E-Book, Deutsch, Band 2, 312 Seiten
Minck Venuswalzer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-250-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Ruhrpott-Krimi mit Stella Albrecht - Ein Fall für Albrecht & Tillikowski 2 | Der humorvolle Ruhrpott-Krimi!
E-Book, Deutsch, Band 2, 312 Seiten
Reihe: Ein Fall für Albrecht & Tillikowski
ISBN: 978-3-98690-250-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lotte Minck, auch bekannt als Stella Conrad oder Frau Keller vom Duo Auerbach & Keller, ist das Pseudonym der Autorin Brenda Stumpf. Sie hat viele Jahre im Ruhrgebiet gelebt, wo sie Popstars bekocht, Events organisiert und in einer Schauspielagentur Termine jongliert hat. Ihre humorvollen Krimis um Stella Albrecht sind eine Liebeserklärung an das Ruhrgebiet, seine Menschen und ihre liebenswerten Eigenheiten. Die Website der Autorin: www.roman-manufaktur.de/ Die Autorin auf Instagram: www.instagram.com/romanmanufaktur/ Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Reihe um Hobbyermittlerin Stella Albrecht und Polizeikommissar Arno Tillikowski: »Planetenpolka«, »Venuswalzer« und »Sonne, Mord und Sterne«. Unter dem Pseudonym Stella Conrad veröffentlichte die Autorin bei dotbooks bereits ihre Romane »Die Küchenfee«, »Das Glück der Küchenfee«, »Die Tortenkönigin«, »Die Glücksträumerin«, »Der Feind an meinem Tisch« und »Die Glücksköchin« als eBooks. Als Print-Ausgabe ist von Stella Conrad bei dotbooks »Die Tortenkönigin« erschienen.
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Prolog
Es war ein prachtvoller Tag.
Die Sonne schien, und Kevin Wehling war der König der Welt. Von ihnen unbemerkt blickte er auf die Menschen hinab, während er hoch über ihnen thronte. Manchmal gönnte er sich den kleinen Spaß, hinunter zu spucken, und lachte sich ins Fäustchen, wenn er tatsächlich jemanden traf. Wie dämlich diese ahnungslosen Würstchen dann aus der Wäsche guckten, wenn ihnen sein Rotz über die Stirn lief! Köstlich!
Kevin liebte seinen Job. Er hatte Maler und Lackierer gelernt, und seit mehreren Jahren arbeitete er nun bei der Firma, die sich darauf spezialisiert hatte, Häuser anzustreichen. So nannte er es, aber bestimmt gab es einen vollkommen blödsinnigen, modernen Begriff dafür, so etwas wie facade refurbishment management, damit es beeindruckender klang. Nein – er strich Häuser an, fertig. Er war rundum zufrieden mit seiner Arbeit und wäre niemals auf die Idee gekommen, sich weiterzubilden oder gar auf eine Meisterschule zu gehen – das war was für Streber und Blödiane. Er war Ende dreißig, glücklicher Single und verdiente genug, um sich gut zu amüsieren und Weiber rumzukriegen.
Meist hatte er mehrere gleichzeitig am Start, wie es sich für einen echten Kerl gehörte. Bloß nicht festlegen, das taten nur Waschlappen. Manchmal schnappte er sich eine Frau nur deshalb, damit er sich anderen noch überlegener fühlte – aktuell zum Beispiel seinem Meister, dessen Tochter er bumste, ohne dass der Alte es ahnte. Allerdings wurde die Kleine gerade ziemlich lästig. Aber Kevin verfügte über jede Menge Strategien, um sich Frauen, die zu viel von ihm wollten, vom Hals zu halten.
Sein Ruf in dieser Hinsicht war wie Donnerhall, zumal er montags im Kollegenkreis gern mit den Eroberungen vom Wochenende prahlte. Oder mit den scharfen Frauen, die ihn angeblich direkt vom Gerüst in ihre Wohnung eingeladen und dort bereitwillig ihren Schlüpfer ausgezogen hatten. Das machte ihn nicht gerade zum Wunschkandidaten für den Posten des Schwiegersohnes, aber derlei Ambitionen hegte er ja ohnehin nicht.
Das Baugerüst war Kevins Königreich, über das er souverän herrschte und das ihn über die anderen Menschen erhob. Er war zwar von wuchtiger Gestalt, aber gelenkig, flink und vor allem schwindelfrei. Wenn er wollte, konnte er das Gerüst innerhalb weniger Sekunden erklimmen oder in luftiger Höhe seinen Standort verändern.
Diese Fähigkeit half ihm bei seiner Lieblingsbeschäftigung während der Arbeit: Leute in ihren Wohnungen beobachten. Frauen, um genau zu sein. Natürlich keine alten oder fetten Weiber, die guckte sich ja kein Mann freiwillig an – es sei denn, er war pervers. Nein, er war ein ganz normaler Mann und sah sich am liebsten junge, knackige Frauen an.
Es war erstaunlich, wie langsam die Leute sich daran gewöhnten, dass ein Gerüst am Haus stand. Unbeirrt zogen sie weiterhin ihre Morgenroutine durch, die zu Kevins Vergnügen oft genug daraus bestand, als Erstes die Vorhänge zu öffnen – und das häufig nur höchst unzulänglich bekleidet. Was er da schon alles gesehen hatte! Durchsichtige Negligés, viel zu kurze T-Shirts als einziges Kleidungsstück oder gleich totale Nacktheit.
Manchmal allerdings war es etwas anderes, das ihn dazu herausforderte, vor einem bestimmten Fenster Position zu beziehen.
Manchmal machte es ihm einfach Spaß, jemanden zu ärgern, immer und immer wieder.
Wie zum Beispiel diese Rotzgöre im zweiten Stock, die es gewagt hatte, ihn auszulachen. Das ließ ein Kevin Wehling sich selbstverständlich nicht gefallen; was bildete diese kleine Ratte sich ein? Wie die schon aussah – wie ein zwölfjähriger Punker: struppige, bunte Haare, zerrissene Jeans, T-Shirts mit Bandnamen, von denen er noch nie gehört hatte. Die war doch nicht mal eine richtige Frau! Bestimmt stand sie auf Weiber, denn einen Mann kriegte sie bei diesem Look garantiert nicht ab. Jedenfalls keinen, der was auf sich hielt.
Auf jeden Fall aber war sie eine Emanze, das bewies schon dieses Weiberzeichen, das an der Scheibe ihres Schlafzimmerfensters baumelte.
Kevin hatte dieses Symbol – ein Kreis auf einem Kreuz – schon häufiger gesehen. Natürlich immer im Zusammenhang mit Lesben oder Emanzen. Oder sie waren gleich beides. Denn für Kevin war klar: Emanzen törnten Männer ab, also wurden sie natürlich ganz automatisch zu Lesben. Es war ihm ein Rätsel, warum die sich ausgerechnet ein Symbol ausgesucht hatten, das wie ein Handspiegel aussah. So hässlich, wie die alle waren, wussten die garantiert nicht, wozu ein Spiegel benutzt wurde: um zu kontrollieren, ob man hübsch genug für die Männerwelt war.
Das Beste an der ätzenden Tusse im zweiten Stock war: Sie arbeitete zu Hause. Den ganzen Tag lang saß sie an ihrem Schreibtisch am Fenster, glotzte auf ihren Monitor und versuchte, sich zu konzentrieren. Das allein war Grund genug für Kevin, besonders viel Lärm zu machen und ständig vor ihrer Nase herumzuturnen.
Aber es gab noch einen Grund, der deutlich schwerer wog: Sie hatte ihn nicht nur ausgelacht, sondern es auch noch gewagt, sich über ihn zu beschweren. Wegen sexueller Belästigung. Statt froh zu sein, seinen prachtvollen Penis in voller Größe zu Gesicht zu bekommen, schrie sie Zeter und Mordio.
Selbstverständlich hatte er alles abgestritten. Andererseits hatte die Beschwerde ihn nur noch mehr angestachelt. Er war schlau genug, seine kleine Vorstellung nur in unregelmäßigen Abständen zu präsentieren; er wollte nicht, dass sie vorbereitet war. Mal ließ er einige Tage vergehen, mal zog er seine Show an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ab. Heute war es mal wieder so weit.
Kevin grinste, als er ihren Wecker leise piepsen hörte. Gleich würde sie auftauchen und die Vorhänge öffnen – so trotzig war sie immerhin, diese Gewohnheit nicht zu ändern. »Du Wichser wirst es nicht schaffen, dass ich mein Leben ändere! Diese Macht gebe ich dir nicht!«, hatte sie bei ihrem letzten Zusammentreffen gekreischt.
Nun, dann wollen wir doch mal sehen, wer von uns beiden der Stärkere ist, dachte Kevin, als er vor ihrem Fenster Position bezog. Allein die Vorstellung, wie sie sich gleich wieder aufregen würde, machte ihn heiß.
Heute war ihr letzter Tag auf dieser Baustelle; es waren nur noch einige kleine Details auszubessern, ansonsten waren sie fertig mit diesem Haus. Schon morgen würden sie das Gerüst abbauen. Grund genug, die kleine Lesbe heute zum Abschied mit einer ganz besonderen Vorführung zu verwöhnen.
Langsam zog er den Reißverschluss an der Hose herunter und befreite seinen besten Freund aus seinem dunklen Gefängnis.
Showtime.
Ruby war längst wach, als der Wecker klingelte, obwohl sie bis in die frühen Morgenstunden am Rechner gesessen hatte, damit diese verfluchte Website endlich online gehen konnte. Einmal hatte sie die Deadline bereits nachverhandelt; ein zweites Mal stand nicht zur Debatte. Nicht nur, weil es ihrem Arbeitsethos widersprach – überdies wollte sie den Kunden keinesfalls verlieren.
Seit Wochen litt sie unter den Sanierungsarbeiten am Haus. Sie war kurz davor, Amok zu laufen. Jeden Morgen um halb acht begann der Terror, wenn die Malerbrigade anrückte. Damit auch ja niemand im Haus diesen wichtigen Moment verpasste, wurde umgehend ein plärrendes Radio eingeschaltet, was wiederum dazu führte, dass die Handwerker sich lautstark miteinander verständigen mussten.
Aber das war noch nicht das Schlimmste. Ruby hatte wochenlanges Hämmern und Bohren bereits überstanden, und die Malerarbeiten am Haus waren nun nicht nur vergleichsweise leise, sondern sie markierten überdies den baldigen Abschluss der Sanierungsarbeiten.
Eigentlich hätte sie darüber froh sein müssen – wäre da nicht dieser Prolet von Maler, der es sich offenbar in den Kopf gesetzt hatte, sie in den Wahnsinn zu treiben. Dummerweise stand ihr Schreibtisch am Fenster, und ständig turnte dieser Halbaffe draußen herum und provozierte sie. Einige Male hatte er es sogar gewagt, ihr seinen Pimmel unter die Nase zu halten.
Beim ersten Mal hatte sie souverän reagiert. Sie hatte losgeprustet und gefragt: »Und darauf sind Sie stolz?«
Damit hatte sie das Tor zur Hölle aufgestoßen.
Anstatt sich von ihrer spöttischen Reaktion abschrecken zu lassen, hatte er seine Show wiederholt, und das nicht nur einmal. Sie hatte einsehen müssen, dass sein Auftritt genau ein einziges Mal halbwegs witzig gewesen war.
Mittlerweile befand sie sich am Rande einer ernsthaften Nervenkrise.
Natürlich hatte sie sich über ihn beschwert, aber der Typ hatte alles abgestritten. Zufällig hatte sie gehört, wie er seinem Meister gegenüber gesagt hatte, im Gegenteil hätte sie ihn belästigt und sei nun frustriert, dass er nicht auf ihre Avancen eingegangen sei; nur deshalb würde sie diese Dinge behaupten.
Ob er heute wieder dort stehen würde?
Da sie häufig nachts am Rechner saß und dann bis mittags schlief, hatte sie blickdichte Verdunkelungsvorhänge am Schlafzimmerfenster. Der Baulärm hatte es ihr tagsüber unmöglich gemacht, sich auf ihre Aufträge zu konzentrieren. Normalerweise schätzte sie es, zu Hause zu arbeiten, aber während der letzten Monate hatte sie es oft genug verflucht, Freiberuflerin zu sein.
»Ganz ruhig, Ruby«, murmelte sie, »du bist Herrin der Lage, wenn du es willst. Er ist nur ein armes Würstchen, das sich an deiner Wut aufgeilt. Er hat keine Macht über dich, Ruby. Du hast es in der Hand. Ignoriere ihn einfach. Oder lach ihn aus.«
Diesen Rat hatte ihr Stella Albrecht gegeben, Astrologin und beste Freundin ihres Kumpels Ben. Der hatte ihre Verzweiflung über die Bauarbeiten und besonders über diesen übergriffigen Maler irgendwann nicht mehr ertragen und sie zu Stella...




