E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Muacevic Die revolutionäre Krebstherapie
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8338-9932-4
Verlag: GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das CyberKnife – wie Robotermedizin uns heilt: schmerzfrei, wirksam und ohne Operation
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-8338-9932-4
Verlag: GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Dr. med. Alexander Muacevic ist ein weltweit führender Neurochirurg und Pionier der Cyberknife-Technologie, die er 2005 in Deutschland einführte. Als Gründer des Europäischen Cyberknife Zentrums in München und Mitgründer der wissenschaftlichen Publikationsplattform Cureus prägt er die Weiterentwicklung innovativer Tumortherapien. Mit über 150 Publikationen und einer Professur an der LMU München gilt er als visionärer Experte in der Radiochirurgie.
Autoren/Hrsg.
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Impressum
Zum Autor
Wichtiger Hinweis
Prolog
Das Präzisionstool gegen Krebs
Verschiedene Konzepte im Wettbewerb
Innovation muss sich durchsetzen
Einsatzgebiete des CyberKnife
Epilog
Dank
Quellen
TUMOR IM FADENKREUZ: ABLAUF DER CYBERKNIFE-THERAPIE
Im Vergleich zu einem herkömmlichen Strahlengerät kann die Behandlung mit dem CyberKnife Tumorziele mit einer Exaktheit von 0,4 bis 0,5 Millimetern im gesamten Körper erreichen: am Auge, an der Wirbelsäule, in der Lunge, Leber, Niere oder auch in der Prostata. Diese hohe Präzision wird über ein robotergestütztes Radiochirurgie-System gewährleistet, das ein Team aus Radiochirurg und Medizinphysiker individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt programmiert.
Im ersten Schritt lokalisieren die Experten den Tumor über hochauflösende Bildgebungsverfahren wie CT oder MRT. Als Nächstes berechnen sie mit einem speziellen Planungssystem die präzise Steuerung der Strahlendosis und -richtung, die den Tumor zerstört und dabei möglichst wenig das umgebende gesunde Gewebe schädigt. Je nach Lage und Größe der krankhaften Gewebeveränderung kann dies bis zu 24 Stunden dauern.
Ist das passiert, folgt die Therapie: Der Patient kann am Behandlungstag wie gewohnt essen und auch gegebenenfalls notwendige Medikamente ganz normal einnehmen. Vor Beginn der Behandlung platziert sich der Patient auf der sogenannten Couch, einer ebenfalls robotergesteuerten, hochbeweglichen Behandlungsliege, die sich optimal positionieren lässt. Bei Tumoren im Körperbereich ist keine Fixierungsmaßnahme nötig. Bei Tumoren im Kopfbereich legt der Patient eine thermoplastische Maske an, die sicherstellt, dass der Kopf nicht zur Seite kippt, falls er oder sie einschlafen sollte. Dann beginnt der Roboter, sich um den Patienten zu bewegen. An seinem Kopf ist eine Strahlenquelle, ein sogenannter Linearbeschleuniger montiert, der die Strahlen aus fast jeder beliebigen Richtung an die zu behandelnde Stelle lenken kann, immer im Abstand von 80 Zentimetern zum Patienten.
Für die Behandlung ist keine spezielle Bekleidung, wie zum Beispiel ein OP-Hemd, notwendig, der Patient kann in bequemer Straßenkleidung bleiben. Das ist für viele ungewöhnlich. Ich erinnere mich an einen Patienten, der an verschiedenen Stellen im Körper Tumore hatte. Am ersten Therapietag erschien er mit einer kleinen Reisetasche und zog sich in die Umkleide zurück, wo die Patienten vor der Behandlung Mantel und Schuhe ablegen. Ein paar Minuten später kam er in einem elegantem Seidenpyjama und mit Lederslippers in den Bunker. Als ich ihm sagte, dass er gern in seiner Straßenkleidung bleiben könne, antwortete er: »Ich bestehe darauf.«
Im Raum sind bis zu sechs Kameras verteilt, sodass das ärztliche Team die Therapie aus jeder Richtung genau verfolgen und mit dem Patienten über eine Gegensprechanlage kommunizieren kann. Um die 20 bis 30 Minuten dauernde Behandlung so entspannt wie möglich zu gestalten, ist es möglich, Musik zu hören.
Vor ein paar Jahren bereitete mein Team einen 18-jährigen Patienten für die Behandlung vor. Ich saß in meinem Sprechzimmer, als auf einmal ein Höllenlärm losging. »Wird hier gebaut?«, fragte ich mich und ging nach draußen, wo ich dumpfe Schläge hörte, die vom Bunker im Untergeschoss kamen. Auf dem Weg nach unten schallte mir laute Rap-Musik entgegen. Über die Kamera konnte ich sehen, wie der junge Patient, offenbar ein Eminem-Fan, unter dieser Beschallung seelenruhig auf der Couch lag, während der Roboter seine Arbeit tat.
Am Ende der Therapie bleibt noch die Nachsorge: Unmittelbar nach der Behandlung erfolgt ein Abschlussgespräch zu möglicher Medikamenteneinnahme und zur sechs- und zwölfmonatigen Nachkontrolle, bei der der Radiochirurg mit klinischen oder bildgebenden Verfahren den Heilungsverlauf dokumentiert. Im Anschluss an die Behandlung und Nachbesprechung kann der Patient sofort den gewohnten Tagesaktivitäten nachgehen. Denn ein stationärer Aufenthalt nach der CyberKnife-Therapie ist nicht nötig.
Bewegung ist kein Problem
Wie ermittelt der Roboter die genaue Position des Tumors, wenn der Patient sich doch bewegen kann? Dabei spielt das schon erwähnte Bildführungssystem eine zentrale Rolle. Es sorgt dafür, dass die Strahlen immer exakt auf den Tumor ausgerichtet bleiben, selbst wenn sich der Patient oder der Tumor aufgrund natürlicher Körperprozesse bewegt. Die Position eines Lungentumors verschiebt sich beispielsweise durch den Atemrhythmus. Das heißt, jede Information, die das CyberKnife vor der Behandlung über die momentane Lage des Tumors bekommen hätte, veraltet sofort. Damit das nicht passiert, erfasst das Bildführungssystem die oberflächliche Atembewegung des Patienten und sendet kontinuierliche Signale davon an den Roboter. Während der Behandlung machen Kameras kontinuierlich Bilder des Tumors und der umliegenden Anatomie, die das CyberKnife dann mit zuvor erstellten Referenzbildern abgleicht und die Strahlenbahn an selbst geringste Positionsveränderungen automatisch anpasst. Der robotergesteuerte Strahlenarm kann in sechs Achsen, drei Translations- und drei Rotationsachsen, nachjustieren, um genau festzustellen, wo das Tumorziel liegt. Auch die Couch lässt sich bewegen, kippen, neigen, um genau die richtige Position zu erreichen. Egal, ob sich der Patient bewegt oder nicht, das Bildführungssystem macht im Verlauf der gesamten Behandlung alle 30 Sekunden Aufnahmen, um die aktuelle Position des Tumors zu bestimmen, damit das CyberKnife im Falle einer Verschiebung sofort in der neuen Position weiterstrahlen kann.
Zudem ist das Gerät mit verschiedenen Blendensystemen ausgestattet, die sogenannten Kollimatoren, die die Strahlenformung und -fokussierung steuern. Vereinfacht könnte man sagen, dass ein kleiner, gut definierter Tumor eine andere Strahlenform benötigt als ein großer und unregelmäßig geformter. Es gibt folgende Systeme: feste Kollimatoren, die mit einer runden Öffnung von fünf bis 60 Millimetern den Strahl auf eine Kreisform begrenzen und sich besonders für die kleinen Tumore eignen. Dynamische Kollimatoren, die ähnlich wie eine Kamerablende funktionieren und die Strahlengröße individuell anpassen können. Der schnelle Wechsel zwischen verschiedenen Strahlendurchmessern verkürzt die Behandlungszeit von mittelgroßen Tumoren. Multilamellenkollimatoren, die aus mehreren metallischen Lamellen bestehen und sich individuell steuern lassen. Das ermöglicht eine Anpassung der Strahlenform an größere, unregelmäßig oder komplex geformte Tumore.
Warum erkläre ich Ihnen das so ausführlich? Weil eine präzise Strahlenformung essenziell für die Genauigkeit und die Effektivität der Behandlung ist:
- Erstens stellt das System auf diese Weise die Bestrahlung des erkrankten Gewebes sicher, während das gesunde verschont bleibt. Denn die Software sorgt dafür, dass sich die Strahlen in der Mitte des Tumors überlagern, sodass dort die höchste Dosis ankommt.
- Zweitens lassen sich mit den Kollimatoren flexibel die unterschiedlichsten Tumorgrößen und -formen individuell behandeln.
- Drittens garantiert die Dynamik des Systems maximale Effizienz, weil der Radiochirurg damit die Behandlungszeit und die Verteilung der Strahlendosis an die speziellen Bedürfnisse des Tumorpatienten anpassen kann. Dieses ausgeklügelte Tracking ist, wenn man so will, ein Alleinstellungsmerkmal des Roboters.
Seit 2005, dem Gründungsjahr unseres CyberKnife-Zentrums, habe ich diverse Technologiefortschritte miterlebt. Das aktuellste Gerät der neuesten Generation ist verglichen zu früher in der Lage, Behandlungen noch zeiteffizienter durchzuführen. Typische Behandlungszeiten, auch bei komplizierten Befunden, liegen im Bereich von etwa 30 Minuten. Nur in seltenen Fällen, zum Beispiel bei einer größeren Anzahl an Gehirnmetastasen, kann die Behandlung länger dauern.
Ausschalten ist wie Entfernen – nur schonend
Nach der CyberKnife-Therapie laufen im behandelten Bereich verschiedene Abbau- und Heilungsprozesse ab. Auch hier zeigt sich einmal mehr, welch ein Wunderwerk unser Körper ist: Der Tumor stirbt nach der Bestrahlung ab und bildet sich über Wochen bis Monate zurück. Die abgestorbenen Tumorzellen verbleiben zwar zunächst bestehen, zeigen aber keine weitere Aktivität. Schrittweise baut der Körper das zerstörte Gewebe ab. Immunzellen erkennen und beseitigen die Zelltrümmer des toten Tumors im Rahmen einer Entzündungsreaktion. Dieser »Aufräumprozess« der Immunabwehr kann einige Zeit dauern. Deshalb verschwindet der Tumor auch nicht sofort vollständig, sondern es bleibt eine Narbe beziehungsweise ein vernarbter Geweberest an der bestrahlten Stelle zurück. Mit der Zeit zeigt sich in den Bildgebungen oft nur noch Narbengewebe. Entscheidend ist, dass der Tumor nach der radiochirurgischen Therapie biologisch inaktiv ist. Weil die hochpräzise Bestrahlung durch das CyberKnife das Erbgut der Krebszellen irreparabel geschädigt hat, enthält die restliche Gewebestruktur keine teilungsfähigen Tumorzellen und keine Wachstumskraft mehr.
Ein weiterer Effekt der hohen Einzeldosis bei der Radiochirurgie ist die Schädigung der Tumorgefäße. Durch die Bestrahlung verschließen sich die Blutgefäße, die den Tumor versorgen, was wiederum die Durchblutung des Tumors unterbindet. Auch das trägt dazu bei, dass Tumorzellen absterben und der Tumor schrumpft.
Das Ausschalten des Tumors bedeutet allerdings nicht, dass nichts mehr in dem bestrahlten Gewebe passiert. Das Gegenteil ist der Fall, denn die bereits erwähnte Entzündungsreaktion ist ein wichtiger Bestandteil des Heilungsprozesses. Während dieser Phase, in der das Immunsystem die Reste des Tumors absorbiert, kann es lokal zu vorübergehenden Gewebereaktionen kommen, die sich je nach Indikation in einer Schwellung des Tumorgebiets äußern können, aber zeitlich begrenzt und...




