E-Book, Deutsch, 322 Seiten
Morgenstern Gedichte
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3203-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 322 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3203-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christian Morgenstern war ein deutscher Dichter, Schriftsteller und Übersetzer. Besondere Bekanntheit erreichte seine komische Lyrik, die jedoch nur einen Teil seines Werkes ausmacht. Dieser Sammelband beinhaltet einen Großteil seiner Dichtungen, aufgeteilt in die Sammlungen: In Phanta's Schloss Auf vielen Wegen Ich und die Welt Galgendichtung Palmström Melencolia Wir fanden einen Pfad
Autoren/Hrsg.
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Die Gedächtnistafel
»Der dort unten ruht jetzund,
sein Schatten stieß ihn in den Grund.
Am steilen Fels den schmalen Gang
klomm verwegen er entlang.
Scharf lag auf ihm das Mittagslicht,
der Schweiß rann ihm übers Gesicht.
Da blieb er, sich zu trocknen, stehn –
muß dabei seinen Schatten sehn.
Und wie er ihn sieht, reckt sich der
von der Wand gegen ihn her.
Den Wandrer fasset bittre Not,
er fühlet, neben ihm steht der Tod
und drängt ihn in das tiefe Grab
der wilden Felsenschlucht hinab.
Er sinkt zusammen in kaltem Schweiß,
alles dreht sich mit ihm im Kreis.
Er preßt die Stirn an den kalten Stein
und denkt an Weib und Kinderlein.
Aber der Tod hatt' gewonnen Spiel
und schob und stieß ihn, bis daß er fiel.
Eine Dirn aus unserm Dorf hat's geschaut,
ein fremder Maler den Stein aufgebaut,
die Verse sind von der alten Kathrein.
Sprecht: Armer Wandrer, wir denken Dein!«
Am Moor
Flackernd lösen sich vom Sumpf
ungewisse Schemen ...
Nach der alten Weide Stumpf
sieh den Weg sie nehmen.
Auf dem Stumpfe sitzt der Tod:
Dumpfe Fiedel lockt und droht
mit verworrnen Themen.
Huschend schlingt der wirre Kreis
sich um Tod und Weide ...
Um die Flämmchen schimmert's weiß
wie von feinster Seide.
Knaben, Mädchen, Männer, Fraun
glaubst wie Schatten du zu schau'n
tief im Totenkleide.
Und ein Seufzen hebt sich her,
düster dich zu bannen ...
Schaudernd fühlst du: Schon will Er
dein Gemüt entmannen.
Der Gespenster Reihn erschrickt?
Haben sie dein Haupt erblickt?
Und du eilst von dannen.
Im Fieber
Ich lag in Fieberphantasien ...
Aus allen Ecken wuchs es her ...
Wohin ich sah, ich sah nur Ihn,
wohin ich tastete, war Er ...
Die Tücher, die Tapeten liehn
ihm ihrer Muster Fratzenmeer ...
Und schloß ich fest die Lider, schien
sein Aug' in meines weit und leer.
Ein Opfer wilder Bilderreihn
entschlief ich endlich. Mich umspann,
mich spornte rittlings sein Gebein
durch Felsenwüsten glutwindan ...
Verzehrend fraß sein Frost sich ein,
indes mich Blutschweiß überrann,
und auf Geröll und spitzem Stein
der wunde Fuß nicht Weg gewann.
Doch nicht ein Fristchen durft' ich ruhn.
»Wir müssen« – stachelte sein Hohn –
»Zum Richter über all dein Tun,
der Weg ist weit nach seinem Thron.
Gebucht, in klaftertiefen Truhn,
erharrt dich dort, wofür dich Lohn
und Strafe wird ereilen nun:
Bereite dich, verlorner Sohn!«
Da ging die Stubentür, und leis
umklang mein Bett ein sanfter Schritt,
und eines Stirnbands kühlend Eis
erlöste mich vom grausen Ritt.
Doch ehe noch ein Wort dem Kreis
der Wirrgedanken sich entstritt,
verschob schon wieder sich das Gleis
und neuer Traumgang riß mich mit.
Wie anders aber war das Bild,
das nun mein Fiebergeist entband!
Mein liebster Freund umfing mich mild
und hob mich von des Lagers Rand.
Aus Zweigen harrte mein ein Schild:
Drauf trug mich vierer Fremden Hand
wie ein erbeutet Edelwild
hinaus ins sommerliche Land.
Wer waren sie? wo lief ihr Pfad?
Sie stürmten voll erhabner Wucht ...
bis, wo ein Lärm vollbrachter Mahd
herklang aus stiller Waldesbucht.
Noch rollte hoch das Sonnenrad,
doch schon geschnitten lag die Frucht;
denn Wolken drohten Blitz und Bad:
Und alles war schon helle Flucht.
Dort setzten sie aufs hohe Korn
die Bahre ab. Noch stand sie nicht:
Da schoß schon goldner Wetterzorn:
Ein Glutstoß stob die Ährenschicht.
Mein Herz stand still vom scharfen Dorn.
Es sank der Erde höchst Gedicht,
der Mensch, zurück in ihren Born,
als Asche, Wasser, Luft und Licht.
Eine Großstadt-Wanderung
Eine lange Gasse war mein Nachtweg.
Vor mir schalt ein Kerl mit seiner Dirne,
hohl zerbrach der Hall am Wall der Wände.
Nun ein kurzer Kampf – und gellend schreiend
floh das Weib den Weg an mir vorüber.
Aus dem Dämmer tauchten, wie dem Boden
jäh entwachsen, drohende Gestalten,
Pfiffe schrillten, schwere Tritte trabten,
Flüche zischten: Fort! die Polizisten!
Und im Nu von Nacht verschlungen alles.
Wimmern noch ... Geworfne Türen ... Stille ...
Ausgestorben schien der ganze Stadtteil.
Rot und trübe kämpften die Laternen.
Und ich sah, erstarrt, durch eine Hauswand ...
Eines Kaufherrn Schlafgemach beschlichen
zwei geschwärzte Bursche. Auf den Schläfer
warf der eine sich, der andre feilte
an dem Schrank. Dem Ächzen seiner Säge
mischten grausig sich erstickte Laute.
Gold, Papiere, Ringe rissen gierig
ihre Finger aus den Fächern ... Leise
rief es durch die Tür: Die Wache warnte.
Hastig raffte jeder noch das Nächste,
wusch sich flüchtig die befleckten Hände –
Dringend rief es noch einmal. Die Kerze
gloste. Schwarz und lautlos lag das Zimmer.
Und ich ging die lange Gasse weiter.
Hinter fensterlosen Mauern sah ich
neue Frücht' und Opfer der Gesellschaft.
Der zerschlug sich den geschornen Schädel ...
Der verstierte sich hinauf zur Luke ...
Der durchtappte rastlos seine Zelle ...
Augen brannten; Lippen fluchten flüsternd;
Fäuste krampften sich; Gehänge klirrten;
mancher wälzte sich in lauten Träumen;
doch die meisten schliefen tief wie Tote.
Frech vertiert, verduldet, unterwürfig,
gramzerfressen, haßverzerrt, verachtend,
also prägten schrecklich sich die Mienen.
Und mich zog die lange Gasse weiter.
Endelosen Fensterreihn entscholl es,
mir nur hörbar, dumpf und unablässig,
wie von Stöhnen, Weinen, Weherufen.
Sieche, Krüppel, Giftige, Zersetzte
nährten dort des Lebens arme Flämmchen,
hofften, rafften sich von Tag zu Tage,
bis des Todes Weisheit endlich siegte.
Wie sie so in weißen Kissen wachten ...
Opfer ihrer Herkunft, ihres Standes,
ihrer Gierden, ihrer Dienst und Taten,
ihrer Mitwelt, die sie stieß und hemmte!
Wie die bleichen Händ' anklagend winkten!
Und ich floh die trübe Gasse weiter.
Gebt euch nicht so stolz, ihr roten Mauern,
oder prahlt mit freudigeren Gästen!
Niemand weiß es, wer sie sind, sie selber
lächeln seltsam, fragst du, wie sie heißen.
Sind an Tafeln zwar geladen worden,
drauf zu lesen, wo man sie getroffen –:
Den in einem Wehr beim Fest der Fische;
die in einem Hag voll Heckenrosen;
den auf blanken Gleises kaltem Kissen;
den in einer Herberg fremdem Zimmer.
Aber alle ruhn sie bleich und schweigend,
lächeln starr-verächtlich deiner Fragen.
Und ich wanderte mechanisch weiter.
Hinter einer hohen Gartenmauer
hob aus Bäumen sich ein altes Kloster,
dessen eisenstabverkreuzte Scheiben
wirren Lärms zuweilen dumpf erklirrten.
Plötzlich ward ein Fenster aufgerissen,
und ein Mensch im Hemde überschrie sich
in den leeren Park hinunter: »Rechts schwenkt!
Laufschritt! Marsch marsch! Das Gewehr zum Sturm rechts!
Ha–alt! Nieder! Fertig! Feuer! Feuer!
Feu–« Jäh brach es ab, zu schlug das Fenster.
Fernes Toben. – Über dem Portal stand:
»Selig sind, die große Trübsal dulden!«
Und ich setzte meine Schritte weiter –
fast so ungewiß wie der Betrunkne,
der im Morgengrauen mir entgegen
kam –: Nun tappte er zur Seit', nun rückwärts,
schoß vornüberfallend vorwärts, rannte
wider die Laterne, griff ins Leere,
schwankte, rollte in den Kot der Gosse ...
Selber wirbelte mir Wust im Haupte ...
Särge, drängten sich die Häuser; Grüfte
hallten, wo ich schritt; von Moder, Fäulnis
schnob die Luft; Gewölke Bluts und Tränen
dampften, dunsteten, mich dumpf erstickend ...
Weiß nicht mehr, wie ich den Weg vollendet.
Vier Elementarphantasien
Meeresbrandung
»Warrrrrrrte nur . . . . . . .
wie viel schon riß...




