Miller Friedhof der Unschuldigen
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-552-05657-2
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-552-05657-2
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andrew Miller wurde 1960 in Bristol (Großbritannien) geboren und lebt heute in Somerset. Bei Zsolnay sind u.a. erschienen: Die Gabe des Schmerzes (1998), wofür er den Impac Dublin Literary Award bekam, und Friedhof der Unschuldigen (2013), ausgezeichnet mit dem Costa Book of the Year Award.
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5
ER TRIFFT ZWISCHEN der Suppe und einem Schmorgericht ein, das ebenfalls aus den Resten des Kalbsbratens vom Dienstag zubereitet ist. Er hat nicht die Absicht gehabt, so spät oder gar im Dunkeln einzutreffen. Sein Gepäck, eine große, gerippte Truhe (eine Rippe hat beim Abladen vom Kutschendach einen Knacks bekommen), wird von ihm selbst und einem riesenhaften, stummen Jungen getragen, irgendeinem Verwandten der Nachbarn des Postunternehmers, bei denen er gestern nacht abgestiegen ist.
»Wir haben schon befürchtet, Sie hätten sich verirrt!« ruft Monsieur Monnard leutselig vom oberen Absatz der ersten Treppe aus. »Vollkommen verirrt.«
»Ich war in Versailles, Monsieur, und dann lahmte das Pferd …«
»Versailles!« wiederholt Monsieur Monnard, während er zusieht, wie der junge Mann ihm entgegensteigt, dann komplimentiert er ihn in die Halbwärme des Zimmers im ersten Stock. »Monsieur Babette war heute in Versailles.«
»Baratte, Monsieur.«
»Wie?«
»Ich heiße Baratte. Mein Name, Monsieur. Baratte.«
Man lässt ihn gegenüber von Ziguette Platz nehmen. Es wird kurz darüber diskutiert, ob das Schmorgericht in die Küche zurückgehen soll, während der Neuankömmling seine Suppe isst. Ist die Suppe noch warm genug? Möchte Monsieur Baratte überhaupt Suppe?
»Und wie war es heute in Versailles?« fragt Monsieur Monnard, als wäre Versailles ein Ort, den er häufiger aufsucht.
Jean-Baptiste nimmt einen Löffelvoll von der lauwarmen Suppe und stellt fest, dass er Heißhunger hat. Wäre er allein gewesen, hätte er die Suppe vielleicht direkt aus der Schüssel getrunken und sich dann sofort einen Platz zum Schlafen gesucht. Aber das geht nicht, er muss sich Mühe geben, sich beliebt zu machen. Diese Leute werden, zumindest eine Zeitlang, sein intimster Umgang sein. Er will nicht, dass sie ihn für langweilig oder unhöflich, für einen provinziellen Bauerntölpel halten. Will nicht, dass sie glauben, er hätte etwas von dem Menschen, für den er sich in Momenten der Schwäche selbst hält. Er blickt von seiner Suppenschale auf. Was für einen großen, roten Mund das Mädchen hat! Es muss das Fett der Suppe sein, das die Lippen so glänzen lässt. »Versailles«, sagt er und wendet sich an ihren Vater, »ist der seltsamste Ort, den ich jemals gesehen habe.«
»Eine sehr gute Antwort«, sagt Madame Monnard mit entschiedenem Kopfnicken. Sie fordert Marie auf, dem Gast etwas Wein einzuschenken. »Und noch ein Scheit aufs Feuer, Marie. Ich habe es noch nie erlebt, dass es im Oktober so kalt war.«
Er lernt, dass die Monnards gern reden – eine Art des Redens, die sich stark von den bedächtigeren Rhythmen unterscheidet, mit denen er in Bellême aufgewachsen ist. Außerdem essen sie gern – Suppe, Schmorgericht, gebratene Scholle, Rote-Bete-Salat, Käse, etwas Kuchen. Alles, soweit er es beurteilen kann, richtig zubereitet, doch alles auch mit einer sonderbaren Note, einem Beigeschmack, der, wie er findet, in Speisen nichts verloren hat.
Nach dem Essen sitzen sie am Kamin. In der kalten Jahreszeit dient der Raum als Wohn- wie als Esszimmer, und er erfüllt diese Aufgaben gut, obwohl das Klavier einen beim Durchqueren des Zimmers jedesmal zu einem kleinen Umweg zwingt. Monsieur Monnard löst mit einer Reihe von Grimassen die Spannung in seinem Gesicht. Die weiblichen Monnards tun so, als nähten sie. Man hört ein Kratzen an der Tür. Eine Katze wird hereingelassen, ein Tier, das genauso groß ist wie der Hund, dem Jean-Baptiste dabei zugesehen hat, wie er vor dem Büro des Ministers auf den Boden pinkelte, ein schwarzer Kater, dem an einem Ohr ein gezackter Halbmond fehlt. Er heißt Ragoût. Die Familie weiß nicht, warum, und kann sich auch nicht darauf einigen, wer ihn so genannt hat. Er kommt geradewegs auf Jean-Baptiste zu und beschnuppert dessen Schuhsohlen.
»Na, was hast du getrieben, kleiner Bösewicht?« sagt Madame Monnard und lüpft das Tier mit einiger Mühe auf ihren Schoß. »Für seine Moral will ich mich nicht verbürgen«, sagt sie und lacht ausgelassen, dann fügt sie hinzu: »Ragoût und Ziguette sind unzertrennlich.«
Jean-Baptiste wirft einen Blick auf das Mädchen. Ihm scheint, dass sie den Kater mit einem gewissen Missfallen betrachtet.
»Die kleinen Herrschaften, die gern Käse essen«, sagt Monsieur Monnard, »überleben in diesem Haus nicht lange.«
»Was Ragoût nicht erwischt«, sagt Madame Monnard, »fängt mein Mann mit seinen kleinen Maschinen.«
»Maschinen?« fragt Jean-Baptiste, bei dem das Wort schon immer einen gewissen Kitzel hervorgerufen hat.
»Ich stelle sie in der Werkstatt her und verkaufe sie«, beginnt Monsieur Monnard. »Ein Käfig, eine Feder, eine kleine Klappe …« Er beschreibt eine Bewegung mit der Hand. »Das Tier ist gefangen. Dann braucht man den Käfig nur noch in einem Eimer Wasser zu versenken.«
»Marie schneidet ihnen die Kehle durch«, sagt Ziguette.
»Ich bin mir sicher, dass sie nichts dergleichen tut«, sagt ihre Mutter. Zu ihrem Gast sagt sie: »Mein Mann hat ein Geschäft in der Rue des Trois Mores.«
»Sie verkaufen Fallen, Monsieur?« fragt Jean-Baptiste.
»Klingen, Monsieur, von schlicht bis ausgefallen. Wir veredeln, schleifen und polieren. Wir sind bei besseren Leuten sehr beliebt. Père Poupart von Saint-Eustache schneidet sein Fleisch mit einem meiner Messer.«
»Wenn es kalt wird«, sagt Ziguette, »kommen Ratten herein. Ins Haus.«
»Zu Hause war das in den kältesten Nächten genauso«, sagt Jean-Baptiste.
»In der Normandie?« fragt Madame Monnard, als wäre sie erstaunt zu hören, dass Ratten einen so entlegenen Ort entdeckt haben.
»Bestimmt fehlt es Ihnen«, sagt Ziguette.
»Mein Zuhause?« Einen Moment lang sieht er in seiner Erschöpfung Krähen, schwarze Stoffetzen, in der Dämmerung von einem Feld aufsteigen, sieht die einsame Turmspitze einer Dorfkirche. »Ich denke, ich bin dort zufrieden, wo meine Arbeit mich hinführt.«
»Sehr mannhaft«, sagt Madame Monnard, während sie das Fell des Katers krault.
»Und worin besteht Ihre Arbeit hier?« fragt Ziguette. Sie sieht so hübsch aus, als sie das fragt, so keck in ihrem cremeweißen Kleid, dass er in Versuchung kommt, ihr genau zu sagen, weshalb er hier ist. Er fragt sich, was Lafosse gesagt, welche Geschichte er ihnen, wenn überhaupt, erzählt hat.
»Ich bin hier«, sagt er und ist sich bewusst, dass alle drei ihm plötzlich aufmerksam zuhören, »um eine Vermessung des Friedhofs vorzunehmen.«
»Des Friedhofs der Unschuldigen?« fragt Madame Monnard nach kurzem Schweigen, in dem nichts als das Schnurren des Katers und das Knistern des Feuers zu hören ist.
»Ich bin Ingenieur«, sagt er. »Hat man Ihnen das nicht gesagt?«
»Wer sollte uns das denn sagen?« fragt Monsieur Monnard.
»Derselbe, der vereinbart hat, dass ich hier Quartier nehme.«
»Man hat uns lediglich davon unterrichtet, dass ein Herr aus der Normandie ein Zimmer brauchen würde.«
»Mit Mahlzeiten«, fügt seine Frau hinzu.
»Ganz recht«, bestätigt Monsieur Monnard. »Eine Morgen- und eine Abendmahlzeit.«
Ziguette sagt: »Wir hatten einmal einen Musiker bei uns wohnen.«
»Einen sehr ungewöhnlichen Herrn«, sagt Monsieur Monnard.
»Mit roten Haaren«, sagt Madame.
Ziguette macht den Mund auf, als wollte sie etwas hinzufügen; dann, nach einem Taktschlag, einer Viertelnote des Zögerns, macht sie ihn wieder zu.
»Sie haben einen sehr praktischen Beruf«, sagt Madame mit gefälligem Lächeln. »Man muss Sie beglückwünschen.«
»Mein Lehrer an der Ecole des Ponts war Maître Perronet. Er ist der größte Ingenieur Frankreichs.«
Über den Kopf des Katers hinweg applaudiert Madame Monnard ihm mit den Fingerspitzen.
»Haben Sie denn schon einmal eine Brücke gebaut?« fragt Ziguette.
»Eine. In der Normandie.«
»Und was hat sie überspannt?«
»Die Ecke eines Sees.«
»Von Seen denkt man nicht, dass sie Ecken haben«, sagt Ziguette.
»Am besten, Monsieur, sagen Sie Marie«, meint Madame Monnard, »ob Sie morgens lieber Kaffee oder Schokolade möchten.«
»Der Musiker hat Schokolade gemocht«, sagt Ziguette.
»Marie wird das Getränk auf Ihr Zimmer bringen, wenn Sie wünschen«, sagt Madame. »Und Wasser für Ihre Toilette. Sie müssen nur sagen, zu welcher Stunde.«
»Er hat sein Zimmer noch gar nicht gesehen«, sagt Ziguette.
»Ja, richtig«, sagt ihre Mutter. »Das hat er noch nicht.«
»Dann werde ich Ihnen helfen, Ihre Truhe die Treppe hinaufzuschaffen«, sagt Monsieur Monnard und erhebt sich. »Sie wird selbst für Marie zu schwer sein.«
Das Zimmer liegt auf der Rückseite des Hauses in dem Stockwerk unter dem Dachboden. Leicht schnaufend tragen die beiden Männer die Truhe die vier Treppen vom Flur aus hinauf. Marie geht ihnen mit einer Kerze voran.
»Ich denke, Sie werden dort oben alles haben, was Sie brauchen«, sagt Monsieur Monnard.
»Ja«, sagt Jean-Baptiste, dessen Blick von dem schmalen Bett zu dem Tisch mit Stuhl, dem dreibeinigen Gestell mit der glasierten Blechschüssel, dem schmalen Kamin und dem mit Läden verschlossenen Fenster über dem Bett wandert.
»Ziguette hat ihr Zimmer auf der anderen Seite des Flurs. Madame Monnard und ich schlafen im Zimmer darunter. Marie wohnt natürlich auf dem Dachboden. Ihr Vorgänger hatte die Angewohnheit, sie zu bitten, ihre Holzschuhe auszuziehen, wenn sie sich im Zimmer über ihm aufhielt. Er war außerordentlich lärmempfindlich.«
»Möchten Sie, dass ich die Miete im voraus bezahle, Monsieur?«
»Sehr geschäftsmäßig von Ihnen. Ich bewundere das bei einem jungen Mann. Dann wollen wir mal sehen. Sechs Livres die...




