E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Monaghan Immer wenn die Sonne aufgeht
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-641-29332-1
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-641-29332-1
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Moment in den frühen Morgenstunden, in dem ihre Füße die knarzenden Holzbretter ihrer Veranda berühren, in dem sie die ersten Vogelgesänge vernimmt und ihren Garten in voller Pracht und mit Morgentau überzogen bewundern kann, ist für Nora die kostbarste Zeit des Tages. Die Zeit, in der sie Kraft tankt, um ihren zwei Kindern Halt geben zu können und ihre gescheiterte Ehe hinter sich zu lassen.
Doch eines Morgens ist sie nicht allein auf ihrer Veranda. Jemand hat sich über Nacht bei ihr einquartiert. Jemand, der die Nähe zu ihr mehr zu genießen scheint, als ihr recht ist. Jemand, der ihr mit jedem morgendlichen Sonnenstrahl zeigt, dass es noch nicht zu spät ist, die Liebe ins Leben zu lassen.
Ein gefühlvoller und heiterer Roman über zweite Chancen, Familienzusammenhalt und das Glück der großen Liebe!
Annabel Monaghan ist in Los Angeles aufgewachsen und hat an der Duke University das Fach Englisch studiert. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren drei Söhnen lebt sie in einem Vorort von New York, wo sie auch Schreibunterricht gibt. Bisher hat Annabel Monaghan in USA humorvolle Kolumnen in namhaften Zeitungen veröffentlicht. Sie hat ein besonderes Faible für Geschichten um die große Liebe und besitzt immer noch jeden einzelnen Liebesbrief, den sie je bekommen hat. Mit ihrem Erwachsenendebüt »Immer wenn die Sonne aufgeht« kann sie nun ihre romantische Ader ausleben.
Weitere Infos & Material
KAPITEL 1
Hollywood kommt heute zu mir.
Ich werde mein Haus nicht verlieren.
Diese beiden Gedanken gehen mir in dem Moment durch den Kopf, in dem die Sonne mein Zimmer erhellt. Für mein Drehbuch hat man mich schon bezahlt. Und die Prämie dafür, dass man hier filmen darf, sollte heute Mittag auf meinem Konto sein. Lebt wohl, unbezahlte Grundsteuern. Lebt wohl, Kreditkartenschulden. Kaum zu fassen, dass all das dadurch möglich geworden ist, dass Ben sich von mir und unserer Ehe verabschiedet hat. Ich habe keine Idee, wie dieser Tag noch besser werden könnte. Ich springe förmlich aus dem Bett, schnappe mir meinen dicksten Morgenpullover und gehe die Treppe hinunter. Nachdem ich mir Kaffee eingeschenkt habe, begebe ich mich nach draußen auf die Veranda, um mir den Sonnenaufgang anzusehen.
Wer auch immer mir dieses Haus einmal abkauft, wird es wohl abreißen. Es ist über hundert Jahre alt. Alles daran ist reparaturbedürftig. Wenn der Wind im Januar auf eine bestimmte Weise weht, fegt er direkt in die Küche, und wir müssen eine Decke über den Türrahmen kleben. Die Dielen hängen durch. Es gibt nur zwei Badezimmer, und beide sind oben. Jedes Schlafzimmer verfügt über einen begehbaren Schrank für gerade mal sechs Garnituren, vorzugsweise für ziemlich kleine Personen. Ben hatte eine Beschwerdeliste über das Haus, die er täglich abspulte, und ich wurde nie das Gefühl los, dass er sich in Wirklichkeit über mich beschwerte.
Zugegeben, das Haus ist eine Katastrophe. Aber ich habe mich in es verliebt, als ich zum ersten Mal die lange, gewundene Einfahrt hinabschaute. Die hohen Äste der Magnolienbäume, die zu beiden Seiten des Weges wachsen, berühren sich in der Mitte. Im April fährt man deshalb durch einen Tunnel aus rosa Blüten. Wenn man die Hauptstraße erreicht, hat man das Gefühl, von einer Welt in eine andere überzutreten, wie eine Braut beim Verlassen der Kirche. Man genießt es, Milch zu holen, und man genießt es, danach wieder nach Hause zu kommen.
Gebaut wurde das Haus von einem britischen Arzt namens George Faircloth. Er lebte in Manhattan und verbrachte nur die Sommer in Laurel Ridge. Was erklärt, warum das Haus in keiner Weise winterfest ist. Es wurde gebaut, um sich an einem Tag mit fünfundzwanzig Grad daran zu erfreuen, vor allem draußen. Ich stelle mir vor, wie er das Grundstück meisterlich gestaltete und die Magnolien und Forsythien so arrangierte, dass sie den Frühlingsbeginn verkündeten. Nach einem langen grauen Winter rufen die ersten rosa und gelben Blüten noch immer: »Es tut sich was!« Im Mai werden sie mit dem Rest des Gartens grün, eine kurze Ruhephase, bevor die Pfingstrosen und Hortensien ihren großen Auftritt haben.
Dass ich hier unbedingt leben wollte, wusste ich, sobald ich das Teehaus sah. Der Arzt ließ das kleine, aus einem Raum bestehende Bauwerk eigens errichten, um das Ritual des Teetrinkens zu würdigen. Während das Hauptgebäude dünne weiße Schindeln und schwarze Fensterläden mit abblätternder Farbe aufweist, besteht das Teehaus aus grauem Stein mit einem Schieferdach. Es hat auch einen kleinen funktionierenden Kamin und eichenholzgetäfelte Wände. Man könnte meinen, Dr. Faircloth habe sich über den Großen Teich gestreckt und es direkt aus einer englischen Idylle hergeholt. Ich weiß noch genau, dass Ben beim ersten Betreten das Wort »Schuppen« in den Mund nahm. Damals habe ich ihn ignoriert, wie man es eben tut, wenn man verheiratet bleiben will.
Nach unserer ersten Übernachtung im Haus weckte mich das frühe Tageslicht, weil wir noch keine Vorhänge hatten. Ich ging mit meinem Kaffee auf die Veranda, und der Sonnenaufgang bescherte mir die Überraschung meines Lebens. Davor hatte ich das Haus noch nie um sechs Uhr morgens gesehen. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass es nach Osten ausgerichtet ist. Es war wie ein kostenloser Bonus zum Kauf, eine Belohnung dafür, dass ich das baufällige Gemäuer liebte.
Jetzt stehe ich wieder auf der Veranda und lasse alles auf mich wirken, bevor die Filmcrew eintrifft. Hinter der Eiche mit dem breiten Geäst am Ende meines Rasens steigen erst rosa-, dann orangefarbene Schlieren empor. Die Sonne geht dahinter jedes Mal anders auf. An manchen Tagen als durchgehender Balken, der wie der Abspann eines Films nach oben rollt und sich über den Himmel ausbreitet. An anderen Morgen kämpft sich das Licht als scheckiges Grau durch die Blätter. Die Eiche wird noch ein paar Wochen lang keine Blätter zeigen, nur winzige gelbe und weiße Blüten, die sich gegenseitig bestäuben und einen Herbstrasen voller Eicheln versprechen. Das Gras sieht im April am besten aus, vor allem morgens, wenn es vom Tau geküsst ist und sich das Licht darin fängt. Mit der Wissenschaft dahinter kenne ich mich nicht aus – dafür ist mir der Rhythmus dieses Fleckchens Erde so vertraut wie mein eigener Körper. Hier geht die Sonne jeden Tag auf.
Nachdem ich die Kinder geweckt, ihnen Frühstück gemacht und sie zur Schule geschickt habe, ziehe ich mich zum sechsten Mal um. Als ich in derselben Jeans und demselben T-Shirt wie zu Beginn vor dem Spiegel stehe, wird mir klar, dass meine Haare das eigentliche Problem sind. Sie kräuseln sich nicht ganz so schlimm wie im August, trotzdem ziemlich übel. Leute in Hollywood bändigen ihr Haar. Falls sie doch mit einer wilden Frisur auftreten, dann von einem Profi zerzaust. Ich tauche den Kopf ins Waschbecken. Anschließend föhne ich Strähne für Strähne glatt. Soweit ich mich erinnere, habe ich das zuletzt am Tag meiner Hochzeit im Badezimmer meiner Kindheit gemacht, während sich meine Brautjungfern hinter mir gedrängt haben.
Als ich mein Haar unter Kontrolle gebracht habe, ist es immer noch erst neun Uhr morgens. Der Aufmarsch aus Hollywood hat sich für zehn Uhr angekündigt, und ich weiß, dass ich mich unweigerlich in Panik hineinsteigere, wenn ich noch mehr Zeit vor dem Spiegel verbringe. Also entscheide ich, dass ich für eine neununddreißigjährige Mutter zweier Kinder tadellos aussehe. Und es ist ja nicht so, als spräche ich für den Film vor – ich habe das Drehbuch dazu geschrieben. Ich beschließe, zu ein paar nicht dringenden Besorgungen aufzubrechen. Vielleicht sind sie schon da, wenn ich zurückkomme, dann kann ich nach dem Motto auftreten: . Ich würde in die Hollywoodversion des Dramas meines wahren Lebens hineinplatzen, als wäre es eine schräge Überraschungsparty.
Während ich ein Paar Stiefel beim Schuster abgebe und das Regal mit Sonderangeboten im Buchladen durchstöbere, schlage ich so viel Zeit wie möglich tot. Danach schaue ich im Handwerkerladen vorbei, plaudere mit Mr. Mapleton über seine Hüftoperation und nehme den Stapel Kreuzworträtsel mit, den er mir jede Woche aus seinen Zeitungen aufhebt. Um zehn Uhr fällt mir nichts mehr ein, was ich noch tun könnte. Also ist es wohl an der Zeit, nach Hause zurückzukehren, um mir anzusehen, wie groß ein Filmteam ist und welche Folgen der Besuch für meinen Rasen hat.
Meine Rechnung geht nicht auf. Die Leute verspäten sich, und so harre ich wieder auf der Veranda ihrer Ankunft. Unwillkürlich umklammern meine Hände das Geländer, als die Sattelzüge über meine Schottereinfahrt heranbrausen und die niedrigsten Magnolienblüten ausreißen. Der Himmel verdunkelt sich vor aufgeschreckten Vögeln. Einen Moment lang erinnert mein Grundstück an die Kulisse eines Hitchcock-Films.
Gerechnet hätte ich mit alldem nie. Ich bin immer noch genauso überrascht wie alle anderen, dass man tatsächlich verfilmt. Mein letztes Drehbuch namens war für eine achtzigminütige Fernsehproduktion mit bewusst platzierten Handlungspausen angelegt, um Platz für die vierzig Minuten Werbung zu schaffen. Das davor hieß . Im Wesentlichen dieselbe Geschichte, nur spielt sie im Herbst. Meine Superkraft besteht darin, mir planvoll einen Mann und eine Frau auszudenken, die ich in einer schmucken Kleinstadt platziere, bevölkert von außergewöhnlich glücklichen Menschen mit herrlich belanglosen Problemchen. Erst zanken sie sich, dann verlieben sie sich ineinander. Alles ist wunderbar, bis entweder er oder sie geht – aber nach der Werbepause prompt zurückkommt. Jedes einzelne Mal.
bricht mit dem Schema und ist unbestreitbar das Beste, was ich je geschrieben habe. Die erste Frage meiner Agentin Jackie, nachdem sie es zu Ende gelesen hatte, lautete: »Ist alles in Ordnung mit dir?« Darüber musste ich lachen. Aber natürlich hat das Drehbuch den Eindruck vermittelt, ich sei düster geworden. Die Geschichte hat Tiefgang, wartet mit einer gehörigen Portion Seelenqual und Selbstreflexion auf, und diesmal kommt der Mann am Ende nicht zurück. In den Monaten nach Bens Abgang habe ich zwei lustige, locker-flockige Drehbücher an den Romance Channel verkauft, danach jedoch ist dieses dunklere Werk aus mir herausgeflossen. Eigentlich habe ich ja versucht, mein Privatleben für mich zu behalten, nachdem Ben ging. Aber manche Geschichten wollen wohl unbedingt erzählt werden.
»Ich meine, es ist großartig«, sagte Jackie damals. »Aber es ist was für einen großen Film, nicht für den Romance Channel. Wenn’s dir recht ist, biete ich es den großen Studios an.«
»Damit verschwendest du nur kostbare Zeit«, meinte ich, während ich im Garten vor meinem Haus Fingerhirse jätete. »Niemand will zwei Stunden lang sehen, wie jemand mit Existenzangst und dem Gefühl kämpft, verlassen worden zu sein. Ich schwöre, ich hab versucht, das Ende aufzulockern. Aber sosehr ich mich auch bemüht habe, ich konnte mich nicht dazu durchringen, ihn zurückkommen zu lassen.«
»Nora. Es ist noch...




