E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten
Reihe: Regency Romantik
Miller Die hinreißende Lady Charlotte
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7751-7466-4
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten
Reihe: Regency Romantik
ISBN: 978-3-7751-7466-4
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carolyn Miller lebt in New South Wales in Australien. Sie ist verheiratet, hat vier Kinder und liebt es, zu lesen und Bücher zu schreiben. Ihre Romane handeln von Vergebung, Liebe und anderen Herausforderungen. Millers Lieblingsautorin ist natürlich Jane Austen. www.carolynmillerauthor.com
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Kapitel 2
Exeter House
Grosvenor Square, London
»Lady Charlotte, würden Sie mir die Ehre dieses Tanzes …?«
»Lady Charlotte, Sie sehen bezaubernd …«
»Sie sind so schön heute Abend, meine Dame!«
»Lady Charlotte! Bitte schenken Sie mir die Quadrille!«
Charlotte lachte über die Männer, die in Zweier-, nein, Dreierreihen vor ihr standen und um ihre Aufmerksamkeit buhlten. Ihr Herz schwoll an bei dem Gefühl, begehrt und bewundert zu werden. Da die Gäste so zahlreich waren, hatten die Begrüßungsformalitäten über eine Stunde in Anspruch genommen, bis Mama sie endlich energisch in den Ballsaal dirigierte. »Sie können erst anfangen, wenn du den ersten Tanz eröffnet hast.«
Der Eröffnungstanz gehörte Papa, und ihr Bruder Henry würde ebenfalls einen Pflichttanz mit ihr absolvieren müssen. Mama hatte zwar gesagt, sie müsste die Aufforderung jedes Mannes akzeptieren, der im Rang über ihr stand, doch soweit sie wusste, brauchte sie mit niemandem zu tanzen, der fürchterlich hässlich oder alt war.
Der Viscount Carmichael wand sich geschickt zwischen zwei Männern hindurch, die einander feindselig musterten. »Ich glaube, der Kotillon gehört mir, meine Dame.«
Sie sah in seine lachenden haselnussbraunen Augen und knickste. »Natürlich.«
Er verbeugte sich, dann grinste er zu den beiden Männern hinüber, die nun beide den Kürzeren gezogen hatten, als wollte er sagen: Seht ihr, so macht man das! Sie lächelte in sich hinein. Dass ausgerechnet einer der begehrtesten Junggesellen Londons sie um einen der ersten Tänze bat, würde Mama mehr als zufriedenstellen.
Die Klänge der Geigen wurden lauter. Ihr Vater kam auf sie zu und teilte dabei das Meer ihrer Verehrer.
»Meine Liebe.« Er bot ihr die Hand. Sie nahm sie und ließ sich in die Mitte des Saals führen. Sie hatte das Gefühl, als sähen tausend Augen zu, wie er sie zum ersten Tanz ihres Debütantinnenballs auf die Tanzfläche zog.
»Du scheinst ein ziemlicher Erfolg zu sein«, sagte ihr Vater, als sie endlich Gelegenheit hatten, ein paar Worte zu wechseln.
»Mama hat sich keine Zurückhaltung auferlegt, was die Einladungen betrifft.«
»Das sollte sie auch nicht. Nicht beim Debüt meiner Tochter.«
Ihr Lächeln versteifte sich, als sich die alte, bohrende Frage wieder meldete: Warum fiel es ihrem Vater nur so schwer, seine Zuneigung zu zeigen? Wie leicht wäre es, etwas Nettes über ihr Aussehen zu sagen und ihr zu versichern, wie stolz er auf sie war, vor allem heute Abend? Aber – nein. Wie üblich hatte die Aufforderung ihrer Mutter, ein bewunderndes Wort über die Erscheinung seiner Tochter an diesem festlichen Abend zu sagen, lediglich einen halbherzigen Seitenblick und ein wegwerfendes »Sehr hübsch« zur Folge gehabt – eine Gleichgültigkeit, deren Echo in den leeren Räumen ihres Herzens widerhallte. Sie blinzelte und schlug die Augen nieder. Vielleicht hatte Henry ja Recht und sie stellte zu hohe Ansprüche an den vielbeschäftigten Mann, der er war. Doch bei Lavinias Hochzeit hatte sie gesehen, wie liebevoll Mr. Ellison mit ihrer Cousine umging. Seitdem war ihr aufgefallen, dass nicht alle Väter so distanziert waren wie ihrer. Entschlossen hob sie den Kopf. Noch ein Punkt, den sie der Liste der Anforderungen an die Heiratskandidaten hinzufügen würde: Der Mann, den sie heiraten würde, musste bereit sein, seine Zuneigung und seine Gefühle ebenso freimütig zu zeigen wie sie selbst.
Auf den Eröffnungstanz folgte ein Kontertanz, dann der Kotillon. Lord Carmichael, der Erbe des Grafen von Bevington, brachte sie mit seinem lässigen Geplauder voller Komplimente und witziger Kommentare über die anderen Gäste fast so unentwegt zum Lachen wie ihre Füße tanzten.
»Schauen Sie nicht hin, aber ich sehe einen Drachen.«
»Einen Drachen, mein Herr?«
Die braunen Augen lächelten. »Der Drache, den ich sehe, hat zwar keinen langen Schwanz, aber seine Zunge ist wie eine versengende Flamme.«
»Und warum sollte er Sie versengen, mein Herr?«
»Oh – nein! Er will nicht mich auf dem Grund des Meeres sehen, sondern jede junge Dame, mit der ich heute Abend tanze. Der Drache – in diesem Fall ist es eine Sie – unterliegt dem Irrtum, dass ich ihrer Tochter einen Heiratsantrag machen werde – was nicht der Fall sein wird.«
»Nicht?«
»Können Sie sich einen Drachen als Schwiegermutter vorstellen? Das würde ich mir niemals antun.« Er lächelte. »Ich ziehe es bei Weitem vor, mit dem lieblichsten Geschöpf des heutigen Abends zu tanzen, auch wenn Ihr Vater mir einen Verweis erteilen wird.«
»Ach ja?«
»Er hat mich noch nicht verwarnt, aber nach diesem Tanz wird er es tun. Gott bewahre, dass man sieht, dass Sie meine Gesellschaft genießen, meine Dame.«
Es folgte ein wahrer Sturm von Schmeicheleien, der sie in beste Laune versetzte, bis es Zeit für den Tanz vor dem Dinner war. Lord Wilmington, ein Baron aus Bedfordshire, dessen bewundernde Worte für ihr Aussehen schon bald der langweiligen Beschreibung seiner ausgedehnten Ländereien und seines Reichtums Platz machten, führte sie hinauf in den Speisesaal, wo die köstlichsten Leckereien aufgebaut waren. Monsieur Robard hatte sich heute Abend selbst übertroffen.
Ohne sie nach ihren Wünschen zu fragen, eilte Lord Wilmington ans Buffet, füllte zwei Teller und brachte ihr einen; dann bat er ihre Mutter um die Erlaubnis, sich zu ihnen setzen zu dürfen.
Henry fing Charlottes flehenden Blick auf, verdrehte die Augen und verwickelte den Baron in ein Gespräch über Ascot und darüber, ob Pranks dieses Jahr wohl eine Chance hatte. So gelang es Charlotte, sich ohne großes Aufhebens einen Platz in der Nähe der sehr viel attraktiveren jungen Männer am anderen Ende des Tisches zu suchen. Nach einem höchst befriedigenden Maß an Bewunderungen und Gelächter wurden wieder Plätze getauscht; jetzt kamen Lavinia und Lord Hawkesbury zu ihr.
»Genießt du es, Charlotte?«, fragte ihre Cousine.
»Und wie!« Sie machte eine weitausholende Handbewegung. »Es ist einfach perfekt!«
Der Speisesaal war – wie der Ballsaal – erfüllt von Lachen und Rosen. Ihre Lieblingsblume schmückte jede verfügbare Oberfläche, allerdings mit geschmackvoller Zurückhaltung; darauf hatte ihre Mutter bestanden.
»Der Raum wirkt wie ein riesiger Garten«, sagte Lavinia. »Du bist wirklich gesegnet.«
»Jedenfalls ist es sehr viel hübscher als auf dem Ball, den wir letzte Woche besucht haben, bei dem Ägypten das Thema war«, sagte der Graf und sah seine Frau an. »Weißt du noch, die Krummsäbel?« Er grinste. »Eher nicht ägyptisch, meiner Meinung nach.«
Ihre Cousine lachte. »Und ganz und gar nicht passend für einen Debütantinnenball.«
Der zärtliche Blick, mit dem ihr Mann sie ansah, weckte wieder einmal Charlottes Neid. Oh, so bewundert zu werden …
Lavinia wandte sich wieder an Charlotte. »Nicholas und ich sprachen vorhin darüber, dass wir dich sehr gern zu uns einladen würden.«
»Das wäre wundervoll! Ich war noch nie in Gloucestershire.«
Wieder sahen die beiden einander an. Dann beugte der Graf sich vor. »Wir dachten eigentlich an Hawkesbury House in Lincolnshire.«
»Oh. Aber – das wäre auch ganz wunderbar, wirklich. Falls Mama es erlaubt«, fügte sie zweifelnd hinzu.
Lavinia tätschelte ihre Hand. »Ich rede mit Tante Constance.«
»Danke.«
Eine dunkelhaarige junge Dame sprach Lavinia an und Charlotte widmete sich ihrem Essen. Das Eiskonfekt, das Lord Wilmington ihr gebracht hatte, war bereits geschmolzen und bildete einen kleinen See auf ihrem Teller. Sie probierte trotzdem davon und hätte beinahe laut geseufzt, so gut schmeckte es noch immer.
Sie genoss den Augenblick; es war wie eine kleine, ruhige Oase inmitten all des Trubels. Lavinias Einladung hatte mehr als Vorfreude auf den versprochenen Besuch in ihr ausgelöst. Ja, sie war gesegnet, unermesslich sogar, mit ihrer Familie, ihren Freunden, dem Vermögen ihres Vaters, das ihr gestattete, sich fast jeden Wunsch zu erfüllen. Und jetzt eröffneten sich ihr noch so viele weitere Aussichten …
»Ich wette fünfundzwanzig Pfund, dass das Balg ein Mädel wird.”
»Fünfzig.”
»Hundert!”
Charlotte blickte auf ihren Teller, während sie sich anstrengte, auf das Gespräch am Tisch hinter sich zu lauschen. Wer wettete hier? Sie kannte die Stimmen nicht. Was für ein Unsinn, auf die Geburt eines Kindes zu wetten. Ob Papa davon wusste? Er war selbst einer Wette nie abgeneigt.
»Hartington braucht einen Erben.«
Hartington? Sprachen sie vom Herzog von Hartington?
»Wenn er es wirklich anerkennt.«
Sie runzelte die Stirn. Warum sollte ein Vater sein eigenes Kind nicht anerkennen?
Diese Frage stellte sich offenbar auch ein Mitglied der unsichtbaren Gruppe hinter ihr, denn sie hörte jemanden lachen. »Haben Sie es denn nicht gehört?« Es folgte ein kurzes Getuschel, dann allgemeines Gelächter.
Der gehässige Tratsch stimmte sie traurig. Der arme Herzog! Wie schrecklich, so zum Gespött zu werden und erleben zu müssen, wie ein Familiengeheimnis an die Öffentlichkeit gezerrt und genüsslich zerlegt wurde, wie von Hunden, die über einen saftigen Knochen herfielen. Sie stand kurz davor, sich einzumischen, obwohl sie genau wusste, dass ihre Mutter es nicht billigen würde.
»Lottie?«
Sie blickte auf und begegnete dem amüsierten Blick ihres Bruders.
»Ich glaube nicht, dass das Essen dich zu so verzückter Aufmerksamkeit verleitet, wie es den Anschein...




