Molden | Wien Mitte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Molden Wien Mitte

Ein Wochenbuch
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-552-06260-3
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Wochenbuch

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-552-06260-3
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Wien Mitte' ist nicht etwa die Mitte von Wien, sondern ein Bahnhof im dritten Bezirk, der kürzlich zu einer 'Shopping Mall' umgestaltet wurde - und der Titel von Ernst Moldens wöchentlicher Kolumne. Der Autor, Sänger und Songwriter ist als poetischer Chronist immer dabei, wenn Ereignisse des Wiener Lebens zu würdigen sind. Dazu gehört die neue 'Mall' ebenso wie der Bärlauch in den Praterauen, die deutschen Studenten am Karmelitermarkt, die Lieder von 'Nino aus Wien' oder die Hellseherin im obersten Stockwerk. Wer das Buch liest, lernt Wien auf eine sehr persönliche Weise kennen, ganz von innen - also ist 'Wien Mitte' vielleicht doch auch die Mitte von Wien.

Ernst Molden, Schriftsteller und Musiker. Geboren 1967, lebt und arbeitet in Wien. Romane (u.a.): Die Krokodilsdame (1997), Biedermeier (1998), Austreiben - Vampirroman (1999) und Doktor Paranoiski (2001). Zuletzt erscheinen bei Deuticke Liederbuch. Songtexte aus fünfzehn Jahren (2011), Wien Mitte. Ein Wochenbuch (2014) und Das Nischenviech. Die wilden Tiere meines Lebens (2019). Er erhielt den Österreichischen Förderungspreis für Literatur 2000, den Preis der deutschen Schallplattenkritik 2011 (für das Album es lem) und spielt im Jahr an die hundert Konzerte.
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Die Studiohöhle des Soyka liegt in der Laimgruben, und so komme ich dem Naschmarkt niemals näher, als wenn die Band und ich wie jetzt eine Platte aufnehmen. Ich stehe dem Naschmarkt ja prinzipiell indifferent bis wurschtig gegenüber.
Wäre ich einer der hunderttausend Deutschen, die den Naschmarkt mit nicht enden wollender Begeisterung bevölkern, dann wäre ich eh auch der reine Fan. Aber mein Gott naa, ich bin halt von hier und multipel sozialisiert. Ich hab am Volkertmarkt die saftigsten Gurken, am Viktor-Adler-Markt den besten Kebab meines Lebens gekauft und jahrelang am Rochusmarkt Flugenten zur Landung in meinem Körberl gezwungen. Vor allem aber hat mich die Landstraßer Markthalle für alles andere Marktige in Wien unempfänglich gemacht, diese Sündmeile des Kulinarischen, Atmosphärischen und Aromatischen. Jetzt ist sie weg, bravo, ihr Wappler, und ich bin sogar für den Naschmarkt wieder zu haben. Seinerzeit, in meinen adoleszenten Jahren, hab ich ihn immer nur mitten in der Nacht gesehen. Damals war ich ununterbrochen fort, und gewisse Routen wie Anzengruber-Roxy oder Goodmann-Drechsler führten eben über den Naschmarkt. Überhaupt das Drechsler, das alte: Da saß man dann im Dunst des vorletzten Gspritzten und betete, dass kein Autofahrer auf der Wienzeile den lodenbemäntelten Engelbert Drechsler III. niederscheiben möge, der gerade wieder eine Melange zu einem der Marktlieferanten hinübertrug. Der Naschmarkt wirkte also auf mich, ohne dass ich dort jemals etwas gekauft hätte. Unlängst, als während der Aufnahmen in der Soyka-Höhle vorübergehend, tja, gereizte Stimmung herrschte, flüchtete ich ins Gewirr der Standln. Ich nahm wahr, dass der falsche Frühling hier irgendwie hängengeblieben war, im Grünzeug, in den Öbstern, in den Blumen. Alles duftete, ich hätte gern die Liebste im Arm und ein Glas Schaumwein in der Hand gehabt.
Inmitten der ganzen eh nicht unsympathischen Kreuz- und Prenzlbergstimmung grölten wohltuend ein paar alte Naschmarktgespenster, die sich hier schon Anfang der Neunzigerjahre angesoffen hatten. Ich fand, dass sich das alles zu einem harmonischen Ganzen fügt, mit dem ich durchaus leben kann, vorübergehend.
Die Liebste und ich teilen uns ein Studio für unsere Arbeit. Das war schon in den seligen Zeiten von Wien Mitte so und ist heute nicht anders.
Nur: Damals war mein Anteil am Studio eine Art Schacht zwischen einem hohen Paravent und einer Wand aus Verstärkern und Lautsprechern, kaum jemals von Tageslicht erhellt. Mein Blick vom Schreibtisch fiel auf ein kleines, naives Gemälde aus den polnischen 1970er-Jahren, das, wie eine Bildzeile verrät, das Dorf Roztoka darstellt. Das Gemälde zeigt einen baumbestandenen Hügel mit einem zwiebelbetürmten Kirchlein, darunter ein paar geduckte Höfe. Es hing schon in meinem Heiligenstädter Kinderzimmer, in Mitte ersetzte es mir den Blick aus dem nicht vorhandenen Fenster. Das Bild kann mich in Sekunden total beruhigen. Pfeif auf jeden Ausblick.
Jetzt aber, im neuen Erdberger Studio, ist alles neu: Die Liebste und ich haben unsere Schreibtische nebeneinander vor einer großzügigen Fensterfront aufgestellt, auch mein Blick darf Aussicht nehmen, auf die belebte Landstraßer Haupt! Allein, tut ihm dies gut, meinem Blick? Ehe ich diesen Text zu schreiben begann, beobachtete ich vor dem vis-à-vis gelegenen Supermarkt erst den lautstarken Zwist zwischen zwei Eheleuten, der Sprache nach exjugoslawischer Herkunft. Der Zwist eskalierte insofern, als der Mann das von ihm getragene Einkaufssackerl, wie man hier sagt, um die Erd schmiss, worauf das darin offenbar enthaltene Flaschenbier schäumend zu Bruch ging, was dem Mann ein Wehklagen und der Frau ein Hohngelächter entlockte.
Kaum war es ruhig auf der Landstraßer Haupt, hupte ein Audifahrer den Mistkübelwagen an, woraufhin zwei orange Hünen abstiegen und ans Fenster des Audis traten, um leise und lange auf den Fahrer einzusprechen. Was sie sagten, weiß ich nicht, jedenfalls standen der Mann und der Audi noch immer da, als der Mistwagen schon weggefahren war. Ehe ich mich darauf konzentrieren konnte, was die persianertragende Oma wohl von dem skateboardfahrenden Jüngling wollte, dem sie hinterherrannte, zwang ich meinen Blick auf die Ansicht von Roztoka, Polen, die nunmehr neben dem Fenster hängt. Ich wurde ruhig und konnte Ihnen sagen, was ich zu sagen hatte.
Seit zwei Jahren darf ich mich hier wöchentlich mit meiner Gschichtldruckerei an Sie wenden, manchmal wenden Sie sich zurück, manchmal nicht. Vor einigen Wochen, als ich an dieser Stelle meinen viel zu spät im Leben erfolgenden, dafür aber begeisterten Besuch am Sankt Marxer Friedhof schilderte, prasselten die Leserzuschriften auf das Blechdach meiner E-Mail-Adresse nur so ein: Ja, Sankt Marxer Friedhof wunderbar, hieß es da erstens, besonders super, zweitens, sei es dort aber Ende April, Anfang Mai, wenn der Flieder blüht.
Das winterlich unbelaubte Gestrüpp, Gebüsch, Gestaude und Gestänge, das ich da bei meinem Besuch am Friedhof herumstehen gesehen hatte, hatte ich nicht gleich als Wiens größte Fliederpopulation erkannt. Aber jetzt weiß ich es.
»Der Flieder blüht dort von Weiß bis Dunkellila, und man geht in einer Duftwolke. Sollte es ein Paradies geben – so könnte man es sich vorstellen, besonders wenn man wie ich ein olfaktorischer Typ ist«, schreibt etwa Margret E., selbst aus Wien Mitte. Bernhard G., ehemaliger Nachbar in meiner alten Gasse, Kenner der Landstraße und Urgestein unter Wien-Mitte-Lesern, sagt nicht viel anderes: »Schön ist er (der Friedhof, Anm.) zu jeder Jahreszeit, aber am schönsten, wenn der Flieder blüht, was er dort in vielen Arten tut.« Und Barbara M., schreibende Kollegin und Grätzelmitbewohnerin, widerspricht ihm nicht: »Noch nie habe ich eine solche Farb- und Duftvielfalt erlebt. Wirklich, ein Traum.« Und das waren nur ein paar.
Nun liebe Leser, ich bereite mich innerlich vor. Bereits gedachte ich des großen Ogier Ghislain de Busbecq (1522 bis 1592). Dieser französische Junker und Humanist war nicht nur Zeit seines Lebens den Habsburgern verbunden und unterrichtete unter anderem die Kinder Maximilians II., er war es auch, der 1560 ein paar Stauden des Gemeinen Flieders (Syringa vulgaris) von Konstantinopel nach Wien brachte. Ende April sitzen die Liebste und ich dann brav auf einem Bankerl hinter der Sankt Marxer Ziegelmauer, das hamma uns schon ausgemacht.
Und wenn wir wen auf einem anderen Bankerl sehen, werde ich denken: vielleicht ein Leser, vielleicht auch nicht.
In dem eben angebrochenen Monat beginnt kalendarisch der Frühling. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie es an anderen Orten ist, aber in Wien ist diese Behauptung des Kalenders ein Hohn. März, das ist steinerner, ganz und gar hartherziger Winter.
Unlängst bin ich mit dem Radl einer wahnhaften Idee folgend bei minus sieben Grad ans Ende der Landstraßer Haupt und dann weiter nach Simmering gefahren, um den Frühling zu sehen. Gut, der Himmel war blau. Vielleicht hatte das Fortschreiten des Jahres sogar ein bisschen mehr Licht in den Tag gebracht. Aber sonst? In der Zeitung hatte ich gelesen, dass das Radlfahren bei winterlichen Verhältnissen selbst in der Großstadt ungeheure Sauerstoffmengen in die Lunge befördert. Aber als meine Knie vor Kälte an den Rahmen meines Patagonia-Radls zu klappern begannen, parkte ich und ging zu Fuß weiter, bis an einen von mir geschätzten Simmeringer Platz, von dem man größere Teile des Stadthimmels sehen kann. Dort schlotterten die Knie weiter, nunmehr gegeneinander. Im eiskalten Sonnenlicht schloss ich die Augen und begann zu halluzinieren: Es hat 26, 27 Grad, es ist Anfang Mai, ich lasse eine Wolke von Fliederduft durch meine Nase, meine Lungen, mein Bewusstsein ziehen, dann steige ich die chromglänzende Stiege abwärts. Das Wasser des 50-Meter-Beckens im Stadionbad umfängt meinen Leib. Ich erschaudere, aber ich friere nicht. Die Liebste schwimmt mir entgegen, ihre Haare sind nass.
Wir lächeln einander an.
Es hat noch immer 24, 25 Grad, aber es ist ja schon Abenddämmerung, jetzt sitzen die Kinder, die Liebste und ich unter Nussbäumen beim Heurigen, es muss Juni sein. Die Kinder gieren nach Pischinger-Produkten. Die Liebste schlägt sich auf den Unterarm: Schau, sagt sie, schon jetzt eine Gelse!
Eine Stimme in meinem Körper riet mir nun zur Umkehr, weil ich sonst erfrieren müsste. Ich ging zurück zum Patagonia-Radl. Immer blauer werdend, radelte ich retour gen Erdberg. Zuhause rief ich den Kohlenbaron an und bestellte Buchenscheite. Aus unserem treuherzig aufgestellten Tulpenstrauß flatterte eine Drosophila-Fliege. Es ist März, es ist ewiger Winter.
Ein Königreich für eine Gelse.
Die Wärme, das Ende des Leides, den Frühling kann man nicht erzwingen. Es empfiehlt sich, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, auf Kälte, Leid und Spätwinter zu vergessen, bis man dann unversehens von besseren Zeiten überrascht wird. Ich beschäftige mich gerade. Nicht mit dem, was eigentlich anläge, nämlich dem Mastering zweier Platten und dem Schreiben zahlloser Texte, sondern – mit Simmering, unserem großen elften Distrikt.
Ich muss gestehen: Simmering ruft nach mir, der ich jetzt ja direkt dran anraine. Mild ruft es, geduldig aber beharrlich. Unlängst brachte ich die Liebste zum Flughafen und nahm dann, weil die A4 so verstopft war, die »alte« Strecke zurück, die Schwechat-Simmering-Route. Ich dachte zurück an die Siebziger, als man nicht nur über endlose Felder fuhr, die direkt hinter dem Zentralfriedhof begannen, sondern auch hautnah an der Raffinerie vorbei, auf deren Schloten damals noch gelbe Feuernester loderten. Obwohl es sicher gesünder ist, gebe ich zu, es verdrießt mich,...


Molden, Ernst
Ernst Molden, Schriftsteller und Musiker. Geboren 1967, lebt und arbeitet in Wien. Romane (u.a.): Die Krokodilsdame (1997), Biedermeier (1998), Austreiben - Vampirroman (1999) und Doktor Paranoiski (2001). Zuletzt erscheinen bei Deuticke Liederbuch. Songtexte aus fünfzehn Jahren (2011), Wien Mitte. Ein Wochenbuch (2014) und Das Nischenviech. Die wilden Tiere meines Lebens (2019). Er erhielt den Österreichischen Förderungspreis für Literatur 2000, den Preis der deutschen Schallplattenkritik 2011 (für das Album es lem) und spielt im Jahr an die hundert Konzerte.



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