Máni | Abgrund | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Máni Abgrund

Kriminalroman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-948392-84-0
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-948392-84-0
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1997 Vier Jungen paddeln ohne Erlaubnis auf einem großen See. Einer von ihnen geht über Bord und ertrinkt fast. Sein Vater kann ihn gerade noch aus dem Wasser ziehen. An alles was er sich erinnern kann ist ein Mädchen, blond und dünn, das ihm einen schwarzen Gegenstand reicht. Der Junge, Sölvi, selbst trägt nun eine Dunkelheit in sich, eine Dunkelheit, die von Schweigen und Angst lebt und ihn eines Tages wieder zu sich herunterziehen wird. 2007 Zehn Jahre später geschehen mysteriöse Ereignisse: Zwei junge Menschen verschwinden am selben Tag. Sölvi, der Junge und ein Mädchen. Sölvi hat kurz vorher bei einer Immo- bilienfirma angefangen zu arbeiten, die seinem Onkel gehört und in der die Clique von früher arbeitet. Eines abens wacht er im Krankenhaus auf. Er wurde in einem Straßengraben nackt und verletzt gefunden. Ohne Erinnerung. Der Junge fühlt sich dem Tod näher als dem Leben. Von der jungen Frau fehlt jede Spur. Er beschließt, sie zu suchen, da er sich irgendwie mit ihr verbunden fühlt. Doch der Alltag verwandelt sich in einen bodenlosen Abgrund und die Suche wird schnell zu einem Albtraum, den niemand beenden wird...

Stefán Máni wurde 1970 in Reykjavík geboren. Er wuchs in der Stadt Ólafsvík in Westisland auf. Stefán Máni hat u.a. in der Fischindustrie und Buchbinderei, sowie mit Jugendlichen und in Nervenheilanstalten gearbeitet. Stefán Mánis erster Roman wurde 1996 veröffentlicht. Seitdem hat er mehrere Bücher ge- schrieben. Sein 2004 erschienener Roman Svartur á leik wurde 2012 unter der Regie von Óskar Thor Axelsson verfilmt. Stefán Máni ist dreimaliger Empfänger des isländischen Krimiautorenpreises Blóðdropinn, zuletzt 2014 für den Roman Grimmd. 2006 und 2008 (Skipið) wurde er für The Glass Key, den Skandinavischen Krimiautorenpreis, nominiert. Skipið wurde in Übersetzungen in der Türkei, Italien, Frankreich, Dänemark und Deutschland veröffentlicht. Stefán Máni lebt in Reykjavík.
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IV


Die Bootstour


1997


In der Nacht hatte er von einer nackten Frau geträumt, die wie ein Ungeheuer aus dem dunklen See gekrochen kam. Sie war mit Schrammen, blauen Flecken und schwarzem Schlamm übersät und kroch auf allen vieren über Sand und Gras. Ihr Gesicht wurde von langen Haaren verdeckt, aber sie sah schrecklich aus und bewegte sich wie eine Riesenechse, mager, mit steifen, langsamen Bewegungen …

Oh, sieh mal, ein Marienkäfer! Er schüttelt die Reste des Albtraums ab, hockt sich auf die Fersen und richtet seine Aufmerksamkeit auf das Insekt. Der Käfer krabbelt einen dünnen Ast entlang, überklettert einen Zweig und einen Tautropfen, bleibt einen Moment stehen, öffnet die Deckflügel, entfaltet die Flügel und summt davon.

Östlich des Sommerhauses von Sölvis Onkel befindet sich eine Senke, in der er halbe und ganze Tage verbringt. Sie ist nicht groß, aber tief, auf der einen Seite von einem Lavafelsen begrenzt, auf der anderen von knorrigen Birken. In der Senke ist es mollig warm und immer windstill, auch wenn oben Wind durch das Tal streicht. Der Lavabrocken hat Rillen und Vorsprünge, auf die Sölvi bunte Steine, alte Knochen, Federn und weitere Schätze solcher Art verteilt hat. Unter dem Fels liegt eine kleine Grotte, die Sölvi Höhle nennt. Dahinein hat er Heu und Wollebäusche gelegt und sich ein warmes Nest bereitet.

Ein Schmetterling taumelt ziellos durch die Senke und verschwindet dann in den Himmel, der Duft von Erde und Laub füllt die Sinne, eine Rotdrossel hüpft zwitschernd von Ast zu Ast, und in der Ferne mähen lauthals Schafe. Der August ist fortgeschritten, die Tage werden zusehends kürzer, nachts wird es wieder dunkel, und es liegt eine abgeklärte Verzweiflung in der Luft, denn der unbeschwerte Sommer hat seinen Höhepunkt erreicht und geht gleichzeitig seinem baldigen Ende entgegen. Kälte und Leere des Herbstes kündigen sich an.

Wohin willst du …? Sölvi liegt auf Händen und Knien und verfolgt mit den Augen einen Dammläufer, als vor ihm etwas in der Luft aufblinkt. Es verschwindet für einen Moment, dann sieht er das Glitzern wieder. Es handelt sich um einen Achsenfaden in einem Spinnennetz, der aufglänzt, wenn ein Sonnenstrahl darauf fällt. Sölvi folgt dem Faden von einer Wurzel am Boden bis zum Netz, das zwischen einem Lavabuckel und einer Birke lose in der Luft hängt, dann verfolgt er ihn von der Mitte des Netzes bis zu einem Vorsprung im Fels. In einer schattigen Vertiefung lauert die Besitzerin, wie der Junge es sich gedacht hat. Die Spinne ist vollkommen reglos und dadurch nahezu unsichtbar; zu sehen ist gerade das vorderste Beinpaar, das fast ebenso grauschwarz ist wie die Lava. Sie hat einen zierlichen Fuß auf den Faden gesetzt und wartet in völliger Ruhe darauf, dass ein ahnungsloses Beutetier im Netz landet und eine willkommene Vibration durch den Faden schickt.

Sölvi bringt sein Gesicht nah an den Lavavorsprung heran und streckt gleichzeitig seine Rechte nach dem Spinnennetz. Er will die Spinne aus dem Netz locken, weil er sie sehen möchte. Langsam nähert er den ausgestreckten Zeigefinger dem Netz und tippt es kurz und sacht an. Der Achsenfaden vibriert wie eine Gitarrensaite, die Spinne springt aus ihrem Loch und bleibt auf der Spitze des kleinen Vorsprungs stehen, nur wenige Zentimeter von Sölvis Nase entfernt, der den Atem anhält und sich kaum zu rühren wagt.

Deutlich erkennt er die Haare auf den langen Spinnenbeinen und blickt in ihre starrenden Augenpaare auf dem Vorderleib, in ihrem ebenso schmalen wie gefährlich wirkenden Mund glitzern Reißzähne.

Hau ab! Los, hau ab! Er bereut es bitter, die achtbeinige Höhlenbewohnerin gestört zu haben, und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass die böse Spinne wieder in dem Schatten verschwinden möge, der sie vorher verborgen hat. Er zwinkert gänzlich ungewollt mit den Augen, und da hebt die Spinne das vorderste Beinpaar, streckt den Leib und spritzt eine Flüssigkeit in Richtung des Gesichts des Jungen, der sich gerade noch zurückwerfen kann, bevor ihn die kleine Ladung trifft.

Im selben Augenblick, in dem er auf dem Hosenboden landet, schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, die Temperatur fällt sofort, und in der Senke wird es dunkel …

Was geht hier vor? Sölvi steht auf, klopft sich Erde und Staub von der kurzen Hose und blickt sich um. Im Norden jagen dunkle Wolken über den Himmel, die Berge sind Schattenrisse, und über dem See wacht ein voller Mond, ein wenig unheimlich, wie er da schwebt wie ein Gespenst hinter einem durchsichtigen Schleier und wie ein gesichtslos starrendes Gesicht …

Für einen Moment ist es dunkel, mitten am Tag, dann kommt die Sonne wieder zum Vorschein, hell und warm, und es wird wieder alles, wie es sein soll.

Äste biegen sich, schnellen zurück oder brechen knackend, als sich irgendwer mit Gewalt einen Weg in die Senke bahnt. Sölvi schrickt zusammen, als erwache er aus dem Schlaf, beschattet die Augen mit der Rechten und sieht nacheinander drei Schatten auftauchen.

»Hier steckst du«, sagt Bergur.

»Wir haben nach dir gesucht«, sagt Eyþór.

»Was machst du denn hier, Engelsgesichtchen?«, fragt Arnar.

»Ich … nichts«, stottert Sölvi und blickt zu dem Lavafelsen hinauf, wo die drei Freunde sich, zwei Meter von ihm entfernt, nebeneinander aufbauen wie ein Hinrichtungskommando.

Sölvi kann diese draufgängerischen und hämischen Jungen nicht leiden, aber er und sie teilen ein Geheimnis, das sie, ob er es mag oder nicht, fest miteinander verbindet. Zu dem Geheimnis gehört irgendwie auch Bergurs Vater Siggi, der nicht immer gut ist, auch wenn er viel lächelt und so tut, als wisse er nicht, wer ihm Geld aus dem Portemonnaie klaut. Spätabends, wenn die Erwachsenen etwas getrunken haben und die Jungen eigentlich schlafen müssten, muss Onkel Siggi manchmal, doch statt aufs Klo zu gehen und zu pinkeln, schleicht er zu den Jungen ins Zimmer und fummelt einem von ihnen am Pimmel herum. Wenn er durch das Streicheln groß und hart wird, wird Onkel Siggi ganz ernst und atmet heftig bis …

»Wir machen eine Bootstour und wollen dich dabeihaben«, sagt Eyþór, der in der Mitte steht.

»Gut, oder nein … ich weiß nicht«, murmelt Sölvi und schiebt sich vor den Fels, wo er die Höhle verbirgt und seine Schätze offen zu sehen sind. In seinen Augen ist die Senke ein geheiligter Ort, und die drei Freunde haben ungebeten seine unsichtbare Absperrung übertreten.

»Oder …« Eyþór grinst verschwörerisch und lässt den Blick durch die Senke streifen, als taxiere er ihren Wert, inventarisiere und bewerte ihn. »Oder wir bleiben einfach hier. Was meint ihr? Wir könnten was spielen, nach Tieren suchen, die wir plattmachen können, oder uns zum Spaß ein wenig herumbalgen.«

»Nö, dann doch lieber ’ne Bootstour«, meint Sölvi und hebt resigniert die Arme.

Eyþór wischt sich das Lächeln aus dem Gesicht, macht auf dem Absatz kehrt und klettert als Erster aus der Senke. Arnar und Bergur folgen dichtauf, Sölvi geht am Schluss.

»Hast du das Zeug gesehen?«, wispert Arnar und stößt seinen Bruder an.

»Ja, bäh!«, macht Eyþór und lacht leise, blickt dann über die Schulter zurück, als wolle er nachsehen, ob Sölvi ihnen auch wirklich folgt. Er tut’s, unlustig und missmutig wie ein Sklave oder Gefangener …

Anstatt den kürzesten Weg am Sommerhaus vorbei und den Pfad hinab zum Steg zu nehmen, führt Eyþór seine Gefolgschaft kreuz und quer durch ein Wäldchen, um einen Hügel, durch einen ausgetrockneten Graben und andere Umwege zum See, als wolle er auf alle Fälle vermeiden, dass jemand aus dem Haus ihrer gewahr werden könne, und Sölvi weiß auch genau, warum. Es ist ihnen strikt verboten, ohne Begleitung Erwachsener mit dem Boot auf den See zu rudern.

Von Zeit zu Zeit blickt sich einer der drei um, wie um sicherzugehen, dass er noch bei ihnen ist. Aus irgendeinem Grund ist es ihnen wichtig, ihn dabeizuhaben. Warum, weiß er nicht. Er fürchtet, dass sie irgendwas Gemeines im Sinn haben, aber er glaubt, keine andere Wahl zu haben. Angst sickert ihm in den Blutkreislauf und bewirkt eine lähmende Taubheit in jedem Muskel und jedem Nerv. Er fühlt sich so gefesselt, als würde er buchstäblich in Ketten gehen.

Kies knirscht, ein kühler Wind streift die Wangen, und Sonnenreflexe blenden. Sie sind am See angekommen …

»Von hier an ganz besonders vorsichtig«, raunt Eyþór und hockt sich auf die Fersen. Die anderen tun es ihm gleich, erst Arnar, dann Bergur und zuletzt Sölvi. Sie befinden sich auf einer kleinen, kiesigen Landzunge beim Bootsschuppen. Über ihnen steht etwas Buschwald, der ihnen Deckung gibt, aber die letzten zwanzig Meter bis zum Steg müssen sie gänzlich ungedeckt...



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