E-Book, Deutsch, 73 Seiten
Müller Auf See
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-944195-85-8
Verlag: Frohmann Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Geschichte von Ayan und Samir
E-Book, Deutsch, 73 Seiten
ISBN: 978-3-944195-85-8
Verlag: Frohmann Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Schicksal eines jungen somalischen Paares wird vom Bürgerkrieg bestimmt. Ayan ist schwanger und Samir heuert bei den Piraten an, um Geld zu verdienen. Ihre Wege trennen sich ungewollt: Ayan versucht, mit Hilfe von Schleppern vom Flüchtlingslager Dadaab aus übers Mittelmeer zu fliehen, während Samir ungeplant und unter denkbar negativen Vorzeichen nach Europa gelangt. In >Auf See< geht Michaela Maria Müller die Wege ihrer Protagonisten nach: wo dies möglich ist, in Form einer Reportage, wo dies nicht möglich ist, als intensive und empathische Fiktion, immer beglaubigt durch umfangreiche Recherchen. So kann die Autorin alles erzählen, ohne reale Personen in Gefahr zu bringen. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Somalia erweisen sich dabei als wesentlich enger und problematischer, als den meisten Deutschen bewusst sein wird.
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2.
»Kannst du mir den Koriander geben?«, bat Isra. Sie hatten sich heute Morgen auf dem Markt getroffen und beschlossen, gemeinsam zu kochen. Ayan reichte ihr über den Topf mit dem heißen Öl hinweg die grünen Stängel und fuhr fort, mit den Fingerspitzen Mehl, warmes Wasser, Öl und Salz zu einem klebrigen Teigklumpen zu kneten. Isra briet in einer Pfanne Lammhack, rote Zwiebeln und Koriander an, stieb Currypulver darüber und würzte die Mischung mit Salz und Pfeffer. Sie bereiteten Sambusas, zu, einen Teil davon gefüllt mit Fisch, die anderen mit Hackfleisch. Es klopfte an der Tür. Ayan sah auf die Uhr. Es war kurz vor elf und die Sonne schien schon in steilem Winkel durch das Küchenfenster herein. Sie klopfte sich das Mehl von den Händen, der weiße Staub tanzte durch den Raum. Sie deckte die Teigtaschen rasch mit einem Küchentuch ab und ging zur Tür. Es war Guntaal. Ayan erkannte ihn kaum, er trug jetzt einen Vollbart, hielt sein Smartphone in der Hand und schrieb gerade eine Nachricht. Vor zwei Wochen war er aus London zurückgekommen, wohin er und seine Familie nach Ausbruch des Bürgerkriegs geflüchtet waren. Er sei in London strenger Muslim geworden und suche Anschluss, erzählte man sich. So lauteten zumindest die kutiri-kuteen, Gerüchte, die man sich in der Stadt erzählte. Er sei nicht wiederzuerkennen, sagten die, die ihn seit seiner Rückkehr schon gesehen hatten. Zwischen dem alten und dem neuen Guntaal lagen der Krieg und die Zeit in England. Als Ayan die Tür öffnete, ließ er das Telefon in seinem Gewand verschwinden. Er sah sie missbilligend an und deutete schweigend auf das locker um ihr Haar gelegte Kopftuch. Ayan wusste, dass sich in Zeiten wie diesen eine Frau einem solchen Blick besser beugte und zog das Tuch fester um den Kopf. »Ich suche Samir«, sagte Guntaal. Sein Somali hatte sich mit dem Londoner Cockney vermischt, was der Betonung der Vokale in seiner Muttersprache sogar entgegenkam. Ayan kannte Guntaal von früher, tat sich aber schwer, hinter dem Vollbart das Kindergesicht aus ihrer Erinnerung auszumachen. Samir kam zur Tür und bemerkte, wie Ayan verstohlen ihre Haare unter dem Tuch verbarg. Er legte seinen Arm um ihre Schulter. »Salam aleikum. Ich möchte mir dir sprechen, Samir«, erklärte Guntaal. »Aleikum salam. Du bist unser Gast. Komm’ herein. Das ist meine Frau. Kennt ihr euch noch?«, erwiderte Samir. Guntaal schaute Ayan an. »Nein.« Man hörte das heiße Öl in der Küche schnalzen, der Geruch von frisch frittierten Sambusas zog durch den Flur. »Willst du mit uns essen?«, fragte Ayan. Guntaal fuhr sich durch den Bart und wandte sich an Samir: »Lass’ uns erst reden.« Samir bat Guntaal ins Wohnzimmer und Ayan ging zurück in die Küche. Isra stand am Herd und wendete mit einer Gabel die Teigtaschen hin und her, so dass diese gleichmäßig gebräunt wurden. Ayan griff in die mit Zeitungspapier ausgelegte Schüssel mit den fertigen Sambusas. Küchenkrepp hatte sie seit Jahren nicht mehr gekauft, nahm jetzt immer alte Zeitungsseiten, um Teigtaschen zum Abtropfen darauf zu legen. Das Papier hatte das Frittierfett aufgesogen, das Öl ließ es leicht schimmern und machte es gleichzeitig transparent. Tante Fadumo hatte Ayans Schulbesuch auf dem Internat bezahlt. Ayan hatte keine Erinnerung mehr an sie. Die Tante hatte das Land zwei Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs verlassen. Zuerst war sie nach Dadaab geflüchtet. Eineinhalb Jahre später wurde sie in ein Resettlement-Programm der Vereinigten Staaten aufgenommen, das sie nach Minnesota brachte. Ayan aß eine Sambusa und hing ihren Gedanken nach. Sie wusste nicht mehr, wie Tante Fadumo ging, Zwiebeln schnitt oder sich die Hände wusch. Ihre Stimme war ihr aber vertraut geblieben. Sie telefonierten oft. Tante Fadumo war die Schwester ihrer Mutter und hatte keine eigenen Kinder. Als sie Ayans Begabung bemerkt hatte, beschloss sie, aus mood nool zu machen. Mood, das war das, was sie »toten Reichtum« nannten – Gold, Silber oder Schmuck. Und dann gab es noch nool. Für die Nomaden hieß so der Reichtum auf vier Beinen: Kamele, Esel und Ziegen. Tante Fadumo hatte ihren Schmuck verkauft und Ayan zog als Elfjährige in ein Internat in Garoowe, der Hauptstadt von Puntland. Im Gepäck hatte sie eine eingerollte hellblau gestreifte Matratze und eine gelbe Plastikschüssel zum Waschen. Tante Fadumo nannte sie deshalb immer scherzhaft »kleines Kamel«. Das Haus lag in der Nähe des Hafens von Kismaayo1. Standen die Fenster offen, konnte Ayan dem Brummen der Außenbordmotoren lauschen, das am Vormittag einsetzte, wenn die Fischer mit dem Fang vom Meer zurückkamen. Samir war Fischer, wie schon sein Vater und sein Großvater. Er liebte seinen Beruf und konnte außerdem Motoren reparieren wie niemand im Hafen. Seine Familie stammte von einer kleinen Inselgruppe, die Kismaayo vorgelagert war. Die Bajuni, der Clan seiner Vorfahren, hatten die Stadt gegründet. Ayans Vater war lange gegen die Hochzeit mit Samir gewesen. Er gehörte den Darod an, demselben Clan wie der ehemalige Regierungschef Siad Barre. Die Darod mochten die Leute von den Bajuni-Inseln nicht. Dabei waren die Darod es gewesen, die Anfang der Siebzigerjahre auch Samirs Familie gezwungen hatten, sich einer Fischereikooperative anzuschließen, die sie kontrollierten. Ayans Vater hatte seine Familie auf dem Land verlassen und sich mit ihrer Mutter in der Hafenstadt niedergelassen. Vor Ausbruch des Bürgerkriegs war er Leiter der Stadtreinigung gewesen. Er hatte klar davon profitiert, zum Clan von Siad Barre zu gehören. »Die Männer aus Samirs Familie sind gute Fischer. Sie kennen den Weg der Schwärme«, hatte Ayan zu ihrem Vater oft gesagt. Der hatte nur erwidert: »Das kann schon sein. Aber jetzt sag mir, wer du selbst bist.« Ayan gehorchte und begann: »Ich bin Ayan, Tochter des Mahad, Sohn des Cali, Sohn des Umar.« »Und das wirst du immer bleiben«, sagte daraufhin ihr Vater und beendete das Gespräch. Die Aufzählung war die Kurzversion ihres Stammbaums. Dieser bestand aus einer komplizierten Kette von Verwandtschaftsbeziehungen. Der Familienstammbaum hatte ihren Verwandten, die noch als Nomaden in der Steppe lebten, als Ausweis gedient. Begegnete man sich dort, zählte man so lange Namen auf, bis man im günstigsten Fall eine enge Verwandtschaft erkannt hatte. Und wäre es nach Ayans Vater gegangen, hätte sie nicht im Internat das Alphabet, englische Vokabeln und den Dreisatz gelernt, sondern bei den Familienbesuchen im Shabelle-Tal mit ihrer Großmutter die Blutlinie der Familie auswendig gelernt. Als Samir in Ayans Leben trat, wusste sie, dass es darin eigentlich keinen Platz für ihn gab. Ein Fischer war kein Nomade und wenn überhaupt, dann ein schlechter, davon war ihr Vater überzeugt. Jemand, der auf das Meer angewiesen war, um seine Familie zu ernähren, zählte für ihn nicht. Aber Ayan ließ nicht locker. Und eines Morgens am Frühstückstisch nickte ihr Vater. Sie wusste, dass seine Ansichten die gleichen geblieben waren, aber er hatte zugestimmt. Dafür liebte sie ihn. Ayan wischte sich ihre öligen Finger an einem Tuch ab. Nebenan redete Guntaal unablässig auf Samir ein, doch sie konnte nichts davon verstehen. Dann hörte sie, wie Samir Guntaal ins Wort fiel und wie das Gespräch dadurch abbrach. Die beiden kamen schweigend in die Küche. Guntaal murmelte mürrisch einen Gruß in Richtung Isras. Er setzte sich nicht, bediente sich aber im Stehen an den Sambusas und trank einen Tee, den Isra ihm einschenkte. Einige Minuten später verließ er grußlos das Haus. »Was wollte er?«, fragte Ayan. Samir zuckte mit den Schultern und ging zurück in sein Zimmer. Seit Ayan Samir vor einigen Wochen eröffnet hatte, dass sie schwanger war, hatte ihr Mann begonnen, sich nach einer neuen Arbeitsstelle umzusehen. Das war mittlerweile in der Stadt bekannt. Samir telefonierte viel deswegen, hatte aber noch nichts gefunden. Es war schwierig. Durch den Bürgerkrieg war auch das Meer zum rechtsfreien Raum geworden. Schiffe internationaler Reedereien mit großen Fangnetzen fischten ohne Erlaubnis in den somalischen Gewässern. Außerdem luden bereits...




