E-Book, Deutsch, Band 1, 352 Seiten
Reihe: Light Years
Morgan Light Years - Die Gefährten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-22005-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 352 Seiten
Reihe: Light Years
ISBN: 978-3-641-22005-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kass Morgan studierte Literaturwissenschaft an der Brown University und in Oxford. Derzeit lebt sie als Lektorin und freie Autorin in Brooklyn. Noch vor Erscheinen ihres ersten Buches, »Die 100«, konnte sie bereits die Rechte der Serienverfilmung verkaufen. »Die 100« schaffte es auf Anhieb auf die SPIEGEL-Bestsellerliste, und auch mit den Folgebänden der Serie, »Die 100 – Tag 21«, »Die 100 – Die Heimkehr« und »Die 100 – Rebellion«,knüpfte Kass Morgan an ihren sensationellen Erfolg an.
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1
CORMAK
Zischend öffnete sich die Luftschleuse, und Cormak schoss in die glühend heiße rosarot gefärbte Luft hinaus. Während sein Motorrad über den karstigen roten Untergrund raste, machte er ein paar flache Atemzüge, bis er sicher war, dass seine Gasmaske funktionierte. Dann stieß er die Luft aus und schaltete den Roader in einen höheren Gang. Gleichzeitig beugte er sich vor, um mit seinem Körper so wenig Widerstand wie möglich zu bieten. Nachdem er die ganze Nacht lang in den Luxustürmen von Sektor 2 H2O ausgeliefert hatte, war er erleichtert, wieder draußen zu sein. Die Luft in den Türmen mochte ja vierfach gefiltert sein, aber sie kam ihm erstickender vor als die vergiftete Atmosphäre des Planeten.
Wasser war auf Deva so streng rationiert, dass die meisten Siedler kaum genug zu trinken hatten, geschweige denn mehr als einmal pro Woche duschen konnten. Aber wer bereit war, einen hohen Preis dafür zu bezahlen, und keine Angst vor Bestrafung hatte, konnte es auf dem Schwarzmarkt kaufen, von Leuten wie Sol, Cormaks Boss. Cormak lieferte das Wasser nun schon seit zwei Jahren in die Luxustürme, doch deren wohlhabende Bewohner beäugten ihn immer noch so skeptisch, als wäre er etwas, was in den Filtern hätte hängen bleiben sollen. Er hatte auf die harte Tour gelernt, nichts in ihren Wohnungen mit begehrlichen Blicken zu betrachten – weder das Obst, das in den Terrarien wuchs, noch die Filme, die auf den Bildschirmen liefen, und schon gar nicht die Bücher, die in durchsichtigen Kisten aufbewahrt wurden, in denen sie vor der alles zersetzenden Luft geschützt waren. Denn wenn es jemanden gab, dem reiche Leute noch mehr misstrauten als einem staubigen Devak, dann war das ein staubiger Devak, der gern las.
Heute herrschte einigermaßen gute Sicht, und in der Ferne ragten die Türme von Sektor 23 aus dem blassrosa Dunst. Cormak lebte im einunddreißigsten Stockwerk von Turm B, einem der sechs riesigen Betongebäude, die das Panorama seiner wunderschönen Heimat prägten. Wenn er Glück hatte, würde er noch ein paar Stunden schlafen können, bevor Sol ihn wegen der nächsten Lieferungen anrief.
Cormak schaltete sein Helmradio an und schlug sich ein paarmal mit dem Handschuh seitlich gegen den Kopf, bis das statische Rauschen nachließ.
»… offizieller Seite heißt es, dass bei der Explosion vierzehn Minenarbeiter ums Leben gekommen sind«, erklärte eine fröhliche Stimme. »Und nun zum Wetter.«
»Es ist jetzt 27:40 Uhr am Vormittag. Wegen eines Sturms in der Mesosphäre sind die Bedingungen für den Flugverkehr derzeit nicht optimal. Heute rechnen wir mit Höchsttemperaturen von 212 Centis. Die Tiefstwerte liegen voraussichtlich bei 199 Centis. Laut den aktuellen Atmosphärendaten kann man mit ungefilterter Luft zwei Minuten und vierzig Sekunden lang überleben. Ich wünsche Ihnen allen einen wunderschönen Tag!«
Cormak fluchte, als er in eine Spurrille geriet. Diese Lieferfahrten waren Gift für seinen Roader, aber er hatte keine Wahl. Für Sol zu fahren, war immer noch besser, als vierzehn Stunden pro Tag in einer der verbliebenen Minen zu arbeiten. Auch wenn es bedeutete, dass er für das größte Arschloch auf Deva tätig war.
Er streckte die Beine durch und richtete sich auf, um weiter sehen zu können. Der Weg vor ihm schien frei zu sein, abgesehen von aufgegebenen Minengerätschaften – darunter einige rostige Bohrer, riesige leckgeschlagene Fässer – und Teilen von Tanklastzügen, welche die Plünderer verschmäht hatten, nachdem die Mine stillgelegt worden war.
Das eintönige Stimmengemurmel im Radio wurde von einem Hinweis unterbrochen. »Jemand versucht, Sie zu erreichen … Cormak, du gehst besser dran, oder ich reiße dir den Arsch auf … Möchten Sie den Anruf annehmen?« Cormak seufzte. »Annehmen.«
»Was zum Teufel hast du dir bloß dabei gedacht«, fuhr ihn eine vertraute Stimme an, »eine Kundin zu beleidigen?«
»Wovon sprichst du, Sol?«, fragte Cormak müde.
»Was du zu Rella Hewitt gesagt hast, geht gar nicht! Und wieso hast du Ware gestohlen, für die sie gezahlt hat?«
Cormak unterdrückte ein Stöhnen. Auf dem Weg in das Gebäude, in dem die Hewitts wohnten, war er an einem erschöpft aussehenden Mädchen vorbeigekommen, das gerade die Böden wischte – ein weit verbreiteter Anblick auf Deva, wo die Kinder oft mit der Schule aufhörten, wenn ihre Eltern zu krank wurden, um zur Arbeit zu gehen. Cormak hatte ihr einen winzigen Schluck H2O angeboten, gerade mal so viel, dass sie nicht zusammenbrach, bevor ihre Schicht endete. Dabei hatte er allerdings vergessen, dass die ebenso neugierige wie gelangweilte Rella Hewitt häufig die Feeds der Sicherheitskameras in ihrem Gebäude verfolgte, um zu jeder Tages- und Nachtzeit zu wissen, was ihre Nachbarn so trieben. Als er an ihrer Tür angekommen war, hatte sie ihn volle fünf Minuten lang angeschrien, bevor Cormak ihren Wutausbruch mit ein paar wohlgewählten Worten beendete.
»Weißt du, Sol, es fällt mir schwer, Mitleid mit reichen Leuten zu haben, die für ihre exotischen Pflanzen mehr übrighaben als für die Kinder der Siedler.« Im Gegensatz zu den Siedlern, deren Vorfahren sich bereits vor vielen Generationen auf Deva niedergelassen hatten, waren die meisten Wohlhabenden erst in jüngster Zeit von Tri, dem Hauptplaneten der Quatra-Föderation, hergezogen.
»Ach, willst du mir jetzt etwa mit Moral kommen, du Arschloch? Dein Job ist es, abzuliefern und das Maul zu halten. Hast du das verstanden?«
»Verstanden«, murmelte Cormak.
»Du kannst von Glück reden, dass ich so verständnisvoll bin. Ich gebe dir noch eine Chance. Heute Abend holst du etwas für mich ab, 29° 22’ nördlicher Länge und 99° 48’ westlicher Breite … Wieso höre ich nicht, wie du anhältst und das aufschreibst?«
»29° 22’ nördlicher Länge und 99° 48’ westlicher Breite«, wiederholte Cormak gelangweilt. »Verstanden, Chef.« Er vergaß niemals Koordinaten. Cormak hatte ein Talent für Zahlen und konnte in Gedanken sehen, wie sie die verschiedensten Kombinationen eingingen. Daher war es ihm möglich, selbst komplexe Gleichungen innerhalb weniger Sekunden im Kopf auszurechnen. Allerdings hatte ihm das bislang wenig genützt. Da er seine Lösungswege nicht darlegen konnte, gingen seine Lehrer regelmäßig davon aus, dass er bei den Mathetests betrog. Seinen Bruder Rex hatte ihr Misstrauen jedes Mal zur Weißglut getrieben, aber Cormak war es eigentlich egal. Gute Noten waren nur für Menschen wie Rex wichtig – jene seltenen Schüler, die schlau genug waren, um die Aufmerksamkeit der Lehrer zu erregen, und gleichzeitig so liebenswert, dass alle Verantwortlichen nicht nur den endlosen Papierkram auf sich nahmen, sondern sich auch zu den Gefälligkeiten und Bestechungen bereitfanden, die nötig waren, um diese Schüler an einer Universität oder in einem Ausbildungsprogramm auf einem anderen Planeten unterzubringen. Obwohl letzten Endes nicht einmal Rex es geschafft hatte, von Deva wegzukommen.
»Wenn du das versaust, wird es dir leidtun. Hast du kapiert, Cormak?«
»Alles klar. Ich werde heute Abend dort sein.« Die Koordinaten bezeichneten einen Ort in Sektor 22, an dem Sol einen Kontakt hatte, der gestohlene Nanotechnologie von Tri importierte. Obwohl Sol sein Geld hauptsächlich mit Wasser verdiente, hatte er seine Finger auch im Waffengeschäft und interessierte sich leidenschaftlich für interstellaren Kryptohandel. Gerüchten zufolge hatte er es sogar geschafft, die tridianische Bank zu hacken.
»Scheiße!«, stieß Cormak hervor, als sein Roader erneut in eine Spurrille geriet und vom Boden abhob. Er schaffte es, das Motorrad abzufangen, landete jedoch so hart, dass er die Vibrationen im ganzen Körper spürte. Rasch sah er an sich hinunter, um zu überprüfen, ob seine Hose immer noch fest in den Stiefeln steckte. Durch unbedeckte Hautporen konnte die giftige Luft in den Körper einsickern, was innerhalb weniger Stunden zum Tod führen würde.
Die Atmosphäre von Deva war für Menschen toxisch. Der Planet war in eine dicke Gasschicht gehüllt, die aus Stickstoff, Kohlendioxid und gerade mal genug Sauerstoff bestand, um ihn herauszufiltern und in vakuumversiegelte Gebäude zu pumpen. Außerdem gab es auf Deva große Vorkommen von Terranium, einem Metall, aus dem früher die meisten Gebäude auf dem Planeten Tri errichtet worden waren.
Vor hundert Jahren hatten die tridianischen Minenbetreiber und Metallexporteure gar nicht schnell genug ihren Anspruch auf diese Abbaustätten anmelden können. Zum Schutz vor der tödlichen Atmosphäre hatten sie damals ihre gemütlichen Häuser in riesige Blasen gehüllt und waren in eigens für sie angefertigten Zippern mit zusätzlichen Sauerstofffiltersystemen zur Arbeit geflogen. Anschließend hatten sie Türme errichtet für die Arbeiter, die sie mit der Aussicht auf ein hohes Einkommen und ein neues Leben zu Hunderttausenden nach Deva lockten. Die Türme standen so dicht an den Minen, dass die Kumpel mit den firmeneigenen Gasmasken zu Fuß durch den rosa Nebel zur Arbeit gelangen konnten. Diese Masken hatten natürlich keine zusätzlichen Filtersysteme.
Vor zwanzig Jahren war der Markt für Terranium dann von einem Tag auf den anderen komplett zusammengebrochen, weil Bauunternehmer auf dem Planeten Chetire ein noch widerstandsfähigeres Metall namens Fyron entdeckt hatten. Die meisten Minen wurden geschlossen, aber natürlich hatten die Arbeiter damals bereits so viel Zeit unter Tage verbracht, dass ihre inneren Organe völlig zerfressen waren....




