Morosinotto | Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Morosinotto Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten

Ein meisterhafter Detektivroman
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-522-61194-7
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein meisterhafter Detektivroman

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-522-61194-7
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mitreißendes Jugendbuch über das Geheimnis von Kaspar Hauser Nürnberg 1829. Greta hastet durch dunkle Gassen. Sie muss Kaspar Hauser treffen, den mysteriösen Fremden, der allen ein großes Rätsel aufgibt. Wurde er als Kind tatsächlich viele Jahre lang in einem Keller gefangen gehalten, wie er behauptet? Gemeinsam mit ihrem Vater, dem berühmten Meisterdetektiv Dr. Grimaldi, stößt Greta auf ein immer größeres Dickicht aus Täuschungen und Geheimnissen ...

Davide Morosinotto wurde 1980 in Norditalien geboren. Bereits mit 17 Jahren schrieb er seine erste Kurzgeschichte. Seitdem hat er über 30 Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Sein Kinderbuch 'Die Mississippi-Bande' wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Für sein Jugendbuch 'Shi Yu' wurde er mit dem 'Premio Strega', dem wichtigsten Literaturpreis Italiens ausgezeichnet. Davide Morosinotto lebt als Autor, Journalist und Übersetzer in Bologna.
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3 »MEIN VATER HAT SO SEINE METHODEN.«


»Vor ungefähr zwei Monaten erhielt eine unter unserem Schutz stehende Person einen anonymen Brief. Zwei weitere folgten. Die Kopien der Briefe sind in dem Päckchen enthalten, das wir Ihnen zugesandt haben. Aber ich habe auch die Originale dabei.«

Aus seiner Jackentasche zog der Bürgermeister einige von einem cremefarbenen Band zusammengehaltene Blätter und überreichte sie Gretas Vater.

Doktor Grimaldi entfernte das Band und begann zu lesen. Als er fertig war, streckte er Greta die Blätter entgegen. Der Freiherr bemerkte erst jetzt ihre Anwesenheit.

»Das Fräulein bleibt, um uns Gesellschaft zu leisten?«, fragte er auf Französisch. Er klang alles andere als begeistert.

»Meine Tochter«, erwiderte der Doktor, »begleitet mich überallhin und hilft mir bei meiner Arbeit. Sie ist gebildet und scharfsinnig, spricht fünf Sprachen und verfügt über ein phänomenales Gedächtnis.«

Verlegen nahm Greta ihm die Briefe ab und las sie aufmerksam durch. Für alle drei waren das gleiche Papier und offenbar auch die gleiche Tinte benutzt worden, doch die Schriften unterschieden sich voneinander.

Im ersten Brief stand:

Im zweiten:

Und im dritten:

Greta sagte den Namen leise vor sich hin: »Kaspar Hauser.«

»Wir haben lange nachgedacht, ob wir Sie um Hilfe bitten sollen, Herr Doktor«, sagte der Bürgermeister. »Aber Sie sind uns von Herrn von Feuerbach empfohlen worden, dem Präsidenten des Appellationsgerichts von Ansbach.«

»Ich kenne ihn.«

»Außerdem war es unsere Pflicht, Vorkehrungen zu treffen. Ein Junge läuft Gefahr, ermordet zu werden. Und es ist nicht irgendein Junge.«

»Ich bin Arzt«, erwiderte Grimaldi, »und ich habe geschworen, jedes Menschenleben auf jede mir nur mögliche Weise zu retten … Sei es durch Wissenschaft oder aber durch meine Fähigkeit, Kriminalfälle zu lösen.«

»Nichtsdestotrotz«, schaltete der Freiherr sich ein, »dürfen wir nicht vergessen, dass Kaspar Hauser kein gewöhnlicher Junge ist. Das ist Ihnen sicherlich bekannt.«

»Nein, ich muss zugeben, dass ich nichts darüber weiß.«

»Aber Sie werden doch im letzten Jahr Zeitungen gelesen haben! Zudem haben wir Ihnen umfangreiche Dokumente zugesandt. Sie hatten sicherlich Gelegenheit, sie durchzusehen …«

»Nein, nein, ich habe nichts davon gelesen. Stellen Sie sich vor, dass Sie vor einem Mann stehen, der bisher auf dem Mond gelebt hat und nichts über die Welt und all ihren Klatsch und Tratsch weiß.«

Der Bürgermeister wirkte peinlich berührt, der Freiherr war wütend.

»Mein Herr! Über Ihre Unverschämtheit, meine Einladung zum Abendessen abzuschlagen, kann ich noch hinwegsehen, aber dieses Verhalten … So zu tun, als wüssten Sie nicht, wer Kaspar Hauser ist!«

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte Greta, die immer noch abseits auf ihrem Stuhl saß. »Ich versichere Ihnen, dass niemand Sie beleidigen will. Haben Sie bitte Vertrauen: Mein Vater hat so seine Methoden.«

Der Freiherr schüttelte den Kopf, während der Bürgermeister sich darauf beschränkte, abermals an seinem Cognac zu nippen.

»Ich erhielt Ihre Nachricht, als ich mich in Mailand aufhielt«, erwiderte Doktor Grimaldi. »Und das war ein Glück, da meine Tochter und ich uns gerade anschickten, in unser geliebtes Sizilien zurückzukehren. Von dort aus wäre die Reise zu Ihnen allzu weit gewesen. Doch das Schicksal wollte, dass ich Ihre Nachricht erhalte. Deshalb ersuche ich Sie, mir alles gründlich und von Anfang an zu schildern.«

Der Bürgermeister fischte eine Handvoll trockener Blättchen aus einer silbernen Tabakdose, stopfte damit seine Pfeife und zündete sie an.

»Wenn es so ist … Aber es ist eine lange Geschichte.«

»Es war vor etwas mehr als einem Jahr. Am 26. Mai 1828, um genau zu sein, dem Pfingstmontag. Gegen Mittag fiel dem Schuhmachermeister Herr Weickmann, dessen Werkstatt sich am Unschlittplatz befindet, ein seltsamer junger Mann auf, der vor der Werkstatt auf etwas zu warten schien. Er war wie ein Bauer gekleidet, hielt seinen Hut in der Hand und schaute sich um. Weickmann dachte, dass er vielleicht fremd in der Stadt war, und ging hinaus zu ihm. Der junge Mann hielt ihm einen Brief entgegen. Er war an den Rittmeister von Wessenig adressiert, Befehlshaber eines hier in der Stadt stationierten Regiments. Ich weiß nicht, ob Ihnen diese Informationen genügen … in den Unterlagen wird alles detailliert geschildert.«

Greta versuchte sich zu erinnern, wo am Unschlittplatz sie die Schuhmacherwerkstatt gesehen hatte. Ja: im dritten Gebäude auf der rechten Seite.

»Weickmann begleitete den Unbekannten zur Kaserne und versuchte unterwegs, sich mit ihm zu unterhalten. Doch das Einzige, was der Junge sagte, war: ›Ein solcher Reiter möchte ich werden, wie mein Vater gewesen ist.‹ In dem Brief, der anonym war, stand, dass der Junge eingezogen werden solle, da dort, wo er herkomme, kein Platz für ihn sei. Alles war sehr seltsam, denn außer diesem einen auswendig gelernten Satz sprach der Junge kein Wort Deutsch. Da man in der Kaserne nichts mit ihm anzufangen wusste, wurde er schließlich zur Kaiserburg geführt, in der auch das Gefängnis untergebracht ist.«

»Sie haben ihn ins Gefängnis gesperrt?«, unterbrach Grimaldi den Bürgermeister. Sein breiter Schnurrbart bebte.

Binder nickte verlegen. »Es erschien uns als die beste Lösung … Der Junge war uns ein Rätsel. Er hatte weder an den Händen noch an den Füßen Hornhaut, also konnte er kein Bauer sein. Er hatte die bleiche Haut eines Menschen, der noch niemals draußen an der Luft gewesen war, und auf beiden Armen fanden wir bei ihm Impfnarben.«

»Ah!«, unterbrach Doktor Grimaldi ihn abermals. »Folglich ein Adeliger?«

»Nicht unbedingt. Hier in Bayern impfen wir auch die einfachen Leute. Wie schon gesagt sprach der Junge kein Deutsch und auch keine andere Sprache. Aber er konnte seinen Namen schreiben: Kaspar Hauser.«

Greta versuchte, sich die Gefühle dieses Jungen vorzustellen, seine Verwirrtheit und seine Angst, als er in ein Gefängnis gesperrt wurde.

»Um es kurz zu machen«, fasste der Bürgermeister zusammen, »wir begriffen schließlich, dass Kaspar ein friedliches Wesen hat, und brachten ihn im Haus eines jungen Gymnasiallehrers unter: bei Professor Daumer. Dort wohnt der Junge derzeit. Innerhalb weniger Monate vermochte Daumer ihm Deutsch beizubringen, sodass Kaspar uns seine Geschichte erzählen konnte, die tatsächlich unglaublich klingt.«

Tja, dachte Greta. Das war auch der Grund, warum der Junge mittlerweile in ganz Europa berühmt war, warum Adelige ihn zu sich einluden und die Zeitungen ihm Artikel auf den ersten Seiten widmeten.

»Anscheinend kam Kaspar im Jahr 1812 zur Welt, somit müsste er inzwischen siebzehn Jahre alt sein. Allerdings wirkt er weitaus jünger.« Der Bürgermeister legte eine kleine Pause ein. »Die Geschichte, die er uns erzählt hat, ist wirklich eigenartig. Er behauptet, jemand habe ihn jahrelang gefangen gehalten, besser gesagt: sein ganzes bisheriges Leben lang. Wir konnten nicht aus ihm herausbekommen, wo das gewesen sein soll, aber mit Sicherheit war es nicht in Nürnberg. Kaspar hat uns ein dunkles, fensterloses Zimmer beschrieben. In seiner Zelle war es so eng, dass er mit ausgestreckten Armen zwei gegenüberliegende Wände gleichzeitig berühren konnte. Darüber hinaus war er gefesselt, damit er nicht fliehen konnte. Seine Ernährung bestand ausschließlich aus Wasser und Brot. Sein Magen hatte sich in solchem Maße daran gewöhnt, dass er bis heute Schwierigkeiten hat, etwas anderes zu sich zu nehmen. Hin und wieder wurde er von seinen Kerkermeistern mit Drogen betäubt und stellte dann beim Erwachen fest, dass er gesäubert und umgezogen worden war. Jahrelang hat niemand zu ihm gesprochen, er hat die Sonne nicht gesehen, und es ist ein Wunder, dass er nicht erblindet ist. Dann, eines Tages, wurde er plötzlich freigelassen. Ein Mann kam in die Zelle, brachte dem Jungen bei, seinen Namen zu schreiben, gab ihm den Brief, begleitete ihn bis in die Stadt und verschwand. Wir wissen nicht, wer der Mann ist, denn niemand hat ihn gesehen, nicht einmal Kaspar. Offensichtlich gelang es dem Unbekannten, sich stets hinter Kaspars Rücken zu verbergen oder sein Gesicht zu bedecken. Die Hinweise des Jungen, wo sich sein Gefängnis befand, sind noch spärlicher. Es könnte überall gewesen sein.«

Alle schwiegen. Die Luft war von Pfeifenrauch und Cognacduft erfüllt.

»Es handelt sich zweifellos um einen einzigartigen Fall«, sagte Grimaldi. »Doch diese Ereignisse liegen ein Jahr zurück. Glauben Sie, dass sie mit den Drohbriefen in Zusammenhang stehen?«

»Möglicherweise«, erwiderte der Bürgermeister. »Aber wir wissen es nicht. Die Briefe...



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