Mous | Boy 7 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Mous Boy 7

Vertraue niemandem. Nicht einmal dir selbst
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-401-80143-8
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Vertraue niemandem. Nicht einmal dir selbst

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-401-80143-8
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Boy 7 kommt auf einer glühendheißen, kahlen Grasebene zu sich und weißt weder, wohin er unterwegs ist, noch woher er kommt. Er weiß nicht einmal mehr, wie er heißt. Die einzige Nachricht auf seiner Mailbox stammt von ihm selbst: 'Was auch passiert, ruf auf keinen Fall die Polizei.' Wer ist er? Wie ist er hierher geraten? Und wem kann er vertrauen?

Mirjam Mous, geboren 1963 in Made in den Niederlanden, arbeitete als Sonderschullehrerin, bevor sie hauptberuflich Schriftstellerin wurde. Sie schreibt Bücher für Kinder und Jugendliche und ist besonders bekannt für ihre mitreißenden Thriller. Ihr erster Jugendroman 'Boy 7' wurde verfilmt und lief 2015 in den deutschen Kinos.
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Teil 2: Das Notizbuch

Das Gedächtnis eines jeden Menschen
ist seine persönliche Literatur.
(frei nach Aldous Huxley)

1

Lara zeigte keinerlei Interesse an dem USB-Stick. Vielleicht war sie noch gekränkt oder sie fand es nicht verlockend, mit einem halluzinierenden Idioten im selben Zimmer zu sitzen – ich konnte es ihr nicht übel nehmen –, jedenfalls lieh sie mir ihren Laptop und verschwand nach unten. Mir kam das durchaus gelegen. Man konnte schließlich nicht wissen, welche Geheimnisse der Stick enthüllen würde. Wenn ich nun doch ein Verbrecher oder Irrer war, würde ich das lieber allein entdecken.

Ich stellte den Laptop auf das Bett und nahm den Rucksack ab. Dann zog ich das Notizbuch aus meinem Hosenbund und holte den Stick aus meiner Tasche. Ich musste an Geburtstage denken, oder besser gesagt, an Geschenke, die man noch nicht ausgepackt hatte. Jetzt also nur noch hoffen, dass mich der Inhalt nicht enttäuschen würde.

Ich lehnte mich gegen die Kissen am Kopfende. Notizbuch oder Stick? Ich entschied mich für Ersteres.

Wenn du ich bist und diese Worte liest, ist mein Plan aufgegangen. Dann hast du das Schließfach mit diesem Notizbuch gefunden. Alles, was darin steht, ist wirklich passiert. Es könnte sein, dass du ... also ich, mich nicht mehr daran erinnern kann. Deswegen habe ich alles aufgeschrieben.
Wenn du jemand anderes bist, ist es schiefgegangen. Ich kann gefangen worden sein oder sogar ermordet. Bringe dieses Notizbuch und den USB-Stick bitte zur Redaktion der Time oder einer anderen großen Zeitung. Nur so kann man sie stoppen!

Das stand auf dem Deckblatt. In meiner Handschrift! Mein Plan – wie auch immer er aussehen mochte – war also aufgegangen. Ich hatte sogar gewusst, dass ich mein Gedächtnis verlieren könnte. Aber wie? Und wer waren diese ›sie‹?

Mit zitternden Fingern blätterte ich um.

Sie haben mir mein Leben weggenommen. Erst meine Kleidung und dann meinen Namen.

Ich sitze hier mit fünf anderen Jungs. Boys, so sprechen die Weißkittel uns an, wenn sie sich an die ganze Gruppe wenden. Und die Gruppe ist hier wichtig. Sie wollen nicht, dass wir Individuen mit eigenen Gedanken, Meinungen und Gefühlen sind. Uniformität ist der Zement unserer Organisation, behaupten sie. Darum müssen wir alle die gleiche Kleidung tragen und wurden zu Nummern degradiert. Buchstäblich. Mich nennen sie Boy Seven oder kurz Seven.

Louis – ein kluger, dunkelhäutiger Junge mit Kraushaar, dem die Weißkittel den Namen Boy Six gegeben haben – und ich teilen uns ein Zimmer. Er hat mir einen Stift besorgt, damit ich alles aufschreiben kann.

Schade, dass ich nicht auch eine Taschenlampe habe; der Streifen Mondschein, der durch das vergitterte Fenster über mir hereinfällt, spendet kaum genügend Licht. Weil es keinen Stuhl gibt, sitze ich auf meinem Kopfkissen auf dem kalten Boden. Alles hier ist kühl und kahl – das einzige Mobiliar besteht aus einem Etagenbett und einem Schrank – beides muss ich mir mit Louis teilen. In der Ecke befindet sich ein gekacheltes Mäuerchen, hinter dem ein Eimer steht, falls wir nachts pinkeln müssen. Tagsüber kann man das WC auf dem Flur benutzen, aber nach dem Abendsummer sind alle Türen verschlossen. Hoffentlich bekommen wir nie Durchfall.

Die erste Nacht in diesem Zimmer war die schrecklichste meines Lebens. Ich lag in diesem fremden, harten Bett und hatte mich noch nie so ängstlich und allein gefühlt. Louis schien zu schlafen, denn über mir war es still. Ich wäre auch gern eingedöst und hätte alles für einen Moment vergessen, aber mein Kopf war wie ein aufgezogener Wecker, der nicht aufhörte zu klingeln.

Ich dachte an mein eigenes vertrautes Zimmer zu Hause. An Kathys quengelige Stimme, wenn wieder einmal ein Monster unter ihrem Bett lauerte und ich sie begleiten sollte, um es zu verjagen. An meine Mutter, die von ihrem Abenddienst zurückkam, ihre Pflegerinnenschuhe mit den dicken Gummisohlen abstreifte und auf Feinstrumpfhosen nach oben schlich, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Wenn sie beruhigt war, huschte sie genauso leise wieder hinunter, um im Wohnzimmer die Spätwiederholung ihrer Lieblingssoap anzuschauen. In Gedanken sah ich sie dort sitzen, die tiefe Falte zwischen ihren Augenbrauen, und für einen Moment schien sie so echt, als bräuchte ich nur die Hand auszustrecken, um sie zu berühren ...

Jetzt weiß ich, was mit »krank vor Heimweh« gemeint ist. Ich sehnte mich so sehr nach meinem Zuhause, dass ich wie ein kleines Kind zu weinen begann.

Da stand Louis plötzlich neben mir und sagte: »Rutsch mal ein Stück.«

Normalerweiser würde ich einem Kerl, der versucht, in mein Bett zu steigen, eins auf die Nase geben, aber Louis’ Nähe reichte gerade, um die schlimmsten Monster zu verjagen. Er hat mir in dieser Nacht vermutlich das Leben gerettet.

Ich hatte eine Mutter und eine Schwester! Wie die wohl aussahen?

Ich habe übrigens noch gar nicht erzählt, weshalb ich hier sitze. In erster Linie, weil sie meine Mutter und mich hereingelegt haben, und zweitens, weil ich mir einen selten dummen Streich habe einfallen lassen. Na ja, ein paarmal denselben selten dummen Streich, aber erst beim dritten Mal wurde ich geschnappt.

Ich bin ziemlich geschickt mit Computern oder sagen wir: genial. Es hat mit Spielen angefangen, wie es so viele Leute machen, die ich kenne. Durchaus spaßig, keine Frage, aber irgendwann ähneln sich all diese Spiele. Also bin ich zum Spitzensport gewechselt. Cracken oder Hacken also, falls das jetzt noch nicht klar war. Es gibt einem wirklich einen Wahnsinnskick, wenn man die Firewall einer Bank knackt oder ein Netzwerk lahmlegt. Ja, natürlich weiß ich, dass so etwas nicht erlaubt ist, aber das war schon der halbe Spaß dabei. Und ich wollte nichts Böses. Jede Bank beschäftigt ein paar Hacker, die den ganzen Tag versuchen, ob sie die Sicherheitseinrichtungen durchbrechen können. Ich machte genau das Gleiche, bloß wurde ich nicht dafür bezahlt. Schade eigentlich!

Es war ein Kinderspiel, sich Zugang zum Computersystem unserer Schule zu verschaffen. Meistens bin ich schon zufrieden, wenn ich ein System geknackt habe, aber diesmal konnte ich es nicht lassen, ein wenig herumzuschnüffeln. Ich sah mir ein paar Privatdaten der Lehrkräfte an – leider ohne die saftigen Einzelheiten, auf die ich hoffte – und landete schon bald im Beurteilungssystem. Auf einmal schien alles so einfach. Ich hatte morgens ein D für Geschichte bekommen. Wenn ich das in ein B veränderte, würde mein Durchschnitt zu einem Befriedigend aufgemöbelt. Ein einziges Mal, dachte ich, das kann doch nicht schaden. Das stimmte auch. Peters hatte nichts gemerkt, also habe ich, als ich eine Woche später ein F in Erdkunde bekam, das auch wieder in ein B verwandelt. Kein Hahn krähte danach. Beim dritten Mal habe ich mich ein wenig zu großzügig bedient und aus ein paar Ungenügend ein A für Ausgezeichnet gemacht – und da ging es schief. Ich wurde vor den Direktor zitiert, der mich nicht nur von der Schule warf, sondern auch die Polizei einschaltete. Ein großer Mann mit teebeuteldicken Wülsten unter den Augen holte mich ab. Er stellte sich als Jones vor.

Jones! Am liebsten hätte ich lauthals »Pass auf!« gebrüllt wie das Publikum bei einer Kasperlevorstellung, wenn auf einmal der Wolf hinter Rotkäppchen auftaucht. Rotkäppchen – das kannte ich offensichtlich auch. Hatte ich vielleicht einmal Kasperletheater für Kathy gespielt?

Sie steckten mich in eine Zelle, wo sie mich ohne weitere Erklärung stundenlang warten ließen. Jones hatte mir mein Handy abgenommen, sonst hätte ich mich wenigstens noch mit einem Spiel beschäftigen oder jemanden anrufen können. Meinen Rucksack mit meinen Schulsachen durfte ich nach einer gründlichen Inspektion jedoch behalten. Nur die Stifte – laut Jones mögliche Stichwaffen – nahmen sie aus meinem Mäppchen. Mit dem Rest war es nicht weit her: ein paar Schulbücher und Hefte, mein Taschenkalender, dieses nagelneue und noch unbenutzte Notizbuch, das mir Kathy zum Geburtstag geschenkt hat, ein Päckchen Kaugummi und ein Comic über Außerirdische. Ich versuchte zu lesen, aber ich war viel zu nervös und konnte mich nicht konzentrieren, also ließ ich es nach zwei Seiten wieder sein. Ich kaute Kaugummi um Kaugummi und klebte die ausgekauten Pfropfen trotzig an die Wand. Noch bevor das Päckchen geleert war, sank mein Widerstandsdrang gegen null. Allmählich befürchtete ich schon, sie würden mich die ganze Nacht in dieser Zelle sitzen lassen wollen, als meine Mutter hereinkam.

Ich liebe meine Mutter und Kathy, aber wir sind nicht so eine Familie, die sich ständig herzt und aneinanderklebt. Seit meinem zehnten Lebensjahr geben wir uns nur noch an Geburtstagen einen Kuss. Beim letzten Mal, als ich meine Mutter umarmte, hatte das nichts mit Zuneigung zu tun – ich wollte nur testen, wie hoch ich sie heben konnte, weil ich in einer Fernsehsendung über Finnland einen Wettkampf im Frauentragen gesehen hatte.

Aber eins kann man mir getrost abnehmen: Wenn einen die Mutter aus der Zelle holt, will man nichts lieber, als sie festhalten und nie mehr loslassen. Auch wenn man schon fünfzehn ist.

Es war, als würde ich einem Pfosten mit Elektrozaun um den Hals fallen.

»Wie konntest du nur?«, fragte sie.

Die Tränen brannten hinter meinen Lidern. »Es tut mir leid.«

»Das hättest du dir vorher überlegen sollen.« Sie setzte sich auf die Kante des schmalen Betts und hielt mir eine Predigt, bei der die meisten Fernsehpfarrer vor Neid erblasst wären.

Ich lauschte mit hängenden Schultern und gelobte Besserung. »Gehen wir...



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