Minck Wenn der Postmann nicht mal klingelt
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7700-4118-3
Verlag: Droste Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Ruhrpott-Krimödie mit Loretta Luchs
E-Book, Deutsch, Band 4, 295 Seiten
Reihe: Loretta Luchs
ISBN: 978-3-7700-4118-3
Verlag: Droste Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lotte Minck ist von Geburt halb Ruhrpottgöre, halb Nordseekrabbe. Nach 50 Jahren im Ruhrgebiet entschied sie sich, an die Nordseeküste zu ziehen. Nach verschiedenen beruflichen Stationen in der Gastronomie, in der Event- und PR-Branche sowie bei einer Schauspielagentur widmet sie sich seit 2005 ganz dem Schreiben.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
In zwei Minuten von Neuschwanstein in den Buckingham
Palace – Loretta geht zum Kaffeeklatsch
»Müssen wir da jetzt wirklich hin?«, quengelte ich zum wiederholten Mal und ging Isolde damit sicher gehörig auf den Keks, auch wenn sie nicht reagierte. Jedenfalls nicht so, wie ich es mir erhoffte, denn sie warf mir lediglich einen amüsierten Blick zu und fuhr ansonsten unbeirrt weiter.
Mist.
Sie hatte mich vom Callcenter abgeholt, und jetzt waren wir auf dem Weg zu Harry Vaske, der Fernsehnation bekannt als Kommissar Wickerling aus der gleichnamigen Erfolgsserie. Laut Isolde hatte er uns zum Kaffee eingeladen, weil er uns zeigen wollte, wie superdufte mein Porträt in seiner Bude aussah. Oder so ähnlich.
Als Isolde mich davon informiert hatte, fand ich die Idee lustig, aber mittlerweile hatte ich meine Meinung geändert. Aber hallo. Außerdem rumorte in mir der Verdacht, dass mehr hinter dieser Einladung steckte. Nur leider nutzte mir das rein gar nichts. Da musste ich jetzt durch.
Ich kam gerade von einer Samstagsschicht, für die ich kurzfristig eingesprungen war. Wen rief Dennis natürlich als Erste an, wenn jemand an seiner Sexhotline ausfiel? Klar: unverheiratete Singles wie Loretta. Die anderen hatten ja schließlich Familie und am Wochenende etwas vor. Ich hatte zugesagt, aber nur unter der Bedingung, dass ich im Gegenzug am Montag einen freien Tag bekam.
»Wir sind da!«, verkündete Isolde aufgeräumt und parkte ihren kleinen Flitzer vor einem großen, prunkvollen Altbau mit riesigen Fenstern und anbetungswürdigen Erkern. »Und jetzt möchte ich ein freundliches Gesicht sehen, Schätzchen.«
Wir klingelten und winkten in die Kamera an der Gegensprechanlage; daraufhin summte es, und die Tür ging auf. Das Treppenhaus sah aus, als hätten sie es aus Schloss Neuschwanstein entführt, aber Harry Vaske sah aus, wie ich ihn aus dem Sommer in Erinnerung hatte: salopp und etwas zu jugendlich aufgebretzelt für sein Alter, mit medienwirksamem Lächeln und voller Leutseligkeit.
»Immer herein, liebe Damen!«, rief er aus und trat einen Schritt zurück, um uns in seine Empfangshalle einzulassen.
Er herzte und küsste die strahlende Isolde, gab mir einen Handkuss und nahm uns die Wintermäntel ab. Dann bat er uns mit einer Geste durch eine halb offen stehende Flügeltür ins Wohnzimmer.
Also dann.
»Heiliges Kanonenrohr!«, rief ich unwillkürlich aus und blieb in der Zimmertür stehen.
Isolde prallte prompt gegen mich, weil sie so schnell nicht hatte reagieren können. Obwohl sie mich dezent von hinten anstupste, rührte ich mich nicht vom Fleck.
Irgendwie konnte ich mich nicht überwinden, den Raum zu betreten. Ich brauchte noch ein bisschen Zeit, um mich zu sammeln.
Harry Vaske strahlte mich an. »Na, Frau Luchs? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?«
So ungern ich es zugab: Allerdings, das hatte es.
Ich nickte langsam.
Der berühmte Fernsehkommissar freute sich sichtlich über meine Fassungslosigkeit. Ich wusste, er war bereits knapp über 70, aber das sah man ihm wirklich nicht an. Sein volles Haar war braun getönt, wobei der Friseur darauf geachtet hatte, ihm silberne Schläfen zu lassen, damit es für einen Mann seines Alters nicht allzu unnatürlich wirkte. Er war hochgewachsen, durchtrainiert und leger gekleidet. Bestimmt machte er regelmäßig Sport, um seine Figur zu erhalten. Stolz stand er vor dem Bild. Meinem Porträt. Mein Gesicht riesengroß an seiner Wohnzimmerwand. Das muss man erst mal verpacken.
»Erinnern Sie sich?«, fuhr er fort. »Unsere kleine Plauderei im Sommer? Ich hatte doch angekündigt, Ihr Porträt erwerben zu wollen!«
Natürlich erinnerte ich mich.
Wir waren uns auf der Vernissage von Isoldes Lebensgefährtin Maria begegnet, der Herr Fernsehkommissar und ich. Marias Ausstellung präsentierte großformatige Schwarzweißfotos, und auf einem der Bilder war mein Gesicht. Gigantisch groß. Sie klären Morde auf, ich kläre Morde auf, hatte Vaske damals gesagt, und wie witzig er es finden würde, mein Porträt zu besitzen.
Ich weiß noch, wie ich dachte, dass es bei ihm ganz klar einen Riss in der Realität geben musste. Er klärte Morde auf? Der Mann war ein Fernsehkommissar!
Er hatte das Bild tatsächlich gekauft. Das wusste ich zwar schon länger, aber erst jetzt, als ich es mit eigenen Augen bei ihm hängen sah, wurde es Wirklichkeit.
Und jetzt glotzte ich mein riesiges Gesicht an, das von der lindgrünen Wand aus einem schlichten silbernen Rahmen zurückglotzte. Ein Wunder, dass ich nicht in Ohnmacht gefallen war.
»Loretta!«, zischte es hinter mir, und Isolde gab mir wieder einen kleinen Schubs.
Das Stäbchenparkett knarrte unter meinen Schritten, als ich mich schließlich aus meiner Erstarrung löste und den Raum betrat. Eine Gruppe Formationstänzer hätte mehr als genug Platz gehabt, dort ihre Choreografie aufzuführen, mitsamt Hebefiguren und Tanzpartner-Weitwurf. Meine Altbauwohnung kam mir schon großzügig vor, aber das hier war monumental. Buckingham-Palace-monumental. Vier Meter hohe Decken mit Stuck, Flügeltüren, Fenster wie Kinoleinwände, Blick auf den Stadtpark. Die Einrichtung war männlich: Chrom, Glas und schwarzes Leder. Keinerlei Schnörkel oder Schnickschnack.
»Aber setzt euch doch«, sagte Harry Vaske und deutete auf das Ecksofa, auf dem mühelos zehn bis zwölf Personen sitzen konnten, ohne sich zu berühren. »Kaffee? Tee?«
»Wir nehmen einen Kaffee. Oder, Schätzchen?«, erwiderte Isolde und zog mich neben sich aufs Polster.
»Kaffee. Ja. Gerne«, murmelte ich.
Das Bild war gegenüber vom Ecksofa platziert, sodass ich keine Chance hatte, mir selbst zu entgehen. Ein Sitzmöbel mit dem Rücken zu meinem Foto gab es nicht.
»Theeeee-aaaaaah!«, jubilierte Vaske in Richtung einer weiteren Flügeltür, die einen Spalt offen stand. »Unser Besuch ist da!«
Umgehend fegte eine Frau ins Zimmer, die ich sofort sympathisch fand. Nicht nur, weil sie klein und rund war, sondern besonders, weil sie kunterbunte Kleidung trug und wie ein fröhlicher Kolibri durch den Raum flatterte.
Sie stürmte zu Isolde und drückte ihr einen herzlichen Schmatzer auf die Wange, dann streckte sie mir die Hand hin. »Willkommen bei uns.«
Ihr Händedruck war herzlich und warm.
»Vielen Dank für die Einladung, Frau Vaske.«
Sie schüttelte kichernd den Kopf. »Ich heiße Klopschinski, so viel Zeit muss sein. Ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis: Harry Vaske heißt in Wirklichkeit Hartmut Klopschinski. Macht sich aber nicht so gut auf einem Filmplakat.« Wieder kicherte sie und deklamierte dann mit Pathos in der Stimme: »Höllenhunde in der Sahara – mit Hartmut Klopschinski in der Hauptrolle! Das klingt, als würde er nach den Dreharbeiten zum Kiosk gehen und erst mal ein Bierken süppeln, fand sein damaliger Manager.«
Sie wollte sich ausschütten vor Lachen, und ihre grauen Locken flogen, als sie sich zu ihrem Mann umdrehte und ihn stürmisch umarmte.
Dann wandte sie sich mir wieder zu. »Aber nennen Sie mich Thea. Wir sind Harry und Thea, ganz simpel. Und ich darf Sie Loretta nennen, nicht wahr? Ich bin richtig aufgeregt! Da hängen Sie seit ein paar Monaten bei uns an der Wand, und jetzt sitzen Sie leibhaftig auf meinem Sofa. Verrückt.«
Du findest diese Situation verrückt?, dachte ich. Frag mich mal!
Das Ehepaar Vaske … äh … Klopschinski verkündete, den Kaffee holen zu wollen, und verließ den Raum.
»Isolde!«, flüsterte ich sofort. »Jetzt sag mir endlich, warum wir wirklich hier sind!«
Meine Freundin grinste. »Du hast recht, es wird Zeit. Du weißt doch, dass ich ein Drehbuch geschrieben habe.«
Natürlich wusste ich das. Immerhin hatte sie mich ständig mit Fragen über meinen Arbeitsalltag gelöchert, denn ihre Hauptfigur arbeitete an einer Sexhotline.
»Also …«, Isolde grinste noch breiter. »Stell dir vor – es soll tatsächlich verfilmt werden!«
»Was? Gratuliere! Das ist ja …« Ich umarmte sie. »Aber du hast gar nicht erzählt, dass es Verhandlungen gibt! Seit wann weißt du es?«
»Ich wollte nichts sagen, solange ich nicht sicher war, dass es klappt. Vorgestern kam das definitive Okay.«
»Das ist wunderbar, Isolde.« Ich stutzte. Und vorgestern war ihre spontane Einladung zu einem Treffen mit dem berühmten Fernsehkommissar gekommen. Mich hatte überrascht, dass er in derselben Stadt wohnte wie ich, aber irgendwo mussten schließlich auch Berühmtheiten wohnen. Aber Moment mal … »Der nette Herr Klopschinski hat nicht zufällig was mit der Verfilmung zu tun? Sind wir deshalb heute hier?«
Aber eigentlich kannte ich die Antwort bereits, bevor sie nickte. Selbstverständlich hatte der nette Herr Klopschinski damit zu tun.
Denn Zufälle gab es nicht.
Nicht in meinem Leben.
Harry und Thea kamen wieder herein, beide mit einem Tablett in den Händen. Tassen wurden verteilt, duftender Kaffee wurde ausgeschenkt, vom Hausherrn selbst gebackene Plätzchen wurden angeboten.
»Na, was sagen Sie dazu, dass wir bald Ihr Leben als Film sehen werden, Loretta?«, fragte Harry schließlich, als wir alle versorgt waren.
Mir fiel vor Schreck beinahe die Tasse aus der Hand.
Ich hatte noch damit zu kämpfen, dass mein Gesicht in der Wohnung dieser Leute an der Wand hing, und plötzlich ging es um mein Leben auf der Leinwand? Ein bisschen viel auf einmal für meinen Geschmack.
...



