Montgomery | Anne & Rilla - Der Weg ins Glück | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 6, 218 Seiten

Reihe: Anne Shirley Romane

Montgomery Anne & Rilla - Der Weg ins Glück


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7320-0903-9
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 6, 218 Seiten

Reihe: Anne Shirley Romane

ISBN: 978-3-7320-0903-9
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Rilla hat alle Hände voll zu tun. Seitdem die Männer von Ingleside an der Front in Europa kämpfen, müssen die Frauen auch Männerarbeiten übernehmen. Rilla hilft im Laden von Mr Flagg. Daneben arbeitet sie für das rote Kreuz und kümmert sich liebvoll um die Erziehung ihres Pflegekindes Jim. Rilla liebt diese Aufgaben. Wenn da nur nicht die große Sorge um die Brüder und um Kenneth, ihre große Liebe wäre ... Der Jugendbuch-Klassiker auch endlich als eBook! Die Fortsetzung 'Anne & Rilla' erzählt die Geschichte der Tochter des Waisenkindes Anne auf Green Gables und wie sie die große Liebe findet - nostalgische Unterhaltung für Jung und Alt. Annes zeitlose Geschichten sind jetzt auch in der Netflix-Serie Anne with an E zu sehen.

Lucy Maud Montgomery wurde 1874 in New London, Kanada geboren. Schon früh entdeckte sie ihre Liebe zur Literatur. Nachdem sie zahlreiche Bücher verschlungen hatte, begann sie selbst zu schreiben. Sie veröffentlichte 23 Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Die Heldinnen ihrer Bücher sind starke, unabhängige Mädchen, die ihre Wünsche und Träume durchsetzen - so wie sie. Besonders bekannt und beliebt sind ihre Reihen um Anne auf Green Gables und Emily auf der Moon Farm. Die Autorin verstarb 1942 in Toronto.
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Wochen der Ungewißheit


Rilla las ihren ersten Liebesbrief im Regenbogental, in ihrem geheimen Schlupfwinkel unter den Tannen. Nichts ist für ein junges Mädchen so aufregend wie der erste Liebesbrief, auch wenn er für ältere Leute noch so kitschig klingen mag. Nachdem Kenneths Regiment Kingsport verlassen hatte, folgten zwei Wochen zermürbender Ungewißheit und Sorge, und wenn die Gläubigen Sonntag abends in der Kirche sangen „Herr, erhöre unser Fleh’n, hilf den Notleidenden auf See“, dann versagte Rillas Stimme, weil sich ihr bei diesen Worten das schreckliche Bild von einem versinkenden Schiff aufdrängte, das erbarmungslos unter den Schreien und dem Todeskampf der Männer von den Wellen verschlungen wurde.

Dann kam die Nachricht, daß Kenneths Regiment unversehrt in England angekommen sei. Und jetzt, endlich, hielt Rilla seinen Brief in der Hand. Der Anfang des Briefes machte Rilla überaus glücklich, und der letzte Abschnitt klang so wunderbar und zauberhaft, daß sie vor Freude ganz rot wurde. Der Mittelteil betraf die letzten Neuigkeiten und war so sachlich und unbeschwert geschrieben, daß er genausogut jeder anderen Person hätte gelten können. Doch der Anfang und das Ende des Briefes waren für Rilla Grund genug, ihn unter ihr Kopfkissen zu legen und wochenlang darauf zu schlafen. Und wenn sie nachts aufwachte, dann glitten ihre Finger unter das Kissen und tasteten danach. Die anderen Mädchen konnten ihr richtig leid tun. Die Briefe, die sie von ihren Verehrern bekamen, waren bestimmt nicht halb so wunderbar und aufregend. Kenneth war nicht umsonst der Sohn eines berühmten Schriftstellers. In seinem eigenen Stil vermochte er die Dinge in wenigen scharfen und treffenden Worten auszudrücken, in Worten, die weit über ihre Bedeutung hinauszugehen schienen. Was er schrieb, konnte man immer und immer wieder lesen, es wirkte nie abgedroschen, langweilig oder dumm. Als Rilla sich auf den Heimweg machte, hatte sie das Gefühl zu fliegen.

Aber solche erhebenden Augenblicke waren in diesem Herbst die Ausnahme. Das heißt, es gab einen Tag im September, als nämlich die großartige Nachricht kam, daß die Alliierten im Westen einen entscheidenden Sieg errungen hatten. Susan lief gleich hinaus, um die Fahne zu hissen, das erstemal seit dem Durchbruch der russischen Front und das letztemal für viele trostlose Monate.

„Das ist bestimmt der Anfang des Großangriffs, liebe Frau Doktor!“ rief Susan ganz aufgeregt. „Bald werden die Hunnen am Ende sein. Und das bedeutet, daß unsere Jungen bis Weihnachten wieder zu Hause sind, hurra!“

Im selben Augenblick, als sie hurra schrie, schämte sich Susan und entschuldigte sich kleinlaut für ihren kindischen Gefühlsausbruch. „Ach wissen Sie, liebe Frau Doktor, diese gute Nachricht ist mir ganz einfach zu Kopf gestiegen nach diesem schrecklichen Sommer mit der Niederlage der Russen und dem Rückschlag von Gallipoli.“

„Gute Nachricht!“ empörte sich Miss Oliver. „Ob wohl die Frauen, deren Männer dafür sterben mußten, das auch eine gute Nachricht nennen? Bloß, weil unsere eigenen Männer nicht an dieser Stelle der Front stehen, freuen wir uns und tun so, als ob der Sieg kein Menschenleben gekostet hätte.“

„Liebe Miss Oliver, so dürfen Sie das aber nicht sehen“, sagte Susan tadelnd. „Erstens haben wir in letzter Zeit doch wirklich kaum Anlaß zur Freude gehabt, und zweitens können wir nichts mehr daran ändern, daß Männer dabei umgekommen sind. Sie dürfen den Kopf nicht so hängenlassen. Cousine Sophia ist genauso. Als sie von der Nachricht hörte, da sagte sie: ‚Das ist doch bloß wieder so ein Wolkenloch. Diese Woche schöpfen wir Mut, und nächste Woche lassen wir ihn wieder sinken.‘ – ‚Hör mal, liebe Sophia Crawford‘, habe ich da gesagt – von ihr lasse ich mir nämlich nichts gefallen, liebe Frau Doktor –, selbst der liebe Gott kann nicht zwei Hügel erschaffen ohne eine Mulde dazwischen, sagt man, also warum sollten wir nicht das Gute sehen, wenn wir schon mal oben sind?‘ Aber Cousine Sophia schimpfte weiter. ‚Die Gallipoli-Expedition war ein Reinfall, der Großherzog Nicholas ist abgesetzt, und jeder weiß, daß der Zar von Rußland auf der Seite der Deutschen steht und die Alliierten keine Munition haben und Bulgarien nichts von uns wissen will. Und das Ende ist noch nicht in Sicht, denn England und Frankreich müssen für ihre Todsünden bestraft werden, bis sie in Sack und Asche büßen.‘ – ‚Ich denke‘, sagte ich, ‚daß die in Uniform und im Schlamm der Schützengräben Buße tun werden und daß die Hunnen auch ein paar Sünden zu bereuen haben.‘ – ‚Die sind doch für den Allmächtigen bloß Instrumente, mit denen er die Kornkammer reinigt‘, sagte Sophia. Das hat mich wütend gemacht, liebe Frau Doktor, und ich habe zu ihr gesagt, ich glaube nie im Leben, daß der Allmächtige solche schmutzigen Instrumente in die Hand nimmt, egal für welchen Zweck, und ich fände es nicht anständig von ihr, mit den Worten der Heiligen Schrift genauso schludrig umzugehen wie mit ihrer Umgangssprache. Sie wäre doch schließlich kein Pfarrer oder so was, habe ich zu ihr gesagt. Der habe ich es vorläufig gezeigt. Bei Cousine Sophia ist wirklich Hopfen und Malz verloren. Ihre Nichte, Mrs. Dean Crawford aus Overharbour, ist da ganz anders. Sie wissen ja, daß die Dean Crawfords schon fünf Buben haben, und das Baby, das jetzt gekommen ist, ist glatt wieder ein Junge. Die ganze Verwandtschaft und Dean Crawford sowieso waren zutiefst enttäuscht, weil sie sich alle ein Mädchen in den Kopf gesetzt hatten. Aber Mrs. Dean lachte nur und sagte: ‚Egal, wo ich diesen Sommer hingegangen bin, ständig bin ich auf einen Aushang gestoßen mit den Worten Männer gesucht. Glaubt ihr wirklich, ich könnte unter solchen Umständen ein Mädchen auf die Welt bringen?‘ Das nenne ich aber Humor, liebe Frau Doktor. Aber Cousine Sophia würde dazu sagen, das Kind wäre bloß wieder neues Kanonenfutter.“

Cousine Sophia konnte in diesem trüben Herbst ihrem Pessimismus so richtig freien Lauf lassen, und selbst Susan als unverbesserlicher Optimistin fiel es schwer, die Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen. Als Bulgarien sich mit Deutschland zusammenschloß, bemerkte Susan bloß verächtlich: „Noch ein Land, das unbedingt Prügel einstecken will.“ Aber daß die Griechen sich auf einen Kampf einließen, das war mehr, als sie mit ihrer Philosophie verkraften konnte.

„Konstantin von Griechenland hat eine deutsche Frau, liebe Frau Doktor, und diese Tatsache macht jede Hoffnung zunichte. Wer hätte je gedacht, daß ich mir mal Gedanken darum mache, was für eine Frau Konstantin von Griechenland hat! Der arme Kerl steht doch unter ihrer Fuchtel, und das ist schlecht für einen Mann. Ich bin eine alte Jungfer, und eine alte Jungfer muß unabhängig sein, wenn sie nicht will, daß man sie fertigmacht. Wenn ich aber geheiratet hätte, liebe Frau Doktor, dann wäre aus mir eine demütige und bescheidene Frau geworden. In meinen Augen ist diese Sophia von Griechenland ein Drachen.“

Susan war wütend, als die Nachricht kam, daß Venizelos eine Niederlage hatte einstecken müssen.

„Ich könnte diesen Konstantin versohlen und ihm anschließend das Fell über die Ohren ziehen, jawohl!“ wetterte sie.

„Susan, ich muß mich doch sehr über dich wundern“, sagte Gilbert und schnitt eine Grimasse. „Was sind denn das für Sitten? Ihm das Fell über die Ohren zu ziehen ist ja in Ordnung, aber doch nicht versohlen!“

„Wenn er früher öfter mal eine Tracht Prügel bekommen hätte, dann wäre er jetzt vernünftiger“, verteidigte sich Susan. „Aber Prinzen werden wahrscheinlich nie versohlt, zu dumm aber auch. Wie ich hier lese, haben die Alliierten ihm ein Ultimatum gestellt. Na, da gehört aber mehr dazu als ein Ultimatum, wenn die einer Schlange wie Konstantin beikommen wollen. Vielleicht kommt er ja durch die Blockade der Alliierten zur Vernunft. Aber das wird wohl eine Weile dauern bis dahin, und was soll inzwischen aus dem armen Serbien werden?“

Sie sahen nur allzu deutlich, was aus Serbien wurde, und in dieser Zeit war Susan unausstehlich. Sie ließ ihre Wut an allem und jedem aus, mit Ausnahme von Kitchener, und schimpfte wie ein Rohrspatz über den armen Präsidenten Wilson.

„Wenn der seine Pflicht getan und bei dem Krieg schon viel früher mitgemacht hätte, dann hätten wir jetzt nicht diesen Schlamassel in Serbien“, erklärte sie.

„Das wäre eine viel zu ernste Sache, ein so großes Land wie die Vereinigten Staaten mit einer so gemischten Bevölkerung in den Krieg zu treiben, Susan“, sagte Gilbert, der hin und wieder den Präsidenten in Schutz nahm, aber nicht etwa, weil er fand, Wilson hätte das verdient, sondern weil er Susan ganz einfach gern neckte.

„Kann sein, lieber Doktor, kann sein! Aber das erinnert mich an diese alte Geschichte von dem Mädchen, das seiner Großmutter erzählt, daß es heiraten will. ‚Aber verheiratet zu sein ist eine ernste Sache‘, sagte die alte Dame. – ‚Ja, aber es ist noch ernster, nicht verheiratet zu sein‘, sagte das Mädchen. Das kann ich bezeugen, aus eigener Erfahrung, lieber Doktor. Und deswegen denke ich, es ist für die Yankees schlimmer, daß sie sich aus dem Krieg herausgehalten haben, als wenn sie mitgemacht hätten. Wie auch immer, ich weiß zwar nicht viel über sie, aber ich glaube, daß die schon noch was in Bewegung setzen, Woodrow Wilson hin und Woodrow Wilson her. Die werden schon noch merken, daß dieser Krieg nichts mit Fernunterricht zu tun hat. Dann“, rief Susan und fuchtelte dabei energisch mit der Pfanne in der einen und der Schöpfkelle in der anderen Hand herum, ‚dann werden die nicht mehr zu stolz sein zum...



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