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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, Band 69, 312 Seiten
Müller-Brandeck Die Sakralisierung der Identität
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-593-46195-3
Verlag: Campus eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Soziologie der Identitätspolitik
E-Book, Deutsch, Band 69, 312 Seiten
Reihe: Politik der Geschlechterverhältnisse
ISBN: 978-3-593-46195-3
Verlag: Campus eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Marlene Müller-Brandeck ist wissenschaftliche Koordinatorin der Interdisziplinären Arbeitsgruppe »Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven auf technische Langfristprojekte« an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
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II.Gesellschaftstheoretische Vorbemerkungen und Methode
Wie lassen sich Erzählungen über soziale Ungleichheit soziologisch erforschen? Um eine solche Beobachtung zu ermöglichen, ist eine theoretische Perspektive notwendig, die ausreichend Distanz gegenüber dem Gegenstand besitzt. Nur so lässt sich empirisch nachvollziehen, wie soziale Ungleichheit im Material jeweils erzählt und konstituiert wird.
Daher folgt in diesen theoretischen Vorüberlegungen weder eine Definition sozialer Ungleichheit noch eine Eingrenzung dessen, was unter ›Identitätspolitik‹ zu verstehen ist: Diese Bestimmungen ergeben sich erst aus dem empirischen Material selbst. Es bedarf vielmehr einer gesellschaftstheoretischen, methodologischen und methodischen Rahmung, die diese Thematisierungen in Gesellschaft verorten kann und eine solche Forschung erst ermöglicht.
Dieses Kapitel beginnt mit einigen Beobachtungen zum Verhältnis von Ungleichheitsforschung und Gesellschaftstheorie in der Soziologie, die meiner Fragestellung vorausgingen und die die Grundlage für den Zuschnitt dieser Studie bilden (II.1). Hier geht es vorrangig um die Frage, wie soziale Ungleichheit unter differenzierungstheoretischen Vorzeichen untersucht werden kann. Im zweiten Unterkapitel werden theoretische Ansätze diskutiert, die Differenzierungsprinzipien der Gesellschaft in der Sozialdimension darstellen und so eine Möglichkeit anbieten, Ungleichheits- und Gesellschaftstheorie miteinander zu verknüpfen (II.1.2).
Auf die Skizzierung dieser Ansätze folgt die Erläuterung , der den Konstruktionsprozess von sozialer Ungleichheit in den Blick nimmt und die theoretischen Möglichkeiten beschreibt, diesen unter gesellschaftstheoretischen Vorzeichen zu studieren (II.2.1). Um empirisch nachvollziehen zu können, welche Charakteristika die identitätspolitisierende Semantik – und die funktionalen Äquivalente (Arbeiter:innenautobiographien und feministische Literatur) – auszeichnen, bedarf es eines theoretischen Instruments, das die Logik einer Ungleichheitssemantik aufschlüsseln kann. Für meine Studie hat sich hier die theoretische Figur der als nützlich erwiesen, da sie es ermöglicht, die ganze empirische Fülle einer Semantik auf eine zugrunde liegende Unterscheidung zurückzuführen und so in ihrer Logik zu entschlüsseln. Den theoretischen Vorüberlegungen zur Bedeutung von Leitunterscheidungen für die Konstitution von Ungleichheitssemantiken widme ich daher in diesem Kapitel einen eigenen Abschnitt (II.2.2). Auf die Überlegungen zu Ungleichheit und Gesellschaftstheorie folgen dann einige methodologische und methodische Vorbemerkungen zur Möglichkeit, autobiographisches und literarisches Material soziologisch zu untersuchen. Hier wird nicht nur das Verhältnis von Soziologie und Literatur genauer bestimmt (II.3.1), sondern auch das Material genauer auf die Form der Autosoziobiographie eingegrenzt (II.3.2). Abschließend folgen einige erkenntnistheoretische Überlegungen zur Auswertungsmethode (II.3.3), eine Beschreibung der Materialauswahl und der Vorgehensweise bei der Datenauswertung (II.3.4).
II.1Ungleichheitsforschung und funktionales Differenzierungsprinzip
In diesem Abschnitt erläutere ich eingehender jene gesellschaftstheoretischen Überlegungen, die meinem Studiendesign zugrunde liegen. Die Forschungsfrage geht von der Beobachtung aus, dass ein Dialog zwischen Ungleichheitsforschung und systemtheoretisch geprägter Gesellschaftstheorie in der Soziologie ausbleibt (Esser 2000). Die beiden Gebiete scheinen sich in der Soziologie traditionell gegenseitig auszuschließen: Wer Ungleichheitsforschung betreibt, arbeitet selten mit systemtheoretischen Begriffen oder legt eine dezidiert gesellschaftstheoretische Perspektive an. Wer dagegen systemtheoretisch argumentiert, knüpft selten an Ungleichheitsforschung an oder macht soziale Ungleichheit zum Gegenstand der eigenen Forschung.
In einem ersten Schritt werde ich daher erläutern, vor welche Herausforderung die Verknüpfung von Ungleichheitsforschung und systemtheoretischer Gesellschaftstheorie die Soziologie stellt. Zweitens werde ich einige Ansätze erläutern, die sich dennoch an einer Verknüpfung der beiden Paradigmen versucht haben (II.1.1). Genauer eingehen werde ich dann auf die Beschreibungen der Sozialdimension und die Erzeugungsprinzipien sozialer Ungleichheit in der Soziologie Pierre Bourdieus und dem Theorieangebot der Humandifferenzierung (Hirschauer 2017a, 2020, 2021).
II.1.1Zwei Primate gesellschaftlicher Differenzierung
Von der einen Ungleichheitsforschung zu sprechen ist nicht ohne weiteres möglich, da die Erforschung sozialer Ungleichheit theoretisch, methodisch und empirisch so mannigfaltig ist wie die Soziologie selbst. Ich fasse unter dem Begriff der Ungleichheitsforschung daher all jene Forschungsperspektiven zusammen, die »soziale Einheiten wie Klasse, Stand, Schicht, Nation und Ethnie« untersuchen, die sich ihnen entweder als »Großkollektive« oder als »Vergleichszusammenhänge« darstellen (Stichweh 2011, S. 353). Diese Ansätze vereint, dass sie Strukturen sozialer Ungleichheit zum primären Differenzierungsprinzip moderner Gesellschaften erklären.
wie der Systemtheorie wiederum »geht [es] um Gesellschaft schlechthin, weit über die eigene Gesellschaft hinaus. Es geht um allgemeine Mechanismen oder Modi, in denen kollektive oder gesellschaftliche Existenz besteht; Modi, die moderne ebenso wie extramoderne Gesellschaften grundlegend teilen« (Delitz 2020, S. 7). Sie erheben den Anspruch, insofern universell zu sein, als sie »den gesamten Gegenstandsbereich der Soziologie abdecken« (Luhmann 1987, S. 33) können, also nicht nur bestimmte Phänomene Gesellschaft zum Gegenstand haben, sondern allgemeine oder verallgemeinerbare Prinzipien der Strukturbildung Gesellschaft.5 Seit den 1960er Jahren wird gesellschaftliche Differenzierung – im Anschluss an Talcott Parsons und Niklas Luhmann – vor allem als funktionale Differenzierung diskutiert (Tyrell 1978, S. 175). Diese systemtheoretische Perspektive geht dann davon aus, dass soziale Ungleichheit in modernen Gesellschaften an gesellschaftsstruktureller Bedeutung verliert und lediglich eine sekundäre Folge des primären Differenzierungsprinzips ist: Der funktionalen Differenzierung (Luhmann 1998a).
»Funktionale Differenzierung erzwingt keinen Verzicht auf Schichtung. Eklatante Differenzen an Reichtum und Ansehen, Beweglichkeit und Partizipationschancen, Informiertheit, Lebensgenuß und Lebenssicherheit bestehen nach wie vor. Aber diese Differenzen dienen nicht mehr der primären Gesellschaftsdifferenzierung, und sie müssen sich der neuen Ordnung einpassen.« (Luhmann 1985, S. 130)
Soziale Ungleichheiten würden empirisch in Gesellschaft zwar beobachtet, seien aber »funktional ohne Bedeutung« (Luhmann 1985, S. 151). In der modernen Gesellschaft würden Strukturen durch die Ausdifferenzierung autopoietischer sozialer Systeme (re-)produziert, die jeweils nach einer eigenen Funktionslogik operieren (Luhmann 1987, 1998a, 1998b). Die Funktionssysteme stehen zueinander in keinem hierarchischen Verhältnis, moderne Gesellschaften verlieren damit eine Zentral- oder Einheitsperspektive, die alle gesellschaftlichen Operationen zu steuern in der Lage ist (Luhmann 1989b). Außerdem verliert sich mit dem Übergang von stratifikatorischer zu funktionaler Differenzierung die feste Zuordnung von Personen innerhalb der Gesellschaftsstruktur (Luhmann 1985, 2018b).
Diese beiden soziologischen Perspektiven geraten in Konflikt, weil sie grundlegend entgegengesetzte Vorstellungen davon haben, welches primäre Strukturprinzip die gesellschaftliche Ordnung bestimmt. Aus Sicht der Ungleichheitsforschung dementieren Theorien funktionaler Differenzierung ihre Annahme einer primären gesellschaftlichen Differenzierung durch soziale Ungleichheit und sind damit wenig fruchtbar für die eigenen...




