Miller | Zwischen Hölle und Morgenrot | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 362 Seiten

Miller Zwischen Hölle und Morgenrot


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7528-0304-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 362 Seiten

ISBN: 978-3-7528-0304-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Piet Höller meldet sich in einem kriegslüsternen Deutschland freiwillig zum Dienst in der Wehrmacht. Beim Eintritt in die Armee hatte er ein genaues Ziel. Sein Dienst sollte weit hinter der Front stattfinden, fern des höllischen Blutvergießens der Schlachtfelder. Der Plan geht lange Zeit auf. Er leistet seinen Dienst im besetzten Frankreich. Bis ein verhängnisvoller Brief alles aus dem Ruder laufen lässt. Seine Reise wird ihn bis nach Afrika und weit über seine persönlichen Grenzen hinausführen.

James Miller wurde 1986 im Ruhrgebiet geboren. Schon in der Schule entwickelte er eine Begeisterung für das Schreiben. Zunächst handelte es sich um Kurzgeschichten. 2020 realisierte er endlich seinen ersten Roman.
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I. Isles les Villenoy


Sein Herz raste und der Gesichtsausdruck ließ vermuten, dass ihm jemand einen Dolch in die Rippen gerammt hatte. Die pure Verzweiflung zeichnete sich in seinen, noch jungen, Gesichtszügen ab.
Da stand er nun, im November 1940, mitten in Frankreich. Einundzwanzig Jahre hatte er auf dem Buckel und eigentlich war er davon überzeugt, dass für ihn dieser Krieg in Frankreich endete. Und das ohne jemals in ernsthaften Schwierigkeiten gesteckt zu haben.
Die Zeitungen und Radiomeldungen waren voll mit Nachrichten und zum Ausdruck gebrachter Freude über siegreiche Verbände und schnelles vorrücken in allen Regionen und an allen Frontabschnitten. Es wurde nur über flüchtende Gegner und der Überlegenheit deutscher Waffentechnik berichtet.
Auch die Luftangriffe der Engländer auf Industrieanlagen verschafften diesen wohl keine Entlastung und so blieben den Briten am Ende nur erhebliche Verluste.
Der hastige Rückzug und die anschließende Kapitulation der französischen Streitkräfte vermittelte Piet den Eindruck, dass niemand das deutsche Heer aufhalten konnte.

So bekam er in seinen ersten Einsatztagen sehr gut mit, wie schwierig es war, wenn die Frontlinie schneller vorrückte als der Nachschub hinterherkam. Er gehörte zum Nachschub und die ersten Wochen des Frankreicheinsatzes bestanden hauptsächlich darin, der Front hinterher zu laufen und den Anschluss nicht zu verlieren. Es deutete also für jeden alles darauf hin, bis Ende des Jahres wieder daheim zu sein. Weihnachten bei der Familie. Das wäre ein Traum. Ein sehr optimistischer Traum. Die Frage nach dem Verursacher des Krieges stellte sich für ihn gar nicht. Sie wurden in Polen angegriffen, oder sollten angegriffen werden. So genau nahm er es damit nicht. Die Zeitungen und Radiosendungen jedenfalls berichteten davon, dass dies alles nur der Verteidigung der Heimat diente. Was in der Zeitung stand musste ja wohl der Wahrheit entsprechen. Ihm war relativ schnell klar, dass es Dinge gab, die nicht seiner Besoldungsstufe entsprachen und die hinterfragte er nicht.
Nach der Kapitulation der französischen Armee war es für ihn sehr bequem geworden in Frankreich. Seine Einheit war knappe fünfzig Kilometer vor Paris stationiert.
Die gelegentlichen Ausgänge in diese Metropole gefielen ihm, auch wenn diese jedes Mal etwas Organisationstalent erforderten.
Bis nach Paris zu kommen und vor allem wieder pünktlich zurück war nicht immer ganz so einfach.

Seit dem deutschen Einmarsch in Frankreich hatte die französische Eisenbahn noch mehr ihrer Zuverlässigkeit verloren. Von der deutschen Pünktlichkeit war ebenfalls wenig zu spüren. Diese funktionierte nur bei der Feldpost. Ein Witz den man sich während der Grundausbildung gerne erzählte, sich aber mittlerweile als Realität herausgestellt hatte. Absurderweise kam ein Großteil der Post mit dem Zug.
Das persönliche Ziel von Piet war es nach seinem Frankreichaufenthalt unbeschadet wieder zurück in sein Dorf nach Schleswig-Holstein zu kommen.
Im Idealfall sogar ohne selber Leben nehmen zu müssen. Selbstverständlich auch ohne sein eigenes Blut zu vergießen.
Die Abneigung der, vor allem männlichen, Franzosen war oft spürbar. Aber vielen Mädchen hier gefiel die Uniform und das wiederum gefiel ihm.
Da ließ es sich ertragen, dass ihm ab und zu alte Männer vor die Füße spuckten oder Beleidigungen auf Französisch vor sich hin flüsterten. Ein Mädchen wartete zu Hause nicht auf ihn und so machte er, wenn er Ausgang hatte das Beste aus seiner Freiheit. Auch wenn das Fraternisieren mit den Frauen des Feindes verboten war. Die einzige Gefahr die er aktuell sah, war, dass man ihn mit einer Französin erwischte. Dieses Risiko ging er aber gerne ein.


In seiner Einheit nahm man das, wie so viele andere Dinge auch, nicht so ernst. Die Offiziere seiner Einheit nahmen Vorschriften nicht ganz so genau und waren eher darauf bedacht selbst ein ruhiges Leben zu haben.
Wenn er etwas mutiger wäre, würden die Abende für ihn wahrscheinlich ganz anders aussehen.
 Er mochte ein Mädchen aus seinem Ort, ärgerte sich seit Jahren darüber, dass er nie den Mut gefunden hatte dieses anzusprechen und so heiratete sein Schulschwarm am Ende Piets direkte Nachbarin. In diesem Falle war das Schicksal nicht sehr gut zu ihm. Musste er den beiden doch sehr oft beim turteln zusehen.
Jetzt konnte er natürlich die Abende genießen und musste keine Rücksicht nehmen. Auch die Hackfresse, die ihm seine Else ausgespannt hatte, musste er aktuell nicht sehen. Ein Grund mehr die Abende hier zu genießen.
Er durfte sich nur nicht von spießigen Offizieren, die es hier trotz aller Freiheiten dann eben doch vereinzelt gab, erwischen lassen. Frankreich hatte ihn zum Mann gemacht. Seine ersten Erfahrungen sammelte er in einem Bordell in Paris. Wie viele andere Soldaten auch. Hier stimmte der alte Spruch: „Erst der Krieg macht dich zum Mann“ wieder. In der Grundausbildung hatte er diesen oft gehört, nun wusste er auch was damit gemeint war.
Aber nun das...

Es sollte für ihn und seine Einheit nach Griechenland gehen. Neuer Einsatzort, neuer Oberbefehlshaber, neue Aufgaben. Wahrscheinlich war es dann mit der Lockerheit vorbei. Ok, in Griechenland war das Wetter besser, aber was zum Henker sollte man da?
Ein paar Brocken französisch konnte er sprechen, griechisch nicht.
Er hatte schon von Athen gehört, von der Akropolis. Er wusste so gut wie gar nichts über Griechenland und die Griechen. Oft hielten die alten Griechen als Sinnbild für Strategie und Kampfesmut her. Aber wie viele gab es davon noch? Stimmten diese Geschichten überhaupt? Egal.
Dieser Brief passte überhaupt nicht in seine Planung. Ob sie dort genauso aufgenommen werden würden wie in Paris? Wollte man sie in Griechenland überhaupt haben? Waren es Verbündete oder waren sie Besatzer dort? Oder war Griechenland ein Schlachtfeld über das er nur noch nichts gelesen und gehört hatte?
Auch Gerüchte über einen bevorstehenden Einmarsch in Afrika hielten sich schon lange in der Truppe. Ebenfalls über Rommel, dem seine Truppe angeschlossen werden sollte.
Rommel war ein Soldat alter Schule und duldete keine schleifende Disziplin. In Piets jetziger Einheit war das Soldatenleben eher locker und kleinere Verfehlungen wurden gewissenhaft übersehen.

Von der oft propagierten deutschen Disziplin war nur sehr selten etwas zu spüren.
Die Italiener schlugen sich bereits seit einem Jahr mit den Engländern in der Wüste Afrikas und das weniger erfolgreich.
Auch wenn der Informationsfluss darüber sehr vage war, so war es doch ein offenes Geheimnis, dass Italien nicht ohne deutsche Hilfe auskommen würde. Die Ausrüstung veraltet, die Strategen der Italiener schienen mit ihren Aufgaben gnadenlos überfordert.
Wo war er da nur hineingeraten? Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr gerieten seine Gedanken außer Kontrolle. Im Brief stand was von Griechenland, da ist Afrika noch weit von entfernt. Irgendwie musste er seinen Kopf jetzt gerade bekommen.
Im jugendlichen Wahn meldete er sich 1939 freiwillig. Die Welle aus überschwänglichem Patriotismus, welche durch das ganze Land zog, hatte ihn dazu bewogen, sich freiwillig zu melden. Der Einfluss der Schule trug ebenfalls einen Teil dazu bei. Alle Jungs aus seinem Ort meldeten sich freiwillig, kneifen konnte er da nicht. Auch wenn er sich sicher war, dass sich niemand über die möglichen Konsequenzen des Kriegseinsatzes Gedanken gemacht hatte. Er, so musste er sich das eingestehen, ebenfalls nicht. Seinen Vater wollte er auf keinen Fall enttäuschen. Dieser leistete bereits seinen Dienst im letzten großen Krieg und fing sich dort eine Kugel im linken Oberschenkel ein.
Er sah es als seine Pflicht an dem Beispiel seines Vaters zu folgen. Ohne die daraus resultierende Schusswunde selbstverständlich. Piets Vater sah in Hitler einen Heilsbringer, welcher dem Land lange gefehlt hatte. Jemand der sie nicht sinnlos an der Front verheizen würde, wie der Kaiser es getan hatte. Ein Feldherr, der die Schrecken des Krieges kannte und niemanden sinnloser Gefahren aussetzen würde. Ein Mensch, der nur auf das Wohl des Volkes und nicht auf sein eigenes bedacht war. Wirklich begründen konnte er dies nie, aber die Worte seines Vaters hatten wie immer für Piet Gewicht. Selbst wenn er ihm, was die Begeisterung für den Führer anging, nicht folgen konnte. Politiker waren für ihn alle gleich.
Sein Opa wiederum hatte ihn deutlich gewarnt. Er kämpfte ebenfalls im letzten großen Krieg und wurde in die Schulter getroffen, irgendwo hier in Frankreich. Wo genau hatte er ihm nie gesagt. Die Verletzung schränkte ihn heute noch ein, so dass Oma auf dem Hofe deutlich mehr helfen musste als es ihr lieb war.
Der Opa hielt nicht viel von Hitler, daraus machte er – zumindest hinter verschlossenen Türen – auch keinen Hehl.
Diese völlig unterschiedlichen Positionen sorgten nicht selten für Stress am heimischen Esstisch.
Piet lebte vor seinem Aufbruch mit seinen Eltern und den Großeltern der väterlichen Seite gemeinsam auf einem kleinen Hof.
Politik war Piet grundsätzlich ziemlich egal. Er sah es als seine Pflicht an, seinen Beitrag zu diesem Krieg zu leisten und seinen Vater stolz zu machen. Dass beide Beteiligten angeschossen wurden verdrängte Piet bei allen seinen Überlegungen.
Jeden Tag hörte er in der Schule und las er in den Zeitungen, dass die halbe Welt nur darauf wartete seine Heimat zu vernichten, wie konnte er da anders? Es wäre doch das Werk eines Feiglings sich nicht den Feinden seiner Heimat entgegenzustellen oder zumindest dabei zu helfen, dass sich andere problemlos dem Feinde entgegenwerfen können.
Nach Polen verschlug es ihn nie, wofür er auch recht dankbar war. Er hörte...



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