E-Book, Deutsch, 260 Seiten
Monkberg Belisa
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96000-158-4
Verlag: Elysion Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 260 Seiten
ISBN: 978-3-96000-158-4
Verlag: Elysion Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Belisa Kinkaid lebt nur für ihr Mode-Atelier. Aber sie steht nach zwei Schicksalsschlägen vor den Scherben ihrer Existenz. Massimo Torrione, CEO eines kleinen, exklusiven Mode-Labels auf Capri, macht ihr ein Angebot, das all ihre Sorgen lösen würde. Aber Massimo ist ein Dom und er will sie nicht nur für seine Firma, sondern auch privat, in seinem Bett. Es dauert eine Zeit, bis Belisa Vertrauen zu ihm gewinnt. Doch dann inszeniert eine Braut, für die beide das Hochzeitskleid schneidern sollen, vor der Blauen Grotte spektakulär ihre Flucht vor dem Sohn eines russischen Oligarchen und die Dinge laufen aus dem Ruder.
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Kapitel 1
»Mit achtzehn Abitur, Lehre bei einer Gewandmeisterin, anschließend Studium an der Modeakademie München und mit knapp dreiundzwanzig das erste eigene Atelier – Belisa am Wiener Platz.« Der Redner schwieg einen wohlberechneten Moment und Tante Daisy, die mit Belisa den Regenschirm teilte, schnaufte empört.
»Das stimmt doch alles nicht. Das musst du richtigstellen, Bella!«
Ja, aber nicht hier. Belisas Blick schweifte über die vielen kunstvoll geschmiedeten Grabkreuze, die sich unter ihr in sechs Reihen den Abhang hinab bis dicht vor die kleine Kirche zogen. Dort, unter dem Vordach des Portals gegen die Nässe geschützt, stand der Priester und beobachtete seine Gemeinde. Er trug nur einen dunklen Anzug, kein Messgewand, und seine ganze Haltung verriet selbst auf diese Entfernung, dass ihm die Form der Trauerfeier, das heißt ohne kirchlichen Segen, nicht passte.
Belisa hatte dazu keine Meinung. Sie wünschte nur, sie hätte gar nicht hier sein müssen.
Tine und sie hatten letzten Donnerstag noch miteinander gewitzelt, dass diese bei dem Kaiserwetter mit geschlossenen Fenstern fahren musste, damit der Wind nicht unter den Rock der Kundin fuhr. Genau die Sorte Späße, für die Tine zu haben gewesen war, gleichzeitig anzüglich und völlig absurd. Fahrerkabine und Laderaum des Mercedes Sprinters trennte eine Zwischenwand. Er war für ihr Atelier Belisa am Wiener Platz eigentlich überdimensioniert, sie lieferten selten ganze Kollektionen aus, aber die Innenhöhe des Fahrzeugs hatte den Einbau einer Dachschiene mit Ösen für Kleiderhaken erlaubt. Belisa freute sich jedes Mal, wenn die Augen einer Kundin aufleuchteten, weil diese ihr nach Maß angefertigtes Traummodell sofort in ganzer Pracht hängen sah, ohne den meist üblichen Kleidersack.
Aber das spielte jetzt auch schon keine Rolle mehr.
»… und dann, letzte Woche. Dieser frühlingshafte Januartag!« Der Redner ließ den Blick über sein Publikum schweifen, sah jedem in der ersten Reihe lange ins Gesicht. Der beabsichtigte dramatische Effekt verpuffte bei Belisa allerdings. Sie stand durch ihren Platz, quasi auf der Galerie, vielleicht einfach zu weit weg; und ihre Tante, die in vierzig Jahren als Gewandmeisterin bei Theater, Film und Fernsehen viele wirklich große Schauspieler und Sänger gesehen hatte, schüttelte erst recht den Kopf.
»So ein Schmierenkomödiant!« Sie sprach Englisch, ihre Muttersprache und Belisa hoffte, dass niemand die Bemerkung verstanden hatte. Es war schon peinlich genug, dass sie zu spät gekommen und mitten in die Rede geplatzt waren. Tante Daisys uralter Fiat Panda besaß kein Navi, und der Sprinter stand im Augenblick beschlagnahmt beim TÜV. Belisa schob diese Sorge bei Seite.
»Wir alle haben den Sonnenschein genossen.« Der Redner fuhr fort. »Vielleicht sogar zum ersten Mal nach diesem sehr langen, grauen Winter im Freien vor einem Café gesessen.«
»Im Januar?« murmelte ihre Tante. »Spaßvogel!«
Der Redner verstummte erneut, sammelte sich. Belisa hörte nur noch das ferne Rauschen der Bäume auf dem Hügel hinter der Kirche, das leise Trommeln der Tropfen auf ihrem Schirm. Ihr war ziemlich kalt. Nach dem Hoch letzte Woche, das ihnen tatsächlich einen Tag mit fast zehn Grad plus beschert hatte, mischten sich heute wieder Schneeflocken in den Regen. Im Wald hing eine Nebelwand.
»Sie dagegen war mit diesem eiligen Auftrag unterwegs!«
Belisa zuckte zusammen. Die Worte des Trauerredners wirkten wie ein Peitschenhieb, wie eine Anklage. »Losgeschickt, den Wunsch einer reichen Kundin nach einer wunderschönen Robe für den Wiener Opernball zu erfüllen.«
Ein Seufzen ging durch die Zuhörer und der Redner geriet ins Tremolo. Er sprach vom blinden Schicksal und dem Fleiß der Verstorbenen. Dass Tine oft sogar samstags und sonntags in ihrem Atelier durchgearbeitet habe. Was definitiv nicht stimmte. Belisa hätte sie sehr gerne für Überstunden bezahlt, wenn Tine denn dazu bereit gewesen wäre, welche zu machen. Aber auch um das zu berichtigen war hier weder die Zeit noch der Ort. Davon abgesehen wusste sie sowieso nicht, wie es weitergehen sollte.
»Doch was zählt der Erfolg, was, eine Klientel internationaler Stars … «
»Bitte? Was erzählt der für einen Quatsch? Langsam verliere ich echt die Geduld!« Die Stimme ihrer Tante verriet Zorn. Belisa wechselte den schweren Trauerstrauß in die andere Hand und griff beruhigend zu ihr hinüber. Sie hörten nun eine Rückblende, welche Freude Tine ihren Eltern gemacht hätte, und was für ein anständiges Mädchen sie immer geblieben sei. Doch in Wirklichkeit hatte sie es faustdick hinter den Ohren gehabt. Wie oft hatte sie Belisa morgens vor ihrem Atelier aus fremden Autos aussteigen sehen, manchmal aufgekratzt, öfters mit Katzenjammer und immer verkatert. Tine hatte montags Ibuprofen gefuttert wie andere Gummibärchen. Aber an dem bewussten Morgen war sie vollkommen nüchtern gewesen, Belisa hätte sie sonst niemals fahren lassen.
Der Hergang des Unfalls war sogar dem Sachverständigen ein Rätsel. Er hatte keine Bremsspuren festgestellt, keinen technischen Defekt und auch eine Ölspur verneint, die vielleicht noch erklärt hätte, warum Tine mit dem Sprinter auf schnurgerader Strecke von der Fahrbahn abgekommen war. Am Stamm der dicken Eiche zeugten nur ein paar abgesplitterte Stücke Holz von dem Aufprall. Doch Tine war noch an der Unfallstelle gestorben.
»… möge ihr die Erde leicht sein!« Die Schlussworte des Redners gingen beinahe im Aufrauschen des Regens unter. Ein richtiger Wolkenbruch setzte ein und sogar die Männer, die bisher dem Wetter getrotzt hatte, spannten jetzt Schirme auf. Auch die Mannschaft des Beerdigungsunternehmers beeilte sich. Belisa konnte von ihrem Logenplatz aus gut mitverfolgen, wie der Sarg mit dem üppigen Blumengesteck in die Grube abgelassen wurde. Damit drängten sich auch schon die ersten Trauergäste für die persönlichen Abschiedsgesten vor.
Fast alle warfen Tine Blumen nach, ein Brauch, der Belisa fremd war. Vielleicht erinnerte sie sich auch einfach nicht mehr richtig. Sie hatte bisher nur eine einzige andere Beerdigung miterlebt, die ihrer Eltern vor fast zwanzig Jahren, in Boston, Massachusetts, USA. Sie war damals achteinhalb gewesen und sie wusste im Grund nur noch, dass sie sich die ganze Zeit an der Hand ihrer Tante festgeklammert hatte. Alles danach war ihr nur sehr verschwommen im Gedächtnis geblieben. Gott sei Dank hatte es Tante Daisy in Rekordzeit geschafft, sie in Boston aus dem amerikanischen Foster Care-System loszueisen, und zu ihr nach Dachau zu holen. Zuhause sprachen sie immer noch Englisch, doch sonst hielt sich Belisa mittlerweile für ziemlich deutsch. Mit kleinen Abstrichen.
Unter ihnen bewegte sich der Pulk der Trauergäste langsam auf Tines Angehörige zu, ihre wie versteinert wirkende Mutter, den Bruder und die schluchzende Schwägerin. Auch Belisa würde ihre Angestellte vermissen. Wenn man zu zweit in einem winzigen Modeatelier arbeitete, musste die Chemie stimmen. Sie hatten beide die Freude an opulenten Abendkleidern geteilt, Fast Food verabscheut und auf die Begegnung mit einem aufregenden Latin Lover gehofft. Das heißt, eher Tine, die nach Feierabend regelmäßig in ihrer Lieblings-Bar gechillt, und ständig irgendwen abgeschleppt hatte. Während Belisa ebenso regelmäßig bis nach Mitternacht im Atelier geblieben und weitergearbeitet hatte. Auch an Wochenenden.
Sie wurde fast noch ein bisschen trauriger. Tine hatte am Montag immer alle ihre Männergeschichten auf dem Schneidertisch ausgebreitet. Stundenlang an der Nähmaschine zu sitzen oder Nähte zu bügeln, konnte ziemlich eintönig sein. Da wurde man mit der Zeit für jede Ablenkung dankbar. Belisa hatte Tine zwar höchstens die Hälfte ihrer Abenteuer geglaubt, schließlich besaß sie selbst auch einige Erfahrungen mit Männern. Aber sie hätte niemals ihre Tante Daisy belogen und Überstunden für einen Arbeitgeber vorgeschoben, um an den Wochenenden freie Bahn zu haben. Diesen Trick fand Belisa überhaupt nicht lustig.
»Schade um sie! Sie war meine beste Azubine.« Ihre Tante schnäuzte sich.
»Ja.« Sie hakten sich unter und gingen zusammen an Tines Grab. Die offene Grube war sorgfältig mit grünem Kunstrasen umkleidet und überraschend tief. Doch das üppige Blumengesteck aus weißen Chrysanthemen und grünen Rosen, zwischen denen inzwischen aber auch etliche andere Farbtupfer steckten, verdeckte den Sarg fast völlig. Der Jahreszeit entsprechend lagen darauf hauptsächlich Abschiedsgrüße aus Tulpen und Narzissen, aber es stecken auch eine ganze Anzahl dunkelroter Rosen dazwischen. Belisa erriet leicht, dass sie von der kleinen Gruppe Männer stammten, die etwas abseits standen und deutlich nicht zu Tines Familie oder in ihr Heimatdorf gehörten. Der eine oder andere erkannte Belisa sogar und nickte ihr und ihrer Tante grüßend zu, als sie mit ihrem Trauerbukett ebenfalls vortrat.
Es würde als einziges nicht auffallen. Sie hatte beim Bestatter nachgefragt und dieselbe Zusammenstellung wie im Sargschmuck in ihren Strauß binden lassen: weiße Chrysanthemen und grüne Rosen. Eindeutig ein Fehler, aber das konnte sie nun nicht mehr ändern. Sie warf ihr Bukett.
Das Murmeln der Trauergäste brach schlagartig ab. Alle Welt sah sie an. Was hatte sie falsch gemacht? Belisa bemerkte, dass etliche verstohlen grinsten, andere verzogen das Gesicht, als ob sie plötzlich Zahnschmerzen plagten. Ihre Tante gab einen Laut zwischen unterdrücktem Lachen und Husten von sich.
»O je, Bella! Trauersträuße werden üblicherweise aufs Grab gelegt. Hinterher, wenn es wieder zugeschüttet ist. Ich dachte, du weißt...




