Moll / Cremer | Blaues Blut im Karneval | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Reihe: Regional-Krimi

Moll / Cremer Blaues Blut im Karneval

Mord in Bonn
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-945152-96-6
Verlag: Lempertz Edition und Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mord in Bonn

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Reihe: Regional-Krimi

ISBN: 978-3-945152-96-6
Verlag: Lempertz Edition und Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Weiberfastnacht! Während draußen das jecke Feiern beginnt, liegt der Prinz drinnen tot in seiner Wohnung. Selbstmord? Mord? Eines steht fest: Für ausgiebige Trauer bleibt weder der Witwe noch dem restlichen Karnevalsverein die Zeit. Zunächst muss der große Karnevals-Eklat zumindest bis zum Aschermittwoch hinausgezögert werden. Und was sind das für mysteriöse Rätsel, die der Prinz offenbar als letztes Vermächtnis seinem Verein hinterlassen hat? Eine makabre Schnitzeljagd durch die Irrungen und Wirrungen des Bönnschen Karnevals nimmt ihren Lauf.

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Uniformierte Rettung


Willi stand wie vom Donner gerührt da. Der kalte Angstschweiß lief ihm den Nacken hinunter. Etwas Schlimmes musste geschehen sein. Schlagartig war er nach dem Telefonat wieder nüchtern geworden. „Holland in Not“ hatte einiges zu bedeuten. Es war ein Code, den sie mal ausgemacht hatten, er, Hans und die anderen. Dass auch Josi ihn kannte! Er hörte auf, sich zu wundern und wurde stattdessen aktiv. Der ängstliche Unterton in ihrer Stimme war ihm nicht verborgen geblieben. Dafür kannte er sie zu gut. Er wusste zwar, dass diese unfreiwillige Unterbrechung seines gewohnten Karnevalsrhythmus ihn teuer zu stehen kommen würde: Schließlich hatte er seit den Morgenstunden stets gegen den Alkoholabbau angekämpft, um den mühsam während der letzten Tage angetrunkenen Zustand nicht zu gefährden und durch stete, aber kontrollierte Kölschzufuhr seinen Promillegehalt nicht unter 2,0 Promille absinken zu lassen. Und jetzt, da er Pause machen musste, drohte er wegen urplötzlicher Unterhopfung in eine Art Schockstarre zu verfallen. Schier unendliche Mengen an Geld umsonst in Kölsch investiert! Dennoch tat er, worum Josi ihn gebeten hatte und rief den internen Kreis zusammen, der den gleichen Gedanken gehabt haben mochte, aber ebenso wie er einem Pflichtgefühl nachging.

Alle waren schlecht gelaunt und genervt, als sie etwa 90 Minuten später mit einem unguten Gefühl im Bauch vor Hans’ und Josis Haustür standen. Und das wurde nicht gerade besser, als ihnen Kai, Hans’ und Josis Sohn, die Tür öffnete.

Kai empfing sie mit seinem gewohnt starren, debilen Blick aus seinen fast durchsichtig glasig-blauen, unheimlichen Augen. Schlimmer könnte er selbst nach 3,0 Promille nicht schauen, dachte Willi. Das Traurige an diesem Anblick ließ Willi erneut rund 20 Glas Kölsch quitt machen. Nicht, weil er Mitleid mit Kai gehabt hätte. Kais Augen übertrafen mit ihrer Boshaftigkeit und ihrem Wahnsinn problemlos die des Klaus Kinski. Dank dieser Optik hätte er eine vielversprechende Karriere auf Pützchens Markt auf der Geisterbahn oder als Rausschmeißer im Bayernzelt machen können. Neben diesen Augen war das auffälligste an ihm sein rotes, borstiges Haar. Zumindest auf dem Kopf. Ansonsten hatte er für einen Mann von Mitte zwanzig einen erstaunlich minderbemittelt ausgeprägten Bartwuchs.

Kais Scheußlichkeit allein schreckte Willi aber nicht. Auch mit hässlichen Menschen konnte man schließlich ein gepflegtes Bier trinken. Was ihn unangenehm berührte, war, dass sich ganz weit hinter diesem wirren Blick auch ein Hauch der Schönheit und Wärme der Augen seiner Mutter verbarg. Nur lachten diese Augen nicht. Sie lachten nie. Wie jedes Mal, wenn er Kai sah, durchzuckte es ihn und er versuchte, ihn nach Möglichkeit nicht genauer anzuschauen. Er fragte sich unwillkürlich, ob ein gemeinsamer Sohn von ihm und Josi das gleiche Schicksal zu tragen gehabt hätte. Hätte ihr Sohn so ausgesehen? Oder war er es sogar? Lastete auf ihm vielleicht der böse Fluch der Untreue, die er und seine Mutter zweifellos begangen hatten? Verflucht von Mutter Naturs boshaftester Seite? Da kam sie wieder hoch in ihm, seine Kindheit in der Eifel. Konservativ, konservativer, Eifel, Corps. Tolle Karriere. Er fühlte den Todeshauch seiner Großmutter über sich ziehen. Sie hatte stets prophezeit: Wer die Gefahr liebt, kommt darin um. Und für seine Großmutter war auch Leidenschaft nichts anderes gewesen als Teufelswerk und Gefahr. Einen Bastard zu zeugen war in der Eifel mit Höchststrafe bedacht. So ein Kind war gezeichnet vom Teufelsmal. Das hatte er verinnerlicht. Ganz gleich, was ihm der Verstand sagte oder die moderne Welt an Lösungen in Sachen „Patchwork“ und freier Liebe bereithielt, er fühlte sich immer als Sünder, wenn er Kai ansah.

Noch bevor er seinen düsteren Ahnungen, über die er noch nie gesprochen hatte, weiter freien Lauf lassen konnte, begrüßte Kai sie. Sein Ton war ebenso klirrend kalt wie seine Augen. So verhuscht er sonst auch war, in einer Sache war er von erstaunlicher Klarheit: In seiner Sprache. Egal, welche Boshaftigkeiten er von sich gab, es geschah immer in Reimform. So auch diesmal:

Mussten sie jetzt die Folgen eines Blutrausches vernichten? Oder was war der Grund ihres Besuchs hier? Willi schüttelte sich. Aber auch die anderen Teilnehmer dieser Rettungsschwadron in Uniform standen angesichts dieser mehr als unheimlichen Begrüßung zunächst stockstill da. Mit einem Grummeln im Bauch traten sie dennoch ein. Ein Feldzug ist schließlich nicht immer ein Vergnügen. Die Pflicht rief.

Als erster trat Karl Heinz ein. Er führte das gut kölschmäßig parat jemaate Volk an: Oberstleutnant im Generalstab, Karl Heinz Tibold, auch genannt „der Abwaschbare“. Dieser geheime Spitzname kam nicht von ungefähr, sondern, weil er es geschafft hatte, aus jedem Skandal der vergangenen 30 Jahre stets unbescholten herauszukommen. Gut, einige andere Köpfe hatte man der Guillotine der Presse oder der Staatsanwaltschaft opfern müssen. Aber er hatte seinen Kopf vor dem scharfen Schwert der Gerechtigkeit immer retten können. Intern wusste man jedoch immer, dass auch er Dreck am Stecken hatte. Es konnte gar nicht sein, dass er von all dem, was unter seiner Führung gelaufen war, nichts gewusst hatte. Er blieb aber immer, wenn es darum ging, die Kohlen aus dem Feuer zu holen, im Hintergrund und keiner hatte ihm je etwas nachweisen können. Eine glückliche Fügung, dass im Verein, ganz anders als in Politik und Verwaltung, das meiste ohne Schriftlichkeit an der Theke ausgemacht wurde. Zwischen dem zwölften und dem zwanzigsten Kölsch. Und so geisterte Karl Heinz durch die Skandale wie ein Phantom durch die Oper und schaffte es, stets sauber genug zu bleiben, dass er sich im Amt halten konnte. Aber natürlich war es keine Weißheit, sondern eine Wahrheit, dass nichts sauber zu machen war, ohne etwas andres dreckig zu machen. Und so war er für seine Mitstreiter eben nicht der unantastbare „Reine“, sondern der „Abwaschbare“.

Sein Beruf war Schrotthändler, seine Berufung der Karneval. Den Betrieb hatte er von seinem Vater übernommen, als dieser überraschend und viel zu früh verstorben war. Sein Traum war das damals nicht gewesen, hatte er doch mit ansehnlichem Erfolg Architektur studiert. Dennoch hatte er das Unternehmen zu einem der erfolgreichsten seiner Branche gemacht. Liebevoll hatte er ihm den Namen „Schrottibo – Schrott-Tibold-Bonn“ gegeben.

Karl Heinz war rangmäßig der Höchste dieser Runde. (Seinem persönlichen Empfinden nach natürlich nicht nur in dieser Runde.) Was ihn zumindest optisch im besonderem Maße ausmachte, war, dass ihn das seltene Glück getroffen hatte, sich im Laufe der Jahre mehr und mehr dem Vereinsmaskottchen, dem , angepasst zu haben. Als er vor gefühlten 100 Jahren in die Kommandantur eingetreten war, hatte es das Vereinsmaskottchen längst gegeben. Es war nicht neu, dass sich Pärchen im Laufe der Jahre einander mehr und mehr ähnelten. Wie man es aber schaffte, zum Zwilling einer gezeichneten Figur zu werden, die seit Jahren unverändert geblieben war, ohne Schminke und ähnliche Hilfsmittel, war sicherlich ein vom Karneval hervorgerufenes Naturphänomen und konnte nur damit erklärt werden, dass die totale Verschmelzung von Verein und eigener Identität letztere zurückstecken hieß. Aber vielleicht war es auch eine Art optischer Täuschung, weil man beide, Knöles und Kommandant, immer nur zusammen sah.

Ihm folgte um den gebotenen halben Schritt Abstand sein Adjutant, wie immer fast noch akkurater als der Präsident – selbst an Weiberfastnacht noch voll im Lack und ein Vorbild rheinisch-preußischer Heiterkeit: Stefan Emmerich. Diese beiden trennten sich nie, um nicht zu sagen, der eine hing wie ein Schatten an dem anderen. Das war natürlich kein Selbstzweck. Stefan, ebenfalls seit Jahrzehnten als Adjutant am Start, kannte in Bonn jeden und jede. Er wusste alles: Wer noch einen Orden bekommen sollte, seinen bereits hatte oder sein Recht darauf verwirkt hatte. Aus welchen Gründen auch immer: Weil er die Kommandantengattin blöd angemacht hatte oder – was noch schlimmer war – versucht hatte, den Orden gewinnbringend bei eBay zu versteigern. Stefan verfügte über ein beträchtliches Feingefühl, wenn es darum ging, die eine oder andere Dame, die man für die Partnerin des vermeintlich ordenswürdigen und verdienten Karnevalisten halten konnte, nicht sofort mit dem Damenorden des Corps auszuzeichnen. Denn im Gegensatz zu vielen hatte er ein Gespür für die dringend abzuschätzende Frage, ob es sich bei dem weiblichen Gegenüber gerade um die Eine handelte, oder man es gar mit einer Interimslösung zu tun hatte. Nicht auszudenken, jeder dieser weiblichen Karnevalsferienvertretungen würde der Damenorden übergeben! Dann könnte man sie doch gleich im Zug werfen. Natürlich nicht die Damen, sondern die Orden! Aber Stefan hatte auch...



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