E-Book, Deutsch, Band 2, 300 Seiten
Reihe: ATLAN X Tamaran
Montillon ATLAN X Tamaran 2: Sternenfall der Goldenen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8453-4964-0
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2, 300 Seiten
Reihe: ATLAN X Tamaran
ISBN: 978-3-8453-4964-0
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
In der Mitte des sechsten Jahrhunderts vor Beginn der christlichen Zeitrechnung ist es wieder einmal soweit: Der Arkonide muss eingreifen, um das sagenhafte Helle Volk aus der Sklaverei zu befreien und es zu einem durch eine Prophezeiung geweissagten mythischen Inselreich zu führen. Aber der Auszug aus Ägypten ist erst der Anfang. Als Weißer Krieger muss Atlan, Seite an Seite mit Nitetis, die als 'Goldene' das Volk regieren soll, seine Schutzbefohlenen zum Meer geleiten. Doch ein geheimnisvoller Mörder macht ihm das Leben schwer ... Folgende Romane sind Teil der Tamaran-Trilogie: 1. 'Die Prophezeiung von Saïs' von Hans Kneifel 2. 'Sternenfall der Goldenen' von Christian Montillon 3. 'Das Urteil des Drachenbaumes' von Marc A. Herren und Dennis Mathiak
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Wer zündet die Sterne an?
Und das helle Volk wird den Weg zu den versprochenen Sieben Königreichen finden, wenn die Sonne im Westen aufgeht. Dorthin müssen der Weiße Krieger und die Goldene es führen, denn nur an diesem Ort ist es geschützt vor den Feinden, die es seiner Bestimmung entziehen wollen.
So lauten die Worte, die mich in die Wüste führten. Zumindest ungefähr. Ich weiß, dass es angebracht wäre, größere Sorgfalt im Umgang mit alten Überlieferungen walten zu lassen, vor allem, wenn es sich um Prophezeiungen handelt. Ich müsste jedes Wort auf die Waagschale legen, über alle scheinbar noch so unbedeutenden Details sinnieren, nach verborgenen Zwischentönen und alternativen Interpretationsmöglichkeiten suchen.
Ich müsste.
Aber mir ist die Lust daran vergangen, denn es kommt mir so vor, als sei das alles nur Unfug. Wie soll die Sonne im Westen aufgehen? Und das ist nur eine von vielen Fragen, die ich mir stelle, wenn ich auf das Heer von Menschen blicke, für das ich die Verantwortung übernommen habe. Noch viel wichtiger ist der nagende Zweifel, wer mir überhaupt die Befugnis verleiht, mich um sie zu kümmern? Brauchen sie mich? Oder maße ich mir etwas an? Mische ich mich in Dinge ein, die mich nichts angehen?
Als ob es das erste Mal wäre …, lästert der Logiksektor.
Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Ich kann nicht widersprechen. Und doch – wenn ich Nitetis ansehe, glaube ich, dass es Vorherbestimmung ist, die mich an ihre Seite und zu dem Hellen Volk geführt hat.
Aber all diese Überlegungen und alles theoretische Reflektieren verlieren den Sinn, wenn ich in diese weit aufgerissenen Augen schaue, in die Wüstensand geweht wurde. Wir haben die Leiche gefunden, kaum dass der Tag angebrochen ist. Unter den Nägeln schimmert die Haut blau. Zwischen den eingefallenen Lippen blitzen weiße Zähne im Licht der gleißenden Sonne, die heiß auf der Haut brennt. Ein seltsam grünlicher Speichelfaden ist über dem Kinn angetrocknet. Die Haltung des Toten erinnert an die eines Ungeborenen im Mutterleib. Von den Unterschenkel abwärts verschwinden die Beine im Wüstensand, sind vollständig davon bedeckt.
»Chemira«, sagt Orsat. »Es ist Chemira.« Seine Stimme klingt erstickt.
Ich habe den dunkelhaarigen Mann am Abend zuvor noch gesehen, wie er sich einer Frau aus dem Hellen Volk näherte und mit ihr sprach. Die kleine Szene ist mir in Erinnerung geblieben, weil …
Weil die Frau eine echte Schönheit war, kommt der unvermeidliche Kommentar des Extrasinns, und du dich fragtest, was ein hässlicher Kerl wie Chemira mit ihr zu schaffen haben könnte.
Ich sehe keinen Sinn darin, mich zu rechtfertigen. Schließlich stellte ich mir damit eine berechtigte Frage, ob der Logiksektor das versteht oder nicht. Diskutieren werde ich ein anderes Mal. Nicht im Angesicht dieser mit Sand überzogenen Augen.
Orsat bückt sich und zieht an der Leiche, ehe ich es verhindern kann. Wahrscheinlich will er nur die Unterschenkel vom Sand befreien; dass er dabei mögliche Spuren beseitigt, scheint ihn nicht zu kümmern. Er denkt nicht wie ich – kein Wunder, denn er ist nicht in der Spurensuche geschult. Er stammt aus einer anderen Zeit, einer anderen Existenz. Ja, er gehört nicht einmal zum selben Volk wie ich, genau wie alle anderen rund um mich – Menschen vom Planeten Erde oder in meiner Sprache Larsaf III. Ich bin ein Arkonide, gestrandet schon vor langer Zeit auf ihrer Welt, wenn sie davon auch nichts ahnen. Niemand von ihnen könnte auf die Idee kommen, dass es Leben außerhalb ihrer Welt gibt. Sie sind naiv und unwissend, haben keine Ahnung von dem Kosmos, der sie umgibt.
Fast beneide ich sie. Es wäre schön, eine Existenz wie sie zu führen. Einfach und ohne dass sie …
Neben mir schreit jemand entsetzt auf.
Mir dreht sich der Magen um.
Die Unterschenkel stecken keineswegs so tief im Sand, wie ich zunächst glaubte. Stattdessen enden sie eine Handspanne unterhalb der Knie in blutigen Stümpfen. Rote Sandklumpen bröckeln jetzt herab. Einer kullert über den Boden und zerbricht. Ein Käfer wuselt hervor, dessen Chitinpanzer schwarz glänzt. Das Tier vergräbt sich.
Orsat lässt den Toten fallen und wankt mit vor Schreck geweiteten Augen einen Schritt zurück. Seine Hand fährt zum Mund; er würgt. Der Tote kippt zur Seite. Etwas Grünes schwappt aus seinem Mund.
Jemand stößt mich an – eine Frau aus dem Hellen Volk. Genauer gesagt, die Frau, die ich am Abend zuvor schon sah. Ihre Unterlippe bebt. »Er stand gestern plötzlich vor mir.« Die Stimme klingt kehlig und rau. Tränen sammeln sich im Augenwinkel. Das Blau der Iriden gleicht einem tiefen Bergsee. »Ich habe nie vorher mit ihm gesprochen, aber er kannte meinen Namen. Aniagua, sagte er, Aniagua, entschuldige, ich weiß, du …«
»Aniagua, entschuldige, ich weiß, du kennst mich nicht.« Chemira fühlte sich, als müsse er sterben. Und das lag gewiss nicht an der Hitze, die wie in einem letzten Aufbäumen für diesen Tag noch zuzunehmen schien. Die Eiseskälte der Nacht stand bevor. »Ich muss dir sagen etwas … etwas Wichtiges.« Das durfte doch nicht wahr sein! Dümmer hätte er es wirklich nicht anfangen können. Was sollte sie von ihm denken, wenn er nicht einmal einen Satz korrekt aussprechen konnte? Ich muss dir sagen etwas. Er schämte sich, doch es ließ sich nicht mehr ändern. Wahrscheinlich hatte sich nie zuvor ein Mann so töricht verhalten, der sich einer Frau nähern wollte.
Ganz in der Nähe schnatterten Mastgänse in ihren Käfigen. Der ganze Tross hatte sich vor wenigen Minuten niedergelassen. Ein langer Tag lag hinter ihnen; ein Gewaltmarsch durch glühende Hitze und ein scheinbar endloses Wüstengebiet. So weit das Auge reichte, gab es – vom Lager selbst abgesehen – nichts außer dem ewigen, gleichförmigen Sand. Überall rundum baute man Zelte auf, lud die Traglasten der Esel ab, zündete Feuer an. Ein hohes, schrilles Schnattern brach abrupt ab: Der letzte Schrei einer Gans, die bald über offenen Flammen braten würde. Bei dem Gedanken grummelte es in seinem Magen.
Am Horizont küsste der gleißend orangerote Sonnenball die Erde. Die Luft davor waberte. Leichter Wind trieb Sandkörner vor sich her. Chemira kaute nervös auf seiner Unterlippe; etwas knirschte zwischen den Zähnen. Seine Knie zitterten ein wenig. Hoffentlich bemerkte Aniagua es nicht. Sie drehte sich um.
Eine Göttin.
Von ihren Augen träumte er schon, seit er ein Kind gewesen war. Wieso nur hatte er sich ausgerechnet in diesem Augenblick an sie gewandt? Warum nur hatte er nicht seinen Mund gehalten wie all die Winter und Sommer zuvor? Weshalb hatte er die Herrlichste der Canarii angesprochen? Schließlich war er das glatte Gegenteil von ihr. In dieser Hinsicht gab er sich keinen Illusionen hin: Seine Zähne waren nicht eben, seine Haut unrein, die Arme und Beine dünn wie die Zweige verkrüppelter Büsche. So war es eben. Aber damit konnte er leben.
Aber nun würde Aniagua ihn auslachen, und das schmerzte mehr, als der Außenseiter unter dem Hellen Volk zu sein. Das zeigte sich schon an seinen braunen Haaren. Von Kindestagen an hatten ihn alle verspottet: Und so etwas will ein Canarii sein? Der gehört eher dem Dunklen Volk an, wie der aussieht.
Aniagua kaute und schluckte, wischte sich über die Lippen und konnte doch nicht verhindern, dass ein klebriger Krümel zwischen Oberlippe und Nase hängen blieb. Er glänzte wie süßer Goldhonig; aller Wahrscheinlichkeit nach war es auch welcher, denn sie hatte in der Goldhonig-Gewinnung an den Steilen Hügeln gearbeitet. Als treue Diener hatten sie von Aferafers Leute einen kleinen Teil des Abbaus für den Eigengebrauch erhalten. Sicher hatte sie einiges davon mit auf die Reise ins Unbekannte genommen.
Auch das gehörte seit kurzem der Vergangenheit an, seit dieser Exodus begonnen hatte, der das gesamte Volk zu den Sieben Inseln führen sollte, zum fernen Königreich, von dem Chemira nicht einmal glaubte, dass es existierte. Aber wer hörte schon auf ihn? Jedenfalls würde in der Wüste bald niemand mehr Goldhonig essen können. Und von Sand war noch nie jemand satt geworden.
Sicher, sie hatten es nicht leicht gehabt im Talkessel, eingepfercht in Höhlen als Sklaven, die nur wegen ihrer hellen Locken von Interesse waren. Aber es war ein Leben gewesen, ohne Ungewissheit, mit Nahrung und Unterkunft – wenn auch rechtlos.
Er wandte sich ab. So konnte sie wenigstens nicht sehen, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. »Entschuldige.« Er ging einige Schritte, bis sie sagte: »Warte.« Er blieb stehen, atmete tief durch und drehte sich zu ihr um.
Der Honigbrösel hing immer noch unter ihrer Nase. Es tat gut, sich darauf zu konzentrieren. Sie war nur eine Frau mit einem Krümel im Gesicht, nicht mehr; ein mürber Brösel, der sicherlich von getrocknetem Gebäck stammte. »Was musst du mir mitteilen?«, fragte sie.
»Ich … also ich muss … wieso glaubst du, ich wolle dir … oder ich …«
Sie lächelte; die Sonne ging an diesem Tag zum zweiten Mal auf. »Weil du es gesagt hast.«
Er nickte. Natürlich. Nun war auch klar, warum er sich wie ein Trottel verhielt – weil er einer war. »Weißt du, wer ich bin?«
»Ich habe dich schon gesehen, aber nein, tut mir leid. Ich glaube nicht, dass wir jemals miteinander gesprochen haben.«
Sicher nicht, dachte er. »Das weiß...




