E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
Monroe Sweetgrass - das Herz der Erde
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95576-244-5
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
ISBN: 978-3-95576-244-5
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jeden Tag ihrer langen Ehe haben Mary June und Preston Blakely gemeinsam auf 'Sweetgrass' in South Carolina verbracht. Aber nicht nur glückliche Stunden waren ihnen hier beschieden, sondern auch tragische Momente und Stunden tiefer Verzweiflung. Als Preston dann einen Schlaganfall erleidet und seine habgierige Schwester versucht, das Anwesen zu ruinieren, droht die Familie an unausgesprochenen Vorwürfen, uneingestandenen Schuldgefühlen und drückenden Geldsorgen zu zerbrechen. Doch in ihrer dunkelsten Stunde blickt Mary June auf ihr Leben mit Preston zurück und erkennt dabei, wofür es sich noch immer zu kämpfen lohnt ...
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1. KAPITEL
Im März kann das Wetter im Lowcountry von South Carolina ausgesprochen launisch sein. An einem Tag ist es mild, die Luft voller süßer Gerüche, und es zaubert ein vorsichtiges Lächeln auf die Gesichter der Hoffnungsvollen, die schon von kühlen kräftigen Drinks an schwülen Nachmittagen träumen, von cremeweißen Magnolienblüten und einer würzigen Brise, die vom Meer herüberweht. Und dann schlägt es plötzlich und über Nacht um. Auf einmal kommt Kaltluft heran, und der Winter streckt seine eisigen Fühler aus und legt einen Nebelschleier über die grauen Sümpfe.
Mama June Blakely hatte auf einen zeitigen Frühling gehofft, aber sie war erfahren genug, um immer ein Auge auf den Himmel zu haben, damit sie dunkle Wolken rechtzeitig ausmachte. Ein träger Dunst lag auf dem Wasser, so dick, dass Mama June Blakely’s Bluff kaum noch erkennen konnte, das wie eine finstere Klaue in den graugrünen Atlantik hineinragte. Ein trauriges Lächeln trat auf ihre Lippen, denn das Kliff war ihr schon immer wie ein passendes Sinnbild für die turbulente Geschichte ihrer Familie vorgekommen.
Ganz oben auf dem Kliff stand ein verwittertes Haus, das der Familie seit Generationen gehörte. Über unzählige Hurrikans und Stürme war Bluff House die Familienzuflucht geblieben, auch als der Großteil des Landbesitzes der alten Familien von Charleston lange verkauft war. Jedes Mal, wenn Mama June das Haus sah, überwältigten Erinnerungen die sonst so bodenständige Frau. Und wenn der Wind so wie jetzt über die Sümpfe strich, kam ihr der Nebel vor wie Geister, die über das Gras tanzten.
Donner grollten, dunkel und unheimlich. Sie zog den Reißverschluss ihres Sweaters weiter zu und wandte ihren Blick den tief hängenden Wolken zu. Das Wetter änderte sich schnell im Küstengebiet von South Carolina, und eine Wetterfront wie diese konnte einen plötzlichen Wolkenbruch mit sich bringen oder starke Böen. Sie wirkte immer noch beunruhigt, als sie auf dem Absatz kehrtmachte und über die gewienerten Dielen ihres Hauses lief – durch die große luftige Küche, das überfüllte Anrichtezimmer, das Speisezimmer mit funkelndem Kristall und Spiegeln, durch den Salon mit seinen alten Möbeln und dann direkt auf die vordere Veranda. Mit den Händen am Geländer beugte sie sich weit vor und blinzelte, während sie die Allee mit ihren jahrhundertealten Lebenseichen in ihrer ganzen Länge absuchte.
Ihre Miene erhellte sich, als sie eine Gestalt mit schneeweißem Haar die Auffahrt hinaufkommen sah, einen hageren schwarzen Hund an der Seite. Mama June lehnte sich gegen die Säule der Veranda und atmete auf. Bei dem Tempo würde Preston das Haus erreichen, bevor der Sturm losbrach. Seit wie langer Zeit wartete und schaute sie eigentlich schon, wie ihr Mann von den Feldern nach Hause zurückkehrte? Du liebe Güte, konnten es wirklich bereits an die fünfzig Jahre sein?
Preston Blakely war rein äußerlich kein großer Mann, aber seine Umgangsformen und seine Persönlichkeit machten ihn für jeden zu einer eindrucksvollen Erscheinung. Man fand, er sei beeindruckend im öffentlichen Gespräch und dickköpfig im privaten – und sie konnte dem nicht widersprechen. Sein zielstrebiger Gang hinterließ Fußstapfen auf dem sandigen Weg, seine Arme schwangen im Takt. Das hervorstehende Kinn durchschnitt den Wind wie der Mast eines Schiffes.
Himmel, was ging in diesem Mann wohl jetzt vor?, dachte sie mit bangem Kopfschütteln.
Als er das große weiße Haus fast erreicht hatte, schickte er den Hund mit einer Bewegung seines Zeigefingers fort. “Ab jetzt. Nach hinten, Blackjack”, befahl er, und sein Blick begegnete dem Mama Junes, als er den Kopf hob.
“Verdammt”, grollte er lauter als der Donner, erhob den Arm und wedelte mit einer Hand voll zerknitterter Papiere in seiner Rechten. “Diesmal haben sie’s wahr gemacht.”
Mama Junes Hand umschloss das Geländer fester, als ihr Mann die Stufen zur Veranda hinaufkam. “Was wahr gemacht?”
“Sie haben mich beim Wickel”, schimpfte er, als er die Veranda erreicht hatte.
“Wer denn, Liebling?”
“Die Banken!”, wütete er weiter. “Die Steuern. Die ganze verdammte Wirtschaft meine ich!”
“Setz dich einen Moment, Press, bevor du noch einen Herzschlag bekommst. Schau dich an, du schwitzt ja unter deiner Jacke. Es ist viel zu warm für diese Aufregung. Ich verstehe doch sowieso nicht, wovon du überhaupt sprichst. Steuern, Banken und am Wickel …”
“Ich spreche von diesem Haus hier!”
“Du musst nicht schreien. Ich bin alt, aber nicht taub.”
“Dann hör gut zu, was ich dir zu sagen habe. Sie werden es uns wegnehmen.”
“Was? Unser Land?”
“Ja, Ma’am, das Land”, erwiderte er. “Und dieses Haus, das du so sehr liebst. Das werden sie uns alles wegnehmen.”
“Press”, antwortete sie und rang nach Fassung, “ich verstehe nicht … wie können sie uns alles wegnehmen?”
Preston lehnte am Geländer und blickte über sein Land. Eine kühle Brise strich über das Gras, das sich wie die Wellen des Meeres sanft im Wind bog.
“Du weißt doch, dass wir vor ein paar Monaten neu veranlagt wurden”, begann er und fuhr fort, als sie nickte. “Und hier schreiben sie, was dieser Besitz jetzt wert ist. Und da schreiben sie, was wir jetzt zahlen sollen. Komm”, sagte er und wedelte mit den Papieren vor ihrer Nase umher. “Lies und weine.”
Mama June griff nach den zerknitterten Blättern und faltete sie behutsam auseinander. Ihr Mund blieb offen stehen vor Schreck, als sie las. “Aber … Das kann nicht stimmen. Das ist ja dreimal so viel wie vorher!”
“Viermal so viel.”
“Das können wir uns doch gar nicht leisten! Wir müssen Einspruch erheben. Sie können uns nicht zwingen, das einfach so hinzunehmen!”
“Sie können, und sie werden es.”
“Es wird eine Menge Leute hier in der Gegend geben, die das nicht hinnehmen werden”, sagte Mama June und hörte die Entrüstung, die aus ihrem Innersten kam, in ihrer Stimme. “Das kann doch nicht nur uns allein passieren.”
“Da hast du wohl recht. Es ist überall dasselbe. Und man kann nichts dagegen unternehmen. Es kommen nun mal immer mehr Leute hierher”, er zuckte die Achseln, “und sie alle wollen hier am Wasser wohnen. Wegen der tollen Aussicht. Bloß reicht das Land hier nicht für alle. Also gehen die Bodenpreise immer weiter nach oben und Immobilienspekulanten wie meine liebe gierige Schwester vertreiben sich die Zeit damit, auf den richtigen Moment zu warten. Sie werden jeden einzelnen Quadratzentimeter verschleudern, damit die ganze Gegend zubetoniert werden kann.” Er fuhr sich mit den Fingern durch die dichten weißen Haare. “Verflucht, ich wusste doch, dass das irgendwann kommen würde – wir wussten es alle. Schätze, wir haben nur nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde.”
Er lächelte sie traurig an. “Es kommt beinahe wie ein Hurrikan über uns, oder? Tja”, sagte er resigniert, “sieht so aus, als hätten wir uns diesmal verrechnet. So wie damals bei Hugo.”
“Wir haben es immer irgendwie hingekriegt. Der Krieg, die Ölkrise, die Wirtschaftsflaute, sogar Hurrikan Hugo haben wir überlebt.”
“Ich weiß. Ich habe immer getan, was ich konnte – Gott weiß, wie sehr ich gekämpft habe. Aber jetzt bin ich alt. Und ausgelaugt. Ich kann es einfach nicht mehr mit jedem Gegner aufnehmen.”
Mama June machte einen Schritt auf ihn zu und legte ihre Hand auf seine hängende Schulter, zutiefst erschrocken über den ungewohnten Anblick ihres Mannes, der mit einem Mal seinen ganzen Widerstand aufgegeben zu haben schien. Sie wollte schon etwas Banales sagen wie “Keine Bange, wir kriegen das schon hin”, als sie spürte, wie sich unter ihrer Hand seine Schulter wieder straffte. Eine neue Welle der Wut brach nun aus ihm heraus.
“Wäre dieser Nichtsnutz von unserem Sohn hiergeblieben, wären wir nicht in diesen Schlamassel geraten.”
Mama June nahm ihre Hand weg und schlang die Arme um ihren Körper. “Lass es uns nicht auf Morgan schieben …”
“Fang gar nicht erst an, ihn wieder zu verteidigen”, unterbrach er und fuhr herum, um ihr direkt ins Gesicht zu schauen. “Nicht mit mir! Er ist mein Sohn, verdammt. Er sollte hier sein und seinem Vater helfen, diese Plantage am Laufen zu halten! Es ist zu viel für einen alleine. Ich brauche seinen Einsatz, seine Ideen … Ist es zu viel verlangt, wenn ein Vater das von seinem einzigen Sohn erwartet?”
“Er muss selber seinen Platz in der Welt finden”, entgegnete sie sanft, obwohl sie spürte, wie sich alles in ihr sträubte. Diese Auseinandersetzung kannte sie nur zu gut.
“Zur Hölle mit der Welt! Er wird hier in Sweetgrass gebraucht. Hier gehört er her. Es ist schließlich sein Erbe! Seit acht Generationen wird diese Plantage von den Blakelys geführt, und auch wenn nur noch ein paar hundert Hektar übrig geblieben sind, ist Sweetgrass doch bei Gott noch immer im Besitz der Blakelys!”
“Er hat sein eigenes Land”, gab sie zu bedenken.
“Sein eigenes Land?” Preston starrte sie aus aufgerissenen Augen ungläubig an. “Meinst du diese popeligen paar Hektar in der Wildnis von Montana, auf denen er sich versteckt, wenn er nicht...




