E-Book, Deutsch, 404 Seiten
Reihe: LYX.digital
Moreland Voice of My Heart
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7363-1614-0
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 404 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-7363-1614-0
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seine Stimme berührt ihr Herz ...
Charlotte Prescott arbeitet in der Firma ihres Vaters. Sie schafft es kaum, die langen Stunden in einem Job zu überstehen, den sie hasst, für einen Vater, der niemals zufrieden sein wird. Immer schwerer wiegt die Last auf ihren Schultern, doch eine Sache trägt sie durch ihre Tage bis zu der U-Bahn-Station auf dem Nachhauseweg. Die Stimme des Mannes, der stets mit seiner Gitarre dort steht, lässt sie durchatmen und so etwas wie Glück empfinden. Eines Abends, als Charlotte wieder seinen Songs lauscht und ihren tristen Alltag hinter sich lässt, passiert das Unvorhergesehene: Sie schläft ein und als sie wieder aufwacht, sitzt der Fremde neben ihr. Eine einzigartige Liebesgeschichte nimmt ihren Anfang ...
'Logan und Lotties Story war genau das, was ich brauchte: herzerwärmend, emotional und wohltuend.' Carrie Elks, Bestseller-Autorin
Der neue Roman von Bestseller-Autorin Melanie Moreland
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2
Lottie
Die Zeit zog sich. Ich sah auf die Uhr, deren Zeiger langsam die Sekunden heruntertickte, bis ich endlich würde gehen können. Jeder lachte über die altmodische, batteriebetriebene Uhr auf meinem Schreibtisch. Aber ich mochte den beruhigenden Klang der sich sanft bewegenden Zeiger, die die Minuten vergehen ließen. Und das leise Läuten zu jeder Stunde half mir durch den Tag.
Endlich war es sechs Uhr. Ich klappte meinen Laptop zu und verstaute ihn in meiner Kuriertasche. Ich versicherte mich, dass ich meinen Ausweis dabeihatte, und machte mich auf den Weg zum Aufzug. Kurz bevor sich die Türen schlossen, trat mein Vater herein.
»Hast du deine Meinung geändert? Fährst du mit mir?«
»Ähm, nein. Ich bin auf dem Weg nach Hause.«
Ein Ausdruck von Missfallen überzog sein Gesicht. »Deine Mutter …«
Ich unterbrach den Beginn seiner Gardinenpredigt. »Ich komme zum Abendessen, aber vorher muss ich noch nach Hause.«
Er zog die Augenbrauen zusammen. »Du wohnst im Osten. Wir wohnen im Westen. Was ist so wichtig, dass du dafür quer durch die Stadt willst?«
Mein Herz begann wie wild zu schlagen. Auf meinem Nacken bildete sich Angstschweiß. »Ich will mich umziehen, und, ähm, Brianna ruft mich noch an.«
»Blödsinn.«
»Sie will dringend mit mir sprechen, Dad. Ich habe es versprochen.«
»Na schön. Ich werde den Chauffeur holen, damit er dich fährt.«
»Nein!« Fast schrie ich es ihm entgegen.
Er trat einen Schritt auf mich zu. »Charlotte, was ist mit dir los?«
»Nichts. Es ist nur … ich muss ein paar Kleinigkeiten erledigen. Das Abendessen beginnt nie vor halb neun. Ich habe mehr als genug Zeit.«
Er sah mich scharf an. »Und du bestehst darauf, die U-Bahn zu nehmen?«
»Ich mag die U-Bahn. Ich höre Musik, und ich kann mir eine Auszeit nehmen.«
»Ich begreife dich nicht. Du bist durcheinander. Das gefällt mir nicht.«
»Mir geht es gut.« Die Lifttüren öffneten sich, und ich eilte vor ihm hinaus. »Wir sehen uns später!«
Er kam mir nicht hinterher. Mir war klar, dass er das nicht tun würde. Charles Prescott würde niemals in der Öffentlichkeit eine Szene machen. Dennoch blieb ich erst stehen, nachdem ich um die Ecke war. Ich lehnte mich an die Wand und versuchte, wieder runterzukommen.
Natürlich hatte er recht. Es war bescheuert, durch die ganze Stadt zu meiner Eigentumswohnung zu fahren, um mich danach auf den Weg zu ihnen zu machen.
Aber wenn ich es nicht tat, würde ich ihn verpassen.
Das durfte nicht geschehen.
Er war das Einzige, wofür ich in letzter Zeit lebte.
Auch wenn er nichts davon wusste.
Ich stieg aus der Bahn, meine Augen suchten die Gegend ab. Ich war total aufgewühlt heute Abend. Die Beklemmung in mir wuchs täglich, und ich stand unter Spannung, bis ich ihn sah. Erst dann entspannte sich mein Körper, mein Herz schlug langsamer, und es ging mir besser.
Es passierte jedes Mal.
Zuerst hörte ich ihn. Die Klänge seiner Gitarre drangen an meine Ohren, seine Musik nistete sich in meinem Kopf ein und hüllte mich in Frieden. Ich folgte dem Klang und fand ihn wie gewöhnlich in der Nähe der Bänke. Sein Kopf war gesenkt, strubbeliges braunes Haar fiel ihm ins Gesicht, während er auf seine Hände hinuntersah. Über seiner Stirn mischten sich weißblonde mit dunklen Strähnen, und ich fragte mich oft, ob sie wohl von der Sonne ausgebleicht waren, weil er so viel draußen war. Es verlieh ihm einen künstlerischen Anstrich, der ihm gut zu Gesicht stand. Er lehnte lässig an der Wand, groß und kräftig gebaut, mit einer muskulösen Brust unter seiner abgewetzten Lederjacke und dem engen T-Shirt. Mit seinen langen, kräftigen Fingern entlockte er einer Gitarre Klänge, die so alt schien, dass ich sicher war, es handelte sich um ein antikes Stück. Ein ramponierter Gitarrenkoffer lag vor ihm auf dem Boden, die Münzen, die Pendler hineingeworfen hatten, blinkten im Licht. Es befanden sich nur ein paar Scheine unter dem Münzgeld, und ich fragte mich wie immer, wenn ich ihn sah, ob er genug zusammenhatte, um heute Abend etwas zu essen. Und ob er einen Platz zum Schlafen hatte.
Meine Finger umklammerten die Scheine in meiner Tasche. Irgendwie würde ich ihn heute Abend lang genug ablenken, um das Geld in seinen Gitarrenkoffer fallen zu lassen. Jedes Mal, wenn ich es versuchte, sah er mich missbilligend an. Er ließ mich wortlos, allein durch den Blick seiner goldbraunen Augen wissen, dass er mein Geld nicht wollte. Einmal hatte er es angenommen – danach nie wieder. Als ich mich das letzte Mal näher heranwagte, in der Absicht, etwas Geld in den Gitarrenkoffer werfen, stieß er mit seinem Fuß den Deckel zu und warf mir mit energischem Kopfschütteln einen aufgebrachten Blick zu. Erst nachdem ich zurückgewichen war und mich auf die hinterste Bank gesetzt hatte, klappte er den Kasten wieder auf, damit andere Passanten Geld hineinwerfen konnten.
Warum er mir nicht gestattete, es ihnen gleichzutun – ich hatte keine Ahnung.
Als ich dastand und ihm zuhörte, hob er den Kopf. Quer über den belebten Bahnsteig trafen sich unsere Blicke. Der Anflug eines Lächelns umspielte seine Mundwinkel. Heute Abend war an seinem Kinn der Schimmer von Bartstoppeln zu erkennen, die seinen kantigen Kiefer betonten. Mal war er glatt rasiert, dann wieder ließ er den Bart wachsen. Ich wusste nie, was mich erwartete.
Er grinste, und sein allgegenwärtiges Grübchen wurde tiefer. Der Druck auf meiner Brust ließ nach, als ich näher ging und mich mit einem Seufzer der Erleichterung auf eine der Bänke sinken ließ.
Ich sprach kein einziges Wort mit ihm. Von seiner Seite kamen keinerlei Annäherungsversuche. Aber jeden Abend war ich da und hoffte, dass er irgendwo auf dem Bahnhof spielen würde. Und er war da, jeden Abend. Seine Musik tröstete und beruhigte mich. Schon seine Anwesenheit genügte mir.
Auch an diesem Abend war das nicht anders. Ich war bereit, den Tag vergehen zu lassen.
Zum ersten Mal hörte ich ihn, als ich gestresst und aufgebracht über den Bahnsteig eilte. Das Projekt, an dem ich arbeitete, lief nicht besonders gut. Es lag hinter dem Zeitplan, die Investoren wurden ungehalten und drohten damit, ihre Unterstützung zu entziehen. Mein Vater war in Rage geraten, und es spielte keine Rolle, dass ich seine Tochter war. Seine Schimpftirade, die lang und heftig ausfiel, galt auch mir. Nachdem er uns endlich entlassen hatte, machte ich mich auf den Heimweg, fühlte mich erschöpft und war völlig verzweifelt.
Ich hasste meinen Job mit Leidenschaft. Hasste jeden Aspekt davon. Und ich machte ihn nur aus Pflicht und Schuldigkeit. Ich war zwar gut genug, fand aber keinerlei Befriedigung im Arbeitsalltag. Andere um mich herum lebten dafür, und ich wünschte mir, ich hätte etwas von ihrem Ansporn.
Meine Beine waren zu zittrig, um mich länger aufrecht zu halten, und ich stolperte zu einer Bank, um mich zu setzen und Kraft für den kurzen Heimweg zu sammeln. Ich schloss die Augen und ließ den Kopf nach vorn sinken. Ein paar Minuten später hörte ich es. Die Akkorde einer Gitarre und den Gesang einer leisen Tenorstimme. Während ich lauschte, fühlte ich, wie eine Woge der Ruhe über mich kam und meine Kraft zurückkehrte. Ich hob meinen Kopf und begegnete einem Blick, der mich bis ins Innerste erschütterte.
Augen von der Farbe dunkelsten, stärksten Whiskys sahen mich an. Sein Haar war lang und zerzaust, was ihm jedoch gut stand. Bekleidet mit zerrissenen Jeans und einer abgetragenen Lederjacke, stand er da, groß und selbstbewusst, und sah mir in die Augen. Ohne sein Spiel und den Gesang zu unterbrechen, beobachtete er mich stirnrunzelnd. Er neigte den Kopf, als wollte er wortlos fragen, ob mit mir alles in Ordnung wäre. Ich ertappte mich dabei, in seine Richtung zu nicken. Und da passierte es.
Er lächelte.
Sein Grübchen kam deutlich zum Vorschein, seine Lippen kräuselten sich, und es fühlte sich für mich an, als würde in der U-Bahn plötzlich die Sonne aufgehen. Ich spürte die Warmherzigkeit seiner Seele in seinem Lächeln. Dann, genauso schnell, wie es erschienen war, verschwand es wieder und ließ mich frierend zurück. Doch blieben seine Augen, während er einen Song nach dem anderen spielte, weiter auf mich gerichtet.
Ich harrte aus, solange es irgend ging, und hörte zu. Als mir klar wurde, dass ich es nicht länger aufschieben konnte, stand ich auf. Ich fand es grässlich, gehen zu müssen. Ihn zu verlassen. Ich wühlte in meiner Tasche, denn ich wusste, dass ich ein paar Zwanziger darin hatte. Er beobachtete mich, wie ich auf ihn zuging und vor ihm stehen blieb. Zum ersten Mal, seit ich die Augen geöffnet hatte, stockte er, hielt inne und unterbrach sein Spiel. Unser Blickkontakt allerdings blieb ungebrochen.
Ich warf das Geld in seinen Koffer. »Danke«, flüsterte ich.
Er nahm sein Spiel wieder auf, und erneut erschien ein Schmunzeln auf seinem Gesicht.
Seine Musik verfolgte mich die Treppenstufen hinauf und hallte den ganzen Abend in meinem Kopf nach.
Seitdem war er jeden Abend auf dem Bahnhof. Seine Ausstrahlung wirkte noch lange, nachdem ich gegangen war, in mir nach.
Die Zeit raste viel zu schnell vorbei. Mir war klar, dass ich noch zu meinen Eltern musste. Dabei wollte ich nur eines – sitzenbleiben und ihm noch ein wenig länger zuhören. Nur ging das leider nicht. Ich stand auf, strich über meinen Rock...




