E-Book, Deutsch, Band 1, 224 Seiten
Reihe: Der Zaubergarten
Möhle Der Zaubergarten – Geheimnisse sind blau
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7336-5131-2
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 1
E-Book, Deutsch, Band 1, 224 Seiten
Reihe: Der Zaubergarten
ISBN: 978-3-7336-5131-2
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nelly Möhle liebte es als Kind, durch den riesigen Garten ihrer Großeltern zu streifen und sich Geschichten auszudenken. Zwischen Rosenranken und geheimnisvollen Tannen ließ sie ihrer Phantasie freien Lauf, und irgendwann begann sie, ihre Geschichten aufzuschreiben. Mit ihrer ersten Kinderbuchreihe »Der Zaubergarten« landete Nelly Möhle sofort auf der »Dein SPIEGEL«-Bestsellerliste. Die Autorin lebt mit ihrer Familie, einem Hund und einer hundertjährigen Schildkröte in Offenburg.
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Es war der letzte Samstag im Mai, also vor noch nicht einmal einem Monat. Ich stand am Küchenfenster und sammelte die toten Fliegen auf dem Fensterbrett ein. Eine fürchterliche Langeweile hatte mich gepackt. Normalerweise hätte ich mich an so einem Tag mit meiner besten Freundin Lea verabredet. Aber das ging nicht mehr. Denn die wohnte jetzt in einer anderen Stadt, weit, weit weg.
Mama musste im Flur sein. »Tilda-Schatz, ich hab hier jemanden für dich!«
Das Haar des Mädchens, das Mama im nächsten Moment in die Küche schob, glänzte wie das schwarze Fell eines Panthers.
»Anni ist die Tochter meiner alten Freundin Renate. Die beiden sind erst letzte Woche zurück in die Stadt gezogen und wohnen gleich um die Ecke«, teilte mir Mama freudig mit. »Renate hat noch zu erledigen, und da dachte ich, ihr beiden könntet so lange zusammen spielen.«
Aha.
»Hallo!«, sagte das Panther-Mädchen und grinste mich mit ihrem großen Mund lustig an.
»Ihr seid auch noch gleich alt! Womöglich kommt Anni in deine Klasse!«, rief Mama und freute sich wie verrückt. Sie schob Anni ein Stück in meine Richtung. »Du wolltest doch mit den Zwillingen zum Schuppen gehen, Tilda. Den würde Anni sich bestimmt gern anschauen!«
Mama zwinkerte mir zu. Und verschwand durch die Küchentür.
Ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte. Anni wickelte sich eine ihrer Haarsträhnen um den Finger. So lange schwarze und wunderschöne Schneewittchenhaare hatte ich mir immer gewünscht. Meine Locken sind braun-blond gemischt. Wie der Pudel von Frau Rössel, sagt mein Bruder Finn. Das stimmt aber nicht, weil der Pudel immer geschoren wird, während meine Locken wachsen, seit ich aus Mamas Bauch gekrochen bin!
Aber gut.
»Willst du mit in unser Geheimversteck?«, fragte ich schließlich.
»Klar!«, sagte Anni.
»Aber meine älteren Brüder Finn und Jonas gehen auch mit«, warnte ich sie.
»Super!«
Die hatte wohl keine Brüder.
Egal. Ein gleichaltriges Mädchen, das aussieht wie ein Panther und grinst wie Pippi Langstrumpf, konnte so verkehrt nicht sein.
Zu viert machten wir uns wenig später auf den Weg zu unserem Geheimversteck.
Unser Schuppen steht im Garten von Oma und Opa, nur eine Straße weiter.
Finn und Jonas hatten den Fußball mitgenommen und kickten ihn hin und her.
»Die beiden sehen ja absolut gleich aus«, sagte Anni.
»Ja, schon. kann sie leicht auseinanderhalten. Weil sie total unterschiedlich : Finn ist wie ein Löwe. So ein Löwenmännchen habe ich im Fernsehen gesehen. Er denkt, er ist der Allerstärkste. Und er reißt sein Maul zum Brüllen ganz weit auf!«
Anni sagte: »Er hat auch eine Mähne wie ein Löwe.«
»Und Jonas ist ein Leopard. Ein Leopard ist leise und geschmeidig«, klärte ich Anni auf.
»Du magst Tiere«, stellte Anni fest.
»Ich liebe Raubkatzen!«, sagte ich. »Und alle anderen Tiere auch. Außer Zecken. Zecken finde ich total eklig!«
Ich liebe wirklich alle Tiere, selbst Läuse. Von denen habe ich mal welche aus der Schule mitgebracht. Papa musste uns allen eine stinkige Paste in die Haare schmieren und Plastiktüten auf den Kopf setzen. Selbst Mama und Papa hatten eine Tüte auf. Und wir durften alle einen Tag zu Hause bleiben und Spiele machen. Schön war das.
Wieder lachte Anni. Sie holte ihr Lachen ganz tief aus dem Bauch heraus. Hohohooo! Fast wie der Weihnachtsmann.
Meine Brüder lachten nicht mehr.
»Kannst du nicht ein einziges Mal gerade schießen?«, meckerte Jonas.
»Mein Schuss ist wie immer genial! Dein eiert!«, rief Finn.
Inzwischen waren wir in der Scheffelstraße 14 angekommen. Neben dem Haus von Oma und Opa schlüpften wir durch das versteckte Gartentörchen.
Anni staunte: »Das ist ja ein Park. Sogar Wege gibt es hier!«
»Und alle Wege enden bei unserem Schuppen«, sagte ich.
Ich bin immer richtig stolz auf den Garten. Obwohl er mir ja gar nicht gehört. Er ist riesig und mit vielen uralten Bäumen und Büschen bewachsen. Und zwischen all den Bäumen und Büschen gibt es immer wieder kleine Grasflächen und Blumenbeete und Bänke, auf denen Oma sich ausruhen kann.
Opa ist besonders stolz auf seinen Rosengarten. Er hat ihn vor unzähligen Jahren angelegt. Papa sagt, allein Opas Rosengarten ist so groß wie unser gesamtes Reihenhausgrundstück.
Jedenfalls steht hinter all den Rosen und Sträuchern und Bäumen, direkt an der großen Gartenmauer, unser Schuppen. Opa hat ihn uns geschenkt.
Wir nahmen den linken Gartenweg an der großen Steinmauer entlang. Meine Brüder stritten sich inzwischen wie verrückt.
» bekommst keinen einzigen Schuss gerade hin«, rief Finn gerade. Er kickte den Ball gegen die Mauer und fing ihn wieder auf.
»Gib den Ball her!«, schrie Jonas.
»Hol ihn dir doch, du Zwerg!«, äffte Finn und hob den Ball mit gestreckten Armen über den Kopf.
Jonas stürmte los. Aber Finn war schneller. Er ließ den Ball fallen und schoss ihn – – in hohem Bogen über die Mauer in das verwilderte Nachbargrundstück.
, brüllte Jonas. »Der war teuer! Den holst du wieder!«
Finn glotzte immer noch dem Ball hinterher. »Äh«, sagte er schließlich. »Jetzt hab ich mich echt mal verschossen!«
Jonas’ Gesicht war knallrot, und die hellblonden Haare standen wild ab. »Mir grad egal, du mieser Torschützenkönig! Hol mir den WM-Ball wieder! Sonst passiert was Schreckliches, ich schwör es!«
Finn knabberte an seinem Daumennagel. Und stierte auf die Mauer.
»Die Mauer ist ja riesig! Da kommt man nie im Leben drüber!«, sagte Anni und legte den Kopf in den Nacken.
»Wir dürfen sowieso nicht über die Mauer klettern«, sagte ich, »strengstes Gartengesetz. Opa sagt, dass wir in den Nachbargarten klettern dürfen, egal was passiert!«
»Warum nicht?«, fragte Anni. »Wer wohnt denn dort drüben?«
»Da wohnt ein Herr Bovist«, sagte ich.
»Oh! Ja, hört sich echt gruselig an!«, rief Anni. »Hohohooo!«
Blöd fand ich das von ihr.
Aber gut, sie konnte ja auch nicht Bescheid wissen. Also erklärte ich es ihr:
»Hinter dieser hohen Steinmauer liegt gut versteckt ein riesiges Grundstück. Niemals werden die Bäume und Büsche dieses Anwesens geschnitten. Kein Mensch kann einen Blick hineinwerfen. Die große Mauer, von der das gesamte Grundstück eingeschlossen ist, kann nur durch ein großes Eisentor betreten werden. Allerdings ist dieses Tor immer verschlossen, und eine Klingel gibt es nicht.«
Anni kratzte sich den Bauch. »Und dieser Herr Bovist? Wo steckt der?«
»Tja«, antwortete ich. »Herr Bovist lebt irgendwo auf diesem Grundstück. Wie ein Einsiedler, sagt meine Tante Ilse. Und die weiß einfach alles, was hier in unserer Stadt passiert. Und vor allem weiß sie, was in unserem Wohnviertel passiert. Tante Ilse ist Opas Schwester. Sie sagt auch, dass seit Jahren keiner mehr Herrn Bovist gesehen hat. Nur seinen schwarzen Geländewagen mit den verdunkelten Scheiben sieht man ab und zu aus dem Tor kommen. Manche Nachbarn aus der Scheffelstraße erzählen von fürchterlichem Hundegebell und Gewinsel von hinter der Mauer.«
Ich hatte allerdings noch nie Hundegebell von der anderen Seite der Mauer gehört. Obwohl ich schon ein paarmal extra gelauscht hatte.
»Und einmal, vor vielen Jahren«, erzählte Jonas, »ist Opa hier mit der Leiter auf die Mauer gestiegen, um die Brombeerranken zu schneiden. Plötzlich tauchte dort drüben ein vollständig behaarter Mensch auf. Er starrte Opa grimmig an und stieß einen seltsamen Laut aus. Opa ist vor Schreck abgestürzt und lag mit gebrochenem Bein wochenlang auf dem Sofa. Oma hat ihm verboten, noch einmal über die Mauer zu gucken!«
»Quatsch mit Soße!«, sagte Anni.
Wie jetzt? Glaubte Anni uns nicht? Vor Schreck verschluckte ich mein Melonen-Kaugummi. Ich stellte mir Herrn Bovist immer wie Räuber Hotzenplotz vor. Wild, gefährlich und behaart.
»Und überhaupt bekommen wir lebenslanges Schuppenverbot, wenn wir auch nur einmal einen Fuß hinter die Mauer setzen«, rief ich. »Das hat Opa gesagt. Und Tante Ilse sagt, wer da rüberklettert, ist nicht mehr zu retten!«
»Man wird ja wohl kurz seinen Ball holen dürfen!«, sagte Anni. »Oder traut ihr euch wirklich nicht?«
»Klar trau ich mich da rüber!«, antwortete Finn angeberisch. »Bis jetzt hat mich dieser zugewachsene Acker einfach nicht interessiert!«
»Ach, echt? Na prima!«, rief Jonas. »Dann los, kletter rüber und hol meinen Ball!«
Finn zog mit einem schmatzenden Geräusch die Nase hoch.
Jonas gab ihm einen Schubs. »Du musst hinten beim Schuppen über die Mauer. Da kommen Oma und Opa fast nie hin.«
Finn sagte: »Klar! Gar kein Problem.« Und lief den Pfad entlang in Richtung Schuppen.
Wir folgten ihm im Gänsemarsch.
Ganz hinten im Garten treffen sich alle drei Pfade wie an einer kleinen Kreuzung. Und genau dort steht unser Geheimversteck. Direkt an der großen Mauer aus Natursteinen.
»Boah, eine grüne Hütte!«, rief Anni.
Ja, wir haben wirklich das schönste Geheimversteck aller Zeiten!
Opa hat den Schuppen vor Urzeiten für seine Gartengeräte gezimmert. Weil hier hinten an der Mauer früher Gemüsebeete waren. Da waren Oma und Opa noch junge Leute.
Jedenfalls ist unser Schuppen aus Holz und hat eine Tür und ein kleines Fenster. Und ein schräges Dach aus Wellblech. Auf dieses Wellblechdach...




