Minck | Darf`s ein bisschen Mord sein? | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 11, 301 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm

Reihe: Loretta Luchs

Minck Darf`s ein bisschen Mord sein?

Eine Ruhrpott-Krimödie mit Loretta Luchs
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7700-4175-6
Verlag: Droste Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Ruhrpott-Krimödie mit Loretta Luchs

E-Book, Deutsch, Band 11, 301 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm

Reihe: Loretta Luchs

ISBN: 978-3-7700-4175-6
Verlag: Droste Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seit Jahrzehnten ist Gittis Tante-Emma-Laden Dreh- und Angelpunkt der nachbarschaftlichen Nachrichten- und Lebensmittelversorgung. Als Gitti sich bei einem Sturz das Schlüsselbein bricht, ist es für Stammkundin Loretta Ehrensache, im Laden auszuhelfen. Doch der Sturz war nur vermeintlich ein Unfall. Als dann auch noch eine Leiche vor Gittis Haustür liegt, steht für Loretta fest: Hier stinkt es gewaltig, und zwar nicht nach dem Tilsiter aus der Käsetheke!

Lotte Minck (*1960) ist von Geburt an halb Ruhrpottgöre, halb Nordseekrabbe. Nach 50 Jahren im Ruhrgebiet und etlichen Jobs in der Veranstaltungs- und Medienbranche entschied sie sich, an die Nordseeküste zu ziehen. Erst kürzlich überkam sie dort heftiges Heimweh, als sie nach Jahren auf dem Land zum ersten Mal in einen echten Stau geriet, der aus mehr als sieben Autos vor einer Ampel bestand und sich diese Bezeichnung dank einer halben Stunde totalen Stillstands redlich verdient hatte. Ihre Heldin Loretta Luchs und alle Personen in Lorettas Universum sind eine liebevolle Huldigung an Lotte Mincks alte Heimat.
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Kapitel 1


Als ich die Ladentür öffnete, erklang das vertraute Bimmeln, das mich jedes Mal grinsen ließ, weil es so schön altmodisch war. Das ganze Geschäft wirkte, als wäre hier irgendwann in den Sechzigern die Zeit stehen geblieben, bis hin zur Ladenkasse. Hier wurde nichts mit nervtötendem Piepsen gescannt, hier wurden die Preise noch mit der Hand eingetippt. Neben der Kasse stand selbstverständlich ein großes Glas mit Kirschlollis, aus dem die Kinder sich bedienen durften – falls sie nicht vorher schon ein Stückchen Fleischwurst ergattert hatten. Eigentlich hatte Gitti das nach dem Entweder-oder-Prinzip handhaben wollen, doch endete es meist damit, dass die Kids in der einen Hand ein Stück Wurst und in der anderen einen Lolli als Beute aus dem Laden schleppten.

»Tach, Loretta«, sagte Gitti, die an der Frischetheke – so nannte man es wohl – gerade eine Kundin bediente, die sich prompt neugierig zu mir umdrehte. Aha, Frau Sievers; sie wohnte in meiner Nachbarschaft. Zumindest hatte ich sie schon oft mit ihrem Hund die Straße entlanggehen sehen.

»Tach, Gitti. Tach, Frau Sievers«, erwiderte ich und nahm mir einen der Draht-Einkaufskörbe, die sich neben der Tür zu einem Türmchen stapelten.

»Loretta, haste draußen gesehn? Rosenköhler, frisch geerntet aus Oppa Krause sein Garten. Du magst doch Rosenkohl?«, fragte Gitti, obwohl sie die Antwort kannte.

»Ich geh gleich mal gucken.«

machte das Glöckchen, als ich wieder hinausging. Tatsächlich, knackfrischer Rosenkohl, noch am Stängel. Und da war auch Purzel, Frau Sievers’ Rauhaardackel, den sie am Fahrradständer angebunden hatte. Als Purzel mich sah, erhob er sich von seinen vier Buchstaben und wedelte frenetisch.

Ich bückte mich zu ihm hinunter und tätschelte seinen Kopf. »Na du? Hat Frauchen dich wieder schick gemacht?«

Als hätte er mich verstanden, hörte er mit dem Wedeln auf und blickte mich so waidwund an, wie es nur Rauhaardackel können. Frau Sievers hatte ihm ein Mäntelchen angezogen, das offenbar von einem Modeschöpfer mit starkem Hang zu glamourösen Effekten stammte: Es war aus royalblauem Samt und mit goldenen Krönchen bestickt. Als hätte ein Rauhaardackel, meines Wissens eine der robustesten Hunderassen überhaupt, ein wärmendes Mäntelchen nötig – vom Design will ich gar nicht erst anfangen.

Immerhin hatten wir nicht klirrende Minusgrade, sondern einige Grad über null, obwohl es kurz vor Weihnachten war. Dass überall nach Schnee geplärrt wurde, konnte ich kein Stück verstehen. Wer Schnee wollte, sollte nach Bayern ziehen. Oder in die Arktis. Hier im Ruhrpott braucht den Schnee kein Mensch.

Na ja – nicht.

Vielleicht mal für einen Tag oder so, wenn ich nicht unbedingt Auto fahren musste. Dann würde ich mit der Kamera in den Park gehen und ein paar hübsche Fotos machen, aber gleich danach dürfte der Schnee von mir aus rückstandslos wieder verschwinden.

Purzel fiepte und sah mich flehend an.

»Ich verstehe, dass die Kutte dir peinlich ist«, murmelte ich mit einem abschließenden Kraulen, »aber ich kann dich leider nicht davon befreien, dann schimpft dein Frauchen mit mir. Trag sie mit Würde, Purzel. Wer, wenn nicht du? Siehste.«

Er seufzte schwer und setzte sich wieder hin.

Als ich den Laden wieder betrat, standen Gitti und Frau Sievers an der Kasse.

»Ihr Purzel sieht heute ja aus wie ein Märchenprinz«, sagte ich zu Frau Sievers, und ihr Gesicht leuchtete auf.

»Ja, nicht wahr? Ist aus dem Shopping-Fernsehen. Nicht gerade ein Schnäppchen, aber ich wusste sofort, das ist wie gemacht für mein kleines Schätzchen.«

»Es kleidet ihn ganz vortrefflich«, erwiderte ich und drehte mich schnell weg, denn hinter ihrem Rücken rollte Gitti mit den Augen und ließ den Zeigefinger an der Schläfe kreiseln.

Während die Damen noch ein wenig tratschten, schlenderte ich an den Holzregalen entlang. Hier gab es so herrliche Dinge wie Perlsago, Puddingpulver zum Kochen, Scheuerpulver und Kernseife. Der Honig kam vom lokalen Imker, die Marmelade von Damen aus der Nachbarschaft. Biobauern aus der Umgebung lieferten Käse, Gemüse, Wurst und Fleisch. Das Angebot war überschaubar, aber von überragender Qualität. Gut, ich bekam hier im Dezember keine Himbeeren, aber wurde nicht sowieso empfohlen, sich regional und saisonal zu ernähren? Na also. Seit ich Gittis Laden kannte, kaufte ich kaum noch beim Discounter ein.

Ich hatte das Geschäft gleich bei meinem ersten sonntäglichen Erkundungsrundgang entdeckt, als ich vor einigen Monaten in dieses Viertel gezogen war. Ich hatte es kaum glauben können: ein echter Tante-Emma-Laden! Zwei Schaufenster, in der Mitte die Ladentür. verkündete die altmodische, geschwungene Neonschrift oben an der Fassade, und an der rechten Schaufensterscheibe prangte ein fetter grüner Aufkleber mit gelber Beschriftung. Ich traute meinen Augen nicht, aber da stand tatsächlich: Mit Ausrufezeichen. Wie lustig war das denn bitte? Eine Gisela Scheffer sei die Eigentümerin, informierte mich ein kleines Schild im Fenster, und die angegebene Adresse legte die Vermutung nahe, dass sie über dem Laden wohnte.

Gleich am nächsten Tag ging ich dort einkaufen; der Fußweg zwischen meinem neuen Zuhause und diesem Geschäft betrug ziemlich genau fünf Minuten. Irgendwie hatte ich eine gemütliche Omi mit grauem Dutt und weißem Kittel erwartet, deren Vater vor Urzeiten das Geschäft eröffnet hatte, aber Gitti war nichts dergleichen. Vom Alter her residierte sie durchaus in der Omi-Kategorie, aber sie war ein drahtiges Persönchen mit strohblond gebleichtem Haar und kohlschwarz nachgezogenen Augenbrauen. Ihren Mozartzopf hielt stilecht eine Samtschleife zusammen, und ihr Lippenstift war für meinen Geschmack einen Tick zu rosa.

Mittlerweile wusste ich, dass sie ein Faible für Oberteile mit jeder Menge Paillettengedöns in durchaus mutigen Farben hatte, die vermutlich vom selben Designer stammten wie Purzels Prunkmäntelchen. Dazu trug sie Jeans und bequeme Schuhe. Ach so, und einen stets offenen Nylonkittel, der in Farbe und/oder Muster nie auch nur im Ansatz zum jeweiligen Pulli des Tages passte. Sie war ein optisches Gesamtkunstwerk, genau wie meine geliebte Kollegin Doris. Nur greller.

Unsere erste Begegnung war denkwürdig. Ich betrat den Laden, und die prachtvoll glitzernde Gitti musterte mich prüfend.

»Tach. Sie habbich noch nie hier gesehn«, sagte sie zur Begrüßung.

»Ich bin auch gerade erst hergezogen«, erwiderte ich. »Frau Scheffer, nicht wahr? Ich bin Loretta Luchs. Ich denke, wir sehen uns in Zukunft öfter.«

Keine Ahnung, was mich dazu trieb, mich mit Namen vorzustellen; schließlich war ich nicht in einem Loriot-Film. Auch wäre ich im Discounter in tausend kalten Wintern nicht auf die Idee gekommen, der Kassiererin meinen Namen zu nennen. Wahrscheinlich hatte ihr Anblick mich derart verblüfft, dass ich nicht mehr so genau wusste, was ich sagen sollte. Wie auch immer: Es war genau das Richtige gewesen.

Strahlend hielt sie mir die Hand hin. »Freut mich, Loretta. Ich bin die Gitti. Wat kann ich denn für dich tun?«

»Weiß ich gar nicht so genau. Ich hab Ihren …« Ihre pechschwarzen, dünnen Brauen schossen hoch, und ich fuhr hastig fort: »Also, ich hab deinen Laden gestern entdeckt, und jetzt will ich mich mal umsehen, wenn ich darf.«

Sie nickte. »Nur zu. Wat ich nich hab, kannich besorgen. Körbe sind neben der Tür.«

Damit wandte sie sich wieder der Lieferung zu, die sie gerade auspackte, und ließ mich in Ruhe.

Mittlerweile kannte sie meine Vorlieben – wie die jedes ihrer Stammkunden – und wies mich immer auf frisch eingetroffene Ware hin, von der sie wusste, dass ich sie mochte. Wie in diesem Fall auf den Rosenkohl von Oppa Krause.

Untermalt von einem Bimmeln hatte Frau Sievers den Laden verlassen, und jetzt hörten wir sie draußen mit ihrem Purzel reden. In Babysprache, versteht sich. »Ei, ei, ei, wie sich mein tleines Männlein freut! Will mein tleines Männlein mit der lieben Mami Teita gehen? Na? Na?«

Gitti warf mir einen beredten Blick zu. »Da hat dat wohl keine Wahl, wat? In wat hat Lore die arme Socke denn heute reingepfercht? Schottenkaro?«

»Nee. Blauer Samt mit goldenen Krönchen.«

Theatralisch warf Gitti die Hände in die Luft. »Dat müsste verboten...


Lotte Minck (*1960) ist von Geburt an halb Ruhrpottgöre, halb Nordseekrabbe. Nach 50 Jahren im Ruhrgebiet und etlichen Jobs in der Veranstaltungs- und Medienbranche entschied sie sich, an die Nordseeküste zu ziehen. Erst kürzlich überkam sie dort heftiges Heimweh, als sie nach Jahren auf dem Land zum ersten Mal in einen echten Stau geriet, der aus mehr als sieben Autos vor einer Ampel bestand und sich diese Bezeichnung dank einer halben Stunde totalen Stillstands redlich verdient hatte. Ihre Heldin Loretta Luchs und alle Personen in Lorettas Universum sind eine liebevolle Huldigung an Lotte Mincks alte Heimat.



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