Mina | Blut Salz Wasser | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Mina Blut Salz Wasser

Kriminalroman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95988-119-7
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-95988-119-7
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Iain Fraser stammt aus Helensburgh. War lange weg, eine Haftstrafe absitzen. Jetzt ist er zurück. Und muss tun, was sein Boss von ihm erwartet, egal wie, egal was. Aber eine arglose Frau zu töten ist verdammt finster. Das wird Iain nicht mehr los. Inzwischen steht Detective Inspector Alex Morrow vor einem Rätsel. Die von der Polizei überwachte Roxanna Fuentecilla ist verschwunden - sehr peinlich, zumal die Spanierin in einen Fall von Wirtschaftskriminalität verwickelt ist, der dem frisch verschlankten Budget der zuständigen Ermittlungsabteilung helfen sollte. Die Leiche, die im Loch Lomond treibt, ist jedoch nicht die der Gesuchten. Morrow hat also zusätzlich einen Mordfall am Hals. Und der führt sie nach Helensburgh ... Denise Mina, in Großbritannien als Queen of Tartan Noir gefeiert, schreibt raffiniert verflochtene Pageturner mit Ecken und Kanten. Blut Salz Wasser wechselt zwischen den Perspektiven des Täters, der Ermittlerin und von Nebenfiguren und knüpft ein komplexes Panorama sozialer Wirklichkeit: eine schottische Kleinstadt kurz vor dem Referendum, eine Welt für sich - doch zugleich eine verblüffend repräsentative literarische Welt, die tiefe Einblicke in die moderne Gesellschaft gewährt.

Denise Mina, Jahrgang 1966, brach nach einer rastlosen Kindheit in Glasgow, Paris, London, Invergordon, Bergen und Perth die Schule ab, jobbte halbherzig in einer Fleischfabrik, in Bars, als Köchin und als Krankenpflegehelferin, qualifizierte sich per Abendschule fürs Jurastudium an der Universität Glasgow. Statt danach wie geplant in Kriminologie und Strafrecht zu promovieren, begann sie Kriminalliteratur zu schreiben. 2014 aufgenommen in die Crime Writers' Association Hall of Fame. Sie hat 12 Romane publiziert, außerdem verfasst sie Shortstorys, Bühnenstücke, Graphic Novels und macht TV- und Radiosendungen. Denise Mina lebt in Glasgow.

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4.
Im Transporter, auf der Rückfahrt. Tommy und Iain kehrten aus der Wildnis nach Helensburgh zurück, auf einer Straße, die durch das Postkartenschottland führte. Auf den hohen, schroffen Hügeln hängte sich Nebel über die kleinen Seen, und Regen verdunkelte die Felswände. Iain hatte einen Widerhaken in seinem Hals. Die Frau, die tote Frau, ihr Atem steckte dort fest, nur einen Huster entfernt. Warum war sie mit ihnen mitgegangen? Was hatte sie gedacht, was passieren würde? Iain spürte, wie der Haken in seiner Kehle pulsierte und sich verengte, als wollte sie es ihm erklären. Er versuchte sich aus diesem Zustand herauszuwinden. Es war eine gute Sache, sagte er sich. Jetzt ist es erledigt, und die Schulden sind bezahlt. Aber das Gift tief in ihm drin verschwand nicht. »Du bist so still.« Tommy beschleunigte in einer engen Kurve, das Fahrgestell des alten Transporters stöhnte. »Hat dich das fertiggemacht?« In seinem Mundwinkel zuckte ein ­Lächeln. Tommy geilte sich daran auf, einen auf Gangster zu machen, aber er war keiner. Er war noch nie im Knast gewesen. Iain wusste, wie er sich dort aufgeführt hätte: Bei Zusammenkünften hätte er sich in seiner Zelle zusammengekauert, und um Schutz zu erhalten, die Unterhosen irgendeines Verbrechers mit der Hand gewaschen. Iain hatte lange eingesessen. Er war immer der Schläger für einen wichtigeren Mann gewesen und hatte seine Zeit mit Würde abgesessen. Er war jetzt seit acht Monaten draußen, aber im Kopf immer noch Seifenspender. Seifenspender: ein Gefangener, dem man anvertraute, Hygieneartikel und Stifte zu verteilen. Seifenspender standen irgendwo zwischen Schließern und Gefangenen. Sie waren der moralische Kompromiss, der das gesamte System am Laufen hielt. Sie waren die geschmähten Bewahrer der Ordnung. Jeder fühlte sich ihnen überlegen, das wusste Iain, aber jeder fügte sich in den Kompromiss, weil jeder etwas wollte. Die Ordnung zu bewahren hieß nicht, eine Frau zu töten. Das war etwas anderes. »Ist es so?«, fragte Tommy. »Hat es dich fertiggemacht?« Iain schüttelte den Kopf. »Sag mal, sie wird doch nicht etwa am Strand von Loch ­Lomond Shores beim Kinderkarussell angespült werden, oder?« Das würde sie nicht. Loch Lomond war stellenweise Kilo­meter tief. Es gab nur eine Richtung: runter. Segler ohne Schwimmwesten, Schwimmer und Wochenendkanuten wurden von der Strömung hinabgezogen und durch die Kälte des tiefen Wassers gelähmt. Sie tauchten wochenlang nicht wieder auf. Manchmal tauchten sie nie mehr auf. Iain starrte auf seine Hände. Ihr Blut klebte verdünnt an seinen Ärmelaufschlägen und unter seinen Nägeln. Das war nun einer der wenigen brauchbaren Ratschläge, die ihm ­Sheila jemals mitgegeben hatte, und er hatte ihn vergessen, als es ­darauf ankam: Salzwasser löst Blut, nur Salzwasser. Das hier war ein Süßwassersee. Nachdem sie sie über den Bootsrand geworfen hatten, sah Iain seine blutigen Finger. Er wollte sauber sein und tauchte sie ins Wasser. Er rechnete damit, dass es warm sein würde, ein Gefühl, wie wenn man die Hände an einem kalten Wintermorgen unter die Decke steckt, aber das Wasser war stechend kalt. Er riss seine brennenden Hände heraus, die sich zu Klauen zusammengezogen hatten, und keuchte vor Schock, während ihm das blutige Wasser an den Unterarmen herunterlief. Seine Hände sahen fremd aus, als gehörten sie nicht zu ihm. Und jetzt trockneten die Ärmel in der Heizungsluft des Transporters und verkrusteten. Sie fuhren weiter, überholten einen Waitrose-Lieferwagen. »Ich war mal in so ’nem Waitrose-Laden. Keine Ahnung, was alle daran finden.« Tommy war wild entschlossen zu plaudern. »Kommst du zum Tanzdinner?« Iain sah ihn an. »Morgen Abend?« Tommy leckte sich den Mundwinkel, hielt den Blick auf die Straße gerichtet. »Hast du schon ’ne Karte?« Iain nickte. Das Kinderhospiz-Tanzdinner. Iain hatte es vergessen. Er hatte tatsächlich eine Karte. Jeder hatte eine Karte. Mark Barratt stellte klar, dass sie alle da hinmussten. Er wollte, dass jeder teilnahm, weil seine Nichte krank war und weil es für einen guten Zweck war. Wee Paul, Marks Nummer zwei, nervte ununterbrochen, bis ihm alle belegten, dass sie eine Karte hatten. Alle taten, was Mark wollte. Mark selbst ging nicht hin. Er war in Barcelona, während die Sache mit der Frau erledigt wurde. Alibi. Das Privileg des Managements, sagte er. »Hey, hast du dir schon Gedanken über ›Ja‹ gemacht? ›­Babys statt Bomben‹, na? Schon drüber nachgedacht?« Tommy versuchte ständig, das Unabhängigkeitsreferendum ins Spiel zu bringen und auf »Ja« zu drängen. Der Flottenstützpunkt in der Nähe bedeutete, dass es gut einen Kilometer die Küste runter Atombomben gab. Das Unabhängigkeitslager hatte versprochen, dafür zu sorgen, dass sie wegkamen, und das Geld stattdessen in so was wie Kinderkrippen zu stecken. »Darum geht’s uns. Die Zukunft. Hoffnung, ja?« Iain nickte. Er pflichtete jedem einfach bei. Er ging nie zu Wahlen. Er hatte sich nicht mal dafür registriert. Mark sagte, sie sollten alle dagegen stimmen. Er sagte, Unabhängigkeit würde seinen Geschäften in Europa schaden. »Kriegst den Mund nicht auf, Kumpel?« Iain sagte nichts. Ihm war so elend, dass er nicht wusste, ob er sprechen konnte. »Ach, vielleicht bist du einfach nur müde.« Einfach nur müde. Seltsam, dass Tommy sich so ausdrückte, es so sagte wie Sheila früher. Iain dachte eigentlich gerade nicht an sie, aber er hatte den Eindruck, dass er kurz davor ­gewesen war. Was er geglaubt hatte, die Frau sagen zu hören, war dumm, aber es schien, als sei Sheila entschlossen, sich zurück in seinen Kopf zu kämpfen, und diesmal über Tommy. Einfach nur müde. Als Iain jung war und mit blutigen Fäusten oder einem zerschlagenen Gesicht oder einer Tasche mit Sachen, die er eigentlich nicht haben sollte, nach Hause kam und ihr nicht erzählen wollte, was oder warum, dann sagte sie immer, vielleicht sei er »einfach nur müde«, und machte ihm ein Tässchen Tee. Sheila starb so jung, dass er in ihr immer nur seine Mutter gesehen hatte. Er hatte nie Gelegenheit gehabt, sie als etwas anderes wahrzunehmen. Das einzige Mal, wo er sie als eigenständige Person betrachtete, die mehr als nur ihn hatte und bei der es um mehr als nur ihn ging, war bei ihrer Einäscherung. Irgendein Typ sprach über Jesus. Kein Pfarrer, obwohl ihr das gefallen hätte. Hinter geschlossenen roten Vorhängen ­kündigte ein quietschendes Rädchen an, dass der Sarg heruntergelassen wurde. Iain fragte sich, was mit den Metallplatten in ihrem Kopf geschehen würde. Bei welcher Temperatur verbrannten sie ihren Körper? Würde das Metall schmelzen, oder würde nur alles drumherum verbrennen? Er stellte sich vor, wie der Schädel, an dem sie befestigt waren, wie ein Stück Butter in der Pfanne schmolz und die Platten aufeinanderstürzten, müde Wände eines Hauses. Einfach nur müde. Metallplatten in Kopf und Kiefer. Der Kerl, der sie geschlagen hatte, war nicht Iains Vater, er war einfach nur ein Kerl. Schon früh im Leben hatte Sheila eingesehen, dass sie Pech in der Liebe hatte, nur um sich dann ein Arschloch nach dem anderen auszusuchen. Jedes Mal, wenn Iain einen Neuen kennenlernte, selbst wenn der Typ nett schien oder ihm Süßigkeiten mitbrachte, wusste er, dass er sich in ein Arschloch verwandeln würde. Da gab es diesen Kerl, der versucht hatte, ihn anzufassen, und Iain fehlten die richtigen Worte, um darüber zu sprechen, aber Sheila fand es irgendwie raus. Sie wandte sich an die Schläger im Ort, und sie brachen dem Mann Arme und Beine. Er kam nie wieder zurück in die Stadt. Schläger waren für Iain Helden. Sie sorgten für Ordnung und Gerechtigkeit, wie er fand. Sie waren die Seifenspender von Draußen. Iain durfte sie im Krankenhaus besuchen, nachdem die Platten eingesetzt worden waren. Ihr Kopf war bandagiert, der Kiefer verdrahtet. Sie saß aufrecht im Bett und konnte nicht sprechen. Iain war exakt sieben Jahre und drei Monate alt. Er wusste das so genau, weil es von seinem Anwalt sehr viel später in irgendeiner Verhandlung als mildernder Umstand vorgebracht wurde – »schwere Kopfverletzung«. Sieben ­Jahre und drei Monate, als ihn die Sozialarbeiterin zur Intensiv­station brachte und in der Tür zu dem Zimmer stehen blieb, auf­passte, ob er klarkam, nicht zu verängstigt war von den Apparaten oder Sheilas Verbänden und ihrem verdrahteten Kinn. Iain hatte damit keine Probleme. Er war nur dort, um vor den ­anderen Pflegekindern angeben zu können. Er hatte ein ­Elternteil, das ihn sehen wollte, und sie brauchten für seinen Besuch keine Aufsicht vom Jugendamt. Seine Mama wollte ihn nicht schlagen. Seine Mama mochte ihn wirklich und konnte ihm was zu essen machen und mit ihm abendessen und seine Klamotten waschen und das alles. Die anderen Kinder im Pflegeheim kotzten vor Neid. Sheilas Augen leuchteten vor Freude, als sie ihn sah, und Iain rannte an ihr Bett. Sie konnte nicht sprechen. Sie hielt eine Hand hoch, warnte ihn davor, ihr Gesicht oder ihren Kopf zu berühren. Sie rollte mit den Augen, um ihm zu zeigen, dass alles wehtat: Uff! Sie machte das Geräusch in ihrem Hals, weil sie die Lippen und die Zunge nicht bewegen konnte. Dann ­lächelte sie mit den Augen, um zu sagen, dass es okay war. Iain umarmte ihre Zehen, blieb so weit von ihrem Kopf weg, wie er konnte. Er drückte ihre Zehen und küsste sie durch die raue Krankenhausdecke, und Sheila sah ihm zu und kniff die ­Augen zusammen, um ihm zu bedeuten, dass es ihr...



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