Mueller Der Freund von früher
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-17938-0
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-641-17938-0
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
werden. Sich wandeln war ein Menschenrecht.
Ein irrsinniges, ein exaltiertes, ein ausuferndes Leben hat er geführt, der Schauspieler Albert Lasser. Beliebt und begehrt war er, die Nächte waren lang, die Partys wild und rauschend. Nun gut, zuletzt ist seine Karriere ins Stocken geraten, aber jetzt, jetzt steht er vor der größten Herausforderung seines Lebens. So erzählt er es seinem Freund Oscar, den er nach langen Jahren zufällig wieder trifft. Doch als der ihn einige Tage später in seiner Wohnung in Berlin-Mitte besuchen will, findet er Albert tot – und die Ereignisse überstürzen sich. Wie und warum ist Albert gestorben? Hat Oscar etwa selbst die Hand im Spiel?
Autoren/Hrsg.
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1.
Schon Wochen vor dem Dreh feilte Albert an seiner Rolle, überlegte sich Hunderte, Tausende Nuancen seines Charakters, verwarf alles, fahndete in Filmen und Büchern nach Vorbildern und erschuf schließlich einen workaholic, der abends erschöpft sein Penthouse betritt, aufs Sofa fällt und bei einem Glas Wein und guter Musik entspannen möchte, wäre da nicht dieser quälende Hunger, der ihm keine Ruhe lässt. Nach unten zu gehen in ein Restaurant, in einen Supermarkt, oder einen Imbiss zu nehmen, dafür ist er zu müde. Was also tun? Die Wohnung, erkennen wir, ist clean, gestylt und licht, aber nicht steril. Ein Korb schmutziger Wäsche versperrt den Eingang, bestimmt hat er ihn heute Morgen beim Verlassen der Wohnung vergessen. Viel ist geschehen an diesem Tag. Hat er ein tolles Geschäft abgeschlossen? Einen Erfolg zu feiern? Eine neue Liebe? Oder alles zusammen? Er sieht blendend aus, kein Zweifel, Frauen fliegen auf ihn, fast zwei Meter ist er groß und noch mit vollem Haar, er strahlt Selbstsicherheit aus und gleichzeitig etwas ewig Suchendes. Etwas Kultiviertes. Verbraucherinnen könnten ihn sich an der Seite eines Supermodels mit zwei kleinen fröhlichen Kindern vorstellen und sind froh, ihn hier als Single zu erleben. So, als wäre er noch zu haben. Auf einem Tischchen stehen gerahmte Fotos mit in die Kamera lachenden Freunden an sonnengefluteten Stränden. Kein Zweifel, er liebt the good life. Schöne Mädchen in knappen Bikinis. Er mittendrin. Eine Irritation flackert auf: Ist das vielleicht alles zu perfekt? Ist das hier nur seine Zweitwohnung? Führt er gar ein Doppelleben? Ist das nicht seine Stadt? Die Hände, die Sehnen an den Armen, die Muskeln. Er hat sich gut gehalten, und doch ist er unverkennbar Mitte Vierzig, cool, immer optimistisch, an den Augenrändern gezeichnet vom Leben, maskulin halt, ein Typ, wie ihn die Werbung liebt. Die Irritation verfliegt wieder, als seine Enttäuschung – ganz einfache, authentische, ungespielte Enttäuschung – angesichts des leeren Kühlschranks sichtbar wird. Zum Glück findet sich im Tiefkühlfach das neue Fertiggericht von Bel-Ami. Das gibt es jetzt in vielen Variationen: Chili con Carne! Risotto mit Steinpilzen! Poulet in Zitrone! Alle duften einzigartig, trotz des Eisschranks und der Eiszäpfchen an der Verpackung kann er es riechen. Einfach aufreißen, in der Mikrowelle auftauen, in einem Topf auf dem Herd ein paar Mal umrühren oder gleich in der Mikrowelle belassen, fertig! Voller Vorfreude atmet er ein, was angerichtet vor ihm auf dem Tisch steht. Wie ein Schleier umweht der Dampf seine Wangen. Der erste Bissen: Genuss pur! Etwas erfüllt ihn, kleine Nuancen der Gesichtsmuskeln: eine Transzendenz des Essens, der Aromen, des Geschmacks.
Der Dreh selbst brauchte kaum Überlegung und Development. Es blieb keine Zeit, die Figur zu entwickeln. Alles musste gleich bei der ersten Aufnahme präsent sein. Das Wichtigste für die Leute aus der Werbung war die Sichtbarmachung des Genusses. Genau einen Tag veranschlagten sie für den Film. Das Team arbeitete trotz einiger Kontroversen hochprofessionell, und am Ende lagen sich alle in den Armen. Der Kunde, die Hauptsache, gab sich hochzufrieden. Der Film wäre Alberts Auferstehung, er brachte ihn zurück in die Schauspielerei, sofort sprach es sich im Kiez herum, dass er in einer großen Werbekampagne mitwirkte. Jahrelang hatte er ja abseits gestanden, hatte nicht einmal mehr kleinste Rollen erhalten. Deutlich spürte er, dass es von nun an wieder bergauf ging. In zwei Wochen würde der Film on air sein. Nicht die jahrelange Ablehnung als Schauspieler sei schmerzhaft für ihn gewesen, gestand er mir an diesem Nachmittag, sondern das Übergehen, das Nicht-mehr-wahrgenommen-Werden, der verfaulte Geruch des Vergessenen. Seit dem achtzehnten Lebensjahr stand er auf Bühnen, vor Kameras, war in Kino und Fernsehen, doch irgendwann hatten ihn Casting-Agenten, die Kunden, die Schreiber, die Produzenten und Regisseure vergessen, und wie so viele in seiner Branche musste er sich von Job zu Job hangeln und sich durchschlagen. Der Trost der Absagenden blieb immer der Gleiche: Dein Gesicht wird jedes Jahr ausdrucksstärker! Warte ab! Halte durch! Gleichwohl: Mit Vierzig sah es mehr als düster aus. Etwa zu Beginn dieser einsetzenden Flaute hatten wir unsere intensivste Zeit, Alberts Leben schien eine Aneinanderreihung von Abenteuern, Partys, Kuriositäten. Die irrwitzigsten Sachen widerfuhren ihm, mit den verrücktesten Leuten durchzechte er Nächte, und irgendwann wurde mir klar, dass die Aufregung und der Exzess ihm nur dazu dienten, diese immer länger andauernde Leere im Beruf zu füllen. Er ging auf jeden Event, er umgarnte die, von denen er dachte, sie wären wichtig, trank, nahm Drogen, bis irgendwann die Depression so groß wurde, dass er an nichts mehr glaubte, jede Hoffnung sich als Trug erwies, bis er so weit unten war, dass selbst eine Rolle für ein Fertiggericht ihm wie der Durchbruch zu einer zweiten Karriere vorkam. Wie eine Verheißung. Die Werbekampagne, ganz sicher, würde das Größte werden, was im Fernsehen je gelaufen war. Und dann, ja dann, würde sich alles wieder um ihn drehen. Erfolg hat immer Recht.
Eine Ewigkeit hatten wir uns nicht gesehen, als sich an diesem Tag zufällig unsere Wege kreuzten. Lässig betrat er ein Café, bestellte einen CL (mit extra viel Milch) und flirtete mit der Kellnerin. Dann sah er mich an der Ausgabe warten. Sprachlos über unser Wiedersehen umarmten wir uns und fingen an zu reden. Immer wieder schlug er mir lachend mit der flachen Hand auf die Wange, als könne er nicht fassen, dass ich es wirklich war. Und wie so oft, wenn man mit Albert zusammensaß, stießen nach und nach unzählige Bekannte dazu, sagten Hallo, erzählten ihrerseits Geschichten und Neuigkeiten, bis sie von anderen abgelöst wurden. Berlin-Mitte floss dahin. Es war wie immer. Wir staunten über unsere Leben, unglaublich, was alles passiert war. Erst gegen Abend gingen wir auseinander.
– Es kann doch nicht sein, meinte er zum Abschied, – dass wir uns so lange nicht gesehen haben! Wir müssen uns unbedingt wiedersehen! Hab ich dir erzählt, dass ich vor der größten Herausforderung meines Lebens stehe?
– Hast du eine neue Rolle angeboten bekommen?
– Nein, nein!, nicht deswegen, lachte er laut. Auf einmal wurde er vertraulich: – Geht schon ziemlich lange platonisch. Komm Donnerstag vorbei, dann erzähl ich dir alles!
Er drückte mich an sich. Der Geruch seines Aftershaves hatte sich nicht verändert.
– Du hast den Schlüssel noch, oder? Die Klingel unten funktioniert nicht … du weißt schon, genau wie früher …
Albert, die Wohnung, der Kiez, waren aus meinem Kosmos verschwunden, seit ich vor fünf Jahren mit Clara nach Spandau gezogen war, doch unser Wiedersehen rüttelte etwas in mir wach. Es war, als müsste ich in meinem Verhältnis zu Albert noch etwas nachholen, etwas begreifen, das ich bisher übersehen hatte. Unsere unverhoffte Begegnung, dieses Wieder-miteinander-Sprechen rief unklare Gefühle in mir wach. Wie sehr hatte ich ihm früher nachgeeifert, wie sehr hatte ich ihn bewundert, doch irgendwann verwischten sich die Grenzen, und ich musste, aus Gründen, die mir selber nie ganz deutlich wurden, mein Leben ändern. Was cool war, sah irgendwann nur noch jämmerlich aus. Alberts Niedergang (aber war es überhaupt ein Niedergang?) hatte schon begonnen, als wir das Dachgeschoss teilten, und gerade weil ich spürte, dass es ihm zunehmend schlechter ging, verloren wir die Grundlage unserer Freundschaft. Er legte einen Panzer aus Feiersucht um sich. Er verprellte Freunde. Er wurde unerträglich. Ab und zu erfuhr ich über gemeinsame Bekannte von seinem Mitte-Leben, aber es waren wenig schmeichelhafte Dinge, und ich hatte kein Bedürfnis, ihn in Schutz zu nehmen. Clara reagierte allergisch, wenn sie nur seinen Namen hörte, zog die Augenbrauen hoch oder seufzte. Sie wollte nichts mehr mit ihm und der Vergangenheit zu tun haben. Vielleicht war der Preis unseres Zusammenseins das Ende meiner Freundschaft mit Albert. Zurück in dem Häuschen in Spandau – das der Makler uns vollmundig als Townhaus beschönigt hatte, während es in Wahrheit nichts anderes war als ein aufgefrischtes Reihenhaus – erwähnte ich mein Wiedersehen mit Albert nur am Rande. Ich wusste, dass es Clara nervös machen würde.
– Vielleicht treffe ich ihn diese Woche noch einmal, sagte ich vorsichtig. – Ich habe sowieso ein paar Termine in Mitte.
Sie stocherte lustlos im Gemüse herum, während ihr Blick konzentriert auf das Essen gerichtet blieb. Ein untrügliches Zeichen, dass sie alarmiert war. Ihre Haut, kam es mir vor, färbte sich leicht grünlich. Sie strich sich die langen rötlichen Strähnen aus dem Gesicht, kam auf mich zu und hauchte mir einen Kuss auf die Stirn.
– Albert, ja? Wo bist du ihm begegnet? Du solltest dich nicht mehr mit ihm abgeben …
Mehr sprachen wir nicht darüber, und sie kam auch nicht darauf zurück. Donnerstags verbrachten wir den Vormittag am Schreibtisch. Sie in ihrem, ich in meinem Arbeitszimmer. Als ich mich am Nachmittag aufmachte, meinte sie nur, ich solle aufpassen. Ich roch ihren Pfefferminz-Atem, es war wie eine Warnung.
Die Dachgeschosswohnung, die ich damals angemietet hatte und in der er bis heute wohnte, lag inzwischen in einer der teuersten Gegenden der Stadt. Ringsherum war alles saniert und herausgeputzt. Niemand wäre damals eine Wette darauf eingegangen, welche Karriere die Straße nehmen würde, das Verwahrloste war uns nur recht gewesen, konnten wir so doch den alten, müden Verwalter überreden, die Miete niedrig zu halten, während wir vollmundig versprachen, Tausende in die Modernisierung der...




