Minck Tote Hippe an der Strippe
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7700-4119-0
Verlag: Droste Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Ruhrpott-Krimödie mit Loretta Luchs
E-Book, Deutsch, Band 5, 304 Seiten
Reihe: Loretta Luchs
ISBN: 978-3-7700-4119-0
Verlag: Droste Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lotte Minck ist von Geburt halb Ruhrpottgöre, halb Nordseekrabbe. Nach 50 Jahren im Ruhrgebiet entschied sie sich, an die Nordseeküste zu ziehen. Ihre Heldin Loretta Luchs und alle Personen in Lorettas Universum sind eine liebevolle Huldigung an Lotte Mincks alte Heimat, die sie immer gern besucht.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
Dennis Karger lässt sich gehen – und offenbart bisher Unbekanntes aus seinem Privatleben
Montag – nicht mein Lieblingstag. Zumal nach einem schönen Wochenende. Ganz früh am Morgen hatte ich mich von Pascal verabschiedet, denn er war für ein paar Tage unterwegs wegen eines Jobs. Es war immer schön, wenn er hier vor Ort als Tontechniker arbeiten konnte, aber manchmal sollte es eben nicht sein. Wir telefonierten dann abends, wenn es sich ergab, aber auch das war zuweilen schwierig, wenn er auf einem Konzert jobbte.
Die Ersten, die mir im Callcenter begegneten, waren ausgerechnet Zwergin Belinda und Hippe Jeanette, war ja klar. Hätten zwischen ihnen nicht geschätzte 30 Zentimeter Höhenunterschied bestanden, hätte man sie glatt für siamesische Zwillinge halten können. Als schier unzertrennliches Pärchen sahen sie allerdings ziemlich lustig aus, denn ich hatte noch nie von siamesischen Zwillingen gehört, bei denen die Hüfte der einen an der Schulter der anderen hing.
Wie üblich sahen sie durch mich hindurch, als wäre ich Luft. Aber so verhielten sie sich allen gegenüber. Ich konnte mich nicht entsinnen, sie jemals mit irgendwem plaudern gesehen zu haben. Schon seit sie vor einigen Monaten bei uns angefangen hatten, fragte ich mich, warum Dennis sie nicht endlich rauswarf. Er achtete doch sonst so aufs Betriebsklima, und wenn ich je zwei Fremdkörper in unserem Team erlebt hatte, waren es diese beiden Zicken. Die einzige Erklärung war, dass die beiden am Telefon Granaten sein mussten und ihm so viel Geld einbrachten, dass er über ihre unterentwickelten sozialen Fähigkeiten großzügig hinwegsah.
Natürlich ging mich seine Geschäftspolitik nichts an, und es wäre wohl auch ein bisschen viel von mir verlangt gewesen, dass mein Chef nur Leute einstellte, die ich nett fand. Oder vorher eine Betriebsversammlung abhielt.
Belinda und Jeanette stöckelten wortlos an mir vorbei und kontaminierten mich mit der Duftwolke ihres viel zu süßen Parfüms und ebensolchen Deos, die sie stets umwaberte. Wenn ich vergaß, die Luft anzuhalten und die Lippen fest aufeinanderzupressen, konnte es passieren, dass sich der Mief buchstäblich wie ein nasser Lappen auf meine Zunge legte und ich ihn den ganzen Tag nicht mehr aus der Nase kriegte, ekelhaft. Ich versuchte möglichst, sie zu ignorieren, und Gott sei Dank waren ihre Plätze weit weg von meinem.
Die baumlange Jeanette war höchst geschmeidig in die Lücke geschlüpft, die Diana hinterlassen hatte. Wie ihre Vorgängerin auch arbeitete Jeanette ausschließlich als Domina, allerdings sah sie im Gegensatz zur blonden, engelhaften Diana auch aus, wie dem Handbuch für Klischees entsprungen: scharfe Gesichtszüge, kalter Blick und pechschwarzes Haar. Hatte das tatsächlich Dennis überzeugt? Nicht zu fassen. Vielleicht hatte es die beiden ja nur als Doppelpack gegeben, und so hatte mein Chef halt beide angeheuert.
Lustigerweise kleideten sie sich trotz der unterschiedlichen Größe in einer Art Porno-Partnerlook, den sie offenkundig bevorzugt in Sexshops einkauften. Immer zu knapp, immer zu grell, immer zu billig. Dazu falsche Haare, die ihnen aalglatt bis auf den Hintern hingen, und eine solche Masse an Schminke im Gesicht, dass ich todsicher war, sie ungeschminkt niemals erkennen zu können. Auf turmhohen Absätzen staksten sie morgens ins Callcenter und abends wieder hinaus.
Ich blickte ihnen hinterher und sah sie vor dem Gebäude haltmachen. Vor Schichtbeginn rauchten sie noch schnell eine Kippe, wobei sie ihre Zigaretten geziert zwischen den dünnen, mit ellenlangen Plastiknägeln verunzierten Fingern hielten. Sie redeten nicht miteinander, standen einfach nur da und glotzen desinteressiert aneinander vorbei, während der milde Frühlingswind ihre Extensions wehen ließ.
Tatsache blieb: Ich traute den beiden nicht weiter, als ich sie hätte werfen können.
Ich winkte rüber zu Doris, die schon einsatzbereit an ihrem Platz saß und grüßend ihr unvermeidliches Stickzeug hob. Sie würde ausflippen, wenn ich ihr von Dianas und Okkos Hochzeitsplänen erzählte. Hoffentlich musste ich nicht bis zum Feierabend damit warten, weil unsere Pausen zu unterschiedlichen Zeiten waren.
Der Vormittag war Routine mit den üblichen Verdächtigen, ein paar Stammkunden und einigen, mit denen ich noch nie telefoniert hatte und denen es egal war, welche weibliche Stimme ihnen zu dem Genuss verhalf, für den sie bezahlten.
Einmal mehr fiel mir auf, wie beliebt es bei Männern war, eine Phantasie auszuleben, in der sie ein Chef waren, der sich eine Untergebene vornimmt, bis sie vor Wonne stöhnt. Na ja, wer darauf stand, von einer herrischen Frau dominiert zu werden, verlangte nach Jeanette. Dennoch war auffallend, dass es so gut wie nie ein Szenario gab, bei dem sich Mann und Frau auf Augenhöhe begegneten.
Während ich in ein Gespräch vertieft war, bei dem ein Boss mich zum Diktat bat und mir dann unter den Rock ging, ploppte auf meinem Monitor ein Fenster mit einer Nachricht von Dennis auf: Er bat darum, dass ich mich nach dem laufenden Gespräch ausloggte und in sein Büro kam. Während sich eine Hirnhälfte routiniert weiter mit dem Kunden beschäftigte, fragte ich mich mit der anderen, was er wohl von mir wollte. In letzter Zeit wirkte er fahrig und abwesend. Ich dachte schon länger darüber nach, was wohl mit ihm los war, aber er wich privaten Gesprächen konsequent aus – und das war definitiv neu. Einem Plausch mit ein wenig Tratsch war er nie abgeneigt gewesen.
Nachdem ich meinem Kunden den gewünschten Spaß bereitet hatte, klinkte ich mich aus und verließ meinen Platz. Als ich Doris passierte, stand auch sie gerade auf und schloss sich mir an.
»Pause?«, fragte sie.
»Dennis hat mich zu sich bestellt«, sagte ich.
Doris zog erstaunt die sorgsam gezupften Augenbrauen hoch. »Echt? Mich auch! Hat er dir gesagt, was er will?«
Ich schüttelte den Kopf. Wir hatten seine Bürotür erreicht, und ich klopfte.
Dennis hatte die Jalousien halb geschlossen, aber auch im Dämmerlicht konnte ich erkennen, dass er geradezu verhärmt aussah. Er hatte stets auf sein Äußeres geachtet, und jetzt fiel mir auf, dass er sich vernachlässigte. Sein Haar, sonst penibel frisiert, war zerzaust. Zwar war er wie üblich im Stil der 70er-Jahre gekleidet, aber seine Schlaghose hatte keine Bügelfalte, und sein Hemd war zerknittert. Gab es nicht mal ein Chanson, das Du lässt dich gehn hieß? Das fiel mir bei Dennis’ Anblick unvermittelt ein. So kannte ich ihn nicht. Man mochte über seine Vorliebe, sich wie eine Ruhrpott-Version von Shaft zu kleiden, denken, was man wollte, aber sein Outfit war immer picobello gewesen.
Ich machte mir ernsthafte Sorgen.
Mit einer Handbewegung bat er uns in seine Besprechungsecke, die mit einem Sofa und zwei Sesseln ausgestattet war. Aha – also ging es nicht um unsere Arbeit, denn dann würden wir jetzt auf den Stühlen vor seinem Schreibtisch Platz nehmen.
Doris warf sich in ihrer ganzen glitzernden und klimpernden Pracht auf das Sofa, ich nahm einen Sessel.
»Kaffee?«, fragte Dennis und stand irgendwie verloren in seinem Büro herum.
Ich lehnte dankend ab und bat um ein Mineralwasser, denn ich fand das Gebräu aus seiner Maschine, die mit Kapseln gefüttert wurde, grauenhaft. Doris war da deutlich härter im Nehmen und bestellte eine Karamell-Latte. Unter anderen Umständen hätte ich ihre Wahl für ein paar kesse Scherze genutzt, aber Dennis’ Zustand hielt mich davon ab.
Wir bekamen also ein Getränk, soso. Die Sache wurde immer spannender. Dennis machte sich nervös an der Kaffeemaschine zu schaffen, während Doris und ich erstaunte Blicke wechselten und unsere Augenbrauen fragend wandern ließen.
Als er sich zu uns gesellte, trugen unsere Gesichter wieder unverbindlich-neugierige Mienen, um ihn nicht noch zusätzlich zu verschrecken. Mit einem Seufzen ließ er sich in den anderen Sessel fallen und verfiel in brütendes Schweigen.
»Was ist los, Dennis? Warum möchtest du uns sprechen?«, fragte ich vorsichtig.
Er starrte auf seine Knie. Endlich sagte er: »Es geht um das Callcenter. Es … es ist ernst.«
Mit einem Klirren stellte Doris ihre Tasse auf den Tisch. »Jesses, wir sind pleite. Ist es das? Willst du uns eröffnen, dass du die Bude dichtmachen musst?«
Müde schüttelte Dennis den Kopf. »Ja. Nein. Aber das ist es nicht. Es ist anders. Es ist schlimmer.«
Es folgte: Schweigen.
Doris und ich sahen uns an. Was bitte schön konnte schlimmer sein als eine Pleite? Hatte er etwa die Steuerfahndung an den Hacken? Oder hatte er vor, das Callcenter aus Kostengründen nach Polen auszulagern, und suchte nach Worten, um uns zu eröffnen, dass wir in ein Kaff mit unaussprechlichem Namen umsiedeln mussten, wenn wir weiterhin für ihn arbeiten wollten?
Dennis stierte auf die metallbeschlagenen Spitzen seiner Cowboystiefel und biss sich auf die Unterlippe. Mehrmals setzte er zu sprechen an, atmete tief durch, schloss den Mund wieder, holte erneut Luft …
»Dennis!«, keifte Doris. »Du sagst uns jetzt, was los ist, oder wir gehen wieder!«
Erschrocken zuckte er zusammen, dann sagte er leise: »Ich bin in Schwierigkeiten. Schon länger. Die wollen ans Callcenter.«
Bämm. Das hörte sich gar nicht gut an.
»Ich brauche eure Hilfe«, fügte er hinzu. »Deine, Loretta, und die von Erwin. Doris, kannst du mal mit ihm sprechen? Bitte.«
»Wie – in Schwierigkeiten? Was heißt das? Und wer sind die?«, fragte ich entgeistert.
Er sah mich verwirrt an. Zu viele Fragen auf einmal.
»Die Schweine haben …...




