkeit hinter den Ereignissen des Kindertransports.

Doch ganz am Rande meines Bewusstseins flackern andere Gedanken auf. Was ist mit den sechs Millionen, die nicht überlebt haben? Was ist mit meinen Eltern … meinen Tanten in Koblenz … meinem Freund Kurt …?

Zum Gedenken an die Opfer des Holocausts beten wir ein Kaddisch, und zum Abschluss wird der Schofar geblasen. Sein durchdringender, wehmütiger Klang erfüllt die Nachtluft und verbindet...



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