E-Book, Deutsch, 140 Seiten
Miller Sterben sollst Du. Psychothriller aus Schottland
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95573-057-4
Verlag: Klarant
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 140 Seiten
ISBN: 978-3-95573-057-4
Verlag: Klarant
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
David Preston wird eiskalt ermordet aufgefunden. Zunächst glauben alle an einen Unfall, doch die Jagd nach dem Mörder gestaltet sich gefährlicher als zuerst angenommen. Es verstärkt sich der Verdacht, dass ein unberechenbarer Psychopath aus der Familie sein Unwesen treibt, um an das riesige Erbe zu kommen. Die Tochter des Ermordeten, Ireen, wird durch mysteriöse Ereignisse fast in den Wahnsinn getrieben. ..Was hat der Mörder im Sinn?
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Schatten, nichts als Schatten.
Bizarre Formen, unbeweglich, ja fast lauernd. Am Himmel die blasse Scheibe des Mondes, dessen fahles Licht alle Schatten noch gespenstischer erscheinen ließen.
Ein großer Raum war es, ein gläserner Anbau, in dem viele prächtigen Pflanzen ihr Dasein fristeten. Jetzt, bei der spärlichen Beleuchtung einer alten Gaslaterne schienen sie zum Leben zu erwachen.
Aus einem versteckten Lautsprecher erklang leise Musik: Edvard Griegs ´Letzter Frühling`. Einschmeichelnd und dennoch traurig glitten die sanften Töne durch die etwas stickige Luft, die nach Humus und Pflanzendünger roch.
Unter einem Philodendron, nicht weit von der Gaslaterne entfernt, stand ein Schaukelstuhl und daneben ein Tischchen. In dem Stuhl saß ein alter Mann, hatte den Kopf zurückgelegt und hielt die Augen hartnäckig geschlossen. Sein runzeliges Gesicht schien völlig entspannt, und nur die langen Wimpern, die sich sanft auf der faltigen Haut abzeichneten, zitterten etwas.
Er schien ganz in diese schwermütige Melodie vertieft zu sein, denn er rührte sich nicht. Die mächtigen Blätter des Philodendrons bildeten ein regelrechtes Dach über ihm, was er offensichtlich zu genießen schien.
Der Schein der Laterne fiel in das zerfurchte Gesicht des Mannes, ebenso auf sein Buch, das aufgeschlagen auf seinem Schoß lag. In seinem Mundwinkel klemmte eine Pfeife, die längst erloschen war.
Auf dem kleinen Tischchen lag seine Brille, die er wohl vorhin achtlos da hingelegt hatte, weil er sie nicht mehr brauchte. Irgendwo draußen schickte ein Käuzchen seinen zitternden Ruf in die Nachtluft, nur unterbrochen von dem heiseren Bellen eines einsamen Hundes.
Edvard Griegs wehmütige Weise war zu Ende.
Stille herrschte.
Erst nach einer Weile öffnete der alte Mann die Augen, und sein Blick kam aus weiter Ferne zurück. Hatte er alles nur geträumt oder war es grausame Wirklichkeit? Bilderfetzen huschten an ihm vorbei, die er nicht deuten konnte. Sie weckten grausame Erinnerungen an ein Geschehen, das er im wachen Zustand meist erfolgreich verdrängen konnte. Er hatte sich selbst im Auto gesehen, das Steuerrad in der Hand, und es war ein herrlicher Frühlingstag gewesen. Neben ihm hatte eine junge Frau gesessen, seine Tochter Ireen. Auch sie hatte glücklich gelacht, die herrliche Gegend bewundert und sich über die Urlaubstage gefreut, die vor ihr lagen.
Wie fröhlich hatten sie eben noch geplaudert! Und dann, plötzlich, war es geschehen. Ein kleiner Unfall nur. Das Auto war von der Straße abgekommen und trotz aller Versuche gegen eine niedrige Mauer geprallt.
Ihm selbst war nichts passiert, doch Ireen, wie immer nicht angeschnallt, war mit dem Kopf auf der Windschutzscheibe aufgeschlagen, war dann zurückgeprallt und zu der durch den Aufprall aufgegangenen Beifahrertür nach draußen gestürzt.
Der alte Mann schüttelte sich. Seit acht Jahren verfolgte ihn dieser Traum, immer derselbe. Und seit diesen acht Jahren war sein Leben nicht mehr lebenswert. Eigentlich wartete er nur noch darauf, dass der Tod eines Tages kommen und ihn erlösen würde. Nur konnte er Ireen damit nicht helfen, denn seine einzige Tochter war seit jenem Tag blind.
David Preston spürte, wie Tränen über seine faltigen Wangen liefen. Fest umkrallten seine Hände die Armlehnen des Schaukelstuhls, und vor Verzweiflung biss er mit den Zähnen so fest in seine Unterlippe, bis sie blutete.
Nein, nur nicht nachdenken müssen!
Hastig tastete er mit der rechten Hand zu dem Tischchen, auf dem die Fernbedienung für die Stereoanlage lag. Erneut begann Edvard Griegs "Letzter Frühling".
Beruhigt lehnte sich David wieder zurück, schloss die Augen und begann zu träumen. Dieses Mal bemühte er sich jedoch bewusst, an etwas anderes zu denken, nur um nicht wieder diese entsetzlichen Bilder sehen zu müssen. Nur nicht wieder daran denken, dass er ganz allein schuld war, was seinem Kind an jenem schrecklichen Tag widerfuhr.
Ein leiser Windhauch streifte das Gesicht des Mannes. David öffnete die Augen. Alle Fenster waren zu, ebenso die Tür. Noch immer war der Raum so dunkel, dass man kaum die Umrisse der Pflanzen erkennen konnte.
Nur das Licht der Gaslaterne erhellte in einem kleinen Umkreis die Umgebung und damit auch einen Teil des Philodendrons, der sich mit seinen mächtigen Blättern wie ein schützendes Dach über David` Haupt ausbreitete.
Sacht bewegten sich die Blätter hin und her, als hätte eine unsichtbare zärtliche Hand sie berührt. Ein fremder Geruch stieg David in die Nase, den er zwar recht gut kannte, der jedoch nicht in den Wintergarten gehörte.
David erhob sich, wollte erkunden, woher dieser Geruch kam. Ihm war, als würde eine eisige Hand nach seinem Herzen greifen und es fest zusammenpressen. Dennoch blieb der Mann bewegungslos stehen und hielt hartnäckig die Augen geschlossen, während eine Gänsehaut über seinen Rücken kroch.
Plötzlich löste sich aus dem Halbdunkel ein Schatten. Langsam, witternd wie ein gefährliches Tier näherte er sich dem Alten, sorgfältig darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen. Das Licht der Gaslaterne spiegelte sich in kalten Augen, in denen weder Hass noch sonst irgendwelche Gefühle zu lesen waren. Irgendetwas hielt der Dunkle in seiner Hand, doch man konnte nicht erkennen, was es war. Langsam schlich er näher.
David atmete tief ein. Vergeblich versuchte er, sich auf die Musik zu konzentrieren. "Bist du es? Bist du endlich gekommen? Ich habe dich schon gestern erwartet und vorgestern ebenfalls. Was hat dich davon abgehalten zu kommen?"
"Sei still, David. Sei um Himmels willen still."
"Warum? Wussten wir nicht beide schon seit einiger Zeit, dass du der Stärkere bist? Es macht mir nichts aus zu sterben. Ireen ist abgesichert. Das ist das einzige, was noch wichtig war in meinem Leben."
Der Dunkle kam immer näher. Nur sein leises, aufgeregtes, unregelmäßiges Atmen war zu hören.
"Sei endlich still, David", befahl er mit rauer Stimme. Dann stand er vor ihm. Mit unbeweglichem Gesichtsausdruck beobachtete er den Alten, den die Gegenwart des Unheimlichen nicht zu stören schien. "Wehr dich, alter Mann, kämpfe! Vielleicht bist du ja der Stärkere."
David schüttelte den Kopf, und eine Strähne seines schlohweißen Haares fiel ihm in die Stirn. Noch immer öffnete er die Augen nicht. Es schien fast, als wollte er gar nicht wissen, wer ihm gleich den Todesstoß versetzen würde.
"Mach es rasch", bat er. "Mach es, damit es endlich vorbei ist."
"Du wirst dich nicht wehren?" Der Dunkle konnte es offensichtlich nicht fassen. Plötzlich hob er seine rechte Hand und betrachtete nachdenklich das Etwas, das darin lag. Es war eine Spritze. "Du wirst nur einen leichten Stich verspüren und dann ganz ruhig einschlafen."
"Man wird es dir nachweisen können."
"Nichts wird man mir nachweisen können. Du stirbst an Herzversagen, was nicht verwunderlich ist bei deinem angeschlagenen Gesundheitszustand."
Jetzt endlich öffnete der Alte die Augen. "Du?" fragte er entsetzt. "Du bist das? Ich dachte, dein..."
Von hinten legte sich plötzlich eine Hand auf seinen Mund. Der Dunkle blickte hoch. Ein verständnisinniges Lächeln traf die zweite Person, die unbemerkt den Wintergarten betreten hatte.
Dann jedoch widmete er sich wieder seinem Vorhaben. Er griff nach der schlaffen Hand des alten Mannes, dessen Augen jetzt schreckensweit geöffnet waren. Seine Hand zitterte leicht, und man konnte erkennen, dass es das erste Mal war, das er so etwas tat. Doch er hatte nicht zuviel versprochen.
David verspürte nur einen kurzen Stich. Er fühlte, wie seine Sinne zu schwinden begannen, wie sich seine Umgebung verzerrte und der Boden unter seinen Füßen plötzlich weich und schwammig wurde. "Ich will nicht sterben", keuchte er. "Jetzt doch noch nicht. Helft mir doch! Helft mir, ihr alle! Ihr habt es gesehen. Ich weiß ja, dass du es auf mein Geld abgesehen hast. Nie hätte ich dich in meinem Haus aufnehmen dürfen. Helft mir doch!"
Sein Flehen wurde zu einem zusammenhanglosen Gurgeln. Er fiel rücklings in seinen Stuhl zurück, der durch das Gewicht wild hin und her schaukelte. Dann sank sein Kopf zur Seite. Er bäumte sich noch einmal auf und sackte in sich zusammen.
Zwei dunkle Gestalten verließen, sich immer wieder vorsichtig umblickend, stehenbleibend und lauschend, den Wintergarten. Mit einem leisen Klicken fiel die Glastür ins Schloss.
Zurück blieb ein toter alter Mann, dessen Hände sich um die Lehne des Schaukelstuhls gekrallt hatten. Sein Gesicht war verzerrt, seine Augen vor Entsetzen aufgerissen. Gespenstische Schatten huschten über seinen mageren, ausgemergelten Körper, und es schien, als würde das Licht der alten Gaslaterne heller scheinen als vorher.
Plötzlich lief ein Zittern durch den Philodendron. Seine Blätter bewegten sich, streckten...




