E-Book, Deutsch, 420 Seiten
Mothes Ich spüre dich leben
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96258-221-0
Verlag: PalmArtPress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 420 Seiten
ISBN: 978-3-96258-221-0
Verlag: PalmArtPress
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ulla Mothes wuchs behütet im nördlichen Brandenburg und Berlin auf. 1986 ließ sie bei ihrer Ausreise aus der DDR alles hinter sich. Innere Verlassenheit und das Ringen, mit sich eins zu werden, sind ihre Erzählmarke. In ihren Werken stellt sie sich immer eine gesellschaftliche Frage. Nach ihren Familienromanen Geteilte Träume und Flüchtiges Glück über die Zeit der deutschen Teilung und ihre Nachwehen legt sie den Finger auf hochaktuelle Probleme. Bei Morgenluft geht es um die Kraft der Gemeinschaft. Ich spüre dich leben handelt von der Courage, nicht wegzuschauen. Die passionierte Lektorin und Autorin hat eine Zeit lang in Frankfurt am Main gelebt und den kulturellen Schmelztiegel Sansibar erkundet. Zu Hause ist sie in Berlin. Preisträgerin White Raven; Shortlist DELIA-Literaturpreis.
Autoren/Hrsg.
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Flucht
In den Wolken
Das Flugzeug war wie in graue Watte gepackt. Genau wie ich mich fühlte. Beinahe schwerelos, wie schwebend in einem Uterus vielleicht. Boah, dieser Vergleich. War ja klar, dass der mir einfallen musste. Stella hätte gesagt, dass das Baby mich geleitet hätte. Das Kind, das vielleicht in diesem Moment zur Welt kam. Gleißender Schmerz durchzuckte mich, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbrach. Ich schnappte nach Luft. Das plötzliche helle Licht blendete. Der erste Tag in meinem neuen Leben war angebrochen. In meinem Leben als Fred.
Ich schloss die Augen vor der grellen Sonne. Sie brannten. Seit über dreißig Stunden hatte ich nicht geschlafen. Die letzte Nacht, die ich – nein, die Falk neben Stella verbracht hatte, hatte er wach gelegen, ihrem Atem gelauscht, ihren Duft eingesaugt und seine Finger über ihren Bauch gespreizt. Ein Füßchen am Rippenbogen! Dann das Köpfchen durch die Bauchdecke in die hohle Hand gestemmt!
Ich schaute auf meine Hand. Unwillkürlich hatte ich sie zu einer Schale gewölbt, in die der Kindskopf passte. Ich ballte sie zur Faust. Falk ist tot! Du bist Fred.
Ja, so war es. Falk hatte in dieser letzten Nacht alles in sich aufgenommen, sich verabschiedet über die Stunden hinweg. Der Morgen war früh heraufgedämmert, und Stellas Züge, ihr von der Schwangerschaft leicht gerundetes Gesicht, ihre feinen Augenbrauen, ihre sexy aufgeworfenen Lippen hatten sich nach und nach abgezeichnet. Du siehst es zum letzten Mal.
Als sie die Augen aufgeschlagen hatte, hatte er den Trennstrich gezogen und ihr nicht mehr ins Gesicht geblickt, bis er zur gewohnten Zeit aus dem Haus gegangen war. Er hatte Eile vorgetäuscht, um ihr keinen Abschiedskuss mehr geben zu müssen. Weg!
Dann die Verwandlung an einem verschwiegenen Ort. Der Brief, der am Abend zugestellt werden würde, wenn Falk endgültig verschwunden war. Stunden des Wartens im Niemandsland der Transitzone des Frankfurter Flughafens.
* * *
Ich blinzelte in die dunkle Kabine. Ich musste eingeschlafen sein. Unter mir dehnte sich die Sahara im Mondlicht. Wer bist du? Fred Körner. Geboren am selben Tag wie Falk Schönfeld. Ich betete meine Daten im Geiste herunter. Das hatte mir die gepflegte ältere Frau eingeschärft, die mich zu Fred gemacht hatte. Immer wieder vergegenwärtigen, jeden Morgen nach dem Aufwachen, besonders am Anfang. Sie hatte mir auch geraten, so wenig zu lügen wie möglich. Deshalb entsprachen meine Daten weitestgehend denen von Falk. Geboren auf dem platten Land 1990. Abitur in der Kreisstadt, Studium der Betriebswirtschaftslehre und Finanzwirtschaft in Frankfurt, Arbeit in einer Bank, dann – und wer hinterfragte so was schon – zu viel Bad Vibes, Druck und Stress, schließlich Aussteiger. Nur das Wichtigste in Falks Leben, Stella, war ausradiert.
Sie fehlt mir so sehr.
Nein, nicht dir, du bist Fred.
Stella … Ob sie unser Kind schon geboren hat? … Denk nicht dran. Du bist Fred! Du hast kein Kind … Es sollte ein Junge werden … Ein Sohn …
Es war sinnlos. Ich konnte nicht daran vorbeidenken. Das war das Schlimmste, zu gehen, obwohl wir – nein, Stella und Falk! Halt Abstand, Fred Körner! – ein Kind bekamen. Da war die Grenzlinie zwischen Gestehen und Standhaftbleiben am dünnsten gewesen. Einmal hatte ich, hatte Falk sie fast übertreten. Es war, als wir – nein, als sie, schalt um, Fred!
Ich setzte mich auf. Du musst Falk von dir abspalten, sonst wird das nichts. Aber ging das überhaupt? Als Antwort stürzte die Erinnerung an den Moment auf mich ein, als ich beinahe alles verdorben hatte.
Ich ergab mich, ließ sie kommen, so bitter es auch war.
Es war wenige Wochen her. Stella und ich hatten nach einem Tutorial auf dem Tablet das An- und Auskleiden eines Säuglings, das Wickeln und das Halten beim Baden geübt. Und zwar mit Stellas alter Babypuppe, die einen Stoffkörper hatte, der sie total lebendig wirken ließ.
Ich hatte das kaum ausgehalten und nicht richtig hingeguckt, deshalb war mir der Kopf der Puppe nach hinten weggekippt. „Nicht so!“, hatte Stella gerufen, ich daraufhin „O, Genickbruch!“ gemurmelt. Gespielt erschrocken hatte es klingen sollen. In Wahrheit war es echtes, tiefes Grauen gewesen über das, was kommen würde. Sie hatte nicht gelacht, sondern mich aufmerksam angeschaut. Mit ihren warmen hellbraunen Augen, in denen ich versinken konnte, auch beim Sex, gerade beim Sex … Mir wurde klar, dass da wohl Panik in meiner Stimme mitgeschwungen hatte. Mein sarkastischer Versuch, spaßig zu sein, war ein einziger Fail. Schnell hatte ich mich zusammengerissen und die Babypuppe erneut hochgenommen. Behutsam, obwohl ich sie am liebsten an die Wand geschmettert hätte.
Ich tauchte auf aus der Erinnerung, mühsam nur. Genickbruch. Den hatte es nun gegeben. Ich blickte hinunter auf die Wüste, die den Norden Afrikas überzog wie ein Leichentuch aus Sand.
Die Vorstellung, die Puppe an die Wand zu schmeißen, hatte mich seinerzeit nicht mal erschreckt. Ich war nicht mehr ganz bei mir gewesen. Verzweifelt, dass ich mein Kind verlassen würde, bevor es geboren war. Geschockt über das, was in der Bank geschehen war. Verstört, weil aus deinem Spiel Ernst geworden ist, dachte ich höhnisch.
Stopp, Falks Spiel, nicht Freds. Du bist Fred, und du kannst nur ein anderer werden, wenn du nicht rückwärtsgewandt in dein neues Leben startest. Sonst wirst du verrückt. Ich schnaubte leise. Wem machte ich hier was vor?
So würde das nicht gehen. Denn das Problem war, dass in meiner Legende alles leblos wurde, wenn ich Stella und meine Arbeit heraushielt. Dass Fred quasi totalamputiert in die Welt gekommen war. Damit konnte ich nicht umgehen, wurde mir klar. Totalamputiert auf die Beine kommen, sehr witzig. Ha, ha. Ich bekam einen Hustenanfall.
„Möchten Sie etwas trinken?“, fragte die Flugbegleiterin leise, die wie aus dem Nichts neben meiner Bankreihe erschienen war. Der Morgen zog herauf, die meisten Fluggäste schliefen.
Ich bat um einen Kaffee und trank in kleinen Schlucken, während ich weiter nachdachte.
Ich hatte mir noch keinen Plan für Fred gemacht. Nur die Ankunft geregelt. Einen Ort gefunden. Einen Ort zum Andocken, wie Falk an Stella angedockt gewesen war. Ich brauchte das. Ich konnte mich nicht aus dem Nichts heraus neu erfinden. Ich wollte es auch nicht. Mein Leben als Falk war spannend gewesen, beruflich echt top, bis auf das Ende – und gebettet in Stellas Liebe. Ich wollte mich nicht völlig verlieren, mich nicht verleugnen.
Selbst wenn ich jetzt Fred Körner war, geboren auf dem platten Land … Vielleicht hatte das mit dem möglichst wenig lügen nicht nur pragmatische Gründe, dass man sich nicht irgendwo verhaspelte, sondern auch seelische.
Blabla. Gib es zu, du willst Stella nicht verlieren. Nicht sofort. Nicht so schnell.
Memme.
Na und? Nicht an sie denken ginge sowieso nicht. Sie war da gewesen, seit ich laufen konnte. Mein Zuhause. Mein Reh. Stella würde jetzt von Schwingungen zwischen uns reden, irgendwas Energetisches. Davon verstand ich nichts. Aber was auch immer es war – wie konnte ich daran andocken? Davon zehren und gleichzeitig ein neues Leben beginnen? Ein Trick musste her.
Ich trank den Kaffee, Schluck für Schluck. Der Blick aus dem Fenster offenbarte, dass sich Grün in die Wüste webte, erstes Leben in das Leichentuch. Das brachte mich auf eine Idee.
Du springst einfach ganz bewusst zwischen deiner alten und deiner neuen Welt hin und her. Am Anfang jedenfalls. So wie die Finger der Wüste sich mit denen des Grüns des neuen Lebens verzahnen. Fred, ein Weltenspringer.
Eine Art Spiel. Im Spielen war ich Meister. Aber wie bekam ich das Weltenspringen hin? Ich musste ja auch ein neuer Mann werden, in meiner neuen Welt, unbedingt. Die Gedanken an Stella mochten eine Oase sein, aber in Freds Leben waren sie eine Fata Morgana, und der nachzurennen führte in den Tod.
Sich aus dem Alten heraus neu definieren und gleichzeitig der Vergangenheit nicht nachlaufen, wie sollte das gehen?
Ich trank einen Schluck Kaffee und entsann mich des Meditationsschnupperkurses von Stella, den sie mir geschenkt hatte, als es in der Bank heftig geworden war. Das Ruhigwerden und Loslassen hatte überhaupt nicht geklappt, ich war bloß ihr zuliebe hingegangen. Aber jetzt war ich Fred, und ich sollte es vielleicht noch einmal probieren. Mich wegbeamen. Wie in einer Meditationssitzung die Gedanken frei fließen lassen. Mich in Falks Welt versenken. Sollte ja angeblich Kraft spenden. Und dann kalkuliert in meine Fred-Welt zurückkehren.
Ja, ja, Stella, du würdest jetzt die Augen verdrehen. „Meditation ist Nicht-Denken“ sagen. Omm. Sorry. Mir egal. Zwei Spielfelder, eins Falk in der Versenkung, eins Fred in der Realität. Passt.
Als ich den Kaffeebecher erneut hob, fiel mein Blick auf mein Lederarmband. Es war das Einzige, was ich aus Falks Leben mitgenommen hatte. Das hätte er nicht ablegen dürfen, denn Stella würde annehmen, dass er es für sein Tun benötigt hätte. Darin waren ein Karneol, ein Onyx und ein Tigerauge eingeflochten, die für Entschlossenheit, Widerstandskraft und Mut standen, wie sie erklärt hatte. Das soll mein Sprungbrett werden, beschloss ich, trank den Kaffee aus, stellte den Becher weg und legte meine Hand um das Armband. Der Karneol fühlte sich merkwürdig warm an, als ob Stellas Wärme mich durchdränge. Ich schloss die Augen, atmete tief, spürte dem Atem nach, spürte meiner großen Liebe nach. Ich löste mich bewusst vom Jetzt...




