Moszkowski | Meister Robinson | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 265 Seiten

Moszkowski Meister Robinson


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3217-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 265 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3217-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Moszkowski greift hier die Geschichte des Robinson Crusoe auf und erzählt diese fort. Es wirkt wie ein Märchen und ist doch Wirklichkeit, es erzählt die Wahrheit und umspinnt den Leser dennoch mit Zauberfäden. Denn glaubt man dem Autor: nichts ist so wunderbar wie die Natur, und alle Feengeschichten können sich vor dem Buch der Welt verstecken. Man muß es bloß an der richtigen Stelle aufschlagen, da wo man es zu lesen versteht. Und das ist hier geschehen ...

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Vater: Robinson betrachtete auf der Suche nach Nahrung zunächst die schönen, prächtigen Bäume, die rings umher standen. Aber nirgends sah er an ihnen Früchte hängen, die zum Essen verlockten. Da wölbten riesige Palmen ihre mächtigen Kronen über einem kahlen Stamm, Korkeichen von ungeheurer Größe trugen dichtes Laubwerk, Myrtenstämme leuchteten in tiefem Grün, der Eukalyptus blühte, und hohe Farnkräuter wucherten in üppigem Wuchs. Dieser tropische Wald sah wunderschön aus, aber Robinson hatte keine Muße, sich daran zu ergötzen, denn immer lebhafter meldete sich der leere Magen. Er wußte nicht, was er nun beginnen sollte, und schon wollte die Verzweiflung in ihm wieder aufkommen. Aber da überlegte er sich, daß an Waldrändern oft der Baumwuchs ein anderer ist als im Innern, und so sehr er sich auch fürchtete, in den düsteren Wald einzudringen, blieb ihm doch nichts anderes zu tun übrig.

Und kaum hatte er eine kurze Strecke zwischen den herrlich ragenden, aber ihm nicht nützlichen Bäumen zurückgelegt, da sah er eine Pflanze stehen, deren Früchte er als gute Bekannte jubelnd begrüßte. In ganzen Scharen wuchs dort der Pisang, dessen wundervolle Frucht wir die Banane nennen. In ungeheuren Dolden hingen die Früchte von dem niedrigen Stamm herunter; Robinson brauchte nur zuzugreifen und zu essen. Es war eine etwas andere Bananenart, als sie bei uns so viel auf den Markt kommt, etwas weniger süß, dafür aber um so nahrhafter, die sogenannte Mehlbanane, die für viele tropische Völker das Hauptnahrungsmittel ist. Und nicht genug damit, fand Robinson auch in der Nähe schöne große Melonen.

 Ursula: Oh, wie müssen ihm die geschmeckt haben!

Johannes: Ich weiß nicht, ob er sie wohl gleich essen konnte, denn die dicke Melonenschale läßt sich ja nicht so leicht abziehen, wie man es bei den Bananen tun kann.

Dietrich: Ja, da fehlte ihm wohl zum erstenmal das Werkzeug.

Vater: Wirklich mußte sich Robinson vorläufig nur an die Bananen halten und den Genuß der Melonen noch aufschieben.

Peter: Kamen denn keine wilden Tiere, die ihn fressen wollten?

Vater: Davor fürchtete Robinson sich sehr und ebenso vor wilden Menschen. Während seines Schmauses blickte er sich immer scheu um und erschrak bei jedem Geräusch. Als der erste wildeste Hunger gestillt war, nahm er denn auch einen Haufen Bananen nebst einigen Melonen und lief aus dem Wald heraus an den offenen Strand, wo ihn wilde Menschen oder Tiere, wenn sie kommen sollten, nicht ungesehen beschleichen konnten. Da er bei seinem Schmaus gern eine Abwechselung haben wollte, versuchte er, eine Melone mit den Händen aufzubrechen. Aber das gelang ihm nicht. Da ließ er seine Augen umherschweifen, und bald sah er etwas am Strand, womit er sich helfen konnte. Es lagen nämlich viele Muschelschalen dort, und er wählte sich eine recht scharfe aus, mit der er die Melone ganz leicht durchschneiden und die Schale entfernen konnte.

Johannes: Das war tüchtig von Robinson. Ich glaube, der wird sich schon weiter durchhelfen.

Vater: Nachdem er noch einmal aus der Quelle getrunken hatte, fühlte unser Freund sich vollkommen erquickt und neu gestärkt. Aber bald quälte ihn eine andere Sorge, die gleichfalls eine Notwendigkeit des Daseins betraf. Was brauchen wir denn außer dem Essen, Trinken und Atmen unbedingt, um unser Leben zu erhalten?

Peter: Eigentlich doch nichts weiter, Vater. Wenn man gegessen hat und auch nicht durstig ist, so kann man doch immer weiter leben.

Dietrich: Ich denke, Vater meint wohl den Schlaf.

Vater: Das ist auch eine Art Nahrungsmittel. Wie Essen und Trinken den übrigen Körper, so stärkt, erfrischt und erneut der Schlaf das Gehirn. Er macht es wieder fähig zum Denken und Arbeiten, wenn es vorher kaum noch dazu imstande war. Wenn dem Menschen der Schlaf lange Zeit fehlt, so kann er ebensowenig leben, wie wenn er keine Möglichkeit hat, Nahrung aufzunehmen. Länger als dreimal vierundzwanzig Stunden vermag wohl niemand ununterbrochen zu wachen. Es wird aus früheren grausamen Zeiten erzählt, daß man Menschen, die zum Tode verurteilt waren, dadurch umbrachte, daß man sie durch ständige, leichte Quälereien am Schlafen verhinderte.

Johannes: Nun, Robinson hatte ja Ruhe genug zum Schlafen. Ihn störte doch niemand.

Vater: Niemand, der wirklich in seiner Nähe vorhanden war. Aber das Bewußtsein, daß wilde Menschen oder Tiere ihn während des Schlafs überfallen könnten, verhinderte ihn zunächst, als die Sonne sich schon stark zum Niedergehen anschickte, am Schlafen.

Ratlos und mit schwerbekümmertem Herzen sah er sich um. Wo sollte er die Nacht über bleiben? Da war kein Schutz, kein Raum, in dem er sich hätte sicher fühlen können. Wenn er sich einfach auf die Erde streckte, würde er die ganze Nacht hindurch kein Auge schließen; das wußte er. Denn die Angst vor einem Überfall aus dem Wald würde ihn wachhalten. Er versprach sich auch wenig davon, wenn er auf einen Baum kletterte und sich dort oben niedersetzte. Denn so dick die Äste einzelner großer Bäume auch waren, nirgends konnte man doch sicher sitzen, ohne sich anzuklammern. Und in solcher Stellung vermag der Mensch nicht zu schlafen, weil er die Muskeln ständig angespannt halten muß, was ein Ausschalten der Sinnestätigkeit verhindert.

Peter: Aber die Vögel schlafen doch, indem sie sich auf Äste setzen.

Vater: Die Natur hat ihre Klammerwerkzeuge, nämlich die Zehen, hierfür besonders eingerichtet. Wenn ein Vogel sich auf einen Ast setzt und den Körper etwas niedersinken läßt, dann bleiben seine Zehen von selbst in der Umklammerungsstellung stehen. Zwei Plättchen, die in dem Vogelbein enthalten sind, legen sich dann scharf gegeneinander, und ihre gegenseitige Reibung verhindert, daß die Zehen von selbst wieder aufgehen können. So sitzt der Vogel ganz fest auf dem Baum, ohne daß seine Muskeln hierbei Arbeit zu leisten brauchen. Der Mensch aber ist nicht dazu geschaffen, auf Bäumen zu schlafen, und so mußte sich Robinson um ein anderes Nachtlager bemühen. Das tat er auch und blieb nicht etwa verzweifelt am Strand stehen, nachdem an diesem schon von so vielen Sorgen erfüllten Tag nun noch eine neue Not über ihn gekommen war. Statt nutzlos die Hände zu ringen, wie es wohl viele andere an seiner Stelle getan, eilte er am Saum des Waldes entlang, in der Hoffnung, daß die vielfältige Natur ihm doch noch etwas darbieten würde, wohin er seine müden Glieder in Sicherheit zu betten vermöchte.

Und siehe da, er sollte nicht vergeblich suchen!

Mitten zwischen jüngeren, dünnen Bäumchen stand eine Korkeiche von so ungeheurer Mächtigkeit, wie Robinson noch niemals einen Baum gesehen hatte. Sie mochte wohl viele hundert Jahre alt sein. Ihr Stamm war ganz zerfurcht und zerrissen wie das Antlitz eines hochbetagten Menschen. Die Krone ragte so hoch empor, daß Robinson die einzelnen Zweige bei dem bereits fast ganz geschwundenen Sonnenlicht nicht zu erkennen vermochte, sondern nur ein ungeheures, schwarzes Dach dort oben wahrnahm. Etwa in Mannshöhe über den nach allen Seiten weit ausgreifenden Wurzeln des mächtigen Baums klaffte in dem Stamm eine Öffnung, groß genug, um einen Menschen hindurchkriechen zu lassen. Robinson zog sich zu dieser Öffnung empor und fand sie tief genug, um sich hineinlegen zu können. Er vermochte sich freilich nicht ganz auszustrecken, sah aber sofort, daß er hier bei fast vollkommener Sicherheit in halb liegender und halb sitzender Stellung die Nacht zudringen könnte. Hocherfreut sprang er sogleich wieder hinab, raffte dürres Laub vom Boden auf und schichtete es hoch in der Baumhöhlung auf, um sich so eine weiche Naturmatratze zu schaffen. Dann benutzte er den letzten Schimmer der von der untergegangenen Sonne noch beleuchteten Wolken dazu, aus dünnen Ästen rasch ein einfaches Geflecht herzustellen. Er kroch in den Baum, setzte dieses Geflecht vor die Öffnung, stemmte die Füße dagegen und fühlte sich nun leidlich geborgen.

 Ein Gefühl der Dankbarkeit quoll in seinem Herzen empor. Er faltete die Hände und betete so innig, wie er es vielleicht noch nie getan. Er fühlte sein Herz in Dankbarkeit gegen Gott schlagen, weil dieser ihn, da er doch nun einmal einsam und verlassen sein sollte, in ein Land gebracht, wo er jeden Tag seinen Tisch gedeckt finden würde und nicht in Kälte zu erstarren brauchte. Wie wäre es wohl gewesen, wenn die Wellen ihn auf ein kahles Felsstück geworfen oder wenn das Schiff im hohen Norden gescheitert wäre, wo die Natur monatelang unter Schnee und Eis begraben...



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