E-Book, Deutsch, 264 Seiten
Milsch Sieben Sekunden Luft
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7099-8432-1
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-7099-8432-1
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Luca Mael Milsch ist freie*r Übersetzer*in, Lektor*in, Kurator*in, Moderator*in und Autor*in. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften war Milsch in der Programmleitung des Literarischen Salons Hannover tätig. Neben zahlreichen Übersetzungen, zuletzt 'Happy End' (S. Fischer Verlag) von Andrew Sean Greer, Publikationen in Anthologien, Literaturzeitschriften und Magazinen, schrieb Milsch an dem Romandebüt 'Sieben Sekunden Luft'. Für einen Auszug davon war Milsch Stipendiat*in der Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. Ein vielstimmiger, eindringlicher Text, der nach Klängen in einem scheinbar unabänderlichen Raum der Stille sucht.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1995
I
Mama kommt meistens später nach Hause, weil sie eigentlich immer länger arbeitet. Ich habe mir nach der Schule eine Tiefkühllasagne gemacht und mich mit meiner Apfelschorle vor den Fernseher gesetzt. Ich soll die kleinen Flaschen nicht zuhause nehmen, die sind eigentlich für unterwegs. Aber egal, es macht einfach mehr Spaß, und ich muss kein Glas dreckig machen. Auf dem Sofa versinke ich manchmal, Mama sagt: versacken. Ich gucke in der Küche, was sonst so da ist, weil ich immer noch hungrig bin, und wir haben noch eine angebrochene Tüte Chips und außerdem Eis, aber alles abgezählt und wenn, gibt es das abends, wenn Mama da ist und guckt. Im Kühlschrank steht noch ein Joghurt, immerhin, da ist es, glaub ich, nicht so schlimm, wenn ich den nehme. Dann gehe ich wieder zurück ins Wohnzimmer.
Manchmal fasse ich den Bildschirm unseres Fernsehers an, obwohl mir Mama das eigentlich verboten hat. Sowieso soll ich nicht zu nah an das Gerät rangehen, weil das ungesund ist und ich ihn nicht aus Versehen kaputt machen soll. Wenn ich die Oberfläche berühre, während eine Sendung läuft, dann knistert es laut und ich zucke kurz zusammen vor Schreck, obwohl ich ja weiß, dass das passiert, aber irgendwie vergesse ich es jedes Mal. Ich hab mir schon öfters gewünscht, durch die Zeit zu fallen oder komplett zu verschwinden, und ich wünschte einfach, etwas könnte mich in die Sendung reinziehen, die ich gucke, und weg wäre ich.
Als ich dann Mamas Schlüssel höre, muss es schnell gehen. Deswegen habe ich schon vorher das Geschirr und den Müll in die Küche geräumt und in meinem Zimmer mein Aufgabenheft für Mathe und das Buch auf den Tisch gelegt, ich muss mich nur noch dransetzen. Aber sie merkt natürlich sofort, dass ich bis eben noch auf dem Sofa saß, der Fernseher ist noch warm. Sie ist ja nicht doof, und geht immer als Erstes, wenn sie ihre Jacke aufgehängt hat, ins Wohnzimmer und fühlt und kommt dann direkt in mein Zimmer, wo ich vor meinem Heft sitze und auf das Blatt starre, ohne dass auch nur eine Aufgabe gemacht ist.
Ich dachte, sie schreit rum, und erst sah es auch danach aus, aber sie hat nur ihren Blick aufgesetzt, diesen Blick, der nur für mich reserviert ist. Den habe ich sonst noch für niemanden bei ihr gesehen und ich glaube, dass auch nur ich verstehe, was sie sagen will damit. Und ich höre es. Sie muss nicht rumschreien, sie muss mir nicht sagen, dass ich wenigstens vorher die paar Aufgaben hätte machen sollen, oder den Fernseher früher ausstellen, und sie nicht für dumm verkaufen. Wenigstens das. Und das alles sagt sie mit ihren Augen, mehr braucht sie dafür nicht.
Ich bin ja nicht mal schlecht in der Schule. In Musik hatte ich letztens eine Eins und Frau Donath hat das sogar vor der ganzen Klasse gesagt. Ich war natürlich stolz, aber das darf man nicht so zeigen. Also hab ich mich innerlich gefreut und nur ein ganz bisschen gelächelt. Man soll sich nicht so aufspielen, wenn es mal gut läuft, damit die anderen nicht anfangen einen doof zu finden, sagt Mama. Denn so ist das halt.
Nachdem sie vorhin geschimpft hat, also ohne überhaupt mit mir zu sprechen, kam sie dann doch noch mal in mein Zimmer zum Gute-Nacht-Sagen. Und klar ging es dann ums Klavierspielen, weil ich mal wieder nicht geübt habe. Kaum wer muss ein Instrument lernen, nur ein paar Streber aus meiner Schule. Die wohnen aber ganz woanders, nicht hier in der Gegend, und die werden immer zur Musikstunde gefahren und müssen nicht wie ich den Bus nehmen. Dass ich keine Lust habe zu spielen, ist Mama egal, weil aus mir was werden soll, und den Rest verstehe ich eh nicht, sagt sie. Früher hab ich noch gedacht, sie kriegt das nicht mit, wenn ich nicht übe, aber ich weiß jetzt, dass sie alles mitbekommt. Sie fragt dann zum Beispiel die Nachbarin aus der Wohnung unter uns. Ganz zufällig geht jedes Mal deren Tür auf, wenn ich von der Schule nach Hause komme und im Treppenhaus an ihrer Wohnung vorbei, und dann fragt sie mich irgendwelche blöden Fragen oder will, dass ich zu ihr reinkomme und da esse. Aber ich sage jedes Mal ‚nein‘, weil die komisch ist, und außerdem riecht es aus ihrer Wohnung immer so eklig. Mama sagt zwar, dass die eine Klatsche hat, trotzdem wiederholt sie vor mir, was ihr die Nachbarin erzählt hat, aber ganz leise, denn die soll das nicht hören. Dafür kommt sie ganz nah an mein Gesicht ran, und ich muss mich zwingen, keine Miene zu verziehen, obwohl aus ihrem Mund ein säuerlicher Geruch kommt und mir davon schlecht wird: Sie hätte heute keinen einzigen Ton Musik aus der Wohnung gehört, nur den Fernseher. Und ob ich nicht wissen würde, dass nur was dabei rumkommt, wenn ich auch jeden Tag übe, und nicht nur die rechte Hand, mit der es einfach ist, sondern auch die linke und beide zusammen und mehrere Stunden, sonst wird das nie was. Und ich weiß das ja eigentlich, dass man mich durch die Wände hören kann, aber an manchen Nachmittagen bin ich einfach zu faul oder zu dumm oder keine Ahnung. Und ich schwöre mir in diesem Moment, dass ich jetzt auf jeden Fall niemals in meinem ganzen Leben in deren scheiß Wohnung gehe, weil unsere Nachbarin es auf mich abgesehen hat.
Ich glaube übrigens, ich muss mein Tagebuch wieder besser verstecken. Da bin ich nicht zu hundert Prozent sicher, aber letztens sitzen wir so beim Abendbrot und dann sagt Mama Sachen, die niemand weiß und die auch die Nachbarin nicht mithören kann. Vielleicht kann Mama auch heimlich Gedanken lesen, ich weiß es nicht, ehrlich. Und ich sage auch nichts dazu, weil sie dann sauer wird und schreit. Dann ist sie so wütend, da reicht in mein Zimmer rein und ganz nah an mein Gesicht kommen nicht. Deswegen versuche ich, dass solche Situationen eher nicht passieren. Ich habe aber schon mal überlegt, kleine Nachrichten in mein Tagebuch zu schreiben, so: Hallo, Mama. Wie geht es dir? Mir geht es gut. Aber davor hatte ich dann doch zu viel Angst. Ich hab die Seiten lieber rausgenommen und in ganz kleine Stücke gerissen, und die eine Hälfte habe ich auf dem Weg zur Schule in die Mülleimer am Straßenrand geschmissen, und die andere an der Bushaltestelle ins Gestrüpp geworfen. Und dann bin ich natürlich zu spät gekommen, aber das machte nichts, weil wir am Montag in der Ersten immer Mathe bei Herrn Frank haben und wir da meistens eh fünf Minuten später anfangen, weil der kein Auto hat und immer mit der Bahn kommt, die an dem Morgen mal wieder Verspätung hatte. Mama sagt, der ist ein Öko, und sie lacht dann laut, während ich mir meinen Toast mit Nutella beschmiere und Mama mir ein Graubrot mit Frischkäse und Gurke für die Schule macht. Das ist sehr gesund. Meistens esse ich das aber nicht, weil ich es einfach nicht mehr mag. Mama weiß es vermutlich nicht, aber sie schmiert mir dieses Brot schon seit zwei Schuljahren jeden Tag. Und ich kriege, wenn ich das Brot nur sehe, schon einen Kloß im Hals, und vom Geruch von Frischkäse mit Kräutern wird mir übel. Ganz von alleine.
Das Brot ist immer in Alufolie eingewickelt, weil Brotdosen rausgeschmissenes Geld sind, vor allem, wenn man sie verliert, und ich verliere ständig Sachen. Weil ich das Alufolienbrot immer vorne in die Schultasche reintue und dann mit dem Bus fahre und die Tasche im Bus nicht absetze, sondern mich mit der hinsetze und dabei das Brot schon längst vergessen habe, ist es jedes Mal ganz zermatscht, wenn ich es in der ersten großen Pause raushole. Die Brotscheiben haben sich mit dem Frischkäse, der Gurke und der Alufolie zu einem Klumpen zusammengetan, richtig eklig. Es ist mir auch peinlich, weil von den anderen haben manche so blaue und rote Brotboxen, und da sind richtige Brötchen drin und manchmal auch Apfelschnitze. Aber das liegt auch daran, dass die anderen Mütter nicht alleinerziehend sind. Und nicht richtig arbeiten müssen.
Ich habe eben noch eine Weile im Flur gehockt. Mama telefoniert wieder, und ich höre ihr oft dabei zu. Sie erzählt mir nicht so viel, oder nicht die Wahrheit, und ich weiß nie so richtig, was los ist. Am Telefon ist eine Freundin, ich wusste aber erst nicht genau, welche. Mama hat da ein paar, und die kommen oft zu Besuch, entweder einzeln oder alle zusammen, und dann sitzen sie im Wohnzimmer und rauchen und trinken Prosecco oder Weißwein und erzählen sich was und lachen ganz laut. Dann ist die Stimmung gut und ich verziehe mich in mein Zimmer oder lausche im Flur ein bisschen, obwohl man kaum ein Wort verstehen kann, weil die meistens alle gleichzeitig sprechen. Die eine wird jedes Mal von ihrem Mann abgeholt, die andere fährt immer betrunken mit dem Auto nach Hause, der Rest wohnt im Haus oder um die Ecke.
Es war, glaub ich, die Freundin, die Mama und mir bei uns zuhause die Haare schneidet. Ich habe nur das Wort ‚Strauchdieb‘ gehört, und das benutzt Mama eigentlich nur, um meine Frisur zu beschreiben oder ihre eigene. Das heißt dann, dass wir wieder einen Termin brauchen. Und ich wollte erst weggehen, weil ich so schief im Flur gehockt habe und langsam einen Krampf in meinen Beinen hatte, und Mama hat ja auch nur von ihrem blöden Job gesprochen und dass ihr Chef ein Idiot ist und dass sie sich den Arsch für ihn aufreißt und alles für ihn machen muss, obwohl sie eigentlich nur seine Buchhaltung machen soll, und dafür zu wenig Geld bekommt. Außerdem kriegt sie für mich noch nicht mal richtigen Unterhalt, nur das blöde Kindergeld, und das ist zu wenig. Und weil ich diese Geschichten schon kenne, wollte ich direkt aufstehen und in mein Zimmer gehen. Aber dann fing sie doch noch an, von mir zu erzählen. Es ist zwar immer das Gleiche, aber irgendwie bleibe ich doch jedes Mal und höre hin. Ich weiß, dass ich zu wenig helfe und dass ein Kind teuer ist. Dabei versuche ich schon, dass ich nicht so viel koste. Zum Beispiel manchmal sage ich gar nicht Bescheid,...




