E-Book, Deutsch, Band 12, 120 Seiten
Reihe: Tagebücher in Einzelheften
Mühsam / Hirte Tagebücher in Einzelheften. Heft 12
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95732-053-7
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
1914
E-Book, Deutsch, Band 12, 120 Seiten
Reihe: Tagebücher in Einzelheften
ISBN: 978-3-95732-053-7
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Erich Mühsam, geboren am 6. April 1878 in Berlin, war ein Dichter und politischer Publizist. Seit 1909 lebte er in München-Schwabing. Als Zentralfigur der Schwabinger Bohème war er befreundet mit Heinrich Mann, Frank Wedekind, Lion Feuchtwanger, Fanny zu Reventlow und vielen anderen. Mühsam war Mitarbeiter des Münchner Kabaretts und verschiedener satirischer Zeitschriften wie des Simplicissimus und der Jugend. Von 1911 bis 1919 gab Erich Mühsam in München die Zeitschrift Kain heraus. Er war maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde. Als Sonderheft seiner Zeitschrift Fanal erschien 1932 kurz vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten seine programmatische Schrift Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat, mit dem Untertitel Was ist kommunistischer Anarchismus? versehen. 1933 wurde er verhaftet und am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von der SS-Wachmannschaft ermordet.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
München, Sonnabend, d. 14. November 1914.
Rosi – so nennt sie sich in ihrem Skizzen-Tagebuch selbst – beherrscht meine Gedanken und Gefühle. Wie tief diese neue Bewegtheit geht, kann ich noch nicht wissen. Wie nah oder fern sie von meiner Liebe zu Jenny steht, erst recht nicht. Möglich, daß ich einmal durch Rosi von Jenny abgedrängt werde, möglich auch, daß Rosi mir eines Tages Zuflucht sein wird, wenn Jenny – was mir sehr möglich scheint – einmal von mir abrückt. Wahrscheinlich, daß Rosi Episode bleiben wird, da ich kaum glaube, daß ich ihr – selbst, wenn wir uns ganz nahe kommen sollten – mehr als Episode bedeuten werde. Vorerst braucht sie meine Hilfe. Ich soll ihr 200 Mark verschaffen bis zum 1. Dezember. Ob das möglich sein wird, ist mir ganz ungewiß. Jedenfalls will ich versuchen, mit dem Cohenau mich zunächst in schriftliche Verbindung zu setzen. – Gestern war ich in der Pension Haack, wo das Mädchen wohnt, und besuchte sie zugleich mit Frl. Lindemann in der letzteren Zimmer. Heut mittag waren wir im Stefanie beisammen und gehn abends ins Kino, wohin Halbe uns zu seiner »Tat des Dietrich Stobäus« einlud.
Halbe ist ein seltsamer Mensch. Ich riet ihm, seine Gedächtnisrede am Sarge Jacobis den Süddeutschen Monatsheften zu geben. Vorgestern rief er mich nun deswegen an und bat mich, ich möge bei Coßmann sondieren, ob die Arbeit erwünscht sei. Ich habe das nun also in Zug gebracht. Als ob Halbe auf meine Protektion angewiesen wäre! – Eben habe ich eine Karte mit dem Portrait Bernhard v. Jacobis zusammen mit seiner Feldpostkarte an mich zum Einrahmen gegeben. Ich will das Bild des Freundes in meinem Zimmer haben.
Der Krieg sieht im Westen für Deutschland täglich günstiger aus. Im Osten dagegen höchst gefährlich. Bei Eydtkuhnen und südlich davon ist, wie amtlich mitgeteilt wurde eine neue Schlacht im Gange. Demnach sind die Russen wieder genau so weit vorgedrungen, wie sie schon in den ersten Augusttagen waren. Die Österreicher haben indessen ihre Stellungen in Galizien den Russen wieder »vorübergehend freiwillig« geräumt. Alles lacht über diese Wendung. Ich habe die Frage aufgeworfen: Woran erkennt man ob es sich bei einem Rückzug um eine Flucht oder um ein strategisches Manöver handelt? Antwort: An dem, der es ausführt: Daß die Deutschen an der Marne, die Österreicher bei Lemberg und beide zusammen bei Jaroslaw mordsmäßig geschlagen wurden, darf bis zum heutigen Tage niemand sagen. Es waren lauter »strategische Rückzüge« – In diesen Dingen sind die Arbeiter ebenso vernagelt wie alle.
Gestern erschien nach langer Pause mal wieder Albert Reitze auf der Bildfläche. Er erzählte, daß Krapotkin ganz in der Art der französischen Patrioteska gegen die »deutschen Hunnen« wettere und Domela-Niewenhuis in einem Manifest gegen ihn Stellung genommen habe. Krapotkins Kundgebung sei dadurch veranlaßt worden, daß Pariser Anarchisten in der ersten Zeit des Kriegs, als ganz Frankreich mit Siegeslügen überschüttet wurde, gegen die Verwüstung Deutschlands protestierten und sich mit ihrem Protest auch an Krapotkin wendeten. Sie wurden durch ihn erst über den wahren Sachverhalt aufgeklärt. Ich schämte mich, als ich’s hörte. Wollte ich eine Kundgebung gegen die Verwüstung Belgiens und Nordfrankreich veranlassen – was würde mir geschehn? Ich glaube, ich würde auf der Straße niedergeschlagen werden. – Die Schweizer Genossen sollen über Landauer und mich erbost sein. Ich zeigte Reitze meine Erklärung an die Kain-Leser, die verstümmelt und um ihren Sinn gebracht durch die Presse gegangen ist, und er gab mir recht, daß ich das jedem Anarchisten gegenüber vertreten kann.
Die Türken melden große Erfolge gegen Rußland. Aber sie haben auf dem Wege von Konstantinopel nach Trapezunt im Schwarzen Meer drei Transportschiffe mit sehr viel Mannschaften und Kriegsmaterial verloren. Der Sultan hat alle Muselmanen zum Heiligen Krieg aufgerufen. Mit welchem Erfolg, ist noch nicht zu erkennen. Wenn aber wahr ist, was die deutschen Blätter mit großer Befriedigung kundtun, daß die Türkei erklärt hat, alle beim Dreiverband und deren Verbündeten kämpfenden Mohammedaner nicht als Krieger, sondern als Mörder behandeln zu wollen, dann steht fest, auf welcher Seite die größte Schändlichkeit der Kriegführung zu suchen ist – und wir dürfen nicht mehr allzu stolz auf diesen Bundesgenossen sein. – Wann der Krieg aufhören wird kann noch kein Mensch absehn. Nur soviel wird man schon prophezeien dürfen, daß die Kosten von allen getragen werden müssen. Denn auch der Sieger wird von seinen Taten keine Freude haben, höchstens ein paar Geschäftemacher.
München, Montag, d. 16. November 1914
Jetzt habe ich die Ausführung der Wally Neuburger in Angriff genommen – gestern nachmittag, und, wills Gott, so werde ich fortab täglich daran arbeiten, und es wird was Anständiges dabei entstehn. Trotz allem!
Das Tagebuch werde ich also wieder ein wenig in die zweite Reihe ordnen, und die Dinge des persönlichen und öffentlichen Geschehens summarischer als bisher abhandeln.
Der Krieg sieht aus wie vorher: Seit der Erstürmung von Dixmuiden hat sich im Westen nichts geändert. Im Osten dagegen drängen die Russen immer weiter vor, und an der Grenze scheint sich ein Entscheidungskampf vorzubereiten. Der Heilige Krieg ist erklärt, und angeblich rückt Afghanistan bereits gegen Indien vor. Mich ekelt das alles an.
Mein persönliches Erleben ist von Rosi und von Geldmangel beherrscht. Das Berliner Tageblatt hat noch immer nicht gezahlt. Fred hat die Sache in die Hand genommen und energisch mit Block, Wolf und dem Verlag korrespondiert. Block hat ihm geschrieben, ich sei zwar sachlich im Recht, aber persönlich im Unrecht. Mein Vorgehn könne nur bewirken, daß man künftighin nur mit Leuten arbeiten werde, von denen man keinen Ärger und keine Umstände zu gewärtigen habe. Das ist dieselbe Horde, die sich vor der Öffentlichkeit nie sozial genug gebärden kann. Mit unsereinem aber meint sie nach Belieben Schindluder treiben zu können. Freds Annahme, das Honorar sei an mich unterwegs, scheint dabei immer noch verfrüht zu sein. Bin neugierig, wie weit es die Millionenfirma Mosse noch treiben wird, bis sie gegen einen armen Menschen ihre Pflicht erfüllt.
Rosi sah ich gestern nur flüchtig, heute noch garnicht. Vielleicht ruft sie noch an. – Sonst nichts Bemerkenswertes. Nur ein Malheurchen, das Ende eines erträglichen Zustandes: Halbe hat den Burgfrieden zwischen mir und Friedenthal, dem jungen Mann eben jenes Rudolf Mosse, wieder hergestellt. Der Schmock muß also wieder begrüßt werden – bis zum nächsten Krach.
München, Dienstag, d. 17. November 1914
Ein neuer großer Sieg Hindenburgs über die Russen, die gleichzeitig bei Plock und entscheidend bei Wloclawec geschlagen wurden. Vorläufig meldet die Heeresleitung 28000 Gefangene und 80 Maschinengewehre nebst vielen Geschützen als Beute. Demnach haben die Optimisten doch recht behalten, die den Rückzug aus Polen als das Aufsuchen eines den Deutschen genehmeren Terrains auslegten. Ob der Sieg als endgültige Sicherung Posens, Ostpreußens und Schlesiens gegen russische Einbrüche aufzufassen ist, wird sich heute noch nicht entscheiden lassen. Ich freue mich über jeden deutschen Erfolg im Osten, weil ich das Vordringen des Zarismus nach Westen als Stärkung des russischen Absolutismus und also Schwächung der revolutionären Kräfte Rußlands betrachte. Die Siege in Frankreich und Belgien und die gegen die Engländer sehe ich mit nur einem heiteren Auge an, das die Möglichkeit zugibt, jeder deutsche Erfolg könnte die Schrecken der Kämpfe abkürzen. Das andre ist naß. Denn den Verlust Elsaß-Lothringens würde ich nicht für ein Unglück halten, wohl aber – und zwar für den Verlierer wie für den Empfänger – die Annektion Belgiens. – Der Heilige Krieg scheint rapid um sich zu greifen. Überall, wo Mohammedaner sind, wird von Gärung und Aufstand berichtet. Die Türken haben bis jetzt gegen die Russen Erfolge, dagegen haben ihnen die Engländer in Sinai eine Niederlage beigebracht.
Der Winter hat eingesetzt. Den ganzen Tag fällt Schnee und auf den Straßen liegt unermeßlicher Dreck. Wie entsetzlich, bei solchem Wetter in den Schützengräben liegen zu müssen! Eben war Zenzl da. Sie brachte meine Wintergarderobe in Ordnung. Rosi suchte mich mittags im Stefanie auf. Sie habe mich auch gestern dort gesucht, und morgen will sie zu mir kommen. Wenn diese Freundschaft eines Tages leidenschaftliche Formen annehmen sollte, – ich glaube, von der Frau käme ich nicht wieder los!
Heut hat Dr. Hauschildt seinen 50ten Geburtstag. Ich brachte ihm mein Gedichtbuch als Dank für seine guten Bemühungen um mein Wohlergehn, für die er nie einen Pfennig liquidiert hat. Salve!
München, Mittwoch, d. 18. November 1914.
Um 3 Uhr will Rosi hier sein (jetzt ist es ¼ nach 2). Ihre ein wenig posierende Art läßt garnicht voraussehn, wie sich unsre Beziehung gestalten wird. Heut erhielt ich einen Brief von ihr, der 4 Tage unterwegs war, und der mich seltsam, und eigentlich nicht sonderlich angenehm, berührt. Sie warnt mich in sonderbar bildhafter Sprache vor sich: »Denken Sie, daß ich ein Zerrspiegel bin, ausgelaugt durch die Strömungen dieser Wochen. Seien Sie verliebt, aber lieben Sie mich nicht, Sie würden erfrieren.« Das ist alles so preziös-literarisch und könnte mich abschrecken, sähe ich nicht immer das liebe lustige Gesicht und hörte nicht die melodiöse Stimme und fühlte nicht das anständige Herz und das ernste...




