Montasser | Die verbotenen Gärten von Shiraz | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 445 Seiten

Montasser Die verbotenen Gärten von Shiraz

Historischer Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-352-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Historischer Roman

E-Book, Deutsch, 445 Seiten

ISBN: 978-3-98952-352-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine faszinierende Reise durch das Heilige Land - und ein uraltes Orakel ... Wir schreiben das Jahr 1252, Shiraz zur Zeit der Rosenblüte: Getrieben von einem mysteriösen Orakel macht sich der französische Ritter Jean d'Eron auf, seinen alten Freund, den berühmten Gelehrten Saadi, in dessen Heimat Persien zu finden. Ihr Wiedersehen wird zu einem Fest der Erinnerung, denn es war Saadi, an dessen Seite Jean vor Jahrzehnten durch das Heilige Land reiste. Gemeinsam kehren der Kreuzfahrer und der Weise zurück in eine Welt voller Geheimnisse - denn Jean wurde einst ein mysteriöses Orakel zuteil, das ihn nie wieder losließ: »Das Glück und das Unglück deines Lebens werden dir widerfahren in den verbotenen Gärten.« Ob seine Rückkehr in die nach Rosen duftende Stadt endlich die ersehnten Antworten bringen wird? Die mitreißende Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft im alten Persien - ein opulenter historischer Abenteuerroman für Fans von Jens J. Kramer, Noah Gordon und Elif Shafak.

Thomas Montasser, Jahrgang 1966, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Kunst und Kultur des Orients und vor allem Persiens. Er ist Autor zahlreicher Romane, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Mit seiner Familie lebt er in München, wo er als Literaturagent tätig ist und namhafte Autoren betreut. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor »Ein zauberhafter Buchladen« und »Die verbotenen Gärten von Shiraz«.
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Kapitel 3
Du schweigst, mein Freund


»Du schweigst, mein Freund. Warum? Warum tust du mir das an, wie habe ich dich gekränkt? Ich bringe dir eine Reise dar, die zwei Jahre meines Lebens gekostet hat. Ich werfe mich in den Staub vor dir, trage die Kleidung deines Volkes, spreche mit der Zunge deines Propheten zu dir, bin dem Ruf gefolgt, der durch die Welt hallt – und finde doch nur dein Schweigen?« Da saß er vor mir, Saadi, der Mann, mit dem ich die dunkelsten Stunden meines unwürdigen Lebens verbracht hatte. Der Mann, der mir in tiefster Finsternis das Licht und in größter Trauer die Hoffnung gewesen war. Und er schwieg. Schwieg nach Jahren der Trennung. Schwieg nach all den Geschehnissen zwischen unseren Völkern. Blickte sanften Auges geradewegs durch mich hindurch. Saadi sah wohl meine Tränen, aber er fühlte sie nicht. Längst schon hatten mich zwei Frauen aus seinem bescheidenen Hause an den Schultern gefasst, um mich sanft von ihm wegzuziehen. Nur mühsam konnten sie dies Unternehmen zum Erfolg bringen. Als ich mich schließlich fortführen ließ und, keines Wortes mehr fähig, meine müden Glieder auf ein prächtiges Kissen bettete, setzte sich, züchtig mit dem Tuch bedeckt, Saadis älteste Frau Mehrbânu an meine Seite und seufzte mehr, als sie sprach: »Dies Leid ist schon vor mehreren Wochen über uns gekommen. Saadi, unser Leben, spricht nicht mehr, nicht mit Euch und auch nicht mit uns. Er will seine Gedanken nicht mehr mit uns teilen.«

»Warum, im Namen des Allmächtigen? Wie kann er seine Lippen verschließen, an denen so viele Menschen hängen?«

»Zu viele vielleicht, o Herr. Ich weiß es nicht. Ich bin nur eine alte Frau, deren Kraft nicht mehr reicht, in ihm die Lebensgeister zu erwecken. Mein Geist ist zu klein, als dass sich seiner an ihm messen wollte. Mein Mut zu gering, um noch große Taten zu vollbringen. Allah hat beschlossen, seine Lippen zu versiegeln. Uns steht es nicht zu, diesen Beschluss zu ändern.«

Ihre Stimme erstarb in einem leisen Schauer, der durch ihren kleinen, gekrümmten Körper lief. Ich bin sicher, er war begleitet von heftigen Tränen, doch konnte ich ihr Gesicht, das vom Halbdunkel des Raumes und einem locker umgeworfenen Kopftuch bedeckt war, nicht genau sehen. Ärger durchflutete mich. Ich wollte nicht wahrhaben, dass dieser Entschluss meines greisen Freundes endgültig war. Nun schwieg auch ich. Tausend Gedanken und Erinnerungen durchschossen mein Herz auf der Jagd nach der Erkenntnis, wie dieses Schicksal zu ändern sei. Saadi, mein Freund, spricht nicht mehr. Ich erinnerte mich an eine Begebenheit vor vielen Jahren. Saadi saß stolz auf seinem Pferd. Wir hatten die Stadtmauern von Damaskus hinter uns gelassen, um in die Berge zu reiten und für einige Stunden aus der Umklammerung der Stadt zu entkommen, und die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel, als wir am Wegesrand einen jungen Mann sitzen sahen, der freudestrahlend seine wunden Füße rieb und uns überschwänglich begrüßte: »Allah sei mit Euch, Reisende, an diesem glücklichen Tag. Wer immer Ihr seid, preist Ihn und freut Euch an Seiner Pracht, atmet dies Leben, das Er mir heute neu geschenkt hat!« Er stand auf und begann zu tanzen und zu singen:

»In jedem Augenblick vergeht ein Lebenshauch;

Kaum hast du ihn bemerkt, ist er dahin wie Rauch!

Konntest dreißig Jahre sorglos leben,

Und dich am Ende eines einzgen Tages doch begeben?

Dem Dummen Schande, der den Tag nicht ehrt –

Das Paradies sei ihm auf Erden wie im Jenseits auch verwehrt!«

Ich drehte mich zu meinem alten Freund Saadi um, kniete mich vor ihn hin, als wollte ich ein Gebet an ihn richten, und begann, ihn an diese Begebenheit zu erinnern. »Du entsinnst dich des jungen Mannes, den wir einst auf dem Weg von Damaskus hinauf in die Berge gesehen haben. Er sprach und sang uns das Lob des Allmächtigen und lehrte uns, den Tag zu ehren, den Er uns schenkt. Jeden Tag unter dieser Sonne. Der Weltenschöpfer hatte ihm das Leben neu geschenkt, da dieser junge Heißsporn vom Statthalter in Damaskus zum Tode verurteilt worden war. Ich habe mich oft seiner erinnert, du dich sicher auch. Bruder, geliebter Freund, jetzt, wo wir noch sprechen können, brich dein Schweigen, tu’s um deinen und meinetwillen. Wenn morgen dich der Todesengel ruft oder mich, wird dich das Schicksal zwingen, deine Lippen für den Rest der Zeiten zu verschließen.«

Eine junge Frau trat hinter mich und versuchte mich erneut zur Seite zu ziehen. Ich ließ sie nicht gewähren. Sie sprach mit ungewöhnlich tiefer Stimme, deren Reinheit und Heiterkeit meine Erinnerung an Saadis Stimme lebendig werden ließ: »Fremder, wer immer du seist. Wir verstehen dein Bemühen und achten es. Wir wissen, dass du nicht ungebührend und respektlos sein willst. Und doch – mein Vater ist zu dem Entschluss gekommen, den verbleibenden Teil seines Daseins auf Erden dem Dienst an Allah zu weihen und Stillschweigen zu wahren. Du selbst bist ein reifer Mann und weit gereist, wie ich sehe. Hast der Völker und Länder zahlreiche kennen gelernt. Würde es nicht auch dir zur Ehre gereichen, Saadis Entschluss zu teilen und dich auf den Pfad der Zurückgezogenheit und des Schweigens zu begeben?«

»Ihr seid Saadis Tochter?«

Sie musste mein Erstaunen erkannt haben, denn sie trat einen Schritt zurück, um ihre Würde wiederherzustellen. »Allah hat mir die Güte erwiesen«, sagte sie und beugte nur unmerklich ihr jugendliches Haupt. »Doch wer seid Ihr?«

»Saadi weiß es. Ihr sollt es von ihm erfahren. Denn, bei all meiner Verehrung und bei unserer alten Freundschaft: Kein Wort mehr wird über meine Lippen kommen und mein Fuß wird sich nicht mehr von dieser Stelle rühren, ehe er nicht geredet hat, wie es Brauch und Tugend ist. Denn es ist nicht recht, des Freundes Herz zu verletzen. Doch es ziemt sich wohl, einen unbedachten Eid ungeschehen zu machen.« Ich senkte mein Gesicht nahe hin zu Saadis ruhigen Zügen und blickte ihm in die von Klugheit sprühenden Augen. »Der junge Mann damals, erinnerst du dich, warum er überlebt hat? Der Statthalter hatte ihn begnadigt. Auf dem Weg zum Richtblock hatte er Gott gelästert und den Padeschah. Der Sultan, der zu weit entfernt saß, um zu verstehen, fragte seinen Wazir, was der Verurteilte da rufe. Und der erwiderte: Er lobt Allah und Euch und sagt, dass Gott mit denen ist, die ihren Zorn überwinden und Vergebung mit den Menschen üben. Darauf begnadigte der Sultan den Verurteilten. Ein anderer jedoch, der die wahren Worte des Missetäters verstanden hatte und sie dem Sultan kundtat, fiel bei ihm in Ungnade. Denn dem Sultan war die Lüge, die Gutes stiften wollte, lieber als die Wahrheit, die dem bösen Herzen entsprang.«

Saadi hob nun den Blick, sah mir ebenfalls geradewegs in die Augen und seine Lippen taten sich auf. »Die falsche Tat im richtigen Sinne ist Gott wohlgefälliger als die richtige Tat im falschen Sinne?«

»Du sagst es«, lachte ich und konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Saadi aber beugte ungerührt das Knie, stand erstaunlich leichtfüßig auf, nahm mich am Arm und schob mich sanft mit sich ins Freie.

»Du bist ein wahrer Sufi! Es war schon immer ein Genuss, mit dir die Klinge des Geistes zu kreuzen«, sprach er mit einem Lächeln vor sich hin, während ich noch unfähig war, meine Zerknirschung hinunterzuschlucken. Draußen hatte sich die Dunkelheit gänzlich über die aufblühende Stadt gesenkt. Die Muezzins waren verstummt, die Gebete waren gewiss in den meisten Häusern und Höfen gesprochen. Vom Wind aus allen Richtungen herbeigetrieben, umschwirrten uns Geräusche mannigfacher Art. Doch nichts vermochte den Klang von Saadis Stimme, den ich so lange vermisst hatte, aus meinem Ohr zu verbannen.

»Sieh, mein Freund, es besuchten mich Tag für Tag hundert Gäste, denen ich bereitwillig eine Schale Kaffee anbot, mit denen ich nicht selten meinen Gebetsteppich teilte und die oft genug unter meinem Dach Zuflucht vor der Nacht fanden. Ich gab dies gerne und gebe es immer noch, wo Allah mir eine Gelegenheit dazu schenkt. Vor einigen Monden allerdings lernte ich eine Gruppe junger Männer kennen, die ich – Allah sei gepriesen für diese Gunst – seither nicht mehr gesehen noch beherbergt habe. Ihr Anführer, Rokne ad-Dîn Sahaf, ein eitler Pfau, öffnete mir die Augen. Nachdem ich weit über Mitternacht hinaus mit den jungen Herren, die aus Rey gekommen waren, um meine Meinung über diese und jene Frage des Glaubens zu erfahren, diskutiert hatte, fing ebenjener Rokne ad-Dîn erneut an, seine erste Frage diskutieren zu wollen. Er benahm sich wie ein Scholastiker.« Wobei Saadi dies Wort aussprach, als hätte er »Aussätziger« gesagt. Ich wusste nicht, ob mir dies nahe gehen sollte oder nicht.

»Dazu warst du zu erschöpft?«, fragte ich, um mir sogleich selbst mit der flachen Hand gegen die Stirn zu schlagen. Doch Saadi fasste es nicht als Beleidigung auf, vielleicht auch, weil er nach dem »Scholastiker« auf eine Revanche gewartet hatte. »Nein«, sagte er. »Ein Gläubiger wird niemals zu erschöpft sein, um die Dinge des Herrn zu bedenken.« Der alte Mann setzte sich auf eine steinerne Mauer, die den Wegrand säumte, und strich mit sanfter und sehr ruhiger Hand über die Rosen, die zum Teil bereits aus ihren Knospen geschlüpft, zum Teil aber auch noch fest verschlossen waren. »Es ist alles Eitelkeit. Das dachte ich. Ich fühlte es. Mich ekelte vor diesen selbstherrlichen Söhnen. Ich suchte in ihren Worten, in ihren Gesichtern, in ihren Fragen nach ihren Vätern. Nach ihren Müttern. Nichts. Da war nichts, verstehst du? Sie fragten nach Gott, aber sie hätten ebenso gut nach dem Geheimnis des Hirsebaus fragen und es diskutieren können. Es war...



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