Mitterer | Johanna | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 96 Seiten

Mitterer Johanna

oder die Erfindung der Nation
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7099-7661-6
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

oder die Erfindung der Nation

E-Book, Deutsch, 96 Seiten

ISBN: 978-3-7099-7661-6
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Jahr 1429 hört ein jungfräuliches Bauernmädchen Stimmen, die ihm auftragen, das vom Feind bedrohte Vaterland zu retten. Das Mädchen geht zum mutlosen König, rüttelt ihn auf, setzt sich an die Spitze der Truppen und besiegt den Feind. Das Volk betet das Hirtenmädchen an. Legenden verbreiten sich. Dem König wird das langsam lästig. Dann verliebt sich die Jungfrau und verliert ihre Kraft. Sie wird gefangengenommen, an den Feind verkauft und wegen Hexerei zum Tode verurteilt. 17 Jahre alt war sie, als sie von ihrem Dorf aufbrach, mit 19 ist sie verbrannt zu Asche. Im Jahre 2001 kommt Johanna wieder. Erneut ist das Vaterland zu retten, die Nation. Vor wem, wovor? Was sagt der 'König', was sagt das Volk? Erkennt man die Retterin, und vor allem: wer erkennt sie? Wer steht ihr zur Seite, wer folgt ihr nach? Wem folgt sie nach? Siegt sie erneut? Wird sie erneut getäuscht? Muß sie wieder sterben? Auf diese aktuellen Fragen sucht Felix Mitterer in seinem neuen Stück, das am 12. Jänner 2002 am Salzburger Landestheater uraufgeführt wird, eine Antwort. In der Buchausgabe wird der Text des Stücks ergänzt durch eine knappe Abhandlung über die Figur der Jeanne d'Arc und den mit ihr verbundenen Mythos in der Literatur.

Felix Mitterer, geboren 1948 in Achenkirch/Tirol, lebt nach einigen Jahren in Irland heute in Niederösterreich. Seit 1978 erfolgreicher Theater- und Drehbuchautor. Die mehrteiligen Filme Verkaufte Heimat und Piefke-Saga sind seine bekanntesten, vielfach preisgekrönten Fernseharbeiten, Kein Platz für Idioten, Besuchszeit, Sibirien die am meisten aufgeführten Theaterstücke. Seit 1987 legt der Haymon Verlag Mitterers Stücke und Drehbücher im Druck vor. Zuletzt erschienen: Die Beichte. Theaterstück (2004; Prix Italia und ORF-Hörspiel des Jahres 2003), Stücke 4 (2007), Der Panther. Theaterstück (2007), das goldene dachl und seine rätselhafte inschrift. eine poetische annährung (Hrsg. 2012 gem. mit Lukas Morscher und Christian Ide Hintze). Bei HAYMONtb: Der Patriot. Ein-Mann-Stück (2009), die gesammelten vier Teile der Piefke-Saga. Komödie einer vergeblichen Zuneigung (2010), sowie Die Beichte (2011).
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1. BILD


Zeit: Heute
Fernsehstudio
Charles trifft auf den Herzog von Burgund

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CHARLES: Das habe ich nie gesagt.

HERZOG VON BURGUND: Sie haben das sehr wohl gesagt, Charles. Und Ihr Herr La Trémouille, der Ihr Sprachrohr ist, faselt ständig etwas von der drohenden Umvolkung der Franzosen. Sie sollten über jeden Fremden froh sein, der bei uns die Drecksarbeit erledigt.

CHARLES: Sie halten ja nicht einmal die hygienischen Regeln ein, und ständig diese laute Dudelsackmusik, grauenhaft! Was ist das für eine Kultur?

HERZOG VON BURGUND: Sie behaupten, die Fremden stinken und hätten einen schlechten Musikgeschmack?

CHARLES: Natürlich stinken sie, und Geschmack haben sie überhaupt keinen! Und sie haben überhaupt keine Absicht, sich zu assimilieren. Sie wollen, dass auch wir stinken, sie wollen, dass auch wir unablässig den Dudelsack spielen!

HERZOG VON BURGUND: Das ist lächerlich, Charles. Genauso lächerlich wie die Behauptung Ihres La Tremouille, dass wir jedem Engländer, der an der Küste landet, sofort einen Kräutersud verabreichen, der seine Fruchtbarkeit fördert.

CHARLES: Das hat La Tremouille nie gesagt, Herzog. Sie wollen immer nur davon ablenken, dass Sie und Ihresgleichen Ihr eigenes Volk nicht leiden können. Sie sind ein Inländerfeind, Herzog!

HERZOG VON BURGUND: Ich bin selbst ein Inländer! Da müsste ich ja mein eigener Feind sein.

CHARLES: Wer weiß schon, was sich in Ihrem Blut so alles vermengt, Herzog. Auf jeden Fall sind Sie von Selbsthass zerfressen. Sonst würden Sie unser Land nicht den Fremden ausliefern wollen. Sonst würden Sie dieser Verelendung und Verdrängung der Franzosen nicht Vorschub leisten.

HERZOG VON BURGUND: Ich weise das mit allem Nachdruck zurück. Den Franzosen ist es noch nie so gut gegangen!

CHARLES: Aber nicht mehr lange, Herzog. Es handelt sich hier um eine massenhafte Landnahme im Kernterritorium Frankreichs. Und ihr Burgunder unterstützt das. Ihr unterstützt diese Überflutung, diese Überschwemmung durch die Ausländerhorden. Sie werden als Hochverräter des Vaterlandes in die Geschichte eingehen, Herzog, Sie und Ihre ganze Partei.

HERZOG VON BURGUND: Ich verbitte mir, dass Sie mich als schlechten Franzosen hinstellen, Charles!

CHARLES: Sie konspirieren mit dem Ausland, Herzog. Ihr Burgunder macht Frankreich im Ausland schlecht, ihr begeht Landesverrat, und das wird euch mein Volk nie verzeihen. Ich übrigens auch nicht. Der Tag wird kommen, da werde ich König von Frankreich sein. Dann Gnade Ihnen Gott, Ihnen und Ihresgleichen.

HERZOG VON BURGUND: Also erstens einmal denke ich, dass Sie Ihre Anhängerschaft unter den Franzosen überschätzen, auch wenn Sie dem Pöbel fleißig nach dem Maule reden; für einen König, Charles, sind Sie einfach zu windig. Zweitens ist es nicht notwendig, mich darauf hinzuweisen, was Sie mit mir anstellen würden, das weiß ich schon selber, denn schließlich waren ja Sie es, der meinem Vater auf der Brücke von Montereau den Schädel spalten ließ.

CHARLES: Das habe ich nie getan!

HERZOG VON BURGUND: Drittens spiele ich selber ganz leidlich den Dudelsack, und Sie können mir nur leidtun, dass Sie für diese wunderbare Musik nichts übrighaben.

CHARLES: Sie sind ein verlauster Affe, Herzog, und ich werde Ihnen den Kopf abschlagen. Damit ist das Gespräch beendet, man dreht mir ohnehin ständig das Wort im Munde um, ich weiß gar nicht, warum ich hier sitze.

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2. BILD


Zeit: Heute und 1429
Des Nachts bei einem Rummelplatz
Jeanne wird von Fremden überfallen

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1. JUNGER FREMDER: Bon soir, französische Hure!

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2. JUNGER FREMDER: Die kleine Französin ziert sich. Hat die Nase weit oben. Ganz weit oben. Rotznase.

1. JUNGER FREMDER: Wir sind dir zu schmutzig, was? Stinkende Ausländer. Dabei liebst du den Schmutz, nicht wahr? Du liebst ihn doch, oder? Einmal schmutzig sein, nur ein einziges Mal schmutzig sein. Nicht wahr?

2. JUNGER FREMDER: Sag, stimmt es, dass die Französinnen nicht schwitzen? Tatsächlich. Geruchlos. Absolut geruchlos. Das schmeckt dir, oder, schmeckt dir das?

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JEANNE: Brüder! Brüder!

3. BILD


Zeit: Heute und 1429
Vaterhaus in Domrémy
Jeanne schaut fern und empfängt eine Botschaft

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HEILIGER MICHAEL IM TV: Demoiselles de Caen grillées au feu éternel! Die Jungfrauen von Caen, im ewigen Feuer geröstet! Keine Angst, meine Damen, Sie müssen Ihrem Göttergatten keine gegrillten Jungfrauen auftischen, Sie brauchen dazu nur zwei Langusten, 60 Gramm gesalzene Butter und als Zutaten für die Sauce 0,2 Liter trockenen Weißwein, 2 gehackte Schalotten, einen halben Esslöffel gehackten Estragon, 0,4 Liter saure Sahne, 50 Gramm gesalzene Butter, Salz und Pfeffer.

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HEILIGER MICHAEL IM TV: Wir legen die Languste auf ein Brett, drücken den Schwanz flach und zerteilen die Languste der Länge nach mit einem scharfen Messer, muss wirklich scharf sein. So – jetzt entfernen wir den Sand aus dem oberen Kopfteil, dann nehmen wir die cremigen Innereien und das Corail heraus und stellen es zur Seite. Mit der zweiten Languste dann genauso verfahren, ich beschränke mich hier auf eine Jungfrau, die wir im ewigen Feuer rösten ... So – hier habe ich bereits in einer Kasserolle die Schalotten mit dem Weißwein auf ein Viertel einkochen lassen, nicht vergessen, bitte, ständig dabei mit einem Holzlöffel umrühren. Regiere dich selbst, Jeanne.

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HEILIGER MICHAEL IM TV: Die Sahne und den gehackten Estragon zugeben, die Hitze reduzieren und leise köcheln lassen, bis eine leicht cremige Sauce entsteht. Von Zeit zu Zeit umrühren. So – inzwischen vermengen wir die gesalzene Butter mit dem Corail und den Innereien. Die Sauce ist nun cremig genug, wir rühren jetzt die Butter-Corail-Mischung mit dem Schneebesen kräftig unter. Jetzt vier bis fünf Minuten leise köcheln lassen, dann durch ein feines Sieb...


Felix Mitterer, geboren 1948 in Achenkirch/Tirol, lebt nach einigen Jahren in Irland heute in Niederösterreich. Seit 1978 erfolgreicher Theater- und Drehbuchautor. Die mehrteiligen Filme Verkaufte Heimat und Piefke-Saga sind seine bekanntesten, vielfach preisgekrönten Fernseharbeiten, Kein Platz für Idioten, Besuchszeit, Sibirien die am meisten aufgeführten Theaterstücke. Seit 1987 legt der Haymon Verlag Mitterers Stücke und Drehbücher im Druck vor. Zuletzt erschienen: Die Beichte. Theaterstück (2004; Prix Italia und ORF-Hörspiel des Jahres 2003), Stücke 4 (2007), Der Panther. Theaterstück (2007), das goldene dachl und seine rätselhafte inschrift. eine poetische annährung (Hrsg. 2012 gem. mit Lukas Morscher und Christian Ide Hintze). Bei HAYMONtb: Der Patriot. Ein-Mann-Stück (2009), die gesammelten vier Teile der Piefke-Saga. Komödie einer vergeblichen Zuneigung (2010), sowie Die Beichte (2011).



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