Miller | Das kranke Schulsystem und seine Gesundung | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 146 Seiten

Miller Das kranke Schulsystem und seine Gesundung


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7568-1207-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 146 Seiten

ISBN: 978-3-7568-1207-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
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Der Autor, Dr. Reinhold Miller, beschreibt die Schule, wie sie sich ihm im heute darstellt - als ein Wirkungsfeld für Stagnation! Er war selbst Lehrer und arbeitet als Coach, Fortbildner und als Schulexperte. Aufgrund seiner breit gefächerten beruflichen Erfahrung wirft er einen kritischen Blick auf das herrschende kranke Schulsystem und fordert, ein "Weiter so wie bisher" zu stoppen. Sein Hauptanliegen ist die Gesundung des jetzigen Systems. Deshalb gibt praktische, konkret formulierte und gut umsetzbare Hinweise und Impulse, wie mit den besonderen Belastungen des gegenwärtigen Systems umzugehen ist. So vermittelt er Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten, ausführlich Entlastungen, Möglichkeiten der Resilienz, der Immunisierung und erfolgreicher Kommunikationen. Er betont eine grundsätzliche Änderung des Unterrichts und befürwortet die Mutation des Lehrberufs zur Lernbegleitung. Ferner weist er auf Fehler eines Systems hin, in dem die Schüler noch als Objekte betrachtet werden, was sich in Verfahrensweisen und Vorschriften spiegelt. Die Schule muss sich seiner Meinung nach für die Lebenswelt der Schüler und Schülerinnen mehr öffnen, ihre Bedürfnisse wahrnehmen und vor allem ihre Selbstverantwortung stärken in einer Welt der Globalisierung und Internetisierung

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Teil 1: STAGNATIONEN


»Das war schon immer so!« – War es das?

»Konservativ ist mir Fortschritt genug.« Diesen Satz höre ich öfter, ernst gemeint als Verteidigung von Gewohntem oder manchmal auch als spöttischen Konter.

Es braucht weder die Verteidigung noch den Konter, um zu erkennen und einzusehen, wie grundsätzlich wichtig das Bewahren ist und wie schlimm, wenn Verlieren und Loslassenmüssen geschehen, im Kleinen wie im Großen:

* Meinen Teddybären, den ich lieb gewonnen hatte, mit vier Jahren. Ich habe ihn bis heute noch, 75 Jahre lang.

* Meine Frau wurde als junges Mädchen aus ihrer Heimat vertrieben, nur mit einem Köfferchen in der Hand. Aus ihrem Kinderzimmer konnte sie nichts mitnehmen.

* Frau N. hätte so gern ihre Liebe zu ihrem Mann bewahrt. Sie ist ihnen abhandengekommen.

* Der Vater will die Firma behalten, in der vierten Generation. Der Sohn will andere Wege gehen.

* Herr T., dem KZ entkommen, konnte sich seine Wertschätzung Deutschen gegenüber in seinem Herzen bewahren: »Es waren nicht alle so.«

* Es gibt das Wort »aufbewahren«. Es verwendet jemand, der etwas Schönes, Wertvolles, Wichtiges, Kostbares nicht verlieren will – und oft auch einen entsprechend angemessenen Ort sucht.

* Gewinn und Schmerz begegnen sich auch im Großen: In der Politik zwischen den Parteien; in der Wirtschaft zwischen den Konzernen; in der Industrie zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer; im Sport zwischen Fußballern und Vorständen; in der Kunst zwischen Tradition und Moderne.

Der Satz ist allgemeingültig, wenn gesagt wird: Ich bewahre , weil …

  • mir jemand oder etwas wichtig, nahe und zur Heimat geworden ist.
  • ich mich sicher, geborgen, geschützt fühle.
  • das Festhalten Gewinn und das Loslassen und die Trennung Verlust sind und schmerzen.

Das Loslassen und sich auf Veränderungen einlassen zu können ist bisweilen äußerst ambivalent, was die meisten von uns beim Umziehen in eine andere Wohnung sehr realistisch erleben: Was geben wir ab, was werfen wir weg, was entsorgen wir (wie unterschiedlich doch die Verben sind!) und was behalten wir (unbedingt) und geben es nicht her?

Der Begriff Stagnation weist in eine andere Richtung im Gegensatz zum Bewahren, nämlich in Richtung Stillstand – und dies bedeutet Bewegungstod (= Herzstillstand) und damit das Ende jeglicher Bewegung, auch im System Schule, in dem leben.

Nachfolgend zeige ich neun Stationen auf, die zumindest die Gefahr der Entlebendigung in sich tragen.

Bürokratie

»Ein Kind ist kein Aktenordner«, schreibt Joachim Bauer (Lob der Schule, S. 13). Und weiter: »Die Akteure der Schulbürokratie tun, was Bürokraten gerne machen: Sie greifen zu bürokratischen Maßnahmen. Konkret: Sie versuchen, das Problem mit Standards und Kontrollen zu lösen.« (Ebd.)

Weil ich keine Abwertungen mag und der Begriff »Bürokraten« in diese Richtung bei den meisten geht, verwende ich die Begriffe Verwaltung und Verwaltungsbeamte und Verwaltungsbeamtinnen oder, außerhalb des Staatsdienstes, Funktionen von Personen, die sich um die Einhaltungen von Vorschriften und Regelwerken kümmern (Begriffsklärung: »Büro-Kraten«, kratein, gr. = herrschen, sind Herrscher der Büros = franz. Amtszimmer).

Verwalten hat etwas mit Vertrauen zu tun, denn: Ich verwalte das, was mir jemand anvertraut: Meine Finanzen, meine Wohnung, meine Interessen, mein Unternehmen. Deshalb behagt mir der Begriff Verwaltung weitaus mehr als das Wort Bürokratie.

Was das und als Lernort angeht, stehen die beiden in einem Konflikt: Hier die Menschen mit ihren Bedürfnissen, Anliegen, Prozessen, Aktionen und Interaktionen, Zielen, Wünschen, Vorhaben und Herausforderungen – dort Menschen, die bestrebt sind, Bestehendes zu verwalten, Ordnung zu schaffen, sie herzustellen, auf Einhaltung von Vorschriften und Regeln zu achten, Mahnungen, Abmahnungen, Sanktionen auszusprechen oder gar Rechtsverletzungen zu ahnden.

Es begegnen sich Personen auf der Beziehungs- und Sachebene, auf den ersten Blick unvereinbar, streitbar widersprüchlich, notwendig … wobei jede Seite unterschiedliche Positionen, Wahrnehmungen und Anspruch auf »Richtigkeit« hat. Das Interessante und Spannende dabei ist: Wer Regeln »erfindet« und sie aufstellt, ist ein »Regelwerker«. Wer sich für Schülerinnen und Schüler einsetzt, ist ein »Schulwerker«, auch Lehrer genannt. Und wenn beide »als Schuster bei ihren Leisten bleiben«, gibt es keine zufriedenstellenden Lösungen, sondern Stagnationen.

* Ich habe in meiner Zeit, in der ich sowohl in einem Kultusministerium als auch in der Lehrerfortbildung tätig war, öfter zwischen Regel- und Schulwerkern vermittelt. Am schwierigsten war es immer dann, wenn beide auf ihren Standpunkten verharrten und zugaben, von jeweils der anderen Seite wenig zu wissen und wenig zu halten. Das heißt: Ohne gegenseitigen Respekt geht es nicht.

* Ein Regelwerker und ein Schulwerker halten sich in einem Wald auf, wissen nichts voneinander, stoßen aber – rein zufällig – in der Dunkelheit gleichzeitig auf ein Ungetüm. Aus Vorsicht strecken sie die Arme aus, betasten es und setzen ihren Weg fort. Als es hell wird, begegnen sie sich, stapfen nebeneinander her, bis der eine sagt: »Mir ist heute Nacht ein Ungetüm begegnet. Ich konnte es nur betasten. Muss ein Tier gewesen sein mit einem Rohr.« Darauf der andere: »Das mit dem Rohr kann nicht stimmen. Das war ein dünner Pinsel, den ich ertastete.« Da wurden beide stutzig, schauten sich an und begannen, schallend zu lachen …

So ist das mit den verschiedenen Wahrnehmungen und Wirklichkeiten, auch in den Behörden und Schulen, in der Verwaltung und in den Lernstätten. Können beide kompatibel sein? Kommen beide zusammen, trotz verschiedener Wahrnehmungen, Positionen, Aufgaben und Tätigkeiten?

Der Kernsatz lautet: Nicht der Mensch ist für die Verwaltung da, sondern die Verwaltung für den Menschen. Beide haben Berechtigung:

* Ich besuche einen Freund im Schulamt, höre sein Telefonat kurz mit. Als er es beendet, spreche ich ihn auf seine Freundlichkeit an. Erfreut antwortet er mir spontan: »Jeder, der mich anruft, ist ein Mensch.« Wie wahr!

Dem Namen nach gibt es die Schulbehörde, was die Tätigkeiten allerdings betrifft, ist ein Schulamt wesentlich breiter »aufgestellt«:

  • Verwaltung: alle administrativen Tätigkeiten im Gegensatz zu den operativen (ausführenden) Tätigkeiten in der Schule
  • Kommunikation: Beratung, Anhörung, Klärung mit Schulleitungen, Lehrpersonen, Eltern, Schülerinnen und Schülern und Öffentlichkeitspersonen (persönliche und fachliche Anliegen, Beschwerden, Vorwürfe, Widerspruch)
  • Beschreibung und Bewertung des Fehlverhaltens: Mahnung, Abmahnung bis hin zur Kündigung (Angestellte) bzw. Entlassung (Beamte)
  • Prozesse: diverse Maßnahmen, Disziplinarverfahren, Klageverfahren, Rechtsentscheidungen, Schlichtung, Lösungsvorschläge, Vereinbarungen, Absprachen mit den Zielen Ergebnisorientierung und Effizienzsteigerung.

Für alle diese Tätigkeiten sehe ich überhaupt keinen Grund für die Bezeichnung »Schulsbehörde.«

Schon längst wird diskutiert, wie die Bürokratie verschlankt werden kann und die Hierarchien flacher werden. Aus meiner Sicht genügt Folgendes:

Die Kultusministerien der einzelnen Länder (16 an der Zahl) sind die obersten Behörden, denen die zugeordnet sind (wie Gesundheitsamt, Finanzamt, Bauamt, Forstamt). Sie wiederum verwalten alle Schularten in ihrem Bezirk, so wie die Stadt alles, was die Stadt angeht,

* Seit Jahren setze ich mich für die Trennung von Beratung und Aufsicht ein. Die Beratung ist durch die drei Merkmale gekennzeichnet: Freiwilligkeit, Bewertungsfreiheit und Entscheidungsfreiheit für die Beratenden, was der Aufsichtstätigkeit widerspricht und sogar manchen Beratenden nicht bekannt ist. Deshalb passt der Name Schul, weil unter seinem Dach sowohl Beratung als auch Aufsicht, pädagogische Abteilungen wie Rechtsabteilung, Fürsorge und Begleitung Platz haben, jedoch strikt getrennt.

Eine besondere Bedeutung bekommen dabei im Miteinander von Verwaltung und Schule die Kommunikation und Kooperationen.

Waren früher der und die meist im Mittelpunkt der unterschiedlichen Ansichten und Rechtsangelegenheiten, so sind es nun tendenziell Fähigkeiten, wie Klarheit, Offenheit, Klärung und Vereinbarungen, d. h. statt ist es die kultur als Verbindungselement, mit dem Wunsch, zu Lösungen zu kommen, die beiden Seiten dienen = , mit folgender Struktur:

  • Darstellung der unterschiedlichen Anliegen
  • Beachtung der Argumentation der emotionalen Befindlichkeiten (= Sach- Beziehungsebene)
  • Mitteilung sowohl der...



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