E-Book, Deutsch, Band 3, 224 Seiten
Reihe: Cobb, Anna Galanti
Millns Blutroter Rhein
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96041-248-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 3, 224 Seiten
Reihe: Cobb, Anna Galanti
ISBN: 978-3-96041-248-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Walter Millns wurde 1963 in London geboren und wuchs in Graz und Olten auf. Heute lebt er mit seiner Familie in Schaffhausen. Er schreibt Krimis, Kurzgeschichten, Hörspiele und Theaterstücke, inszeniert und zeichnet. Im Sommer schwimmt er im Rhein, im Winter spaziert er am Ufer entlang.
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1
Anna Galati nahm die Schwimmbrille vom Gesicht und schwenkte sie im Wasser. Frauen und Männer droschen mit den Händen auf die Oberfläche ein. Wenn sie den Beckenrand berührten, rissen sie den linken Arm hoch und starrten auf die Uhr. Der Atem ging keuchend. Dann gab der Computer am Handgelenk einen Befehl, und sie patschten weiter. Nach fünfzig Metern Crawl hechelten sie erneut nach Luft.
Letzte Trainingseinheiten, bevor die Freizeitathleten im Wettkampf gegeneinander antraten. Der Schaffhauser Triathlon stand bevor.
Galati setzte die Schwimmbrille auf und tauchte ab. Die Füsse suchten den Widerstand des Beckenrands. Während sie unter Wasser dahinglitt, drehte sie sich auf den Rücken. Die Hände fassten sich weit über dem Scheitel, die gestreckten Arme berührten leicht die Ohren. Luft verliess Nase und Mund und rauschte als glitzernde Perlen erst den Körper entlang und dann an die Wasseroberfläche. Als sie auftauchte, bewegte sie sich in Rückenlage fort. Die Wellenbewegungen der Rumpfmuskulatur trieben sie vorwärts. Delphinbeinschlag.
Der Himmel war klar. Eine Krähe flog ins Blickfeld und verliess es wieder. Kondensstreifen verblassten. Galati spürte das Geschwurbel der Mitschwimmerinnen und Mitschwimmer. Nach knapp fünfzig Metern schwamm sie unter einer Leine hindurch. Sie drehte sich auf den Bauch und crawlte die restlichen paar Meter bis zum Beckenrand.
Für die nächste Länge nahm sie die Arme zu Hilfe. Sie schnellten zu beiden Seiten aus dem Wasser, um weit vorne gleichzeitig wieder einzutauchen. Der Körper bewegte sich peitschenartig, die Arme zogen ihn vorwärts. Der Kopf blieb tief, die Atmung war kaum zu erkennen. Galati schien übers Wasser zu fliegen. Schwerelos.
Sie stiess wieder ab, schwamm auf dem Rücken weiter und atmete tief. Der Körper versuchte das Sauerstoffdefizit wettzumachen. Sie liess sich treiben und löste die angespannte Muskulatur ihres Nackens, indem sie den Kopf leicht hin und her rollte.
Die Brille hatte sich wieder beschlagen. Galati nahm nur Schatten wahr. Einige lagen flach im Wasser und zogen an ihr vorbei. Ihr Blick blieb an einer Figur hängen, die beinahe senkrecht vor sich hin strampelte. Dicker Bauch und dünne Beine. Wie eine Kröte. Sie schob die Brille in die Stirn und schaute genauer hin. Das Gesicht des Mannes kam bis knapp an die Wasseroberfläche und tauchte wieder ab. Das Strampeln wurde heftiger. Sie hörte den Lärm der Kinder, die sich im Wasser vergnügten, sah Körper in grotesken Verrenkungen vom Sprungbrett springen und Sonnenbadende am Beckenrand dösen. Niemand hatte die Kröte bemerkt.
Ein Ertrinkender geht zweimal unter. Einmal im Wasser und einmal in der Menge. Wer ertrinkt, schreit nicht. Zu wenig Sauerstoff.
Sie näherte sich dem Mann, der versuchte, das Gesicht über Wasser zu halten. Er wirkte jung. Ein Flaumbart verdeckte einen Teil der Narbe, die sich parallel zur Nase von der Stirn bis zum Kinn zog.
Der Mann bemerkte sie und ruderte heftiger. Galati redete auf ihn ein, um ihn zu beruhigen. Es half nichts. Er schwurbelte wilder und tauchte unter. Mit zwei Armzügen war sie bei ihm. Er klammerte sich an ihren Hals. Sie drohten gemeinsam unterzugehen. Grob schob sie den rechten Unterarm zwischen sich und den Mann und presste ihm die Hand aufs Gesicht. Sie drückte es weg und kriegte den linken Arm zu fassen. Er schlug mit dem freien Arm um sich.
Galati drehte ihn auf den Rücken und hielt seine linke Hand zwischen den Schulterblättern fest, während sie ihn unterhalb des Kinns packte. Fesselschleppgriff.
Die Kröte war zu erschöpft, um sich selbst aus dem Wasser zu ziehen. Galati schob, bis wenigstens der Oberkörper auf dem Beckenrand lag. Sie schwang sich aus dem Wasser, packte die Arme des Mannes und riss ihn hoch. Schlaff glitt er auf die Steinplatten, keuchte und spuckte Wasser.
«Solche wie den sollte man einfach absaufen lassen.» Ein fetter Kerl in bunten Badeshorts grinste blöd seinen spindeldürren Kumpel an. Der lachte schief zurück. «Ja, und nicht erst hier. Im Mittelmeer ist genügend Platz.»
Galati drehte sich um. «Wie wär’s, wenn Dick und Doof den Bademeister holen würden?»
«Au fein, der kann ihm gleich noch ein paar Elektroschocks verpassen», sprach der Dicke.
«Ja, mit dem Defi… Debrifi…»
«Defibrillator», kam der Dicke zu Hilfe.
Die Badegäste hatten inzwischen bemerkt, dass sich ein kleines Drama ereignet hatte. Eine beachtliche Traube stand um Galati und den jungen Mann. Vom Bademeister keine Spur. Sie wies einen Jugendlichen an, dafür zu sorgen, dass der Mann seitwärts liegen blieb, und machte sich auf die Suche.
Sie fand ihn bei den Sprungbrettern. Er beugte sich eben zu einem Mädchen hinunter. Die Kleine brüllte. Blut rann ihr übers Gesicht und färbte die blonden Strähnen rot. Die Mutter hob ihre Tochter hoch und trug sie zum Hauptgebäude. Damit war der Bikini ruiniert. Der Bademeister folgte. Galati holte die Gruppe ein.
«Entschuldigen Sie.»
Der Bademeister drehte sich zu ihr um. «Würden Sie bitte einen Moment warten. Das Kind braucht ein Pflaster.»
«Sie hat sich am Sprungbrett den Kopf angeschlagen.» Das Gesicht der Mutter war besorgt.
«Sieht schlimmer aus, als es ist», entgegnete der Bademeister.
«Da ist überall Blut, wir brauchen einen Rettungswagen.»
«Ich schlage vor, dass wir es erst mit einem Pflaster versuchen.» Der Bademeister ging weiter.
Galati stellte sich den dreien in den Weg. «Ich habe einen Mann aus dem Wasser gezogen.»
Der Bademeister blieb stehen. «Sein Zustand?»
«Schwer zu sagen.»
Er schob die Mama samt heulendem Kind weiter. «Begeben Sie sich ins Büro. Dort wird man Ihr Kind verarzten.»
«Aber …» Die Frau sah ihn entgeistert an. «Sie ist verletzt.»
«Ja. Deshalb wird man sie verarzten. Ich muss mich um einen Notfall kümmern.»
Die Frau kreischte. «Das hier ist ein Notfall.»
Der Bademeister liess sie stehen und folgte Galati. Die Menschenmenge löste sich eben auf. An dem Ort, wo die Kröte gelegen hatte, war ein nasser Fleck geblieben.
Galati wandte sich an den Jugendlichen, der bei dem Mann geblieben war. «Wo ist er?»
Der Jugendliche rieb sich die Oberarme. «Ich weiss nicht. Zuerst lag er so da. Dann setzte er sich auf und sah uns an. Dann ist er aufgesprungen.» Er deutete flüchtig auf eine Stelle. «Dort ist er noch einmal hingefallen. Einer hat ihn hochgezogen. Ein Blonder. Dann war er weg.»
Der Bademeister kratzte sich am Kopf. «Wird wohl nicht so schlimm gewesen sein.»
«Tut mir leid», sagte Galati.
«Keine Ursache. Besser das, als mich mit der hysterischen Kuh rumschlagen zu müssen.»
«Na dann.»
«Was dagegen, wenn ich Sie zu einem Kaffee einlade?»
«Nein.»
Der Bademeister sprach ein paar Worte ins Funkgerät und ging ins Restaurant. Mit zwei Tassen in der Hand kehrte er zurück.
«Cappuccino?», fragte er.
«Eigentlich Espresso.»
«Die meisten Frauen trinken Cappuccino.»
«Besser als nichts.»
Sie setzten sich an einen Tisch. Galati rührte Zucker in die Tasse.
Der Bademeister nahm einen Schluck. Galati zündete sich eine Zigarette an. «Auch eine?»
«Nein, leider. Während der Arbeit darf ich nicht. – Wäre er abgesoffen?»
«Ja.» Galati dachte zwei Jahrzehnte zurück. Lauer Sommerabend in Olten. Die Aare plätscherte ruhig dahin. Es begann mit ein paar Freunden und einigen Bieren. Und endete damit, dass das Bier alle war und ein Freund fehlte. Sie drückte die Zigarette in den Aschenbecher.
Das Funkgerät knisterte. Der Bademeister hielt es ans Ohr. Er nickte, sagte, dass er vorbeikommen werde, und sah Galati an. «Ich sollte weiter. Über den Vorfall muss ich einen kurzen Bericht verfassen. Wäre es möglich, dass Sie mir Ihre Handynummer hinterlassen? Falls Fragen auftauchen.»
«Klar.»
Der Bademeister legte ihr Zettel und Stift hin. Als sie fertig war, packte er beides zurück in seine Brusttasche. «Ich heisse übrigens Rudi.»
«Anna.»
«War schön, dich kennenzulernen.»
«Danke für den Cappuccino.»
«Keine Ursache. Ging aufs Haus.» Er machte sich fort zum Hauptgebäude.
Galati schwang die Badetasche über die Schulter und stellte sich in die Schlange im Restaurant. Sie nahm einen doppelten Espresso. Zurück am Tisch schaute sie übers Schwimmbecken.
Das Handy vibrierte in der Tasche. Sie wühlte und zog es hervor. Cobb rief an.
«Ja?»
«Es reicht nicht mehr.»
«Was denn?»
«Das Möbel. Wir wollten doch vor Ladenschluss noch das Möbel holen.»
«Die Kommode?»
«Ja. Geht leider nicht. Der Chef hat mir einen Termin reingedrückt.»
«Schade.»
«Nein, scheisse.»
«Sehe ich dich heute noch?»
«Eher nicht.»
«Ja oder nein?»
«Nein.»
«Gut, dann bis morgen.» Sie warf das Handy zurück in die Tasche.
Die Sonne stand tiefer. Das Licht fiel schräg ein und wurde vom Wasser zurückgeworfen. Die Sportler hatten sich verzogen. Einige ältere Damen und Herren hatten die Bahnen übernommen. Die Sprungbretter standen verlassen. Die Jungs und Mädchen stopften Pommes in sich hinein oder rauchten heimlich im Gebüsch.
Galati hatte sich eben eine weitere Zigarette angezündet und gleichzeitig gedacht, dass sie die Raucherei allmählich sein lassen sollte, als ein Mädchen an ihrem Tisch auftauchte.
«Sie sind doch die Bademeisterin.»
«Ich? Nein.»
«Doch, Sie haben den Mann gerettet. Den mit dem dicken Bauch.»
«Ja, das stimmt.»
«Mit dem komischen Gesicht.»
«Ja.»
«Ich habe was.» Sie schob einen Plastiksack...




