Morgenstern | Das Mondschaf steht auf weiter Flur | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: Literatur (Leinen)

Morgenstern Das Mondschaf steht auf weiter Flur

Gedichte und Sprüche
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8438-0435-6
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Gedichte und Sprüche

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: Literatur (Leinen)

ISBN: 978-3-8438-0435-6
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Christian Morgensterns Poesie verbindet das Skurril-Komische mit dem Spirituellen, den kindlich-naiven Spieltrieb mit existentiellem Ernst. Seine Gedichte sind Spiel - und Ernst=Zeug', können oberflächlich als heiterer Nonsens genossen werden, oder, mit etwas Aufwand, als Sprachrätsel, die einen tieferen Sinn bedeuten. Darüber hinaus lohnt es sich, die Wortkunst Morgensterns in seinen weniger bekannten zeitlosen Epigrammen, Aphorismen und Sprüchen kennenzulernen, die sich durch verschmitzten Sprachwitz auszeichnen.

Das Werk Christian Morgensterns (1871-1914) ist trotz der allbekannten Kuriositäten durchzogen von einer Melancholie. Denn er wusste um die wenige Zeit, die ihm blieb: Im Alter von zehn Jahren erkrankte er an Tuberkolose, der bereits seine Mutter zum Opfer gefallen war. Die Krankheit begleitete ihn zeitlebens, erzwingt den Abbruch von Reisen und lange Aufenthalte in Kliniken und Kurstätten. Er verstarb 1914 mit nur 43 Jahren. Ein Großteil seines Werks wurde erst posthum von seiner Witwe Margareta Gosebruch von Lichtenstern veröffentlicht.
Morgenstern Das Mondschaf steht auf weiter Flur jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Der Gingganz

Ein Stiefel wandern und sein Knecht

von Knickebühl gen Entenbrecht.

Urplötzlich auf dem Felde drauß

begehrt der Stiefel: Zieh mich aus!

Der Knecht drauf: Es ist nicht an dem;

doch sagt mir, lieber Herre, –: wem?

Dem Stiefel gibt es einen Ruck:

Fürwahr, beim heiligen Nepomuk,

ich GING GANZ in Gedanken hin …

Du weißt, daß ich ein andrer bin,

seitdem ich meinen Herrn verlor …

Der Knecht wirft beide Arm’ empor,

als wollt’ er sagen: laß doch, laß!

Und weiter zieht das Paar fürbaß.

Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,

mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,

stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus

und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,

mit Latten ohne was herum,

Ein Anblick gräßlich und gemein.

Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh

nach Afri – od – Ameriko.

Die beiden Flaschen

Zwei Flaschen stehn auf einer Bank,

die eine dick, die andre schlank.

Sie möchten gerne heiraten.

Doch wer soll ihnen beiraten?

Mit ihrem Doppel-Auge leiden

sie auf zum blauen Firmament …

Doch niemand kommt herabgerennt

und kopuliert die beiden.

Das Lied vom blonden Korken

Ein blonder Korke spiegelt sich

in einem Lacktablett –

allein er säh sich dennoch nicht,

selbst wenn er Augen hätt!

Das macht, dieweil er senkrecht steigt

zu seinem Spiegelbild!

Wenn man ihn freilich seitwärts neigt,

zerfällt, was oben gilt.

O Mensch, gesetzt, du spiegelst dich

im, sagen wir, – im All!

Und senkrecht! – wärest du dann nicht

ganz in dem gleichen Fall?

Der Würfel

Ein Würfel sprach zu sich: Ich bin

mir selbst nicht völlig zum Gewinn!

Denn meines Wesens sechste Seite,

und sei es auch ein Auge bloß

sieht immerdar, statt in die Weite,

der Erde ewig dunklen Schoß.

Als dies die Erde, drauf er ruhte,

vernommen, ward ihr schlimm zu Mute.

Du Esel, sprach sie, ich bin dunkel,

weil dein Gesäß mich just bedeckt!

Ich bin so licht wie ein Karfunkel,

sobald du dich hinweggefleckt.

Der Würfel, innerlichst beleidigt,

hat sich nicht weiter drauf verteidigt.

Kronprätendenten

– »Ich bin der Graf von Réaumur

und hass’ euch wie die Schande!

Dient nur dem Celsio für und für,

Ihr Apostatenbande!«

Im Winkel König Fahrenheit

hat still sein Mus gegessen.

– »Ach Gott, sie war doch schön, die Zeit,

die man nach mir gemessen!«

Die Weste

Es lebt in Süditalien eine Weste

an einer Kirche dämmrigem Altar.

Versteht mich recht: Noch dient sie Gott aufs beste.

Doch wie in Adam schon Herr Hæckel war,

(zum Beispiel bloß), so steckt in diesem Reste

Brokat voll Silberblümlein wunderbar

schon heut der krause Übergang verborgen

vom Geist von gestern auf den Leib von morgen.

Philantropisch

Ein nervöser Mensch auf einer Wiese

wäre besser ohne sie daran;

darum seh’ er, wie er ohne diese

(meistens mindstens) leben kann.

Kaum daß er gelegt sich auf die Gräser,

naht der Ameis, Heuschreck, Mück und Wurm,

naht der Tausendfuß und Ohrenbläser,

und die Hummel ruft zum Sturm.

Ein nervöser Mensch auf einer Wiese

tut drum besser, wieder aufzustehn

und dafür in andre Paradiese

(beispielshalber: weg) zu gehn.

Der Mond

Als Gott den lieben Mond erschuf,

gab er ihm folgenden Beruf:

Beim Zu- sowohl wie beim Abnehmen

sich deutschen Lesern zu bequemen,

ein formierend und ein –

daß keiner groß zu denken hätt’.

Befolgend dies ward der Trabant

ein völlig deutscher Gegenstand.

Die Westküsten

Die Westküsten traten eines Tages zusammen

und erklärten, sie seien keine Westküsten,

weder Ostküsten noch Westküsten –

»daß sie nicht wüßten!«

Sie wollten wieder ihre Freiheit haben

und für immer das Joch des Namens abschütteln,

womit eine Horde von Menschenbütteln

sich angemaßt habe, sie zu begaben.

Doch wie sich befreien, wie sich erretten

aus diesen widerwärtigen Ketten?

Ihr Westküsten, fing eine an zu spotten,

gedenkt ihr den Menschen etwan auszurotten?

Und wenn schon! rief eine andre schrill.

Wenn ich seine Magd nicht mehr heißen will? –

Dann blieben aber immer noch die Atlanten –

meinte eine von den asiatischen Tanten.

Schließlich, wie immer in solchen Fällen,

tat man eine Resolution aufstellen.

Fünfhundert Tintenfische wurden aufgetrieben,

und mit ihnen wurde folgendes geschrieben:

Wir Westküsten erklären hiermit einstimmig,

daß es uns nicht gibt, und zeichnen hochachtungsvoll:

Die vereinigten Westküsten der Erde. –

Und nun wollte man, daß dies verbreitet werde.

Sie riefen den Walfisch, doch er tat’s nicht achten;

sie riefen die Möwen, doch die Möwen lachten;

sie riefen die Wolke, doch die Wolke vernahm nicht;

sie riefen ich weiß nicht was, doch ich weiß nicht was kam nicht.

Ja, wieso denn, wieso? schrie die Küste von Ecuador:

Wärst du etwa kein Walfisch, du grober Tor?

Sehr richtig, sagte der Walfisch mit vollkommener Ruh:

Dein Denken, liebe Küste, dein Denken macht mich erst dazu.

Da war’s den Küsten, als säh’n sie sich im Spiegel;

ganz seltsam erschien ihnen plötzlich ihr Gewiegel.

Still schwammen sie heim, eine jede nach ihrem Land.

Und die Resolution, die blieb unversandt.

Unter Zeiten

Das Perfekt und das Imperfekt

tranken Sekt.

Sie stießen aufs Futurum an

(was man wohl gelten lassen kann).

Plusquamper und Exaktfutur

blinzten nur.

Unter Schwarzkünstlern

Eines Mittags las man:

»Pfiffe zu mieten gesucht!

Hundertweis, zu jedem Preis!

Victor Emanuel Wasmann!«

Um sechs Uhr kam der erste Pfiff

von einem alten Kohlenschiff.

Um acht Uhr waren’s tausend schon.

Um neun Uhr eine halbe Million.

Victor Emanuel Wasmann schlug

die Türe zu: Nun ist’s genug!

Hört zu, ihr Pfiffe!

Ich habe einen Feind (hört! hört!),

der mir des nachts die Ruhe stört, –

auf den sollt ihr marschieren!

Er hat Gelächter angestellt,

die schickt er nachts mir an mein Bett,

da hocken sie auf der...


Morgenstern, Christian
Das Werk Christian Morgensterns (1871-1914) ist trotz der allbekannten Kuriositäten durchzogen von einer Melancholie. Denn er wusste um die wenige Zeit, die ihm blieb: Im Alter von zehn Jahren erkrankte er an Tuberkolose, der bereits seine Mutter zum Opfer gefallen war. Die Krankheit begleitete ihn zeitlebens, erzwingt den Abbruch von Reisen und lange Aufenthalte in Kliniken und Kurstätten. Er verstarb 1914 mit nur 43 Jahren. Ein Großteil seines Werks wurde erst posthum von seiner Witwe Margareta Gosebruch von Lichtenstern veröffentlicht.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.