Minck Cool im Pool
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7700-4120-6
Verlag: Droste Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Ruhrpott-Krimödie mit Loretta Luchs
E-Book, Deutsch, Band 6, 304 Seiten
Reihe: Loretta Luchs
ISBN: 978-3-7700-4120-6
Verlag: Droste Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lotte Minck ist von Geburt halb Ruhrpottgöre, halb Nordseekrabbe. Nach 50 Jahren im Ruhrgebiet entschied sie sich, an die Nordseeküste zu ziehen. Ihre Heldin Loretta Luchs und alle Personen in Lorettas Universum sind eine liebevolle Huldigung an Lotte Mincks alte Heimat, die sie immer gern besucht.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1 – fünf Tage zuvor
Loretta reist mit dem Zug des Wahnsinns und stellt später fest, dass ein Kleid sie zum Weinen bringen kann
»Sie mögen wohl keine Kinder«, blaffte die junge Frau, die beinahe selbst noch ein Kind war.
Ich befand mich auf der Zugfahrt zum Treffen mit Diana. Eigentlich mochte ich es, mit der Bahn zu reisen. Man gab die Verantwortung für die zurückzulegende Strecke am Eingang des Bahnhofs ab und konnte die Hände in den Schoß legen, während man ans Ziel chauffiert wurde. Außerdem vermied man so die Gefahr, am Steuer seines Autos auf der Autobahn im Stau zu stehen und durchzudrehen, während der Motor heiß wurde und die Uhr unerbittlich tickte. Ganz schlecht, wenn man einen Termin hatte.
Jetzt aber erinnerte ich mich schlagartig an die zahlreichen Gründe, die gegen das Zugfahren sprachen: Man war mit lauter fremden Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht und konnte nicht raus. Es sei denn, man zog die Notbremse. Das allerdings war gar nicht gern gesehen, hatte ich mir sagen lassen. Also: Gelassenheit war angesagt. Und bestimmt waren die paar Stunden auszuhalten, auch für mich.
Warum die junge Frau mich angeblafft hatte? Ganz einfach: Ich hatte mich umgedreht, um die Lady hinter mir freundlich darauf hinzuweisen, dass ihr überaus reizender Sohn, der vielleicht vier oder fünf Jahre alt sein mochte, seit über einer Stunde rhythmisch gegen meine Rückenlehne zu treten beliebte. Natürlich langweilte sich das arme Kind halb zu Tode, da seine weibliche Begleitperson statt mit ihm mit dem Smartphone beschäftigt war. Nur sehr unwillig hatte sie den Blick vom Display des Gerätes losgerissen, um auf mich zu reagieren, und das auch nur in Form des unsterblichen Klassikers: »Sie mögen wohl keine Kinder.«
Man stelle sich vor, man würde diese Reaktion auf andere Situationen übertragen. Jemand sagt: »Aua! Sie haben mir Ihren Einkaufswagen in die Hacken gefahren.« Und man keift zurück: »Sie mögen wohl keine Einkaufswagen!«
Das Kind, das vermutlich einen Namen wie Finn-Nebukadnezar oder Winnetou-Ricardo trug, grinste frech und trat weiter. Die junge Frau starrte mich sekundenlang aggressiv an und wandte sich dann erneut ihrem Smartphone zu, um die Herkunft diverser Piepssignale zu checken, die es von sich gegeben hatte. Unnötig zu erwähnen, dass auch dieses Piepsen mir schwer auf den Geist ging, allerdings war es dann wiederum nicht so nervig wie die Tritte des Kindes, die meine Rückenlehne rhythmisch rucken ließen.
Da saß ich nun auf meinem reservierten Sitzplatz, in einem Zug, der so überfüllt war, dass ich keinerlei Hoffnung hatte, irgendwo ein ruhigeres Plätzchen zu finden. Ich fragte mich erneut, warum ich überhaupt dieses Transportmittel gewählt hatte, anstatt mit dem Auto zu fahren. Weil es viel bequemer ist, hatte ich Närrin gedacht.
Pustekuchen. Logisch, dass ich ein Großraumabteil erwischt hatte, in dem auch ein Männerclub, vielleicht Angler oder Skatbrüder, seinem Ziel entgegenreiste. Das ging nicht ohne das Absingen vielfältigen deutschen Liedgutes und auf keinen Fall ohne den reichlichen Genuss deutschen Gerstensaftes, sodass ein dezenter Bierduft mich umwaberte. Sie sangen, sie lachten, sie prosteten sich zu, pure Lebensfreude verströmend.
Und ich? Ich hätte sie am liebsten alle abgeknallt.
Ein paar Stationen lang hatte ein Mann neben mir gesessen, dessen Begleiterin ich mithilfe meiner Platzreservierung von seiner Seite verscheucht hatte. Das hatte mir zwar leidgetan, aber nicht umsonst war ich so schlau gewesen, mir einen Platz zu sichern. Wenn ich etwas noch mehr hasste als bewegungsauffällige Kinder in der Sitzreihe hinter mir, dann war es diese endlose, vergebliche Suche nach einem freien Platz in einem völlig überfüllten Zug.
Da die Menschen in meiner Sitzreihe der deutschen Sprache nicht mächtig waren, wie sich herausstellte, rafften sie zuerst nicht, was ich von ihnen wollte. Sie starrten mich verständnislos an und zuckten mit den Schultern. Ich zeigte also auf die Reservierung in meiner Hand, dann auf die entsprechende Anzeige über dem Sitz, dann auf den Sitz und schließlich auf mich.
Meiner, Herrschaften. Husch, husch, wenn ich freundlichst bitten darf.
Daraufhin stand die Frau auf und fortan viel zu nah neben mir im Gang, eine menschliche Mauer, die mich zwischen sich und dem Kerl am Fenster zu erdrücken drohte. Interessant fand ich, dass der Mann sie eisenhart stehen ließ, anstatt ihr seinen Platz anzubieten. Die beiden unterhielten sich lautstark auf Italienisch, und der Mann kramte ständig irgendwelche Lebensmittel aus dem Rucksack vor seinen Füßen, um sie dann vor meinem Gesicht an die Frau weiterzureichen. Mal tropfte es auf meine Knie, mal krümelte es, was die beiden völlig unberührt ließ.
Als ich kurz davor war, zu explodieren, stiegen sie aus. Der Herrenclub ebenfalls, also konnte sich meine ungeteilte Aufmerksamkeit dem piepsenden Smartphone und dem tretenden Kind hinter mir zuwenden. Ich hätte schreien und um mich schlagen können, so genervt war ich. Auch der MP3-Player, den ich zur Sicherheit dabeihatte, half nicht, denn keine noch so laute Musik schützte mich vor der rhythmisch wippenden Rückenlehne.
Nur noch eine halbe Stunde, dachte ich und schloss die Augen, um mich zu mehr Gelassenheit zu meditieren. Instinktiv wusste ich, dass es nicht ratsam war, mich mit der Tussi hinter mir auf eine weiterführende, womöglich handgreifliche Auseinandersetzung einzulassen. Immerhin hatte ich nicht vor, mich vor den Augen des Kindes mit ihr nach Fischweiber-Art kreischend zu streiten und quer durch den Zug zu schubsen, zumal mir schwante, dass sie derartige Skrupel nicht haben würde.
Ich spürte, dass meine Fäuste fest geballt waren, und zwang mich, sie zu entspannen.
Alles war gut. Ich würde gleich meine beste Freundin Diana treffen.
Warum also war ich nicht voller Vorfreude und von milder Gelassenheit gegenüber den kleinen Störfaktoren um mich herum? Warum konnte ich sie nicht einfach ignorieren? Ein Wochenende an der Nordsee wartete auf mich, mitten im Sommer!
Allerdings gab es zuvor noch eine kleine Hürde zu überwinden. Und diese Hürde war es, die mir zusätzlich die Laune verdarb.
Direkt vom Bahnhof aus würden Diana und ich nämlich zu einem großen Brautmodenladen gehen, um dort nicht nur ihr Hochzeitskleid, sondern auch ein Kleid für mich auszusuchen.
Und darauf hatte ich keine Lust.
Dafür gab es diverse Gründe.
Erstens: Ich wollte kein Kleid anziehen.
Zweitens: Ich wollte kein Kleid anziehen.
Drittens: Ich wollte kein Kleid anziehen.
Ich trug niemals Kleider, aber ich hatte Diana versprochen, diesmal eine Ausnahme zu machen.
Viertens bedeutete der Kauf eines Hochzeitskleides einen weiteren Schritt Dianas in ein anderes Leben, in das einer verheirateten Frau. Ich hatte keinen Zweifel, dass sie und Okko umgehend Kinder bekommen würden, was noch mehr verändern würde. Und dann, nur einen Wimpernschlag später, würde sie in einem Schaukelstuhl sitzen, von ihren Enkelkindern umringt. Und ich war die kinderlose Ersatz-Oma. Die mit den vielen Katzen. Keine Ahnung warum, aber wenn ich an meine Zukunft mit Pascal dachte, kamen Kinder darin nicht vor.
Das Glück mit Okko gönnte ich ihr von Herzen, aber es war mir auch ein bisschen unheimlich. In meiner Freundin erkannte ich kaum noch die Diana, die sie früher gewesen war. Niemals hätte ich gedacht, dass sie sich jemals so absolut und mit allen Konsequenzen auf einen Mann einlassen würde. Aber vielleicht hatte ich bloß noch nicht kapiert, dass man das durchaus tun konnte, ohne seine Freiheit aufzugeben. Ja, vielleicht steckte ich in der Vorstellung fest, dass so etwas wie eine Heiratsurkunde das Leben veränderte.
Vielleicht. Dennoch: Was wusste ich schon?
Mit Pascal lief alles wunderbar, aber das konnte auch daran liegen, dass wir durch seinen Job als Tontechniker immer wieder voneinander getrennt waren. Dafür, mir eine Hochzeit mit ihm vorzustellen, reichte meine Fantasie bei Weitem nicht aus (und das wollte was heißen!).
Langsam, aber sicher ging Ramses-Konfuso, oder wie das Gör hinter mir auch immer heißen mochte, die Luft aus. Seine Tritte wurden unregelmäßiger und immer schwächer, hörten dann ganz auf. Umgehend stürzte sich das Kind auf eine neue Aufgabe: seine Mutter mit Fragen zu nerven, die alles und jeden in Sichtweite betrafen. Innerlich feixend aktivierte ich meinen MP3-Player und bedauerte kurz, keine klingonischen Opern in meiner Playlist zu haben, die, wie jedermann weiß, an donnerndem Bombast selbst Wagner in den Schatten stellen.
Aber Mozart war auch okay.
Von den zauberhaften Melodien des großen Komponisten milde gestimmt, stieg ich eine knappe Stunde später aus dem Zug. Ich trat aus dem wuselnden Menschenstrom, um die Reisetasche abzustellen und mich nach Diana umzusehen, als meine beste Freundin mir auch schon kreischend um den Hals fiel. In einem Wirbel aus flatternden Rüschen mit Blümchen drauf und fliegenden blonden Locken versank ich, während sie mich schallend auf beide Wangen küsste. Dann standen wir da und grinsten uns debil an, als meine beiden Reisegefährten von der Sitzbank hinter mir an uns vorbeigingen und uns synchron den Mittelfinger entgegenreckten. Die erwachsene Begleitperson garnierte den Auftritt zusätzlich mit einem zwar gemurmelten, aber dennoch deutlich hörbaren: »Lesbe. Wusste ich.«
»Wer war das denn?«, fragte Diana verdutzt.
»Oh, das waren der liebreizende kleine Maik-Legolas und seine Mutter Schantall. Die Namen sind übrigens nur...




