E-Book, Deutsch, 104 Seiten
Molthagen / Muttersbach Grundeinsichten des Glaubens
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-7834-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Gang durch die biblische Urgeschichte 1. Mose 1 bis11
E-Book, Deutsch, 104 Seiten
ISBN: 978-3-7568-7834-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Professor Dr. Joachim Molthagen (Jahrgang 1941) war bis 2005 Professor an der Universität Hamburg. Er studierte Geschichte, Evangelische Theologie und Latein in Hamburg und Heidelberg. Ab 1969 lehrte und forschte er bis 2005 am Seminar für Alte Geschichte der Universität Hamburg.
Autoren/Hrsg.
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Mittwoch, 15.03.2006
2. Abend der Bibeltage
Als Gott der Herr Himmel und Erde machte
Eine ältere Erzählung von Gottes Schöpfung
(1. Mose 2,4b–25)
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Textlesung 1. Mose 2, 4b–25:
4b Zur Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte – 5 noch gab es aber kein Gesträuch des Feldes auf Erden und noch wuchs kein Kraut auf dem Felde; denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf die Erde und es war kein Mensch da, den Boden zu bebauen; 6 ein Wasserschwall aber brach hervor aus der Erde und tränkte alles Land – 7 da bildete Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Ackerboden und hauchte ihm Lebensodem in die Nase; so ward der Mensch ein lebendes Wesen.
8 Dann pflanzte Gott der Herr einen Garten in Eden gegen Osten und setzte den Menschen darein, den er gebildet hatte. 9 Und Gott der Herr ließ allerlei Bäume aus der Erde wachsen, lieblich anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen.
10 Es entspringt aber ein Strom in Eden, den Garten zu bewässern; von da aus teilt er sich in vier Arme: 11 der erste heißt Pison; das ist der, welcher das ganze Land Hawila umfließt, wo das Gold ist; 12 und das Gold jenes Landes ist köstlich. Da findet man auch das Bdellionharz und den Edelstein Soham. 13 Der zweite Fluss heißt Gihon; das ist der, welcher das ganze Land Kusch umfließt. 14 Der dritte Fluss heißt Hiddekel [d. i. Tigris]; das ist der, welcher östlich von Assur fließt. Der vierte Fluss ist der Euphrat.
15 Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.
16 Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Von allen Bäumen im Garten darfst du essen; 17 nur von dem Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen, von dem darfst du nicht essen; denn sobald du davon issest, musst du sterben.
18 Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Ich will ihm eine Hilfe schaffen, die zu ihm passt.
19 Da bildete Gott der Herr aus Erde alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und brachte sie zum Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde; und ganz wie der Mensch sie nennen würde, so sollten sie heißen. 20 Und der Mensch gab allem Vieh und allen Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes Namen; aber für den Menschen fand er keine Hilfe, die zu ihm passte,
21 Da ließ Gott der Herr einen Tiefschlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief. Und er nahm eine von seinen Rippen heraus und schloss die Stelle zu mit Fleisch. 22 Und Gott der Herr baute eine Frau aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, und führte sie dem Menschen zu. 23 Da sprach der Mensch: «Diese ist nun endlich Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleische. Die soll Männin heißen; denn vom Mann ist sie genommen.» 24 Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Leib.
25 Und die beiden, der Mensch und seine Frau, waren nackt und schämten sich nicht.
Wie schon in dem gestern betrachteten Text (1. Mose 1,1-2,4a) geht es heute Abend noch einmal um das Thema Schöpfung. Unser heutiges Kapitel wird in der Regel als der „2. Schöpfungsbericht“ bezeichnet; und das geht auch in Ordnung, solange wir dabei wahrnehmen, dass unser Text in seinem Zeugnis von der Schöpfung Gottes durchaus seine eigenen Akzente setzt. In ihm steht die Erschaffung des Menschen deutlich im Mittelpunkt.
Dass wir es mit einem ganz andersartigen Schöpfungsbericht zu tun haben als im Kapitel zuvor, ist nicht zu übersehen. Statt des Lehrhaften ist der Erzählcharakter stärker ausgeprägt. So wird z.B. das Schöpfungshandeln Gottes nicht in sehr verschiedenen Worten und Vorstellungen ausgesagt, sondern eigentlich immer im Bild des Handwerkers und Gärtners. (In unserem Text kommt das schaffende Befehlswort Gottes nicht vor, und auch von seinem Ordnung stiftenden Handeln durch das „Scheiden“ bzw. Trennen ist nicht die Rede.)
Anders ist in unserem Text auch die Gottesbezeichnung. In 1. Mose 1 lautet sie „Elohim“ („Gott“), in 1. Mose 2 dagegen „JHWH Elohim“ („Gott der Herr“). Unser Text gehört nämlich zu einem in unsere 5 Bücher Mose eingegangenen Erzählfaden, der von Anfang an den alttestamentlichen Gottesnamen JHWH (Jahwe, in unseren Bibelübersetzungen in der Regen als „der Herr“ wiedergegeben) gebraucht, nicht erst seit der Offenbarung dieses Namens an Mose am brennenden Dornbusch (2. Mose 3). Dieser Erzählstrang ist, so lautet das Urteil der allermeisten Alttestamentler, in der israelitischen Königszeit verfasst worden. Als ich in den 1960er Jahren studierte, dachte man zumeist an die Regierungszeit des Königs Salomo (er starb 926 v.Chr.). Inzwischen nehmen viele Ausleger eine spätere Entstehungszeit an. Auf jeden Fall aber ist unser Text im Vergleich zu dem gestern betrachteten Kapitel 1. Mose 1, das seine uns vorliegenden Fassung erst nach der babylonischen Gefangenschaft erhalten hat, älter. Unser Schöpfungsbericht ist also der „zweite“ bezogen auf die Reihenfolge in unserer Bibel, nicht von der zeitlichen Entstehung her.
Wie das gestern betrachtete Kapitel gibt auch unser heutiger Text nicht den Bericht eines Reporters wieder, der Gott etwa bei der Schöpfung hätte über die Schulter schauen können, der dabei die Zeit hätte messen können, die Gott für sein Schöpfungshandeln benötigte, und der genau hätte dokumentieren können, was Gott bei seiner Schöpfung im Einzelnen tat und wie er verfuhr. Vielmehr ist auch unser heutiger Text 1. Mose 2, 4b-25 ein Glaubenszeugnis. Er bezeugt Gott als den Schöpfer und weist uns darauf hin, wie Gott zu uns ist und welchen Platz er uns Menschen zugedacht hat. Eben deshalb lautet das Motto unserer Bibeltage ja nicht „Die Anfänge der Welt und ihrer Geschichte“, sondern „Grundeinsichten des Glaubens“.
Wie der gestern betrachtete Text nimmt unser Kapitel 1. Mose 2 viele Inhalte und Vorstellungen auf, die sich auch bei den Nachbarvölkern des alttestamentlichen Israel finden und die es vielleicht von dort gelernt hatte. Das Motiv etwa, dass eine Gottheit den Menschen aus Lehm oder Erde bildete, begegnet häufiger. Auch den späteren Griechen und Römern war diese Vorstellung geläufig.
Sie erzählten sich die Geschichte von Prometheus, der den Menschen aus Lehm bildete. Ich zitiere dazu einige Verse von Ovid, einem römischen Dichter, der zur Zeit des Augustus lebte. In seinem Werk „Metamorphosen“ (Verwandlungen) spielt er mit folgenden Worten auf die Erschaffung des Menschen durch Prometheus an (I, 78-83 und 87-88):
(Prometheus)
Wir sehen also, dass sich manche Motive und Erzählelemente unseres Textes auch außerhalb der Bibel finden. Nicht sie sind das Besondere. Typisch biblisch ist aber wieder die Art und Weise, wie unser Kapitel von Gott und von seinem Verhältnis zu uns Menschen redet. Das ist nicht zufällig so. Unser Text ist ja von Menschen geschrieben worden, die für sich persönlich und in der Geschichte ihres Volkes dem lebendigen Gott begegnet waren und vielfältige Erfahrungen mit ihm gemacht hatten. Auch der 2. Schöpfungsbericht spricht eben „Grundeinsichten des Glaubens“ aus.
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Nun lade ich dazu ein, genauer in unseren Text hineinzuhören und seine einzelnen Aussagen zu würdigen. Der erste Satz gibt uns die besondere Thematik unseres Kapitels an. Er beginnt mit Vers 4b und findet – nach einem längeren Gedankeneinschub – seine Fortsetzung in Vers 7: Damit ist von vornherein gesagt, dass es in unserem Schöpfungsbericht zentral um die Erschaffung des Menschen geht. Die Erschaffung des Weltgebäudes, das der erste Schöpfungsbericht zu Beginn darstellt, ist für unser Kapitel kein eigenes Thema; darauf verweist es nur im Sinne eines zeitlichen und sachlichen Zusammenhanges: Unser Text hat im Vergleich mit dem vorangehenden Kapitel einen begrenzteren Horizont; er interessiert sich weniger für die Welt im allgemeinen, für ihn steht die Erschaffung des Menschen im Mittelpunkt.
Eingeschoben ist in den ersten Satz unseres Schöpfungsberichtes mit Vers 5 so etwas wie eine Darstellung von einem Urzustand, und das geschieht in sehr charakteristischer Weise. Unser Text sagt gleichsam:...




