Miller | Wenn ein Herz nach Hause kommt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

Miller Wenn ein Herz nach Hause kommt


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86278-561-2
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

ISBN: 978-3-86278-561-2
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein frecher Waisenjunge stellt Steven Creeds Leben auf den Kopf. Um dem kleinen Matt ein neues Zuhause zu geben, tauscht der erfolgreiche Anwalt seine Großstadt-Kanzlei gegen eine Ranch im beschaulichen Stone Creek. Als er dort ehrenamtlich als Strafverteidiger aushilft, bekommt er es mit der örtlichen Staatsanwältin zu tun: Melissa O'Ballivan. Sie macht ihn verrückt mit ihren Argumenten - und ihren sexy langen Beinen in High Heels. Bald fliegen nicht nur im Gerichtssaal die Funken...



Nach ihren ersten Erfolgen als Schriftstellerin unternahm Linda Lael Miller längere Reisen nach Russland, Hongkong und Israel und lebte einige Zeit in London und Italien. Inzwischen ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt - in den weiten 'Wilden Westen', an den bevorzugten Schauplatz ihrer Romane.

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1. KAPITEL


Vielleicht war es sein Instinkt, der ihn weckte, vielleicht auch nur ein leichter Luftzug. Steven Creed setzte sich von der Couch auf und brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Stück für Stück kehrte die Erinnerung zurück: Zimmer 6 im Happy Wanderer Motel, Stone Creek, Arizona.

Die Tür stand offen, damit die frische Landluft in den Raum wehen konnte, die in dieser Nacht Anfang Juni ziemlich kühl, aber nicht richtig kalt war. Der kleine Junge – erst seit Kurzem Stevens Adoptivsohn – hockte auf der aus Beton gegossenen Stufe vor dem Motelzimmer. Neben ihm lag sein Lieblingsplüschtier, ein Stinktier namens Fred. Das hatte er fürsorglich in eine Decke eingewickelt, während er selbst danebensaß. Die Silhouette des Jungen im silbrigen Mondlicht verriet seine schmale Statur.

Dieser Anblick schnürte Steven die Kehle zu.

Armer Bursche. Es war nicht schwer zu erraten, auf wen er wartete. Matt hatte die dunklen Haare seines Vaters und die fast ins Violette gehenden Augen seiner Mutter geerbt. Er war ein außerordentlich intelligenter, womöglich sogar hochbegabter Junge, aber das änderte nichts daran, dass er erst fünf war.

Wie sollte er verstehen, dass seine Eltern Zack und Jillie St. John für immer fort waren? Sie würden niemals zurückkehren, auch wenn er sich noch so sehr an diese Hoffnung und diesen Wunsch klammerte.

Stevens Augen brannten, und er musste angestrengt schlucken, um den Kloß im Hals zu vertreiben.

Jillian hatte vor eineinhalb Jahren den Kampf gegen eine besonders bösartige Form von Brustkrebs verloren. Zack hatte sie nur wenige Monate lang überlebt, bis die Trauer über den Verlust für ihn zu erdrückend geworden war und er sich – mehr oder weniger – das Leben genommen hatte.

„Hey, Tex“, sagte Steven und gab sich alle Mühe, unbekümmert zu klingen, während er sich auf die Kante der dünnen, durchgelegenen Matratze auf der Schlafcouch setzte. Als sie am Abend hier ihren Stopp eingelegt hatten, hatte er dem Jungen das Bett überlassen. Mit einer Hand fuhr er sich durch sein dunkelblondes Haar. „Was ist los?“, fragte er mit heiserer Stimme. „Kannst du nicht schlafen?“

Matt drehte sich zu ihm um und schüttelte nur stumm den Kopf. Wie er so in sich zusammengesunken dahockte, wirkte er noch kleiner und schmächtiger, als er ohnehin schon war.

Steven stand von seinem Nachtlager auf, er trug nur eine schwarze Jogginghose, die schon bessere Zeiten gesehen hatte. Barfuß schritt er über den Linoleumboden bis zur Türschwelle und ließ sich neben Matt auf der Stufe nieder. Die Luft war so kühl, dass er eine Gänsehaut bekam. Matt musste frieren, da er nur seinen Schlafanzug trug. Seufzend blinzelte Steven in die Dunkelheit, wo der murmelnde Bach entlangfloss, der das Mondlicht reflektierte. Alte knorrige Eichen säumten seinen Uferlauf, im Hintergrund schimmerten bläulich die Berge.

Als Matt sich leicht gegen ihn lehnte, ging diese Geste Steven noch mehr zu Herzen als der Anblick des Jungen.

Vorsichtig legte er einen Arm um ihn, damit er ihm nicht nur Trost, sondern auch Wärme spenden konnte. „Hast du plötzlich Bedenken, ob du in deinem Alter noch zum Rancher umsatteln sollst?“, scherzte er, wobei er dachte, dass er ein leibliches Kind nicht mehr hätte lieben können als den Sohn seines besten Freundes.

Morgen früh würde Steven bei der Bank die Dokumente unterzeichnen, die ihn zum rechtmäßigen Eigentümer von zwanzig Hektar Land machten. Darauf befanden sich ein robust gebautes, aber heruntergekommenes einstöckiges Farmhaus und eine Quelle. Davon abgesehen jedoch hatte der Flecken Erde nur wenig zu bieten. Die alten Zäune waren schon vor Jahren in sich zusammengefallen, nachdem sie jahrzehntelang im Winter dem Schnee und im Frühjahr dem Regen getrotzt hatten. Die Scheune war ebenfalls ein völlig hoffnungsloser Fall. Und dennoch strahlte dieser Ort etwas aus, das Steven auf den ersten Blick in seinen Bann geschlagen hatte.

Die kleine Ranch war einmal ein gemütliches Zuhause gewesen, und das konnte sie wieder werden, wenn man viel Arbeit in sie investierte – und noch viel mehr Geld. Zum Glück war Letzteres für Steven kein Problem, dafür gab es jede Menge anderer Dinge, die ihm Kopfzerbrechen bereiteten.

Manchmal fühlte er sich genauso verloren und verlassen wie Matt.

Der Junge verzog den Mund in dem Bemühen, ein schwaches Lächeln zustande zu bringen, was umso rührender war, weil es ihn offensichtlich große Überwindung kostete.

„Ich bin doch erst fünf Jahre und drei Monate“, antwortete er nach einer Weile auf Stevens Frage in der ihm eigenen, seltsam erwachsenen Art. „Es ist nicht zu spät, Rancher zu werden. Mein Leben hat doch gerade erst angefangen.“ Die Phase, wie ein typisches Kleinkind zu reden, hatte Matt einfach übersprungen. Bis weit nach seinem zweiten Geburtstag hatte er nicht einmal ansatzweise versucht, irgendetwas zu sagen, aber von da an waren nur noch vollständige Sätze über seine Lippen gekommen.

„Fünf Jahre und drei Monate?“, wiederholte Steven und zog grinsend eine Braue hoch. „Wenn du nicht so klein wärst, würde ich sagen, du machst mir was vor. Komm schon, gib es einfach zu: Du bist genau genommen längst Großvater und gibst dich bloß als Fünfjähriger aus.“

Der bislang eigentlich immer gut bei Matt angekommene Witz traf diesmal bei dem Jungen auf taube Ohren. Er hob nur die Schultern und seufzte tief. Dann lehnte er sich mit etwas mehr Druck gegen Stevens Seite.

„Fühlst du dich einsam?“, fragte Steven, nachdem er sich geräuspert hatte.

Matt nickte und sah ihn mit großen Augen an. „Ich brauche einen Hund“, erklärte er ernst.

Während er leise und zugleich erleichtert lachte, zauste Steven ihm die rabenschwarzen Haare. Ein Hund war ein Wunsch, den er erfüllen konnte. Bei vielem anderen dagegen hätte er passen müssen.

„Sobald das Haus fertig ist, fahren wir zum Tierheim und suchen uns einen Hund aus“, versprach er Matt.

„Gibt’s da auch Ponys?“

Die Frage erheiterte Steven. Matt versuchte aus der Zusage mehr herauszuholen, was in seinem Zustand wohl ein gutes Zeichen war.

Es war nicht das erste Mal, dass sie diese Unterhaltung führten. „Du kennst unsere Abmachung, Tex“, erklärte er dem kleinen Jungen in ruhigem Tonfall. „Bevor wir Pferde halten können, brauchen wir erst neue Zäune und eine neue Scheune.“

Wieder seufzte Matt. „Das kann aber lange dauern“, warf er ein, „denn du wirst ja jeden Tag in der Stadt arbeiten.“

Steven hatte die feste Absicht, sich in Stone Creek niederzulassen und zusammen mit seinem jungen Schutzbefohlenen ein normales Leben zu führen. In seinem Fall bedeutete „normal“, dass er werktags morgens irgendwo zur Arbeit erschien und acht Stunden lang einer Beschäftigung nachging, ob er das Geld nun brauchte oder nicht.

Es war ein langwieriger Kampf gewesen, die Highschool abzuschließen, vom nachfolgenden Jurastudium und dem Examen ganz zu schweigen. Eine frustrierende Menge an Lernstörungen hatte ihm in seiner Jugend das Leben zur Hölle gemacht. Und auch wenn er diese Störungen dank umsichtiger Lehrer in den Griff bekommen hatte, hatte er dennoch einiges nachholen müssen. Bis heute kam es ihm manchmal so vor, als müsste er sich ganz besonders anstrengen.

„Ja“, bestätigte er. „Ich werde arbeiten gehen.“

„Und was ist mit mir? Wo werde ich sein, wenn du nicht da bist?“

Auch das hatten sie schon oft besprochen. Doch der kleine Kerl hatte innerhalb weniger Jahre alle Menschen verloren, die in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt hatten, darum musste er einfach immer wieder hören, dass Steven ihn nicht auch noch im Stich lassen würde.

„Du bleibst in der Zeit in einer Kindertagesstätte“, erklärte Steven ihm. „Jedenfalls bis zu deiner Einschulung im Herbst.“

Matt schob das Kinn ein wenig trotzig nach vorn, was Steven so an Zack erinnerte, dass ihm die Tränen in die Augen stiegen. Zack St. John war seit der Mittelstufe sein bester Freund gewesen – ein beliebter Sportler, exzellenter Schüler und ein rundum guter und netter Kerl. Jillies Tod hatte ihn in immer tiefere Depressionen gestürzt, bis er eines Tages bei einer Fahrt mit dem Motorrad auf einer steil abfallenden Gebirgsstraße die Kontrolle über die Maschine verloren hatte.

„Kann ich nicht mit dir ins Büro gehen?“, bat der Junge leise. „Vielleicht gefällt mir die Kita ja gar nicht. Außerdem haben wir Sommer. Wer geht denn schon im Sommer dahin?“

„Viele Kinder machen das“, erwiderte Steven und stand auf. „Und vielleicht gefällt dir die Tagesstätte ja noch besser als ein 3-D-Fernseher.“ Er hielt Matt eine Hand hin. „Jetzt komm, Tex. Leg dich wieder hin. Morgen könnte ein anstrengender Tag werden, und du musst dich bis dahin ausruhen.“

Matt griff nach dem Plüschstinktier und legte die zerschlissene Decke um sich, die er nie aus den Augen ließ. Jillie hatte sie gestrickt, um ihren Sohn nach der Geburt darin einzuwickeln, als sie ihn aus dem Krankenhaus nach Hause gebracht hatte. Seitdem hatte der Zahn der Zeit unübersehbar an der Handarbeit genagt.

Vermutlich war Matt zu alt, um noch dermaßen an seiner Babydecke zu hängen, doch Steven hätte es nicht übers Herz gebracht, sie ihm abzunehmen.

Also sah er dem Jungen zu, wie er aufstand, ins Zimmer zurückkehrte, einen kurzen Abstecher ins Bad machte und schließlich einsam und verlassen in der Mitte des Raums stehen blieb.

„Darf ich bei dir schlafen?“, fragte er. „Nur heute Nacht?“

„Ja, klar“, sagte Steven....



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