Moretti | Fräulein Ella und die Liebe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Moretti Fräulein Ella und die Liebe

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-0170-9
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-7517-0170-9
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Berlin, 1894: Als die junge Ella von Burow mit einem Aufklärungsbuch erwischt wird und in der Gegenwart des jungen und sehr sympathischen Arztes Max seltsam reagiert, diagnostiziert der Familienarzt frei nach Freud 'sexuelle Triebhaftigkeit'. Es beginnt ein turbulenter Reigen um Ellas 'Heilung' und eine romantische Annäherung zwischen Ella und Max nimmt ihren Lauf ...

Als Hardcover unter dem Titel Effi liest nominiert für den Delia-Literaturpreis.



Anna Moretti lebt in Süddeutschland, wo sie als Journalistin arbeitet. Schon in ihrer Diplomarbeit beschäftigte sie sich intensiv mit dem Leben von Frauen um die Jahrhundertwende. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie gern eine Weile in dieser Zeit leben. Aber nicht als Frau, dafür ist ihr die damalige Kleidung viel zu unbequem. Lieber als Katze, die alles beobachten kann.


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KAPITEL 1


»Die Anstalt besteht seit 1869 und gewährt den Zöglingen ein Familienleben, in welchem sie eine ihren Lebensverhältnissen entsprechende Erziehung empfangen. Gelegenheit zur Ausbildung in Wissenschaften und fremden Sprachen, Musik, Malen, Handarbeiten und Turnen. Sorgfältigste körperliche Pflege, besondere Berücksichtigung guter Umgangsformen.«

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Das Buch lag am Flussufer unter einem Stein. Nur eine braune Ecke seines Ledereinbands ragte hervor. Unauffällig legte ich den Kopf schräg und blinzelte gegen die Sonne. War das wirklich ein Buch? Oder doch nur ein kantiges Stück Holz, das unter den kniehohen Felsbrocken gerutscht war?

Wir standen in einer kleinen, sandigen Bucht an der Elbe, umgeben von Schilf, und lauschten dem endlosen Vortrag unserer Lehrerin, die uns auf diesem Schulausflug die Besonderheiten der Flusslandschaft nahebringen wollte. Ich hatte den klobigen Stein am Rande des Schilfs sehnsüchtig angestarrt, weil ich mich nur allzu gern daraufgesetzt hätte, aber so was tat eine Dame ja leider nicht. Dabei war mir die Spalte zwischen Sandboden und Stein aufgefallen, und dann die braune Kante, die daraus hervorragte.

Aus den Augenwinkeln musterte ich meine Mitschülerinnen. Hatten sie auch etwas gesehen? Doch alle waren voll und ganz damit beschäftigt, sich in der heißen Julisonne mit ihren Fächern Luft zuzuwedeln und ein aufmerksames Gesicht zu machen, während sie vermutlich heimlich an etwas anderes dachten.

Langsam näherte ich mich dem Stein, tastete mit dem Fuß nach dem braunen Gegenstand und schob ihn ein winziges Stück zur Seite. Tatsächlich. Ein Buch. In Leder gebunden, mit Goldbuchstaben auf dem Einband. Irgendjemand hatte es hier versteckt. Aber wer? Warum? Und was stand darin? Das musste ich wissen. Ohne viel nachzudenken, stellte ich mich mit einem schnellen Schritt vor meinen Fund und verdeckte ihn mit meinem langen weißen Rock.

Gerade noch rechtzeitig.

»Was ist los, Ella?«, wisperte Betty mir zu.

Ella, so wurde ich in der Schule genannt, obwohl mein Name Elena Sophie lautete. Die Abkürzungen Elli und Leni waren nämlich schon von Elvira und Helene besetzt.

Leider wurde durch Bettys Flüstern unsere Lehrerin, Fräulein Grimaud, auf mich aufmerksam, deren Geieraugen selten etwas entging. »Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein von Burow?«, fragte sie streng.

»Oh. Also. Doch«, stotterte ich.

»Fräulein von Burow!« Fräulein Grimauds Stimme klang scharf wie gesplittertes Glas. »Sprechen Sie bitte in ganzen Sätzen! Wie oft habe ich Ihnen das schon gesagt!«

»Verzeihung, Fräulein Grimaud!« Ich rückte noch etwas näher an den Stein, um das Buch zu verbergen. »Ich war einen Moment achtlos und bin gestolpert.«

Ausgerechnet jetzt wichen meine Klassenkameradinnen unter dem strengen Blick unserer ältlichen Lehrerin zurück und bildeten eine Gasse, sodass Fräulein Grimaud mich mit ihren eisgrauen Augen von oben bis unten mustern konnte. Zum Glück bemerkte sie nichts von dem Buch. Mahnend hob sie ihren langen, knochigen Zeigefinger.

»Das ist peinlich! Überaus peinlich!« Sie richtete ihren Blick gen Himmel, als erhoffte sie von dort Hilfe für ihre schwere Aufgabe als Erzieherin. »Eine junge Dame von Stand stolpert nicht, sie schwebt.«

Ein Seufzen ging durch die Gruppe der Mädchen.

»Nicht wieder ein Vortrag!«, flüsterte Betty hinter ihrem Fächer. »Es ist so heiß!«

Sie trug ebenso wie ich ein weißes Kleid, das zwar sommerlich aussah, aber aus so viel Stoff bestand, dass er auch für drei Kleider gereicht hätte. Und die Hüte auf unseren aufgebauschten Flechtfrisuren wärmten bei der schräg stehenden Nachmittagssonne mehr, als dass sie uns Schutz boten.

»Zu spät!« Johanna verdrehte fast unmerklich die Augen. »Wenn ihr Finger erst oben ist, lässt sie sich nicht mehr bremsen.«

Und wirklich, Fräulein Grimaud holte tief Luft. Ihr hochgeschlossenes schwarzes Kleid spannte sich über dem mageren Brustkorb. »Niemand, wirklich niemand auf dieser Welt findet einen solchen Fauxpas anrührend oder liebenswert«, verkündete sie und pikte mit dem Zeigefinger Löcher in die Luft.

Ich wollte gerade den Mund öffnen, um zu sagen, dass niemand, wirklich niemand auf dieser Welt mit Absicht stolperte, da erhielt ich von hinten einen sanften Stoß.

»Sei still, Ella«, flüsterte Betty. »Sonst dauert das ewig.«

Also ließ ich den Vortrag meiner Lehrerin ebenso an mir abperlen wie die Schweißtropfen von meiner Stirn und nickte nur hin und wieder gehorsam.

In Gedanken war ich längst wieder bei dem mysteriösen Buch. Ich musste es haben. Ich wollte es lesen. Aber Fräulein Grimaud durfte es auf keinen Fall finden. Sie würde es sofort konfiszieren und niemandem auch nur einen Blick hinein gestatten, selbst wenn es sich bei dem Werk um die Bibel handeln sollte. Neugier war ihrer Meinung nach das letzte Gefühl, dem eine feine Dame nachgeben durfte.

Aber das Buch unter dem Stein war bestimmt keine Bibel, und ich brannte gerade höchst unfein vor Neugier, ich loderte geradezu.

Doch wie sollte ich unbemerkt danach greifen? Das war unmöglich. Fräulein Grimauds Vortrag zog sich in die Länge wie klebrige Spinnfäden, und immer noch sah sie mich unverwandt an. Und selbst wenn ich es irgendwie schaffen würde, das Buch unauffällig unter dem Stein hervorzuziehen, konnte ich es nicht in meine Rocktasche schieben. Es war zu groß. Wohin also damit?

Plötzlich stieß die zarte Hedwig einen Schreckenslaut aus. Sie wedelte mit der Hand und verzog das Gesicht. »Eine Biene!«, jammerte sie. »Sie hat mich gestochen. So ein Biest!«

Instinktiv hob Fräulein Grimaud den Zeigefinger, um erneut eine Strafpredigt zu halten, vermutlich über die Peinlichkeit von Bienenstichen bei einer Dame von Stand. Doch Hedwig wurde auf einmal ganz weiß im Gesicht. Sie schwankte sogar ein bisschen.

»Reißen Sie sich zusammen, meine Liebe«, befahl Fräulein Grimaud und ließ den Finger sinken. Sie musterte Hedwig und wirkte nun doch ein wenig nervös. »Atmen Sie tief ein! Das ist kein Grund für eine Ohnmacht.« Sie wandte sich an die ganze Klasse und machte hektische Handbewegungen, als wollte sie uns scheuchen wie eine Schar Hühner. »Rasch! Wir gehen jetzt alle in den Schatten und suchen dort nach Spitzwegerichblättern. Wenn man ihren Saft auf einen Bienenstich träufelt, lindert das Schwellung und Schmerz.« Mit hochgereckter Geiernase und zackigem Schritt steuerte Fräulein Grimaud auf den Pfad zu, der durch das hohe Schilf auf eine Baumgruppe zuführte. »Merken Sie sich das, meine Damen«, verkündete sie beim Gehen. »Die Natur verfügt über alles, was wir benötigen. Man muss sich nur auskennen. Gewisse Kenntnisse der Naturkunde zieren jede Dame.«

Meine Klassenkameradinnen sortierten sich automatisch in Zweierreihen und folgten ihr. Florence ergriff Hedwigs Arm und stützte sie.

Ich blieb stehen, bückte mich und nestelte an meiner Schnürstiefelette. »Mein Schuh ist offen«, rief ich den anderen zu. »Ich komme gleich nach.«

Doch die Mädchen waren viel zu sehr damit beschäftigt, auf dem sumpfigen Untergrund nicht auszurutschen, um mich zu beachten. Eine nach der anderen verschwand zwischen den schwankenden Schilfhalmen.

Ihre Stimmen verebbten, ich hörte nur noch das leise Schwappen der Wellen und das Schnattern einer Ente im Schilf. Langsam richtete ich mich auf und sah mich noch einmal um. Niemand war mehr da, ich war allein. Rasch bückte ich mich wieder, zog das Buch unter dem Stein hervor und wischte mit dem Ärmel den Sand vom Einband. In goldenen Buchstaben, die sorgfältig in das dunkle Leder geprägt waren, stand dort: Paolo Mantegazza. Und darunter: Physiologie des Genusses.

Nachdenklich hielt ich inne. Paolo Mantegazza? Der Name kam mir bekannt vor. War das nicht dieser italienische Märchenerzähler, von dem uns Fräulein Grimaud erst kürzlich ein Blumenmärchen vorgelesen hatte? Es hatte von der Entstehung der Schneerose gehandelt und war ziemlich kitschig gewesen. Warum versteckte jemand ausgerechnet ein Buch dieses Mannes unter einem Stein am Fluss? Und was war das für ein merkwürdiger Titel? Physiologie, dieses Wort klang überhaupt nicht nach einem Märchen, eher nach einer Wissenschaft. Aber wie passten Genuss und Wissenschaft zusammen? Hoffentlich war das kein Kochbuch.

Ich hob den Kopf und sah mich erneut um. Von den anderen war noch immer nichts zu hören oder zu sehen. Nur das Schilf raschelte leise im Wind.

Rasch schlug ich das Buch in der Mitte auf und las ein paar Wörter. Die bloße gegenseitige Annäherung und Berührung zweier Personen, stand da, und mein Herz klopfte schneller. Offenbar hatte ich Glück, ein Kochbuch war das garantiert nicht. Und ein Märchen auch nicht. Das klang eher analytisch. Wie interessant!

Ich las noch einmal den ganzen Satz. Die bloße gegenseitige Annäherung und Berührung zweier Personen, welche sich lieben, führt alle Nerven des Tastsinns in einen Zustand der Aufregung und Reizbarkeit.

Wie bitte? Plötzlich war ich hellwach. Stand da wirklich welche sich lieben?

Ja, tatsächlich. Hastig ließ ich meinen Blick über die nächsten Zeilen wandern. Die Haut wird heiß, die Lippen beben und lassen nur abgebrochene Worte herauskommen. Der fliegenden Brust entsteigen von Zeit zu Zeit lange Seufzer.

Ich schluckte. Das war … ungewöhnlich. Mein Gesicht wurde nun ebenfalls heiß. Vielleicht sollte ich das...


Moretti, Anna
Anna Moretti lebt in Süddeutschland, wo sie als Journalistin arbeitet. Schon in ihrer Diplomarbeit beschäftigte sie sich intensiv mit dem Leben von Frauen um die Jahrhundertwende. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie gern eine Weile in dieser Zeit leben. Aber nicht als Frau, dafür ist ihr die damalige Kleidung viel zu unbequem. Lieber als Katze, die alles beobachten kann.

Anna Moretti lebt in Süddeutschland, wo sie als Journalistin arbeitet. Schon in ihrer Diplomarbeit beschäftigte sie sich intensiv mit dem Leben von Frauen um die Jahrhundertwende. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie gern eine Weile in dieser Zeit leben. Aber nicht als Frau, dafür ist ihr die damalige Kleidung viel zu unbequem. Lieber als Katze, die alles beobachten kann.




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