Morawietz | Der Eliminierer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 154 Seiten

Reihe: Edition Totengräber

Morawietz Der Eliminierer

Duo des Todes
interaktiv mit Filmsequenzen
ISBN: 978-3-95996-193-6
Verlag: Periplaneta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Duo des Todes

E-Book, Deutsch, 154 Seiten

Reihe: Edition Totengräber

ISBN: 978-3-95996-193-6
Verlag: Periplaneta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Profikiller-Paar mordet sich durch die Welt, erledigt Milizenfu?hrer, Snuff-Movie-Produzenten und Serienkiller, bis sie zuletzt ihrer schwersten Pru?fung gegenu?berstehen: der Liebe. Ein interaktiver Thriller mit Filmsequenzen - spannender, krasser Humor. Immer hart am Limit. In jeder Hinsicht. Eine mit Schießpulver geschriebene ballistische Ballade, ein halbautomatisches 9-Millimeter-Drama, eine schallgedämpfte Sinfonie aus spritzenden Gehirnen und Todesröcheln.

Thorsten Morawietz ist Theaterdirektor und -regisseur, Dramatiker, Schauspieler, Schriftsteller und Forschungsreisender. Nach seiner Schauspielausbildung in Wiesbaden gründete er DIE DRAMATISCHE BÜHNE, ein professionelles Theater in Frankfurt am Main. Dort inszeniert er eigene Stücke und Bearbeitungen klassischer Stoffe, im Stile des Theaters von William Shakespeare, voller bitterer Narren und melancholischer Pösselei. Darüber hinaus führt er Forschungsexpeditionen in der Welt durch, um nach Spuren einer alten Zivilisation zu suchen. www.thorstenmorawietz.de
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Kapitel 2


Beginnen wir sieben Jahre bevor er die Frau, die sein Untergang werden sollte, treffen würde. Vorspiel ist das Schönste.

Die Nacht war so heiß wie der Lauf einer Kalaschnikow nach 30 Schuss im Dauerfeuer. Er ging durch die Straßen, die erleuchteten Riesentürme glänzten in den schmutzigen Pfützen. Er war auf dem Weg zu einem Job.

Die Stadt schlief und wälzte sich in bösen Träumen. Morgen in der Frühe würde sie erwachen und Anzugträger mit gebügelter Hosenfalte und Sozialversicherungsnummer ausspucken, die in ratternden U-Bahnen zu ihrem klimatisierten Arbeitsplatz fahren würden, Krawatten-Sklaven, Bürger-Häftlinge. Doch jetzt gehörte die Stadt den Schatten, dem Abgrund, der Finsternis.

Jetzt gehörte die Stadt ihm.

Er hörte die Geräusche der Nacht, das Geschrei irgendeiner Prügelei vor einem schäbigen Nachtclub, das Gekeife irgendeiner verlassenen Schlampe in einer verwahrlosten Hochhaussiedlung, das Heulen von Sirenen in der Ferne, die monoton riefen: „Zu spät, zu spät.“

Er bog um die Ecke und der Karneval der Hölle lag vor ihm, die Walpurgisnacht der Junkies, die Nacht der reitenden Fixer. Die Nutten standen am Straßenrand, mit so viel Sex-Appeal wie zerteilte Schweinehälften im Kühlraum, Hunger auf Heroin in ihren leeren Augen.

Unter einer grellen Laterne standen die Junkies, eine düstere Totenmesse der abgemagerten Zombies, wandelnde Leichen, Menschenmüll, Sonderabfall. Faules Fleisch, nur von den engen Hosen zusammengehalten, dürre Hälse, Beine so dünn, dass man fürchtete, sie würden zerbrechen. Augen wie die eines überfahrenen Kojoten auf einem Highway. Köpfe mit Haut aus weißem Papier.

Eine Cracknutte ohne Zähne, die aussah, als habe sie gerade ihre vierte Chemotherapie hinter sich, stand am Hauseingang und schwankte auf ihren lächerlich hohen Absätzen. Ein gegelter Schlipsträger näherte sich ihr, sie diskutierten über den Preis. Sie hatte höchstens zehn Dollar verlangt, doch selbst das war ihm zu viel. Wahrscheinlich würde am Ende sie ihn bezahlen. Dann gingen sie davon. Sie wankte voraus, er selbstzufrieden hinterher. Was würde in dem schmutzigen Zimmer nun passieren, welchen seiner abartigen Träume würde er sich auf dieser Todkranken heute Nacht erfüllen, welchen Nachtmahr seiner dreckigen Phantasie würde er entfesseln?

Ein Junkie tanzte mitten auf der Straße zu der Musik des Teufels, die er allein hören konnte. Er zuckte wie von Stromstößen, hatte die Augen verdreht und hielt die Arme gen Himmel, als wolle er Gott bitten, ihn endlich zu erlösen von seinen Qualen, ein Opfertanz des Irrsinns, ein Ballett der Nadel. Die Autos umkurvten ihn, die Vorbeieilenden sahen nicht einmal auf, eine verlorene Seele mehr, ein weiteres Stück Müll im Inferno. Es war um zwei Uhr morgens noch 27 Grad heiß, doch der Junkie trug eine alte Lederjacke und eine Wollmütze. Er war zu lange in der Hölle gewesen, er fror immer.

In einem Hauseingang lag eine dürre Gestalt, wahrscheinlich high, vielleicht auch tot, möglicherweise beides. Irgendwelche Flüssigkeiten liefen aus ihr heraus, die Glieder hingen wie zerschmettert an dem dürren Körper. Die eleganten Damen mit ihren geschlitzten Röcken stiegen über seine Beine, sorgsam darauf bedacht, ihn nicht zu berühren.

Vor einer schicken Bar standen rauchend die Banker. Sie lachten, als gäbe es kein Elend, sie genossen es, ihre lebensvolle Schönheit unter die Verworfenen zu tragen, sie plauderten von dreitägigen Städtetrips, von niedrigen Steuersätzen, von steigenden Umsätzen im zweiten Quartal. Eine perverse Insel der Glückseligkeit inmitten all des Schmutzes, polierte Schuhe, teure Uhren, gesunde Zähne, unbeschwertes Lachen. Der Champagner schmeckte besser, wenn man ihn im Angesicht des Elends trank, man fühlte sich lebendig inmitten der lebenden Toten, des wandelnden Menschenmülls, der gehenden Kadaver.

Junkie-Frauen hatten immer enge Hosen an, immer. Er wusste den Grund. Die Vollgedröhnten schafften es oft nicht, ihnen die engen Hosen runterzuziehen, wenn sie sie vergewaltigen wollten. Sie nestelten eine Minute lang herum, dann gaben sie es auf. Die Männer hatten so enge Hosen an, damit ihnen die Knochen nicht auseinanderfielen, die Haut sich nicht vom Leibe schälte. Ein Junkie war nie nackt, er würde zerbröseln, nur die vollgepinkelte Jeans hielt ihn zusammen.

Alte Nutten standen rauchend vor einer Bar, die Würde von zehntausend schnellen Nummern tief in ihre zerfurchten Gesichter gegraben. Sie waren die Königinnen der Nacht, Meisterinnen des Abgrunds. Wer 20 Jahre im Milieu überlebte, hatte einen Schoß aus Stahl, eine vernarbte Seele aus Leder. Sie trugen ihre High Heels wie eine Krone der Sünde, die jungen Nutten blickten sie bewundernd an. Wie schafften sie es, noch am Leben zu sein nach all den kranken Perversen? Sie waren Kriegsveteranen des Puffs, Göttinnen der Matratze, Heldinnen des Kondoms. Ihren Traum von der eigenen Boutique hatten sie vor Jahrzehnten begraben, hier in den Straßen waren sie geboren worden, hier würden sie krepieren, sie hatten längst vergessen, dass es noch eine andere Welt gab mit Brückentagen, Sparverträgen und Elternabenden.

Einige japanische Touristen betrachteten die Kreaturen staunend wie einen abartigen Zoo der Perversion. Wenn sie Glück hatten, würden sie später ihren Kollegen in der Heimat von dem Irrsinn auf den Straßen hier berichten, von den wilden Tieren, die einander zerfleischten. Wenn sie Pech hatten, fielen sie selbst noch heute Nacht in den dunklen Seitenstraßen einigen der Bestien in die Hände. Davon würden sie in der Heimat nichts erzählen, niemals, aber in ihren Träumen würde er sie bis an ihr Lebensende verfolgen, dieser Trip mit den Reiseführern der Hölle.

Er ging durch diese Allee der Verlorenen, alle wichen ihm aus. Die Nutten sahen ihm kurz in die Augen und begriffen schnell, dass er kein Kunde war, dass er zu anderen Abgründen unterwegs war, dass er aus Tiefen heraufgestiegen war, die selbst sie nicht kannten. Die Nutten und er waren seelenverwandt, sie beide hatten ihre Seelen verkauft, sie begriffen ihn, verstanden seine Qual. Die Junkies bildeten eine Gasse, wenn sie ihn sahen. Ihre Leichen würden so viele Chemikalien enthalten, dass die Ratten, die ihre Körper hinter den Müllcontainern fressen würden, daran krepieren müssten. Keiner würde ihren Tod bedauern, ihre Eltern würden aufatmen, wenn sie es überhaupt mitbekämen. Die Besoffenen würden auf ihre Leichen pinkeln, aber sie würden nicht verwesen, zu viel Chemie in ihnen, sie würden einfach dort liegen bleiben und mit dem Asphalt verwachsen, verknöchern, sich in das Pflaster ätzen. Einige waren schon tot und hatten es nicht mitbekommen, sie verfaulten im Stehen, warteten darauf, dass ein Arm abfiel, die Beine zusammenklappten oder die Gedärme herausbrachen, was manchmal wirklich geschah. Manche waren sich gar nicht so sicher, ob sie noch am Leben waren, und stachen sich die Nadel ins Fleisch, zweifelnd, ob es sich überhaupt lohnte, einer Leiche Heroin zu spritzen.

Der Eingang zum Club lag hell erleuchtet in einer dunklen Gasse. Protzige Sportwagen fuhren vor, bonbonfarbige Karossen von Yachtbesitzern in Lederslippern, deren rosafarbene Hemden sich über den Bäuchen spannten. Die Gäste wurden abgetastet und mit Metalldetektoren kontrolliert.

Er stand im Dunkeln und beobachtete das Treiben. Die Türsteher waren kein Problem. Wichtigtuer mit gezupften Augenbrauen und manikürten Fingernägeln. Sie wären schneller erledigt, als eine Nutte den Reißverschluss eines Kunden aufgezogen hätte, doch er musste diskret hineinkommen, so leise wie ein Nachtfalter, so unauffällig wie ein Steuerberater im Puff. Er wartete. Er hatte schon oft gewartet auf Hausdächern, das Gewehr mit Zielfernrohr im Anschlag, auf unbequemen Autositzen mit Pappbechern voll kaltem Kaffee, in schäbigen Hotelzimmern auf das Klingeln des Telefons.

Er sah ihn aus der Ferne und wusste: Das war sein Kandidat. Seinen geschmacklosen Anzug trug er stolz wie einen Ausweis seiner kompletten Verblödung. Seine glänzende Rolex, wie ein Leuchtfeuer strahlend in den schmutzigen Gassen, wies ihn eindeutig als Vollidioten aus. Er war so stolz auf seine Dummheit, wie nur Neureiche es sein konnten. Er bettelte darum, zur Strecke gebracht zu werden, seine ganze jämmerliche Existenz war ihm so peinlich, dass er alles dafür tat, endlich davon erlöst zu werden. Der wollte niedergeschlagen werden, ausgeraubt, massakriert, ausgelöscht. Er sah an seinem selbstzufriedenen Grinsen, dass dieser Schwachkopf eine Einladung hatte, diese gold-laminierte, geprägte Karte aus geschöpftem Büttenpapier, welche zu fälschen er in der Kürze der Zeit nicht mehr hinbekommen hatte.

Der Trottel blieb direkt neben einem der großen schwarzen Müllcontainer stehen, um zu pinkeln, beinahe so, als wolle er ihm einen Gefallen tun. Er musste unwillkürlich lächeln. Ein Mastschwein, das sich das Bolzenschussgerät selbst ansetzte. Er schlug so schwach zu, wie er konnte, doch selbst so konnte er fühlen, wie der Kiefer unter seinem Ellbogen zerbrach. Der Typ sackte mit einem zufriedenen Seufzer zusammen. Tief im Inneren hatte er immer gewusst, dass es seine Bestimmung war, in einer schmutzigen Gasse niedergeschlagen zu werden. Er fand die Eintrittskarte in der Innentasche seines Jacketts zwischen einer Packung Kondome und einer vollgefüllten Bargeldklammer. Der Körper war überraschend schwer, als er ihn in den Müllcontainer gleiten ließ. Wenn der Typ Glück hatte, würde er vor Sonnenaufgang mit schmerzendem Schädel erwachen und sich in sein erbärmliches Leben zurücktasten, riechend wie eine aufgequollene Leiche, die drei Wochen im Becken eines...



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