Morus | Utopia | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 109 Seiten

Morus Utopia


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3210-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 109 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3210-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Utopia ist der Titel eines 1516 von Thomas Morus in lateinischer Sprache verfassten philosophischen Dialogs. Die Schilderung einer fernen 'idealen' Gesellschaft gab den Anstoß zum Genre der Sozialutopie. Rahmenhandlung sind die Erzählungen eines Seemannes, der eine Zeit lang bei den Utopiern gelebt haben will. Der Roman beschreibt eine auf rationalen Gleichheitsgrundsätzen, Arbeitsamkeit und dem Streben nach Bildung basierende Gesellschaft mit demokratischen Grundzügen. In der Republik ist aller Besitz gemeinschaftlich, Anwälte sind unbekannt, und unabwendbare Kriege werden bevorzugt mit ausländischen Söldnern geführt.

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Wer eine Stadt kennt, kennt die andern alle, so ähnlich sind sie untereinander, sofern nicht der Charakter der Oertlichkeit eine Aenderung bedingt.

Ich werde daher eine beliebige schildern, es kommt wirklich nicht besonders darauf an, welche. Aber welche lieber als Amaurotum? Denn sie ist die angesehenste, so daß ihr die andern den Vorrang des Senatssitzes überlassen; auch ist mir keine besser bekannt, insofern ich fünf Jahre ununterbrochen dort gelebt habe.

Amaurotum liegt also an einer sanften Berglehne und ist von Gestalt beinahe viereckig. Ihre Breite beginnt etwas unterhalb des Gipfels des Hügels und erstreckt sich zweitausend Schritt am Flusse Anydrus hin; den Fluß entlang beträgt die Länge etwas mehr.

Der Anydrus entspringt achtzig Meilen oberhalb Amaurotums aus einer mäßigen Quelle, aber durch den Zufluß anderer Flüsse, darunter zweier ziemlich großen, verstärkt, wird er vor der Stadt fünfhundert Schritt breit, und nach einem weiteren Laufe von sechzig Meilen fällt er ins Weltmeer. Wenn bei der Fluth das Meer gegen dreißig Meilen weit eindringt, so erfüllt es das ganze Bett des Anydrus mit seinen Wellen und drängt das Flußwasser zurück. Da wird sein Wasser eine ziemliche Strecke mit Salzgeschmack verdorben, sodann wird der Fluß allmählich wieder süß, und durchfließt klar die Stadt; wenn dann die Ebbe eintritt, dringt umgekehrt sein unvermischtes reines Wasser fast bis zur Mündung vor. Die Stadt ist mit dem gegenüberliegenden Ufer durch eine herrlich gewölbte Brücke von Steinwerk, nicht etwa bloß von hölzernen Pfeilern oder Pflöcken verbunden in jenem Stadttheile, der am weitesten vom Meere entfernt ist, damit die Schiffe dort ganz ungehindert vorüberfahren können.

Es gibt übrigens noch einen zweiten Fluß, nicht sehr groß, aber von sanftem und anmuthigem Lauf. Er entspringt demselben Berge, auf dem die Stadt liegt, fließt mitten durch diese und fällt in den Anydrus. Quelle und Ursprung dieses Flusses haben die Amaurotaner, weil sie etwas außerhalb der Stadt liegen, mit Befestigungen eingefaßt und so mit der Stadt verbunden, damit, wenn eine feindliche Macht eindränge, sie das Wasser in derselben weder auffangen, noch ableiten, noch verderben könne. Von da wird das Wasser in aus Backsteinen gemauerten Kanälen in verschiedenen Richtungen in die unteren Theile der Stadt geleitet, und wo das der örtlichen Beschaffenheit nach nicht möglich ist, wird das Regenwasser in geräumigen Cisternen gesammelt und leistet denselben Dienst.

Eine hohe und breite Mauer mit zahlreichen Thürmen, Basteien und Bollwerken umgibt die Stadt; trockene aber tiefe und breite Gräben, mit Zäunen von Dorngestrüpp umwegsam gemacht, ziehen sich von drei Seiten um die Stadtmauern, auf der vierten versieht der Fluß die Stelle des Grabens.

Die Straßen sind nicht allein zum Fahren, sondern auch die Winde abzuhalten geeignet; die Gebäude sind schmuck und bilden mit der Vorderfront eine zusammenhängende Reihe in einer Straßenbreite von fünfzehn Fuß.

An der Hinterseite der Häuser liegen große Gärten, die ganze Länge der Straße entlang, an die wieder die Rückseite anderer Straßen stößt. Kein Haus, das nicht, wie vorneheraus die Straßenthür, so nach hinten ein Pförtchen in den Garten hätte. Diese Thüren sind zweiflügelig, mit einem leichten Druck der Hand zu öffnen, und gehen dann auch von selber wieder zu und lassen Jedermann ein, denn Privateigenthum gibt es ja nicht. Denn selbst die Häuser vertauschen sie alle zehn Jahre durchs Loos.

Diese Gärten halten sie hoch. Darin haben sie Weinberge, Früchte, Kräuter, Blumen, von solcher Pracht und Pflege, daß ich nirgends mehr Ueppigkeit und Zier gesehen habe. Ihr Eifer in dieser Art Gärtnerei entspringt nicht nur bloß dem Vergnügen, sondern auch einem Wettstreite der Straßen untereinander in Bezug auf die Pflege der einzelnen Gärten und sicherlich ist in der ganzen Stadt nichts Nützlicheres und Angenehmeres für die Bürger zu finden. Der Gründer der Stadt scheint denn auch auf nichts mehr Sorgfalt verwendet zu haben, als auf diese Gärten. Und richtig heißt es, Utopus selbst habe von allem Anfang diese Gestalt und Anlage der Stadt vorgesehen. Aber die Ausschmückung und den weiteren Ausbau, wozu, wie er voraussah, ein Menschengeschlecht nicht genügen würde, hat er den Nachkommen überlassen.

Und so steht in ihren Annalen geschrieben, die sie von der ersten Besitzergreifung der Insel an, die Geschichte von siebzehnhundertundsechzig Jahren umfassend, fleißig und gewissenhaft zusammengestellt aufbewahren, daß die Häuser im Anfang niedrig, wie Baracken und Schäferhütten, waren, aus beliebigem Holze errichtet, die Wände mit Lehm verschmiert, die Dächer spitz zulaufend und mit Stroh gedeckt.

Heutzutage ist jedes Haus elegant mit drei Stockwerken gebaut, die Außenseite der Mauer entweder von Kieselstein, Cement oder gebrannten Steinen, auf der Innenseite mit Bruchstein ausgekleidet. Die Dächer sind flach und werden mit einer Kalkmasse belegt, der das Feuer nichts anhaben kann und die gegen die Unbilden des Wetters sich widerstandsfähiger als Blei erweist. Den Wind halten sie durch Glas ab (dessen Gebrauch ihnen ganz geläufig ist). Doch gibt es auch Fenster von sehr dünner, mit klarem Oel oder Bernstein getränkter Leinwand, was den doppelten Vortheil hat, daß mehr Licht und weniger Wind durchgelassen wird.

Von den Obrigkeiten.



Je dreißig Familien erwählen sich jährlich eine Obrigkeit, die sie in ihrer alten Sprache Syphogrant, in der neuen Phylarch nennen. Zehn Syphogranten mit ihren Familien steht ein, wie es früher hieß, Traniborus, jetzt Protophylarch genannt, vor.

Endlich schwören alle Syphogranten, deren zweihundert sind, daß sie den zum Fürsten erwählen wollen, welchen sie für den tauglichsten halten, wozu sie in geheimer Abstimmung Einen von den Vieren ernennen, die ihnen das Volk vorgeschlagen hat. Aus jedem Stadtviertel wird Einer erwählt und dem Senate empfohlen. Das Fürstenamt gilt für Lebenszeit, wofern dem nicht der Verdacht der vom Fürsten erstrebten Tyrannis entgegensteht.

Die Traniboren werden alle Jahre gewählt, aber man wechselt nicht leichtlich mit ihnen. Alle übrigen Obrigkeiten sind jährliche. Die Traniboren kommen alle drei Tage und, wenn erforderlich, noch öfter, mit dem Fürsten zusammen, um über Staatsangelegenheiten zu berathen; Privatrechtsstreitigkeiten (wenn welche vorliegen), welche sehr selten sind, erledigen sie rasch. Syphogranten werden immer zwei in den Senat beigezogen, und zwar jeden Tag andere, indem vorgesehen ist, daß keine Beschlüsse über Staatsangelegenheiten gefaßt werden über die nicht drei Tage vorher im Senate berathen und verhandelt worden ist.

Außer dem Senate oder den Volksversammlungen über öffentliche Handlungen Berathungen zu halten, gilt für ein todeswürdiges Verbrechen. Diese Satzung besteht, wie es heißt, deswegen, auf daß es durch eine Verschwörung des Fürsten und der Traniboren nicht so leicht möglich sei, das Volk durch eine Tyrannis zu unterdrücken und die Staatsverfassung gewaltsam abzuändern. Daher werden wichtige Angelegenheiten in den Versammlungen der Syphogranten vorgebracht, die ihren Familien davon Mittheilung machen, dann unter sich darüber berathen und das Ergebniß ihrer Berathschlagung dem Senate kundgeben.

Manchmal kommt die Sache auch an den großen Rath des ganzen Inselreichs. Auch übt der Senat die Gepflogenheit, daß über keine Sache an demselben Tage, an dem sie vorgetragen wird, debattirt, sondern dies bis zur nächsten Senatssitzung verschoben wird, damit Einer nicht mit dem, was ihm gerade auf die Zunge kommt, unbedachtsam herausplatze und dann mehr darauf sinne, wie er es vertheidige, als was dem Staatswesen zum Heile gereiche und somit lieber wolle, daß dem Staatswohl als der Meinung über sein eigenes Ich Abbruch geschehe, indem er aus falscher Scham nicht will, daß man merke, er habe von Haus aus so wenig Voraussicht gehabt.

Von Haus gilt es überlegt zu sprechen, nicht rasch mit dem Worte fertig zu sein.

Von den Handwerken.



Eine allen Männern und Frauen gemeinsame Kunst ist der Ackerbau, dessen Niemand unkundig ist. In ihm werden Alle von Kindheit auf unterrichtet, theils in der Schule nach überlieferten Lehren, theils, indem sie auf die der Straße nächstgelegenen Felder wie zum Spiel hinausgeführt werden, wo sie den Arbeiten nicht nur zusehen, sondern zugleich Gelegenheit zur Körperübung benützend, sie auch wirklich ausüben.

Außer dem Ackerbau (der, wie gesagt, Allen gemeinsam ist), erlernt Jeder eine beliebige Hantirung als seinen Beruf, wie z.B. die Wollweberei, die Flachsbereitung, das Maurer-, Schmiede-, Schlosser-und Zimmermannshandwerk. Denn es gibt kein anderes Handwerk, das dem Betriebe nach einigermaßen erwähnenswerth wäre.

Der Schnitt der Kleider...



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