E-Book, Deutsch, 292 Seiten
Moers Der Lutheraner
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-8827-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein historischer Roman
E-Book, Deutsch, 292 Seiten
ISBN: 978-3-7519-8827-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Edelgard Moers, Dr. phil., ist Lehrerin im Ruhestand und war in der Lehrerausbildung tätig, führt Lehrerfortbildungen durch, ist Schulbuchautorin, schreibt pädagogische Fachbücher und Romane und wohnt mit ihrem Mann in Dorsten. www.edelgardmoers.de
Autoren/Hrsg.
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Goldegg, zu Beginn des Jahres 1718
Das Jahr hatte mit eisiger Kälte begonnen. Die Landschaft war in eine weiße Pracht gehüllt, und der Himmel erstrahlte in leuchtendem Blau.
Das Gut Großenberg versank in tiefem Schnee. Es lag auf einer Anhöhe etwas oberhalb des Dorfkerns, nicht weit von der steilen Kante, die sich an der Südseite hinunter zum Salzachtal neigte. Hier pfiff der Wind ordentlich, und die Schneewehen türmten sich hoch auf.
Der Hof bestand aus einem großen Wohnhaus und einigen Stallgebäuden. In der Mitte des Innenhofes war ein rundgemauerter Brunnen mit einem Aufbau aus Holz. Mit einem Eimer, der an einem Seil hing, konnte Wasser nach oben befördert werden. Das Wasser war sauber und zum Trinken geeignet.
Neben den Stallungen befand sich die Scheune, in deren hinteren Teil in drei großen Truhen das Getreide aus der eigenen Ernte lagerte, Roggen, Gerste und Hafer. Außerdem gab es ein Backhaus mit einem großen Ofen. Eine dicke Rußschicht hatte die Mauer oberhalb der Ofenöffnung schwarz gefärbt. An Backtagen schob die Mutter einen Brotlaib nach dem anderen in den heißen Ofen. Und wenn sie alle wieder herausholte, duftete es köstlich. Die Familie besaß auch einige Bienenstöcke und ein Bienenhaus. Das Flachshaus war ein kleines Gebäude aus Holz, in dem der gedroschene und gehechelte Flachs weiterverarbeitet wurde. Ein Ofen konnte den Raum so gut erhitzen, dass die Bewohner ihn sogar im Winter als Wärmekammer zum Schwitzen nutzen wollten.
Neben dem Wohngebäude lag der Garten. Unter der weißen Schneedecke verbarg sich noch etwas Wintergemüse. Im Sommer blühten hier üppig die Blumen, und das Gemüse war so reichlich, dass es den Bedarf der ganzen Familie deckte. Hinter einem Holzzaun erstreckte sich die Obstwiese mit den Apfel- und Birnenbäumen, die im Herbst viele Früchte trugen. Die Ernte wurde dann eingeweckt oder zu Saft verarbeitet. Aber am liebsten hatten es die Kinder, wenn es nach warmen Obstkuchen roch.
Als Kind war Rupert mit seinen jüngeren Geschwistern gerne durch die Wiese gelaufen und in die Bäume geklettert, bis die Eltern es verboten hatten, als sich eines der Kinder bei einem waghalsigen Sprung vom Baum den Arm gebrochen hatte.
Schon Anfang Dezember warteten die Kinder des gesamten Dorfes ungeduldig darauf, dass endlich der See zufror. Wenn es dann soweit war, hielt sie nichts mehr im Haus. Eingepackt in dicke Wollsachen rutschten sie rufend und kreischend auf dem Eis hin und her, bis die Dämmerung einsetzte.
Das Wohnhaus des Familiengutes war groß und weitgehend aus Stein gebaut. Die Fassade und die Balkone schmückten geschnitzte Verzierungen aus Holz. Wenn die Bewohner durch die Tür gingen, zeigte sich gleich links die Speisekammer, dahinter die Küche. Die Wohnstube lag rechterhand. Im Winter war sie der einzige geheizte Raum im Haus. Wenn jemand die Stube betrat, knarrte der Boden. Überall waren Schnitzereien aus Holz zu sehen. An der Seite zum Fenster stand ein großer Tisch, an dem die Familie mit den Mägden, Knechten und Besuchern zusammen essen und trinken konnte. In der hinteren Ecke füllte der große Kachelofen mit der Sitzbank davor den Raum. Da saßen alle gerne, und manchmal, wenn es sehr ungemütlich draußen war, balgten sich die Kinder um die warmen Plätze. An den kalten Tagen hörte man das Knacken des brennenden Holzes.
Im ersten Stock befanden sich die Schlafkammern. Die Eltern hatte einen Raum für sich allein, die Buben und Mädchen schliefen in getrennten Räumen. Bei ihnen lagen auch die Pflegekinder. Daneben war das Altenstübel. Im Dachgeschoss waren die Kammern für die Mägde und eine Schlafstelle für die Knechte.
Rupert hatte mehrere Stunden damit verbracht, Holz zu spalten und Schnee zu räumen. Er hatte dafür gesorgt, dass die wichtigsten Wege frei waren. Als er seine Arbeit beendet hatte, war es schon fast dunkel. Nun wollte er ins Dorf zum Gasthof Schubhard gehen. Dort trafen sich die Bauernsöhne, tranken etwas, machten Würfelspiele und unterhielten sich. Mit großen Schritten stapfte er den Weg ins Dorf, vorbei am See, auf dem nun im fahlen Mondschein immer noch ein paar ältere Kinder herumtobten. Rupert rief ihnen einen Gruß zu und schickte einen Jodler hinterher, der auch gleich erwidert wurde.
Der Gasthof war gut gefüllt. Als Rupert die Tür öffnete, schlug ihm der abgestandene Geruch entgegen, eine Mischung aus Tabak, Schweiß und gekochtem Essen. Der große Kachelofen verbreitete wohlige Wärme. Im hinteren Teil saßen ein paar Burschen zusammen, die Rupert zuwinkten. Er gab dem Wirt ein Fingerzeichen für ein Bier und gesellte sich zu ihnen.
»Grüß Gott miteinand’.«
Mit einem kurzen Klopfen auf die Tischplatte begrüßte er Rupert Wallner, Michael Burgsteiner und Christoph Milthaler und rutschte mit auf die Bank unter dem Fenster.
Die Runde war gerade dabei, die Herbsternte zu loben. In diesem Winter sollte es keine Engpässe beim Getreide geben wie im letzten Jahr, die Heustadl und Getreidekästen waren auf allen Höfen reich gefüllt.
Dann kam die Sprache auf das Schulhaus. Die Witwe des Lehrers hatte es an die Georgskirche verkaufen müssen. Seit ein paar Tagen wohnte nun der neue Schulhalter darin, der Rohrmoser Bartl. Sein Bruder, dessen Frau und deren Kinder Maria und Johann, so hörte man, sollten auch noch einziehen.
»Na, wenn eine Frau dazukommt, dann herrscht ja bald wieder Ordnung im Schulhaus«, scherzte Michael Burgsteiner.
Die Männer schmunzelten. Die Bauernsöhne wussten, dass auch sie es ohne eine tüchtige Frau an ihrer Seite schwer haben würden, einen Hof zu bewirtschaften.
Rupert ging es nicht anders. Wenn er einmal den Hof seines Vaters übernehmen würde, dann wäre er gut beraten, eine Frau zu haben, die mit anpacken kann.
»Wie sieht’s denn bei deiner Schwester Barbara aus, Rup?«, fragte Christoph Milthaler.
Rupert erzählte den neugierigen Männern, dass Jacob, sein Schwager, endlich den Hof seines Vaters geerbt hatte. Barbara und Jacob hatten bereits zwei stramme Buben, und sie wohnten schon eine ganze Weile zusammen auf dem Steinmayer-Gut von Jacobs Eltern. Aber letzte Woche waren sie in Salzburg gewesen und hatten in der Residenz die Erbschaft besiegeln lassen. Nun konnte Jacob als rechtmäßiger Besitzer schalten und walten, und Barbara hatte aufgeatmet, dass sie nun auch auf dem Papier eine echte Bäuerin war. Sie hatte zwar nach der Hochzeit mit Jacob längst wie selbstverständlich mitgearbeitet, aber nun bekam alles seine Ordnung. Die Eltern zogen sich Schritt für Schritt zurück und ließen den ältesten Sohn mit seiner Familie die Arbeiten machen, so war es immer, wenn alles gut ging.
Rupert sah in die Runde. Sie alle waren Bauernsöhne, die früher oder später den elterlichen Hof übernehmen würden. Und auch für ihn selbst war das der vorgezeichnete Weg. Er wollte es auch nicht anders, denn er liebte es, Bauer zu sein.
Die Gaststube hatte sich schon geleert. Nur auf der anderen Seite des Raumes saßen noch ein paar junge Männer zusammen, die offensichtlich schon etliche Krüge Bier getrunken hatten. Sie waren laut, und ihre Gesichter leuchteten rot und verschwitzt.
Rupert kannte sie gut, den Simon Hochleitner und seinen Kumpanen, den Hansi Wiesenhuber. Seitdem Simon ihm und seinem Vater am Waldweg aufgelauert hatte, war Rupert vorsichtig geworden. Er vermied es, ihm zu nahe zu kommen und machte meistens einen großen Bogen um ihn.
Bevor sich die Runde der Freunde auflöste, erinnerte Michael Burgsteiner noch alle daran, dass am nächsten Tag die Beisetzung von Nikolaus Steiner sein würde, zu der alle kommen sollten, denn der Verstorbene war auch ein Lutheraner.
Rupert trank sein Bier aus, zog seinen Janker an, und ging zusammen mit Michael durch den Schankraum zum Ausgang.
»Ich weiß genau, was du treibst, Embacher!« kam es aus der Ecke der Biertrinker. Simon grinste übers ganze Gesicht. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich dich kriege.«
Rupert atmete tief durch. Am liebsten hätte er den Kerl am Kragen gepackt und ihm die Leviten gelesen. Doch er wollte sich nicht provozieren lassen und sich nicht mit ihm anlegen.
»Komm Rup«, sagte Michael, der sofort gemerkt hatte, dass es zwischen den beiden gefährlich knisterte, »lass uns gehen.« Mit diesen Worten schob er seinen Freund in Richtung Ausgang. »Es bringt nichts, der sucht nur Streit.«
Michael hatte recht, und Rupert war froh, dass er nicht mit Simon allein war. Er hatte kein Interesse daran, sich mit ihm zu prügeln.
Nach der Trauerfeier am nächsten Tag wollte Rupert gerade zusammen mit den anderen Trauergästen die Kirche verlassen, als ihn der Pfarrer am Ärmel festhielt und zur Seite zog.
In halblautem Ton zischte er Rupert ins Ohr. »Mir ist da etwas zu Ohren gekommen, ist das wahr? Seid ihr der verbotenen Religion zugetan? Geht ihr etwa jetzt auch zu diesen Treffen?« Pfarrer Simon Eckart sah Rupert mit seinen wild funkelnden Augen eindringlich an.
»Das muss ein Missverständnis sein,...




