E-Book, Deutsch, Band 3, 244 Seiten
Reihe: Anne Shirley Romane
Montgomery Anne in Four Winds
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7320-0897-1
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 244 Seiten
Reihe: Anne Shirley Romane
ISBN: 978-3-7320-0897-1
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lucy Maud Montgomery wurde 1874 in New London, Kanada geboren. Schon früh entdeckte sie ihre Liebe zur Literatur. Nachdem sie zahlreiche Bücher verschlungen hatte, begann sie selbst zu schreiben. Sie veröffentlichte 23 Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Die Heldinnen ihrer Bücher sind starke, unabhängige Mädchen, die ihre Wünsche und Träume durchsetzen - so wie sie. Besonders bekannt und beliebt sind ihre Reihen um Anne auf Green Gables und Emily auf der Moon Farm. Die Autorin verstarb 1942 in Toronto.
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Das Traumhaus
Noch nie zuvor hatte es auf Green Gables eine solche Aufregung gegeben. Selbst Marilla konnte ihre Nervosität kaum verbergen – und das wollte schon etwas heißen.
„Das ist die allererste Hochzeit in diesem Haus“, sagte sie fast entschuldigend zu Mrs. Rachel Lynde. „Als Kind habe ich einmal einen alten Pfarrer sagen hören, ein Haus sei erst dann ein richtiges Zuhause, wenn in ihm ein Neugeborenes, ein Hochzeitspaar und ein Sterbender gesegnet worden seien. Todesfälle haben wir schon gehabt – mein Vater, meine Mutter und Matthew sind hier gestorben; sogar eine Geburt hat es gegeben. Vor langer Zeit, gleich nach unserem Einzug, wohnte vorübergehend ein Ehepaar bei uns, und die Frau gebar in diesem Haus ein Kind. Aber eine Hochzeit, die haben wir bisher noch nie gehabt. Es will mir gar nicht in den Kopf, daß Anne bald heiratet. Irgendwie kommt sie mir immer noch vor wie das kleine Mädchen, das Matthew vor vierzehn Jahren zu uns brachte. Ich kann kaum glauben, daß sie schon erwachsen ist. Nie werde ich vergessen, wie mir zumute war, als Matthew ein Mädchen brachte. Was wohl aus dem Jungen geworden ist, den wir eigentlich hätten bekommen sollen, wenn da nicht dieses Mißverständnis gewesen wäre?“
„Zum Glück hat es das Mißverständnis gegeben“, sagte Mrs. Rachel Lynde. „Obwohl ich zugegebenermaßen nicht immer so gedacht habe. Aber schließlich hat sich einiges geändert im Lauf der Zeit.“
Mrs. Rachel seufzte, geriet aber sogleich wieder in Fahrt. „Ich werde Anne zwei von meinen Baumwolldecken schenken“, sagte sie. „Eine mit braunen Streifen und eine mit Apfelbaumblättern. Apfelbaumblätter kämen wieder in Mode, sagte sie. Aber Mode hin, Mode her, ich finde, es gibt nichts Schöneres für ein Gästebett als eine Apfelbaumblätterdecke. Ich muß sie bloß noch bleichen, aber es ist ja noch ein Monat bis dahin.“
Nur noch ein Monat! Marilla seufzte und sagte dann nicht ohne Stolz: „Anne bekommt von mir die geflochtenen Vorleger, die ich auf dem Dachboden aufbewahrt habe. Sie hat mich darum gebeten, obwohl sie furchtbar altmodisch sind, aber sie sagt, sie will nur die und keine anderen. Sie sind aber auch wirklich gelungen. Ich habe sie aus hübschen Stoffresten selbst geflochten. Außerdem bekommt sie noch selbsteingemachtes Pflaumenkompott für ein ganzes Jahr. Komisch, die Pflaumenbäume haben seit drei Jahren nicht mehr geblüht, und ich dachte schon daran, sie fällen zu lassen. Und dieses Frühjahr waren sie auf einmal schneeweiß und brachten so viele Pflaumen hervor, wie ich es auf Green Gables noch nicht erlebt habe.“
„Hauptsache, Anne und Gilbert kriegen sich nun doch endlich. Darum habe ich immer gebetet“, sagte Mrs. Rachel; sie war offenbar festen Glaubens, daß ihre Gebete ausschlaggebend gewesen waren. „Ich war schon sehr erleichtert, daß sie diesen Kingsport-Kerl nicht genommen hat. Er war zwar reich, zugegeben, und Gilbert ist arm – zumindest jetzt am Anfang, aber immerhin ist Gilbert von der Insel.“
„Er ist eben Gilbert Blythe“, sagte Marilla zufrieden. Was Marilla aber auf keinen Fall zugegeben hätte, war, daß sie bei Gilberts Anblick jedesmal das Gefühl hatte, als hätte er ihr Sohn sein können. Irgendwie erschien es ihr, als würde durch die Heirat von Gilbert und Anne das Mißverständnis von damals aus dem Weg geräumt. So würde sich doch alles zum Guten wenden.
Anne selbst war so überglücklich, daß dieses Gefühl ihr fast angst machte. Es gab allerdings zwei Personen, die ihr dieses Glück mißgönnten und die es verstanden, ihr die Illusion zu rauben, sie hätte mit Gilbert das große Los gezogen und er sei immer noch genauso vernarrt in sie wie früher. Trotzdem waren diese beiden würdigen Damen Anne nicht feindlich gesinnt; im Gegenteil, sie mochten sie sogar recht gern und hätten sie in Schutz genommen wie eine eigene Tochter, wenn irgend jemand ihr Böses gewollt hätte. Aber die Natur des Menschen ist oft voller Widerspruch.
Mrs. Inglis – geborene Jane Andrews – erschien mit ihrer Mutter und Mrs. Jasper Bell. Jane war immer noch genauso freundlich wie früher und hatte sympathische Fältchen bekommen. Trotz der Tatsache, daß sie einen Millionär geheiratet hatte, war ihre Ehe glücklich (so jedenfalls hätte es Mrs. Rachel Lynde ausgedrückt). Der Reichtum hatte ihren Charakter nicht verdorben. Sie war noch die sanfte, liebenswerte, rotwangige Jane aus der alten Viererbande. Sie teilte das Glück ihrer alten Freundin und zeigte so reges Interesse an Annes Aussteuer, als ob diese es mit ihren eigenen Kostbarkeiten aufnehmen könne. Jane zeichnete sich nicht gerade durch übermäßige Intelligenz aus; wahrscheinlich hatte sie noch nie irgend etwas Geistreiches gesagt. Aber sie sagte nie etwas, was die Gefühle anderer verletzen würde – eine Eigenschaft, die nicht unbedingt positiv sein muß, dafür aber um so seltener und beneidenswerter ist.
„Gilbert hat also Wort gehalten“, sagte Mrs. Harmon Andrews, und es klang überrascht. „Ja, so sind die Blythes, sie halten sich an das, was sie sagen, komme, was da wolle. Warte mal – du bist jetzt fünfundzwanzig, Anne, stimmt das? Zu meiner Zeit war man mit fünfundzwanzig über das Schlimmste hinweg. Aber du siehst ziemlich jung aus. Alle Rotschöpfe sehen jung aus.“
„Rote Haare sind zur Zeit große Mode“, sagte Anne und versuchte zu lächeln, aber ihre Stimme klang reichlich kühl. Mit ihrem Humor hatte sie sich schon über so manche unangenehme Situation hinweggerettet; aber wenn jemand eine Bemerkung über ihr Haar fallenließ, verstand sie keinen Spaß.
„Eben, eben“, sagte Mrs. Harmon resignierend. „Man weiß nie, was für Verrücktheiten die Mode bringt. Also, Anne, deine Sachen sind wirklich hübsch, genau passend zu deiner Position, findest du nicht, Jane? Ich wünsche dir jedenfalls, daß du sehr glücklich wirst. Eine lange Verlobungszeit tut nämlich nicht immer gut. Aber in deinem Fall ging es natürlich nicht anders.“
„Gilbert sieht für einen Arzt reichlich jung aus. Ich fürchte, das könnte die Leute abschrecken“, sagte Mrs. Jasper Bell unheilverkündend. Dann preßte sie die Lippen zusammen, als ob sie etwas gesagt hätte, was sie für ihre Pflicht hielt zu sagen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.
Nach außen hin wurde Annes Vorfreude ab und zu getrübt, aber in ihrem Innern konnte nichts ihrem Glück etwas anhaben. Und die Sticheleien von Mrs. Bell und Mrs. Andrews waren vergessen, als Gilbert später kam und sie gemeinsam zu den Birken am Bach hinabschlenderten. Damals, als Anne nach Green Gables kam, waren es Schößlinge gewesen, aber jetzt standen sie da wie Pfeiler aus Elfenbein in einem dämmrigen, sternfunkelnden Märchenpalast. Im Schatten der Bäume plauderten Anne und Gilbert verliebt über ihr neues Zuhause und ihr gemeinsames Leben.
„Ich habe ein Nest für uns gefunden, Anne.“
„Wirklich, wo? Hoffentlich nicht mitten im Ort. Das würde mir überhaupt nicht gefallen.“
„Nein. Im Ort selbst war kein Haus zu bekommen. Es ist ein kleines, weißes Haus an der Küste, und es liegt zwischen Glen St. Mary und Four Winds. Es ist ein bißchen abgelegen, aber das macht nichts, wenn wir ein Telefon haben. Die Lage ist herrlich, man sieht den ganzen Hafen vor sich und kann den Sonnenuntergang beobachten. Die Sanddünen sind auch nicht weit – und man sieht, wie der Wind über sie hinwegfegt und wie die Gischt den Sand durchtränkt …“
„Aber das Haus selbst, Gilbert – unser erstes Zuhause, wie sieht es aus?“
„Es ist nicht sehr groß, aber für uns wird es reichen. Unten befindet sich ein wunderschönes Wohnzimmer mit einem Kamin, außerdem ein Eßzimmer mit Bück auf den Hafen und ein kleines Zimmer, das als Büro gut genug ist. Das Haus ist ungefähr sechzig Jahre alt, aber es ist in gutem Zustand, vor fünfzehn Jahren ist es renoviert worden – das Dach neu gedeckt, der Putz erneuert und neue Böden gelegt. Es gibt über das Haus irgendeine romantische Legende, aber die weiß angeblich nur Captain Jim.“
„Wer ist Captain Jim?“
„Der Besitzer des Leuchtturms von Four Winds. Das Licht wird dir gefallen, Anne. Vom Wohnzimmerfenster und von der Haustür aus können wir es beobachten.“
„Wem gehört das Haus?“
„Jetzt gehört es der presbyterianischen Kirche von Glen St. Mary, und ich habe es von den Treuhändern gemietet. Aber bis vor kurzem hat es einer alten Dame gehört, sie hieß Miss Elizabeth Russell. Im letzten Frühjahr ist sie gestorben, und da sie keine näheren Verwandten hatte, vermachte sie ihr Vermögen der Kirche von Glen St. Mary. Ihre Möbel stehen noch darin, und die meisten davon habe ich gekauft, für einen Apfel und ein Ei sozusagen, weil sie so altmodisch sind, daß die Treuhänder es aufgegeben haben, einen Interessenten dafür zu finden. Die Leute von Glen St. Mary bevorzugen anscheinend Plüschbrokat und verzierte Spiegelschränke. Aber Miss Russells Möbel sind schön, und ich bin sicher, daß sie dir gefallen werden, Anne.“
„So weit, so gut“, stimmte Anne vorsichtig zu. „Aber, Gilbert, Möbel sind nicht alles. Etwas ganz Wichtiges hast du vergessen. Gibt es Bäume rings um das Haus?“
„Haufenweise! Es gibt einen Tannenhain hinter dem Haus, Pappeln am Weg entlang und weiße Birken, die rings um einen wunderschönen Garten stehen. Unsere Haustür führt direkt in den Garten hinein. Aber es gibt außerdem noch ein kleines Tor zwischen zwei Tannenbäumen, deren Zweige obendrüber wie ein Bogen zusammenwachsen.“
„Da bin ich aber froh! Ich könnte nirgendwo leben, wo es keine Bäume gibt. Wenn ich jetzt auch noch nach einem Bach in der Nähe frage, ist das...




