E-Book, Deutsch, Band 5, 219 Seiten
Reihe: Drache und Phönix
Monkberg DRACHE UND PHÖNIX - Band 5: Goldene Jagd
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-95520-624-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 5, 219 Seiten
Reihe: Drache und Phönix
ISBN: 978-3-95520-624-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Angelika Monkberg, geboren 1955, lebt in Franken. Wenn Sie nicht in ihrem Garten arbeitet, zeichnet oder malt sie - und widmet sich dem Schreiben von Kurzgeschichten und Romanen. Bei dotbooks erschien bereits Angelika Monkbergs Roman TORNADO sowie das Fantasy-Epos DRACHE UND PHÖNIX, den es unter diesem Titel als Sammelband gibt sowie in den folgenden Einzelbänden: Erster Roman: Goldene Federn Zweiter Roman: Goldene Kuppeln Dritter Roman: Goldene Spuren Vierter Roman: Goldene Asche Fünfter Roman: Goldene Jagd Sechster Roman: Goldene Lichter Siebter Roman: Goldene Ewigkeit Mehr Informationen über Angelika Monkberg im Internet: Die Website der Autorin: www.angelikamonkberg.de Die Autorin auf Instagram/Threads: https://www.instagram.com/angelika.monkberg/ Die Autorin bei Facebook: www.facebook.com/1AngelikaMonkberg
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Kapitel 1
Caen, in der Ruine des Donjon auf der Nordseite der Festungsmauern des Château; irgendwann.
Die ersten Jahre waren die schlimmsten – bis er aufhörte, sie zu zählen. Es fiel ihm überraschend leicht, ja, er fragte sich sogar, warum er bisher fast manisch an Tag und Datum festgehalten hatte.
Eine leise Stimme flüsterte ihm zu: Die Zeit ist bedeutungslos.
Ganz verlor er ihr Vergehen natürlich trotzdem nicht aus den Augen, dafür sorgte schon der Wechsel der Jahreszeiten. Im Sommer erschien die schwache Helligkeit früher, die hoch über dem finsteren Loch seines Gefängnisses den Tag verkündete, und sie schwand später. Manchmal ahnte er sogar Sonnenschein. Aber dann folgten wieder graue Tage, die immer kürzer wurden; die unerträgliche Finsternis der Nächte dauerte länger, und zuletzt kroch manchmal Frost in die dicken Mauern des Donjon. Dann legte sich hoch über ihm Rauhreif auf den Steinkranz der Brunnenöffnung, durch die sie ihn in sein Verlies hinuntergestoßen hatten. Sechs, acht Meter in tiefe Dunkelheit, ein grauenhafter Sturz. Er konnte es noch hören, das Herunterkrachen des Eisengitters und seine panischen Flügelschläge. Der Platz reichte gerade zum Ausbreiten seiner Schwingen, sie hatten ihn gerettet; er hätte sich sonst damals bestimmt alle Knochen gebrochen.
Doch er war unverletzt gelandet, zum Missvergnügen der Inquisitoren, die seine Einschließung verfügt hatten. Er wusste – schließlich kannte er ihre Gedanken –, dass ihnen seine sogenannte Begnadigung zu lebenslanger Haft einen bösen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Er war von ihnen zuerst nach Suresnes gebracht worden, aber die Festung auf dem Mont Valerien nahe Paris stand unter direkter Aufsicht des Justizministeriums, und deshalb hatte man ihn schon wenige Tage später schwer bewacht nach Caen weitertransportiert. Er erinnerte sich nur undeutlich an den nächtlichen Weg vom Bahnhof zum Château. Im Kastenwagen eingeschlossen, hatte er sich auf die Augen und Ohren seiner Wächter verlassen müssen und nur ungenau verfolgen können, wie sie die Orne auf einer Brücke überquert hatten, einen Quai entlanggefahren waren und über eine Rampe durch ein Torhaus hinauf in das Château. Dort erinnerte er sich an eine Vielzahl elender, niedriger Bauten, eine Kaserne, hastig errichtet im letzten deutsch-französischen Krieg. Aber sein Gefängnis befand sich nicht dort. Ganz am Ende des Mauerrings, an der Nordseite und in den Ruinen des Donjon, den jedermann für zerstört und aufgegeben hielt, schienen den Hunden Gottes die Voraussetzungen günstiger, dass ihn einfach die Haftbedingungen umbrachten.
Sein Verlies war vollständig leer, und wenn er sitzen oder liegen wollte, musste er mit dem festgestampften Erdboden vorliebnehmen. Doch die Leere besaß den einen Vorteil, dass seine Schreie hallten. Nach drei Tagen Durst und Hunger hatte er ein Heidenspektakel veranstaltet, so lange geflucht und getobt, bis die Wärter nach dem Abt des Klosters Saint Étienne unten in der Stadt geschickt hatten. Seitdem wusste er, dass seine Henker jegliche Aufmerksamkeit noch mehr fürchteten als ihn selbst.
„Brot und Wasser, einmal jede Woche“, hatte der Abt gesagt, ein Benediktiner, doch genauso erbarmungslos wie die Dominikaner. „Und es ist dir verboten, zu sprechen. Ein Wort zu den Wachmännern, und ich lasse den Schacht zumauern.“
Was blieb ihm anderes übrig?
Der Abt hatte mit dem Rücken zu dem Loch über ihm gestanden, sorgfältig darauf bedacht, dass er sein Gesicht nicht sehen konnte. Er hätte ihn natürlich trotzdem jederzeit wiedererkannt, am Muster seiner Gedanken. Jan wusste aber, dass er den Mann getrost vergessen konnte. Bis er aus seinem Loch wieder freikam, waren wahrscheinlich schon dessen Enkel gestorben. Er hatte einen Fehler begangen – den vielleicht größten seines Lebens –, dass er nicht schon in Paris versucht hatte zu fliehen. Aber er hatte zu lange gezögert. Was ihm seine Schwester vor hundert Jahren vorgeworfen hatte, stimmte: Er war zu weich. Sie, die Kandake von Meroë, hätte ihre Wärter in der gleichen Situation skrupellos getötet. Er fand nur immer noch, dass er schon zu viele Menschen auf dem Gewissen hatte.
Zuerst Nanni, dem er das Genick gebrochen hatte, damals auf seinem Schloss in Freital, dafür, dass der Venezianer seiner geliebten Hexe Barberina brutal das Ungeborene aus dem Leib getreten hatte. Mutter und Kind waren daran gestorben. Später, in Aserbeidschan, war er zum Henker eines Parsen geworden, damit diesem nicht der eigene Sohn den Kopf abschlagen musste. Auf der Rückreise nach Europa hatte er dann den Arzt des englischen Linienschiffs Elizabeth St. Martin ermordet. Eine Kurzschlussreaktion, denn der Arzt hatte in Gedanken beschlossen, ihn in Ketten legen zu lassen und als Jahrmarktattraktion zu verkaufen. Die vielen Soldaten, die später seinen Kanonenschüssen im Spanischen Bürgerkrieg zum Opfer gefallen waren, rechnete er schon gar nicht mehr mit. Doch kurz darauf war dem zweiten Nanni, dem Sohn Barberinas, in Wien seinetwegen die Kehle durchgeschnitten worden; und er vergaß auch den Selbstmord Pascals nicht. Der Junge, Sohn seiner ersten Ehefrau Mary, ein hochbegabter Magier, hatte versucht, seine Mutter und seine Schwester aus dem Tod zurückzuholen und sie dadurch in Zombies verwandelt. Jan hatte die Leichen für Pascal verbrannt, doch es hatte nichts genutzt. Sie hatten beide zu spät begriffen, dass sein Ziehsohn Mary und Rose nicht anders als durch den eigenen Tod aus ihrem Zustand als Untote erlösen konnte.
Du warst ein lausiger Vater, flüsterte eine gemeine Stimme in der Dunkelheit, und ein noch lausigerer Ehemann.
Das stimmte. Die Ehe mit Mary war der Versuch gewesen, sich die Maske eines normalen Familienvaters überzustülpen; doch dieses Vorhaben wäre wahrscheinlich sogar ohne die Cholera gescheitert, an der seine Frau und ihre Tochter gestorben waren. Mit seiner zweiten Ehefrau Isobel Descalot hatte er traute Zweisamkeit dann gar nicht mehr versucht. Er hatte sie sowieso nur aus Berechnung geheiratet, weil er als Einziger in der Lage gewesen war, den Dämon im Zaum zu halten, von dem sie besessen gewesen war. Doch es hatte in Mord und Gewalt geendet, damit, dass der unreine Geist aus Isobel Descalot heraus und in deren Krankenwärterin Mademoiselle Marguerite gefahren war. Sie hatte seine Frau erstochen und war zum Bahnhof geflüchtet, wo er mit ihr gekämpft und beinahe verloren hatte. Letztlich hatte ihn ihr Dämon wahrscheinlich nur deshalb nicht überwältigt, weil Mademoiselle unter eine heranstampfende Lokomotive geraten war und samt dem unreinen Geist das Leben gelassen hatte.
Und? Was hast du davon gehabt?
Nichts. Die ganze unselige Geschichte lastete bis heute auf seiner Seele.
Keine deiner Frauen hat ein friedliches Ende gefunden, nicht einmal deine Halbschwester.
Sie waren beide nach Persien gereist, ohne voneinander zu wissen; er aus Europa, Amanischacheto, die Kandake von Meroë, aus ihrem Königreich Sudan. Jan hatte in den Türmen des Schweigens nach einer Antwort gesucht, warum La Fiametta den Feuertod dem Leben vorgezogen hatte, und der Kandake war von einem Orakel in Persien ein Sohn von einem Prinzen geweissagt worden. Auf diese Weise, Zufall oder Fügung, hatten sie sich getroffen, beide Kinder des gleichen Vaters, Zelta Pukis, des Goldenen, eines Drachen. Sie regierte den Sudan aus dem Recht ihrer Mutter heraus, aber auch er war ein Prinz, Sohn einer Königin, wenn auch ohne Rang und Namen. Dschinns, Geister der Wüste, hatten sie beide durch List getäuscht, so dass er das Kind seiner Halbschwester gezeugt hatte, ohne ihr jemals beigewohnt zu haben, und sie hatte ihm Karim al-Tinnin geboren, den einzigen Sohn, den er jemals haben würde, denn er konnte mit einer Menschenfrau keine Kinder zeugen.
Drei Jahre waren ihm mit dem Kleinen geblieben, doch dann hatte ihn seine Schwester mit einem Bluteid gezwungen, alle Ansprüche auf seinen Sohn aufzugeben. Er hatte beide in Port Sudan verlassen, nachdem er sie durch die ganze arabische Halbinsel begleitet hatte. In der Hafenstadt am Roten Meer hatten sich ihre Wege getrennt. Wenig später hatte er erfahren, dass der Kandake bei einem Aufstand in Khartum eine Kanonenkugel den Kopf abgerissen hatte. Das Letzte, was er von seinem Sohn Karim al-Tinnin wusste, war, dass sein bester Freund Daoud mit dem Kleinen nach Eritrea fliehen wollte. Danach hatte er nie mehr etwas von ihnen gehört.
Nach hundert Jahren ist es für Reue reichlich spät. Was hast du dich auch darauf eingelassen? Du hättest dein Fleisch und Blut niemals verlassen dürfen. Selbst wenn dein Sohn heute noch leben sollte, wird er sich kaum voll Freude an dich erinnern. Du bringst allen den Tod, sogar Feen.
Das war übertrieben, er hatte nur einer Fee den Tod gebracht: Frau Josefa. Er glaubte nicht, dass das ihr wahrer Name war, sie war eine Peri Banu gewesen, und sie hatte ihn in Wien mit dem Rest ihrer schwindenden magischen Kräfte von den Folgen eines Pistolenschusses geheilt. Seine zerfetzte Lunge war unter ihrer Berührung wieder zusammengewachsen, aber die Fee war danach erloschen wie ein Licht.
Und? Entschuldigt es dich, dass du bisher nur eine einzige Fee getroffen hast? Sie hätte Menschen noch lange helfen können. An dir hat sie sich verbraucht. Dass du das zugelassen hast, war eine Sünde!
Er sah es ja ein. Die einzige Sünde, die man ihm nicht vorwerfen konnte, war ausgerechnet die, die ihn in dieses Verlies gebracht hatte: Der Brand des Bazar de la Charité war ohne sein Zutun entstanden. Es stimmte, er spielte...




