Minck Einer gibt den Löffel ab
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7700-4114-5
Verlag: Droste Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Ruhrpott-Krimödie mit Loretta Luchs
E-Book, Deutsch, Band 2, 287 Seiten
Reihe: Loretta Luchs
ISBN: 978-3-7700-4114-5
Verlag: Droste Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lotte Minck, eine echte Ruhrgebietlerin, lebt seit einigen Jahren an der Nordseeküste. Nach ihren beruflichen Stationen als Köchin, Veranstaltungsmanagerin und in der Pressebranche sowie bei einer Schauspielagentur widmet sie sich seit 2005 ganz dem Schreiben.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Ein aufregender Tag, an dem alles einfach super ist (na ja – fast alles)
Der hippe Medienbranchen-Berufsjugendliche mit der Nerd-Brille und dem angegrauten, gekonnt zerstrubbelten Haar hieß Stefan. Der Hosenboden seiner Jeans hing irgendwo zwischen Oberschenkeln und Kniekehlen. Obwohl, eigentlich hieß er der Stefan, denn so hatte er sich mir vorgestellt: »Ich bin der Stefan. Wir duzen uns doch?«
Und die junge Frau in seiner Begleitung: »Ich bin die Miriam.«
Wie auch immer – ich war und blieb schlicht Loretta. Ohne Artikel.
Der Stefan klappte das Display aus, warf einen prüfenden Blick darauf, startete den Camcorder und nickte seiner nicht minder hippen, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleideten Kollegin zu. »Von mir aus können wir.«
»Super.« Die Miriam lächelte mich beruhigend an. »Einfach ganz natürlich reden, als wäre die Kamera gar nicht da. Und nicht in die Kamera gucken – sieh mich an. So wird das später für die Sendung auch gemacht. Also, Loretta – erzähl mal ein bisschen von dir. Wie alt bist du, was machst du beruflich … Alles, was du von dir erzählen möchtest.«
Wir saßen am Küchentisch: die Miriam und der Stefan auf der einen Seite, ich gegenüber. Die tief stehende November-Nachmittagssonne leuchtete mir direkt ins Gesicht. Zwischen uns standen unsere benutzten Kaffeetassen und Kuchenteller. Von meinem köstlichen Apfel-Schmand-Kuchen, den ich zur Feier des Tages gebacken hatte, war gerade noch die Hälfte übrig; die Sahneschüssel hatte der Stefan eben ausgekratzt. Die beiden waren völlig ausgehungert gewesen, denn ich war nicht ihr erster Termin und würde nicht der letzte sein. Die Miriam und der Stefan klapperten im Auftrag der Produktionsfirma die Verrückten ab, die unbedingt an der Sendung »Gib mir den Löffel!« teilnehmen wollten. Sie inspizierten die Wohnungen auf Fernsehtauglichkeit und nahmen für die Produktionsfirma ein Castingvideo auf.
Ich liebte diese Sendung. Jede Woche traten fünf neue Kandidaten gegeneinander an und kämpften um den Wochensieg. Nacheinander empfing jeder die anderen bei sich zu Hause zu einem Drei-Gänge-Menü, das von den Gästen bewertet wurde. Während der Koch des Tages in seiner Küche schuftete, stromerten seine Besucher durch Wohnung oder Haus und sahen sich um. Zu meiner Verblüffung gab es Kandidaten, die nichts dagegen hatten, wenn sogar in ihre Nachttischschublade geguckt wurde – vor laufender Kamera. Bereits in meinem ersten Gespräch mit der Produktionsfirma hatte ich diesen Punkt angesprochen, aber der Redakteur wusste mich zu beruhigen: Ich allein entschied, welche Räume meiner Wohnung besichtigt und welche Schubladen oder Schranktüren geöffnet werden durften.
Besonders liebte ich die Wochen, in denen der Titel besser »Gib mir Saures!« lauten sollte, wenn ehrgeizige Teilnehmer dabei waren, die ihren Konkurrenten absichtlich wenig Punkte gaben, um die eigenen Gewinnchancen zu erhöhen. Dabei ging es um nichts als die Ehre, eine alberne Urkunde und einen golden lackierten Holzkochlöffel. Jede Kindergartengruppe könnte in einer Bastelstunde Hunderte davon produzieren.
Mir ging es um überhaupt nichts. Ich wollte Spaß haben und war neugierig darauf, wie die Produktion wohl ablaufen würde.
Diana ging es um den Schutz ihrer Privatsphäre, wie ich umgehend erfuhr, als ich ihr beim Essen begeistert von meiner Bewerbung erzählte. Sie ließ fassungslos die Gabel sinken, auf die sie gerade ein Stück Blumenkohl gespießt hatte, und starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren.
»Ich will nichts damit zu tun haben!«, fauchte sie. »Und meine Zimmer sind tabu! Was ist bloß in dich gefahren?«
»Du hast doch selbst gesagt, ich soll mich bewerben!«, feuerte ich zurück.
»Das war doch nur ein Scherz! Ich kann doch nicht ahnen, dass du das ernst nimmst.« Sie runzelte die Stirn. »Das ist unsere gemeinsame Wohnung. Wieso hast du nicht vorher mit mir darüber gesprochen, wie ich den Gedanken finde, dass das Fernsehen kommt und in jede Ecke filmt?«
»Das entscheide ich als Gastgeber, was die filmen dürfen und was nicht«, trumpfte ich auf. »Du musst also nicht befürchten, dass irgendwer deine blöden Schlüpfer in die Kamera hält. Stell dich nicht so an.«
Sie schnappte nach Luft, beherrschte sich aber. »Trotzdem, Loretta. Ich fühle mich übergangen. Damit will ich nichts zu tun haben.«
»Das habe ich schon beim ersten Mal verstanden. Und ich kann mir vermutlich die Frage sparen, ob du Lust hast, mir beim Kochen zu helfen?«
Statt einer Antwort stieß Diana ein spöttisches Schnauben aus.
»Und wenn es klappt, dass ich mitmache – falls es klappt –, wird hier einen Tag lang gefilmt, das ist alles«, erklärte ich in der Hoffnung, sie zu besänftigen.
»Falls es klappt? Natürlich werden sie dich nehmen. Du bist nicht auf den Mund gefallen, du kochst genial, und unsere Wohnung ist der Knaller. Die wären ja blöd, wenn sie dich ablehnen würden.«
Oho – hatte sie sich etwa wieder beruhigt? Aber nein, ich hatte mich zu früh gefreut.
»Eben. Das Kind ist längst in den Brunnen gefallen. Ein einziger Tag – das wirst du aushalten, Diana.«
Wieder dieses Schnauben. »Klar, tausend Leute in der Bude, und bis tief in die Nacht hinein wird gefilmt. Und was mache ich? Du bezahlst mir ein Hotelzimmer, meine Liebe«, zischte sie und stieß mit der Gabel nach mir.
Das Blumenkohlröschen löste sich von den Zinken, überquerte in einer eleganten Flugbahn den Tisch und klatschte auf mein rechtes Brillenglas, wo es dank der Soße für einen kurzen Moment kleben blieb, bevor es sich langsam löste und mir auf den dunkelblauen Wollpullover fiel, über meinen Busen abwärts kollerte, wobei es eine Hollandaise-Schmierspur hinterließ, und schließlich in meinem Schoss landete.
»Das geschieht dir recht!«, prustete Diana angesichts meiner verblüfften Miene, und alles war wieder gut.
Nun ja, gut ist möglicherweise etwas übertrieben, aber immerhin piesackte sie mich in den nächsten Tagen nicht andauernd damit, während ich auf den Anruf der Redaktion wartete, ob ich zu denen gehörte, die ins Casting kommen.
Und jetzt war ich im Casting, blinzelte in die Kamera und fragte mich, welcher Teufel mich geritten hatte, mich als Kandidatin zu bewerben. Alles war rasend schnell gegangen: die Anzeige in der örtlichen Tageszeitung, dass noch Leute gesucht wurden – die Telefonnummer der Produktionsfirma – ein mehr als spontanes Telefonat – eine Woche später: Auftritt die Miriam und der Stefan.
Natürlich stand zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht fest, dass ich dabei sein würde, denn die beiden Medienbeauftragten mir gegenüber waren mit dem Auftrag unterwegs, 30Kandidaten zu besuchen und zu filmen.
Ich hatte sie durch die ganze Wohnung geführt, und sie hatten die Größe meiner Küche wohlwollend zur Kenntnis genommen. Über ihre Frage, ob ich hier auch den Tisch für meine Gäste decken würde, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht nachgedacht. Wenn ich für Freunde kochte, fand ich es nett, mit ihnen quatschen zu können, während ich in den Töpfen rührte. Solange ich am Herd stand, deckten sie den Tisch oder schnibbelten Tomaten und Gurken für einen Salat.
Aber würde ich das Essen anrichten wollen, während mir fremde Gäste dabei auf die Finger sahen? Die Wohnung war ja groß genug, um den Esstisch in einem anderen Raum aufzustellen.
Nachdem die Besichtigung beendet war und wir Kaffee und Kuchen genossen hatten, war es Zeit für das Casting-Interview.
Ich räusperte mich und zauberte mir ein strahlendes Lächeln ins Gesicht. »Ich bin Loretta, Loretta Luchs, 37Jahre alt, Single.«
»Das machst du super«, sagte die Miriam. »Wohnst du allein hier, Loretta?«
»Nein, ich teile mir die Wohnung mit meiner besten Freundin, Diana. Seit ein paar Monaten. Vorher …« Ich brach ab.
»Vorher?«
»Tut nichts zur Sache. Vorher habe ich mit jemand anderem hier gewohnt.«
»Aha. Was machst du beruflich, Loretta? Super Name, übrigens. Hört man nicht oft.«
Damit hatte sie mich kurz aus dem Konzept gebracht. Beinahe hätte ich mich verplappert und die Wahrheit über meinen Beruf gesagt. Aber ich kriegte gerade noch die Kurve. »Danke für das Kompliment. Ich arbeite in einem Callcenter. Inbound.«
»Inbound? Was heißt das?«
»Dass ich nicht irgendwelche Leute anrufe, um ihnen etwas anzudrehen. Ich arbeite an einer Hotline.«
»Verstehe. Denkst du, wir dürfen dich bei der Arbeit filmen? Das wäre super.«
Klar – Dennis, mein Chef, würde vor Begeisterung Luftsprünge machen, wenn ich mit einem Kamerateam bei seiner Sexhotline anrückte! Und unsere Kunden erst! Mann, was würden die staunen über die strickenden Hausfrauen, Studentinnen und Rentnerinnen in bequemen Klamotten, die in einem Raum mit 20Kabinen saßen und sich als Domina in Lack und Leder, feurige Latina im Winz-Bikini oder Schulmädchen im ultrakurzen Faltenrock ausgaben! Köstlich! Ich krümmte mich innerlich vor Lachen und hoffte inständig, dass ich meine Gesichtszüge unter Kontrolle hatte.
»Das geht leider nicht. Unser Kunde ist eine große Behörde. Da habe ich mit sensiblen, geheimen Kundendaten zu tun. Völlig ausgeschlossen«, sagte ich mit sorgfältig dosiertem Bedauern in der Stimme. »Ist das Voraussetzung für die Teilnahme?«
Die Miriam schüttelte den Kopf. »Da wird uns schon etwas einfallen. Dir traue ich zu, dass du auch ohne deinen Arbeitsplatz genug zu bieten hast. Ich...




