E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Máté Leben wie in der Toskana
2. Auflage 2013
ISBN: 978-3-492-96436-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie man Einfachheit, Warmherzigkeit und Leichtigkeit für sich entdecken kann
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-492-96436-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ferenc Máté, geboren in Ungarn und aufgewachsen in Kanada, hat in Kalifornien, Frankreich und New York gelebt. Mehrere Jahre reiste er auf Segelbooten über die Weltmeere und publizierte als Fotograf und Autor Bücher und Kalender über Segelboote. Schließlich faßte er den Entschluß, auszusteigen und sich den Traum vom eigenen Haus und Olivenhain in der Toskana zu erfüllen. Heute lebt er mit seiner Frau, der Malerin und Weinbauerin Candace, und dem gemeinsamen Sohn in Montalcino, wo sie ein Weingut betreiben.
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Wohin sind all unsere Nachbarn verschwunden?
Nirgendwo auf der Welt sind die Familienbande enger als in der Toskana. Oft leben drei bis vier Generationen unter einem Dach, Kinder übernehmen in der Regel die Familienbetriebe, Festtage werden in der Großfamilie begangen, selbst an den meisten Sonntagen besuchen Vetter, Onkel, Neffen und Großmütter einander. Und wenn irgendwo Not am Mann ist, steht ein Verwandter immer schon parat. Doch so wertvoll Angehörige auch sind, ein ehrwürdiges toskanisches Sprichwort wird bis heute hoch gehalten: Ein guter Nachbar ist so viel wert wie ein Dutzend Verwandte.
Bis vor kurzem standen Worte wie »Nachbar« und »Nachbarschaft« in Europa und Nordamerika für etwas ganz Besonderes. Die Nachbarschaft war die soziale »Landschaft« um uns, in der wir uns sicher und zugehörig fühlten. Dorthin schickte man die Kinder morgens, damit sie mit den anderen spielten. Man ermahnte sie lediglich, zum Mittagessen wieder heim zu kommen. Wohin sie gingen und was sie trieben, brauchte einen nicht zu interessieren, schließlich hatte die Nachbarschaft sie immer im Auge. Dabei ging nicht nur um den Schutz der Kinder, etwa vor Verbrechern, nein, die Nachbarn und die Nachbarschaft erzogen die Kinder mit. Schelte vom Nachbarn, wenn man sich daneben benommen hatte, wurde genauso akzeptiert wie seine Hilfe – der Nachbar hatte nicht nur das Recht, sich einzumischen, sondern sogar eine gewisse Pflicht dazu. In der Nachbarschaft lernten die Kinder Sozialverhalten, dort zogen ihre (Un-)Taten sofort Konsequenzen nach sich, dort beurteilte man ihr Verhalten neutral, nicht mit einem durch Liebe verzerrten Blick.
Wenn ein Kind zuhause verzogen wurde, korrigierte die Nachbarschaft das. Umgekehrt füllte die Nachbarschaft aber auch die Lücke, wenn ein Kind zuhause zu wenig Aufmerksamkeit bekam. Natürlich war nicht alles perfekt, manchmal flogen böse Worte, manchmal Blumentöpfe, aber durch die tägliche Interaktion lernten Kinder, welche Strafen und Belohnungen die Menschheit in petto hatte. Durch den ständigen Kontakt zu alten wie jungen Nachbarn wurden sie lebenstüchtig: Sie lernten, wie man durchs Leben navigierte.
Es gab zwar keine organisierten Nachbarschaftsdienste, aber wenn man sie brauchte, waren die Nachbarn für einen da. Egal, ob nun die Couch verrückt oder das Auto gerichtet werden, ob man sich eine Tasse Zucker oder Geld borgen musste, etwas aus dem Laden brauchte, eine warme Mahlzeit für einen Kranken oder einen Babysitter für Katze oder Kinder: Man musste nur klopfen, und der Nachbar half.
Als kürzlich ein Schneesturm über die britischen Inseln gefegt war, äußerte sich der Leiter der Sozialbehörden Londons in einem BBC-Interview besorgt um die allein lebenden Alten. Er erklärte, den besten Schutz biete »das altbewährte Rezept«, beim Nachbarn nachzusehen, ob es ihm gut gehe, ob die Heizung laufe, ob man ihm irgendwie helfen könne, zum Beispiel beim Unterbinden von kalter Zugluft. Wehmütig fügte er hinzu: »Früher haben wir das gutnachbarliches Verhalten genannt.« Irgendwann scheinen wir es vergessen zu haben.
Auf dem Land wird in der Toskana dieses gutnachbarliche Verhalten bis ins Extrem betrieben. Braucht man bei irgendetwas Hilfe, ruft man den Nachbarn an; wenn bei dir im Garten gerade alles gleichzeitig reif wird, bekommt dein Nachbar einen prall gefüllten Korb, wenn ein Jäger Glück hat, nehmen auch die Nachbarn am Festmahl teil, ständig geht Gebackenes hin und her. Und wenn ein Nachbar krank ist, ein Feld gepflügt werden oder Feuerholz beschafft werden muss, dann stehst du bereit und hilfst. Dr.Talenti macht zwar weiter seine beruhigenden Hausbesuche, aber wenn schnell ein Medikament besorgt oder gar eine Spritze gesetzt werden muss, dann erledigt das ein Nachbar, der sich damit auskennt. Als Candace, meine bessere Hälfte, einmal Lungenentzündung hatte, kam unsere Nachbarin Marina zwei Mal am Tag vorbei und spritzte ihr Antibiotika, die – zusammen mit Marinas knoblauch- und basilikumreichen ragù – Candace das Leben retteten.
Doch so wichtig diese konkreten Handreichungen sind: Noch wichtiger ist der emotionale Rückhalt, von Leuten umgeben zu sein, die sich um dich sorgen. Man wird zufriedener mit dem, was man hat, und dadurch entspannter, offener. Es macht einen, auch wenn das abgedroschen klingt: glücklich.
Jedes Mal, wenn ich nach Italien zurückkehre, seufze ich erleichtert. Bei der Fahrt der Küste entlang, dann durch die Hügel werde ich immer ruhiger, und wenn ich unseren Kirchturm sehe und einen guten Kilometer von unserem Haus auf den Schotterweg biege, kommt mein Herz ganz zur Ruhe. Ich fahre am Anwesen der Bartolommeis vorbei, dem der Castellis, dann an Marinas Häuschen. Ich bin daheim. Zuhause.
Kürzlich hat eine interessante Studie der medizinischen Fakultät an der Universität Harvard quantifiziert, wie viel Glück wir aus unserem Umfeld beziehen. Fünftausend Erwachsene sollten in einem Fragebogen erst angeben wo sie selbst wohnten, wo sie arbeiteten, und wo ihre Freunde und Verwandten wohnten. Danach wurden sie gefragt, wie sehr sie ihr Leben genossen, wie optimistisch sie in die Zukunft sahen, wie glücklich sie waren und wie sehr sich sich selbst wertschätzten. Alle zwei bis vier Jahre stellten die Forscher der Teilnehmern die gleichen Fragen wieder. Die Ergebnisse waren verblüffend: Das »Glücklichsein« eines Kollegen hatte keinerlei Auswirkungen auf das eigene Wohlbefinden – vielleicht wegen der Konkurrenz am Arbeitsplatz, vielleicht, weil wir alle doch ein wenig zu Schadenfreude neigen. Wenn hingegen der Partner glücklicher war, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst glücklich war, um acht Prozent. Sehr ähnliche Effekte fanden sich auch für in der Nähe lebende Geschwister (14Prozent). Am erstaunlichsten aber war der Glückseffekt von Nachbarn: Er machte sensationelle 34Prozent aus. Das wurde nur noch vom Glückseffekt enger Freunde übertroffen, die weniger als eine Meile vom eigenen Wohnort entfernt lebten.
Der Leiter der Studie, Professor Nicholas Christakis, folgerte daraus: »Leute sind in soziale Netze eingebunden, in denen die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Menschen die Gesundheit und das Wohlbefinden von anderen beeinflusst.«
Doch wie wenig Zeit und Mühe verwenden wir darauf, unsere guten Beziehungen zum Nachbarn zu pflegen? Vor gar nicht allzu langer Zeit kannte man in seiner Straße jeden. Was ist seitdem passiert? Haben wir keine Zeit mehr für den persönlichen Kontakt? Oder fällt es uns schlicht leichter, eine E-Mail an einen tausend Kilometer entfernten Menschen zu schreiben, als mit dem Nachbarn zu plaudern? Der Kontakt per E-Mail geht schneller, ist unverbindlicher und weniger anstrengend – kurz, wir müssen weniger Zuwendung zeigen. Oder liegt es an unseren anonymen Neubausiedlungen, in denen es nicht einmal mehr Bürgersteige gibt, über die man zu seinem Nachbarn schlendern könnte? Was ist nur aus der kommunikationsförderndsten aller nordamerikanischen Erfindungen geworden, der Veranda vor dem Haus?
Während meiner Jugend in Vancouver spielte sich auf diesen Veranden ein Wunder an Geselligkeit ab: Wenn man nur lang genug dasaß, konnte man mit der ganzen Welt plaudern. Die Nachbarn flanierten vorbei, lehnten sich über den Zaun und ratschten oder kamen näher, ließen sich auf einen Stuhl plumpsen und redeten. Ernie Flint kam, um eine Zigarette zu schnorren, John Hardys Schwester setzte sich auf die Stufen und lackierte ihre Nägel, ich hörte mir Eddies Klagen über seine Hühner an, der Bäcker jammerte über seine geschwätzige Frau. Oder ich beschwerte mich bei Mom über die seltsame alte Frau Kindler, die in Bio sechs Tafeln vollgeschrieben und uns gezwungen hatte, jedes verdammte Wort abzuschreiben. Oder ich saß einfach da und sah den Mädchen nach und den Kindern beim Spielen zu. Oder ich parkte Oma in ihrem Schaukelstuhl.
Doch in den letzten dreißig Jahren hat sich viel verändert. Omas leben jetzt weit weg in einem »Heim«, die Kinder holen sich auf den Baseballplätzen Magengeschwüre, Mama geht zur Arbeit, die Freunde sind damit beschäftigt, die Yacht zu schrubben, und der Nachbar winkt, wenn er vom Auto zum Haus eilt, und ruft: »Hallo!«, weil er deinen Namen nicht kennt. Und die Veranden sind verschwunden, gewichen imposanten Carports für drei Autos.
Der Tod der Nachbarschaft kam nicht über Nacht, sondern schleichend. Hier eine Gedankenlosigkeit, dort ein winziges Versäumnis, zu viel Ehrgeiz, ein wenig übertriebene Gier. Er hat sich leise angeschlichen, wie der Treibhauseffekt, der Wahnsinn der Wall Street, die allgegenwärtige Lebensangst in unserer Gesellschaft. Was wird aus der Zukunft? Wie sehr werden sich die Dinge verändern, nun, da unser Leben derart hektisch ist, dass uns zum Nachdenken oder für unsere Mitmenschen gar keine Zeit mehr bleibt? Und keine Oma auf der Veranda uns mehr an einfachere Zeiten, bessere Tage erinnert.
Wohin sind nun alle Nachbarn verschwunden? Nicht nur in Amerika, auch in Europa, auf dem Land? Und was soll uns das »Glück« ersetzen, das sie uns, wie die Harvard-Studie zeigte, verschafft haben? Ich befürchte, dass nichts uns das ersetzen kann. Denn ich habe in zwei Weilern erlebt, was passiert, wenn man seine Nachbarn aus den Augen verliert.
Der erste liegt in der Toskana, auf einem Hügelkamm vor dem mittelalterlichen Bergstädtchen Montepulciano. Von hier bietet sich ein atemberaubender Blick auf die sich in den Himmel reckenden Mauern und Türme der Stadt. Eine Schotterstraße verläuft den Grat entlang, darunter im Tal liegen alle paar hundert Meter ein paar Steingebäude. Der Boden hier ist gnadenloser Ton, der sich nur bei einer ganz bestimmten Feuchtigkeit bearbeiten lässt. Zu trocken wird er...




