E-Book, Deutsch, 260 Seiten
Müller DAS THEODIZEE-PROBLEM
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-95765-875-3
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 260 Seiten
ISBN: 978-3-95765-875-3
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ron Müller, geboren 1976, verbrachte Kindheit und Jugend in der Lausitz. Er studierte Betriebswirtschaftslehre und hatte mit dreißig Jahren einen Weg eingeschlagen, der derart weit vom Schreiben entfernt war, dass dies auf Dauer nicht gut gehen konnte. Er lebt heute in Cottbus und ist Vater dreier Kinder.
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2
»Denkst du, mich interessiert, was du sagst?«, brüllte Zoe über den Flur. »DU KOTZT MICH EINFACH NUR AN!«
Das Mädchen schmiss die Tür zu ihrem Zimmer mit aller Wucht zu und ließ einen Vater zurück, dessen Ratlosigkeit ein erschütterndes Ausmaß annahm.
»Kannst du aufhören, deine Mutter Tag für Tag in den Himmel zu heben? Als du noch bei ihr gewohnt hast, war auch nicht alles toll. Aber so was wird von dir ja komplett verdrängt. Hör auf, ihr ständig einen Heiligenschein aufzusetzen!«
Zornig schwollen der Pubertierenden die Adern am Hals an, während sie die Tür wieder aufriss und die Antwort durch die Wohnung schrie.
»WER VON UNS BEIDEN HAT DENN DIE MUTTER VERLOREN?«
Jetzt ist Schluss!, durchfuhr es Marten.
Am liebsten hätte er ihr eine runtergehauen. Es juckte regelrecht in seinen Fingern, sobald sie mit diesem Totschlagargument kam. Doch auch wenn er ihr nun unmissverständlich klarmachte, dass er sich gleich vergessen würde, brächte sie das nicht zum Schweigen. Er würde sie damit nur weiter provozieren und immer lauter werden lassen. Er hatte sich in seiner Wut sogar schon einmal ihr damals brandneues Clearphone gegriffen, ein komplett transparentes Handy, das einen ähnlich hohen Marktanteil hatte, wie das iPhone vor dreißig Jahren. Während er das gläserne Gerät in den Händen hielt, registrierten Sensoren die Pulsfrequenz an seinen Fingerkuppen. Angesichts der Schlagzahl schaltete es in den Notfallmodus. Ein Befehl von ihm, und der Leitstelle wären sein Standort, die aktuellen Vitaldaten und alle Vorerkrankungen übermittelt worden. Wer in diesem Erregungszustand ein Handy berührte, musste sich – den Logarithmen sämtlicher Smartphoneanbieter zufolge – mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer Notsituation befinden. Aber Marten war nicht in Not, als er mit Zoe damals gestritten hatte. Er war stinksauer, weil seine Tochter seit zwei Jahren jegliche Streitkultur vermissen ließ und bei diesem Thema immer nur mit Melodramatik und einer Vielzahl an übelsten Beschimpfungen unterwegs war. Das änderte sich nicht einmal, als er das Gerät mit einem kurzen Befehl für vierundzwanzig Stunden gesperrt hatte – selbst diese drastische Maßnahme ließ die Pubertierende nicht verstummen. Auch nicht als er auf achtundvierzig und dann auf zweiundsiebzig Stunden erhöhte. Zoe war bei einem Streit durch nichts zu bremsen.
So wie heute.
»Ich setze Mama also einen Heiligenschein auf, ja?« Sie war noch nicht fertig. »Hast du eine Vorstellung, wie es ist, wenn der Sarg deiner Mutter in die beschissen kalte Erde runtergelassen wird?«
»Geht es auch weniger theatralisch.« Marten verdrehte die Augen. »Wie oft willst du noch damit kommen? Jedes Mal, sobald dir etwas gegen Strich geht?«
»Hätte ich an deiner Stelle jemanden wie Mutter kennengelernt, dann hätte ich sie auf Händen getragen. DU EKELHAFT SELBSTGEFÄLLIGER ARSCH!«, brüllte Zoe. »Warum bist du denn seit ihrem Tod allein? Denk mal drüber nach, Mann. Vielleicht liegt’s ja an dir.«
»ZOE!« Martens Blut kochte. »Warum hattest du bei deiner Mutter so ein gutes Leben? Weil ich es jahrelang finanzierte.«
»Mit Geld kannst du mich also kaufen?«
Halt die Klappe, sonst scheuer ich dir heute tatsächlich eine!
»ES IST SO ZUM KOTZEN HIER!«
Schallend flog die Tür zu, während Zoe sich innerlich schwor, nie wieder mit ihrem Vater ein Wort zu wechseln.
SO … WAS … GIBT’S … DOCH … GAR … NICHT!
Mit jeder Silbe schlug er wieder und wieder auf den Türrahmen ein, bis ein kleiner blutiger Abdruck zurückblieb.
»Deine Mutter hat dich wirklich super erzogen«, fluchte Marten vor sich hin.
»BEI MAMA HATTE ICH WENIGSTENS EIN LEBEN!«, feuerte sie durch die geschlossene Tür zurück. Ihre Stimme hatte längst den Normalbereich verlassen und überschlug sich.
»Ach, dann leck mich doch«, resignierte Marten. »Ich bin doch hier nicht immer der Arsch!«
Leck mich? Hab ich das tatsächlich eben zu meiner Tochter gesagt, fluchte er. Früher hatte ich mich besser im Griff. Aber da glaubte ich auch noch, dass ich das mit Zoe hinbekomme.
Niedergeschlagen ging er in die Küche und drückte auf den Knopf des Wasserkochers.
Es war lange her, dass eine Nachricht auf der Mailbox sein Leben komplett auf den Kopf gestellt hatte und er mit einem Mal nicht mehr allein wohnte.
»Du … ich«, hörte er damals die dünne Stimme von Zoes Mutter, »ich bin aus dem System gefallen.«
Sie hatte mit der Fassung gerungen und es hatte nicht viel gefehlt, dass sie zusammengebrochen wäre.
»Du musst das mit Zoe … du musst das übernehmen. Ich war lange genug für sie da. Die Hintergründe kann ich nicht erklären. Hol ihre Sachen ab. Die Zahlenkombination an der Wohnung ist ihr Geburtstag. Zoe ist heute und morgen bei einer Freundin. Ich lasse sie von da direkt zu dir bringen. Leb wohl!«
Dann hörte er das Unterbrechen der Leitung und die Stimme der Mailbox fragte, ob er die Nachricht löschen wollte.
Noch am gleichen Abend hatte er sein Schlafzimmer geräumt und so umgestaltet, dass es der damals Elfjährigen zusagen konnte.
Das war nun zwei Jahre her und er hatte seitdem von seiner Ex-Frau nichts mehr gehört.
Marten goss das siedende Wasser in eine Tasse. Als sich das Pulver darin gelöst hatte, zog Kaffeegeruch durch die Küche. Er hatte keine Vorstellung mehr davon, wie echter Kaffee roch. Nach der Katastrophe vor über zwei Jahrzehnten war von den früheren Agrarflächen nur ein Bruchteil übrig geblieben, den man dekontaminieren und durch Treibhäuser vor der Strahlung schützen konnte. Niemand kam in den Folgejahren auf die Idee, dort Genussmittel anzubauen – zu problematisch war es allein schon auf den begrenzten Flächen ausreichende Erträge an genverändertem Getreide, Obst und Gemüse zu erwirtschaften. Wer Kaffee oder Tabak wollte, musste auf Altbestände zurückgreifen, die vor der Katastrophe produziert worden waren – unbezahlbar für den Großteil der Bevölkerung. Alternativ gab es noch synthetisch hergestellte Substitute, wie das braune mit Koffein versetzte Pulver, dessen Geschmack und Geruch man im Labor an das Original angenähert hatte.
Marten wartete in der Küche. Es war Viertel vor acht. In den nächsten Minuten würde Zoe durch den Flur Richtung Schule rauschen und das Frühstück ignorieren, das er für sie gemacht hatte. Es würde ihr egal sein, dass ihr Vater überhaupt keine Nerven für diese Auseinandersetzungen hatte. Eigentlich sollte er längst an einem Vortrag arbeiten. Gewöhnlich hielt er ihn vor bis zu zwanzig Personen. Am heutigen Abend würden es achthundert sein.
»Ich hasse ihn! Ich hasse ihn wirklich!«, fluchte Zoe leise vor sich hin.
Sie stellte auf der Armbanduhr fünfundvierzig Minuten ein und stampfte auf kürzestem Weg aus dem Haus, um dem Verursacher ihres Ärgers kein weiteres Mal unter die Augen treten zu müssen.
Der Weg war überschaubar. Ein glücklicher Umstand, da es inzwischen nur noch eine Schule in der sechzigtausend Einwohner zählenden Stadt gab. Manche in der Klasse kamen von so weit her, dass sie jeden Morgen eine halbe Stunde Weg vor sich hatten. Eine Belastung, bei der die Partikelfilter, die den radioaktiven Feinstaub von den Lungen fernhalten sollten, an ihre Grenzen stießen. Die Filterkartuschen wurden auf eine Halbmaske geschraubt, die Nase, Kinn und Mund umschlossen. Vom Gesicht sah man damit nicht mehr als Augen und Stirn.
Zoe war selbst das noch zu viel.
»Am besten wäre so eine alte Maske aus den Weltkriegen«, hatte sie einmal zu ihrem Vater gesagt, als sie im Winter vor vier Jahren mitten in der Nacht zum Flughafen aufgebrochen waren und der Wagen warmlief. Kurz darauf ließ ein Gesetz nur noch Fahrzeuge mit Brennstoffzellen auf die Straße – eine Regelung, die Autos für die meisten Familien unerschwinglich machte. »Weißt du, was ich meine? So ein Gummiding, bei dem bis auf die Augen das komplette Gesicht verdeckt ist.«
Marten hatte damals eine Vorstellung davon gehabt, was seine Tochter gemeint hatte, die mit dem Finger auf der beschlagenen Beifahrerscheibe etwas zu zeichnen versuchte.
»Damit man nicht mehr sieht, wie alt der darunter ist«, sagte sie mit einer Mischung aus Verbitterung und Traurigkeit.
»Ich hasse es so, in die Augen der ganzen Erwachsenen zu sehen, sobald sie mitbekommen, wie jung ich bin. Diese neidischen Blödmänner!«
Das Bild auf der Scheibe nahm Formen an, bevor die Klimaanlage es trocknete: eine Faust mit ausgestrecktem Mittelfinger, zerrissen von Kondenswasserrinnsalen.
»Was soll ich sagen, Zoe?«, hatte Marten geantwortet. »Komme mal als Erwachsener mit der Diagnose klar, dass du nie Kinder haben wirst. Und die hat inzwischen fast jeder. Das ist schwer zu verkraften.«
Das ist mir doch kackegal, Mann! Versuchst du überhaupt manchmal, mich zu verstehen?!,hatte sie ihn in Gedanken angefaucht.
Sie hatte damals...




