E-Book, Deutsch, 135 Seiten
Montasser Ein zauberhafter Buchladen - oder: Ein ganz besonderes Jahr
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-264-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 135 Seiten
ISBN: 978-3-98952-264-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thomas Montasser, Jahrgang 1966, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Kunst und Kultur des Orients und vor allem Persiens. Er ist Autor zahlreicher Romane, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Mit seiner Familie lebt er in München, wo er als Literaturagent tätig ist und namhafte Autoren betreut. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor »Ein zauberhafter Buchladen« und »Die verbotenen Gärten von Shiraz«.
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ZWEI
Die Farbe war schon etwas abgeblättert, die Türverglasung hatte in einer Ecke einen Sprung. Valerie schüttelte den Kopf. Als sie das altertümliche Schloss endlich aufbekommen hatte – es war schon etwas verrostet und die Tür klemmte obendrein –, schlug ihr die abgestandene Luft von Wochen entgegen. Sie ließ die Tür offenstehen und ging als Erstes ganz nach hinten ins Büro, um auch dort ein Fenster zu öffnen. Zum Glück war es ein warmer Frühlingstag.
Valerie ließ ihre Tasche zu Boden gleiten und versuchte, nicht gleich zu verzweifeln. Wo um alles in der Welt sollte sie anfangen? Dieser Laden war wie ein Kleid, das die alte Frau um ihr Leben geschneidert hatte. Ihr mochte es gepasst haben. Für Valeries junges Leben war es unbequem, unförmig und ganz und gar unpraktisch. Zögernd nahm sie auf dem verschlissenen Sessel Platz, den Tante Charlotte des besseren Lichtes wegen in der Nähe des Fensters aufgestellt hatte. »Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?«, seufzte sie.
Auf einem Beistelltischchen lag ein Stapel Visitenkarten mit dem Schriftzug des Geschäfts in fein geschwungenen Buchstaben. Valerie nahm eine davon zur Hand. Ein eigentümlicher Zauber ging von ihr aus. Die Oberfläche fühlte sich an wie mit Samt überzogen, die Lettern waren in tiefdunklem Rot hineingestanzt. Valerie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Ringelnatz & Co.«, sagte sie leise, halb amüsiert, halb peinlich berührt. Offenbar hatte Tante Charlotte der von ihr so bewunderten Pariser Buchhandlung Shakespeare & Co. nacheifern wollen. Warum sie ihren Laden dann nicht wenigstens gleich Goethe & Co. genannt hatte, war Valerie ein Rätsel. Aber vielleicht musste sie das auch nicht verstehen. Vielleicht hatte es ganz einfach damit zu tun, dass Tante Charlotte aus einer anderen Zeit stammte.
Nun also dieser Buchladen. Wie lange war sie schon nicht mehr hier gewesen? Jahre. Einige. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie die Tante nicht mehr oft gesehen, Papa und sie hatten sich nie wirklich verstanden. Als Ökonomieprofessor kam er in Gesprächen immer schnell auf wirtschaftliche Themen. Bei Tante Charlotte hatte ihn das regelmäßig auf die Palme gebracht. »Du bist einfach keine Geschäftsfrau, Charlotte, sieh es doch endlich ein!«, hatte er im Laufe buchstäblich jedes Gesprächs mit ihr ausgerufen und sich kopfschüttelnd abgewandt. Die beiden hatten kein gemeinsames Thema gefunden.
Und nun sollte ausgerechnet Valerie den alten Buchladen liquidieren, in dem sie in ihrer Kindheit so oft und gerne gewesen war und den sie später in seiner Überholtheit so befremdlich gefunden hatte. Der Zufall hatte es gewollt, dass sie die nächste Verwandte der alten Dame war und mit ihrem frisch errungenen Bachelor in Betriebswirtschaft auch über das nötige Know-how verfügte. Nur dass sie eigentlich andere Ziele gehabt hatte für die Zeit nach dem Abschluss. Sie wollte vier Semester anhängen und den Master machen, nebenbei Teilzeit Berufserfahrung sammeln und ihre Karriere als Consultant für Skandinavien und die aufstrebenden Volkswirtschaften des Baltikums vorbereiten. Während sie hier in Tante Charlottes altem Buchladen saß, waren da draußen zwei Dutzend Bewerbungen an Top-Firmen unterwegs: Unternehmensberatungen, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Marketingagenturen und Think Tanks. Das war es, wo sie hinwollte: ins Herz der Geschehnisse, dorthin, wo das Business pulsierte, wo die Geistesblitze knisterten und die Zukunft erfunden wurde. Stattdessen war sie hier zwischen Altpapier gestrandet und konnte sich einigermaßen vorstellen, was sie in den Geschäftsbüchern ihrer Tante erwartete. Das hieß: Sie konnte es sich nicht vorstellen – aber das wurde ihr erst bewusst, als sie schon mittendrin war in dieser Geschichte. Oder sogar noch später.
***
Die ganze Sache war noch viel komplizierter dadurch, dass Tante Charlotte zwar verschwunden, nicht aber als tot registriert war. Man hatte sie schlicht nirgends gefunden. So wenig es einen Hinweis darauf gab, dass sie freiwillig irgendwohin gegangen wäre, gab es einen darauf, dass sie gar unfreiwillig irgendwo angekommen wäre – und sei es im Jenseits. Aber natürlich machte sich niemand Illusionen, am wenigsten Valerie. Sie hatte Tante Charlotte immer gerne gemocht und es bedrückte sie, dass die alte Dame – sie wäre inzwischen immerhin schon fast achtzig Jahre – auf so mysteriöse Weise aus dem Leben geschieden war. Niemand hatte sie mehr gesehen. Sie hatte sich ganz einfach aus ihrem so schrulligen wie aufgeräumten Dasein verabschiedet. Und die Notiz, die man auf ihrem Küchentisch gefunden hatte, hatte nicht einmal als offizielles Testament getaugt, weil eine Unterschrift fehlte und es genau genommen nicht um den Besitz der Hinterlassenschaften ging, sondern nur um den Verbleib: »Meine Nichte Valerie soll sich um alles kümmern.« Nichts weiter.
Der Laden hatte sich vermutlich seit der Zeit seiner Gründung, und das war immerhin Ende der 1950er Jahre gewesen, nicht verändert. Sicher, es standen andere Lektüren in den Regalen, und der Samowar, das wusste Valerie zufällig genau, war erst in den neunziger Jahren dazugekommen, nach einer Reise ihrer Tante ins vom Kommunismus befreite Russland, das Land von Dostojewski, Tolstoi und Puschkin, Charlottes Sehnsuchtsort – bis zu jener Reise, die einiges an Ernüchterung mit sich gebracht hatte (Mama hatte damals zu ihr gesagt: »Da siehst du, dass die Wirklichkeit gegen die Literatur nicht bestehen kann.«). Ansonsten aber: alte, deckenhohe Holzregale, die längst eine neue Politur vertragen hätten, ein abgetretener Parkettboden, drei Lampen mit altertümlichen grünen Schirmen auf wackeligen Beistelltischchen, ein schwerer, geraffter, an den Rändern goldbestickter Samtvorhang, der das Schaufenster vom Rest des Raumes trennte und der vermutlich einst ein Bühnenvorhang gewesen war, womöglich aus der Zeit vor dem Krieg.
Die Nachkriegszeit, in der Tante Charlotte ihre Buchhandlung eröffnet hatte, war sicher keine schlechte Zeit, um mit Gedrucktem Geld zu verdienen, schließlich waren die Menschen geistig ausgehungert und sehnten sich nach guten Geschichten und klugen Gedanken. Im Prinzip die richtige Geschäftsidee, dachte Valerie, für damals. Nur dass die alte Dame nicht mit der Zeit gegangen war, sondern in all den Jahren seither nichts Wesentliches verändert hatte. Natürlich war sie überrollt worden von der Professionalität moderner Businesskonzepte und dem Glamour der neuen Medien. Wer, bitte schön, las heute noch im Ernst ein Buch?
Über der Eingangstür hing eine Uhr, und Valerie war ehrlich erstaunt, dass sie nicht stehengeblieben war, so wie hier ja seit vielen Jahren die Zeit Stillstand. Viertel vor elf. Und kein Kunde in Sicht. »Ringelnatz und Co.«, wiederholte Valerie, seufzte und ging hinüber zu dem kleinen Hinterzimmer, das über zwei Stufen erreichbar und ebenfalls nur durch einen gerafften Vorhang – möglicherweise dem Rest des großen Bühnenvorhangs, der das Schaufenster einrahmte – vom Verkaufsraum abgetrennt war. Die Kasse schien einem Film aus den dreißiger Jahren entwendet, groß und schwarz stand sie auf dem Schreibtisch, immerhin geradezu verheißungsvoll poliert. Aber natürlich war sie leer. Oder jedenfalls: fast leer. Ein Zehner lag im Schubfach, daneben einige unsortierte Münzen, die sich auf kaum mehr als denselben Betrag summieren würden. Rechter Hand stand ein Kasten auf dem Tisch, der Valerie an den Katalog im alten Teil der Universitätsbibliothek erinnerte, links lag eine abgegriffene Kladde, die sich beim ersten Aufblättern als Kassenbuch erwies. »Aha«, murmelte Valerie. »Immerhin hast du Buch geführt.« Ein Fünkchen Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht ganz so schlimm werden würde, glomm in ihr auf, gerade stark genug, um nach zwei Minuten als verlorene Illusion zu verrauchen. »Okay, das kann es ja nicht wirklich sein«, stellte Valerie fest und beschloss, sich mit einem Kaffee zu stärken, revidierte ihren Entschluss Richtung Tee, als sie herausfand, dass es in Tante Charlottes Reich offenbar keinen Platz für Kaffee gegeben hatte, setzte mit einiger Unbeholfenheit den Samowar in Gang und wartete.
Ein Samowar besteht aus einem größeren Wasserkocher, auf dem eine kleine Kanne sitzt, die mit Teeblättern gefüllt und dann mit dem kochenden Wasser des unteren Korpus aufgegossen wird. Danach wandert die Kanne wieder an ihren Platz, bis der solcherart angesetzte Tee kräftig genug gezogen hat, um in mehr oder weniger homöopathischen Dosen in eine Tasse gegossen und mit weiterem kochendem Wasser ins richtige Mischungsverhältnis gesetzt zu werden. Das alles dauert in etwa genauso lange, wie es den Anschein hat, weshalb Valerie mehr Zeit mit Warten zubrachte, als sie vorgehabt hatte. Also nahm sie eher wahllos ein Buch aus dem Regal und setzte sich wieder auf Tante Charlottes alten Lesesessel, um ein wenig darin zu blättern.
»Das erste Kapitel« begann mit einer Ankunft, wie so viele Bücher und wie auch Valeries Geschichte, zumindest soweit sie sich auf den kleinen Buchladen ihrer alten Tante bezog. Allerdings war es weit später am Tag, um genau zu sein: Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor ...
Ein guter Samowar besitzt einen Mechanismus, durch den sich der Wasserkocher von selbst ausschaltet, wenn er allzu lange läuft – wobei man wissen muss, dass Samoware durchaus dazu gedacht sind, lange vor sich hin zu köcheln. Charlottes Exemplar hätte einen solchen Mechanismus ebenfalls...




